Aus der Wörtersammlung: finger

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daniel pearl

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nord­pol : 6.22 — In weni­gen Tagen wer­de ich die Woh­nung, in der ich lan­ge Zeit leb­te, ver­las­sen, um in eine ande­re, grö­ße­re Woh­nung zu zie­hen. Es wird eine Woh­nung unter dem Dach sein, ver­mut­lich wer­de ich Tau­ben hören, wie sie über mir plau­dernd spa­zie­ren. Ich habe erfah­ren, dass Tau­ben­paa­re auch nachts mit­ein­an­der spre­chen, wäh­rend ande­re Vögel still oder stumm zu sein schei­nen. Aber viel­leicht zwit­schern die­se Vögel, die nicht Tau­ben sind, doch, wenn sie träu­men. Es ist selt­sam, wie ein Frem­der füh­le ich mich nach und nach, wenn ich mich in mei­ner eige­nen Woh­nung bewe­ge. Ich über­leg­te, wer in weni­gen Wochen hier von einem Zim­mer in ein ande­res Zim­mer lau­fen wird. Die­ser Mensch oder die­se Men­schen wer­den zunächst kei­ne Ahnung haben, kei­ne Vor­stel­lung, sagen wir, wer vor ihnen in die­sen Räu­men wohn­te. Es ist denk­bar, dass sie viel­leicht mei­ne Nach­barn fra­gen wer­den. Ich könn­te eine Foto­gra­fie mit mei­nem Namen und einer Bot­schaft hin­ter­las­sen: Hal­lo, hier wohn­te Lou­is, hier an die­ser Stel­le stand mein Schreib­tisch, hier habe ich Tex­te notiert. In einem Win­ter vor lan­ger Zeit, ich ahn­te nicht, dass ich die­se mei­ne Woh­nung ein­mal auf­ge­ben wür­de, hat­te ich die Zeit ver­ges­sen. Ich schrieb Fol­gen­des: Was haben wir heu­te eigent­lich für einen Tag, Sonn­tag viel­leicht, oder Mon­tag? Abend jeden­falls, einen schwie­ri­gen Abend. Wür­de ich aus mei­ner Haut fah­ren, sagen wir, oder mit einem Auge mei­nen Kör­per ver­las­sen und etwas in der Zeit zurück­rei­sen, dann könn­te ich mich selbst beob­ach­ten, einen Mann, der gegen sechs Uhr in der Küche steht und spricht. Der Mann spricht mit sich selbst, wäh­rend er Tee zube­rei­tet, er sagt: Heu­te machen wir das, heu­te ist es rich­tig. Ein Bün­del von Melis­se zieht durchs hei­ße, sam­tig flim­mern­de Was­ser. Jetzt trägt er sei­ne damp­fen­de Tas­se durch den Flur ins Arbeits­zim­mer, schal­tet den Bild­schirm an, sitzt auf einem Gar­ten­stuhl vor dem Schreib­tisch und arbei­tet sich durch elek­tri­sche Ord­ner in die Tie­fe. Dann steht der Mann, er steht zwei Meter vom Bild­schirm ent­fernt, ein Mensch kniet dort auf dem Boden, ein Mensch, der sich fürch­tet. Da ist eine Stim­me. Eine schril­le Stim­me spricht schep­pernd Sät­ze in ara­bi­scher Spra­che, uner­träg­lich die­se Töne, sodass der Mann vor dem Schreib­tisch einen Schritt zurück­tritt. Er scheint sich zur Betrach­tung zu zwin­gen. Zwei Fin­ger der rech­ten Hand bil­den einen Ring. Er hält ihn vor sein lin­kes Auge, das ande­re Auge geschlos­sen, und sieht hin­durch. So ver­harrt er, leicht vor­ge­beugt, bewe­gungs­los, zwei Minu­ten, drei Minu­ten. Ein­mal ist sein Atmen hef­tig zu hören. Kurz dar­auf steht er wie­der in der Küche, lehnt mit dem Rücken am Kühl­schrank, denkt, dass es schneit und spürt eine Unru­he, die lan­ge Zeit in die­ser Hef­tig­keit nicht wahr­zu­neh­men gewe­sen war. Ein Mensch, Dani­el Pearl, wur­de zur Ansicht getö­tet. – Was machen wir jetzt? - stop

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fingergeschichte

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india : 6.14 — Neh­men wir ein­mal an, irgend­wann in den kom­men­den Jahr­zehn­ten wür­de es mög­lich sein, einen Laden zu betre­ten wie man heu­te eine Apo­the­ke betritt, um sich einen sechs­ten Fin­ger für die rech­te Hand zu bestel­len. Oder ein drit­tes Ohr, oder ein fünf­tes Auge, eines, mit dem man schla­fen könn­te, wäh­rend alle wei­te­ren Augen das Gesche­hen in der nächs­ten Umge­bung über­wa­chen. Was darf es denn bit­te sein, wird man gefragt. Man ant­wor­tet unver­züg­lich: Guten Abend, ich hät­te ger­ne einen Fin­ger, sagen Sie, wann könn­te der Fin­ger einer rech­ten Hand frü­hes­tens fer­tig aus­ge­wach­sen sein? Und schon ist man wie­der auf die Stra­ße getre­ten. Man ist zufrie­den, ja glück­lich, weil man sich schon lan­ge Zeit einen sechs­ten Fin­ger wünsch­te, sie sind nicht ganz bil­lig zu haben, man muss sich einen sechs­ten Fin­ger sehr wohl über­le­gen. Aber wenn man den Fin­ger dann ver­bind­lich bestellt haben wird, ist alles ganz ein­fach gewor­den. Ein oder zwei Wochen, nicht län­ger wird man war­ten, bis man den Fin­ger in sich wach­sen fühlt. Es ist ein schmerz­lo­ser Vor­gang, eine lang erprob­te Sache, man hat schon viel vom Wach­sen der Fin­ger gehört. Der ein oder ande­re Freund ver­fügt bereits über Füße, auf wel­chen man sehr viel bes­ser ste­hen kann, als noch zuvor. Auch sind Men­schen, die über Ohren gebie­ten, mit wel­chen man von den Schul­tern aus die Welt belau­schen kann, längst kei­ne Sel­ten­heit. Irgend­wo im Nor­den soll eine Frau exis­tie­ren, die flie­gen kann, ein Wunsch viel­leicht, Legen­de, aber neh­men wir doch ein­mal an, es wür­den bald Läden exis­tie­ren für flie­gen­de Men­schen, oder Läden für moder­ne Kie­men­we­sen, wenn doch das Was­ser welt­weit gegen die Küs­ten steigt. — Frü­her Mor­gen. Die­ser klei­ne Text wur­de in einer Stra­ßen­bahn notiert. Die Stra­ßen damp­fen. Ich bin sehr schön wach gewor­den, weil ich durch­ge­schüt­telt wor­den bin. Um mich her­um schla­fen noch ein paar sehr müde Men­schen. Es ist eine sehr alte Stra­ßen­bahn. Über uns leuch­tet Glüh­bir­nen­licht. — stop

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jamaica

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echo : 20.26 — Ich will von einem Mann erzäh­len, der mir in einem Sub­way­wa­gon auf der Fahrt von der Lex­ing­ton Ave­nue nach Jamai­ca begeg­net war. Er trug, obwohl es im Abteil sehr warm gewe­sen war, Hand­schu­he an bei­den Hän­den. Das waren recht merk­wür­di­ge Hand­schu­he, denn die Dau­men des Man­nes wur­den von Schnü­ren, die an den Fäust­lin­gen befes­tigt waren, ins Inne­re der Hand gezo­gen. Fin­ger umschlos­sen sie fest, auch sie waren mit­tels Schnur­wer­kes gefes­selt. Man könn­te sagen, dass die Hand­schu­he, die der Mann trug, sei­ne Hän­de bän­dig­ten, indem sie Fäus­te form­ten. So, gefes­selt, saß der Mann wäh­rend der lan­gen Fahrt vor mir und nick­te. Er betrach­te­te sei­ne Hän­de, wie mir schien, mit zärt­li­cher Auf­merk­sam­keit, in der Art und Wei­se der Lie­ben­den viel­leicht, wenn ein Blick nachts heim­lich einen schla­fen­den Mund umschmei­chelt. Ich ver­such­te zu arbei­ten, konn­te mich aber nicht kon­zen­trie­ren. Nach eini­ger Zeit frag­te ich den Mann, ob er denn etwas in Hän­den hiel­te, etwas, das viel­leicht flüch­ten könn­te, wenn er sei­ne Hän­de öff­ne­te. Das schien nicht der Fall zu sein, weil der Mann sei­nen Kopf schüt­tel­te und lach­te, ohne indes­sen mit mir ein Gespräch auf­neh­men zu wol­len. Ich war­te­te also eini­ge Zeit, sah aus dem Fens­ter, spä­te Flug­zeu­ge, eine Ket­te von Lich­tern, näher­te sich dem Flug­ha­fen. Und da war mein müdes Gesicht im Spie­gel der Schei­be. Und dann wie­der der Mann und sei­ne Hän­de, die auf sei­nen Schen­keln lagen. Sie drü­cken die Dau­men, sag­te ich, ist das mög­lich? Der Mann lach­te jetzt. Er schien zu über­le­gen, dann ant­wor­te­te er mit lei­ser Stim­me, die in dem schep­pern­den Lärm des Sub­way­wa­gons kaum noch zu hören war, dass ein Pro­blem sei, dass er nicht wis­se, wie er sei­ne Fäust­lin­ge für das Wün­schen bei Nacht, ohne die Hil­fe eines wei­te­ren Men­schen anle­gen könn­te. Der lin­ke der Hand­schu­he war im Übri­gen von gel­ber, der rech­te von blau­er Far­be. — stop

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von den eisbriefen

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kili­man­dscha­ro : 6.28 — Für ein oder zwei Minu­ten war ich wild ent­schlos­sen gewe­sen, ein Grün­der zu wer­den, und zwar ges­tern Abend um kurz nach 22 Uhr. Ich war zum Brief­kas­ten gelau­fen, der nicht weit ent­fernt vom Haus, in dem ich lebe, an einer Wand befes­tigt ist. Ein Eich­hörn­chen, natür­lich, beglei­te­te mich. Es war sehr kalt, und plötz­lich habe ich wahr­ge­nom­men, dass ich, wenn es mir mög­lich wäre, gern Brie­fe von Eis ver­schi­cken wür­de, hauch­dün­ne Blät­ter gefro­re­nen Was­sers, die man in küh­len­de Kuverts ste­cken und in alle Welt ver­schi­cken könn­te. Eine wun­der­ba­re Vor­stel­lung nach­ge­ra­de, wie ein Mensch, dem ich einen Eis­brief gesen­det habe, in der Küche vor sei­nem Eis­schrank sitzt und mei­nen Brief für Sekun­den stu­diert, um ihn dann rasch wie­der in die Käl­te zurück­zu­le­gen, damit er nicht ver­schwin­det in der war­men Luft. Ich soll­te also bald ein­mal jene beson­de­ren Eis­pa­pie­re, ihre Fabri­ken und Läden erfin­den, und Kuverts, und Brief­käs­ten, die wie Kühl­schrän­ke funk­tio­nie­ren. Wo man die Brie­fe sor­tiert, in einem Post­amt, wür­de man in tief­ge­kühl­ten Räu­men arbei­ten, und alle die­se Auto­mo­bi­le, nicht wahr, die ver­eis­te Brief­wa­re über das Land beför­dern. Ein Unter­neh­men die­ser Art, wäre eine wirk­li­che Her­aus­for­de­rung, eine gute und sehr ver­rück­te Sache, so dach­te ich am gest­ri­gen Abend. Kaum war ich wie­der in mei­ne Woh­nung zurück­ge­kehrt, war aus der Grün­der­zeit bereits eine Erfin­der­zeit gewor­den. Und wie ich in die­sem Augen­blick vol­ler Freu­de im pola­ren Zim­mer vor mei­nem Schreib­tisch sit­ze, damp­fen­der Atem, Stift in der Hand, Stift, der mit kaum noch hör­ba­ren Pfei­fen Zei­chen in schim­mern­de Eis­pa­pier­bö­gen fräst. Ich schrei­be: Mein lie­ber Theo­dor, ich woll­te Dir schon lan­ge ein­mal einen Eis­brief notie­ren. Hier nun, wie ver­spro­chen, ist er end­lich bei Dir ange­kom­men. Ich hof­fe, Du hast es schön kühl bei Dir. Wenn nicht, dann ist es sicher schon zu spät und Du kannst nicht lesen, was ich Dir auf­ge­schrie­ben habe, dass ich näm­lich den Wunsch habe, bald ein­mal zwei oder drei Tage zu schwei­gen, um den Kopf­stim­men stum­mer Men­schen nach­zu­spü­ren. Ich könn­te mich kurz vor Beginn mei­ner Stil­le ver­ab­schie­den von Freun­den: Bin tele­fo­nisch nicht erreich­bar! Oder einen Notiz­block besor­gen, um Fra­gen für den All­tag zu ver­zeich­nen, sagen wir so: Füh­ren sie in ihrem Sor­ti­ment Hör­ge­rä­te für Engel­we­sen fin­ger­groß? Eine Kärt­chen­samm­lung zu erwar­ten­der Wie­der­ho­lungs­sät­ze wei­ter­hin: Habe vor­über­ge­hend mein Ton­ver­mö­gen ver­lo­ren! – Es ist eine ange­neh­me Nacht, lie­ber Theo­dor. Ich erin­ner­te einen Satz René Chars, den er in sei­ner Gedicht­samm­lung »Lob einer Ver­däch­ti­gen” notier­te. Er schreibt, es gebe nur zwei Umgangs­ar­ten mit dem Leben: ent­we­der man träu­me es oder man erfül­le es. In bei­den Fäl­len sei man rich­tungs­los unter dem Sturz des Tages, und grob behan­delt, Sei­den­herz mit Herz ohne Sturm­glo­cke. Dein Lou­is, ganz herz­lich! — stop

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PRÄPARIERSAAL : nachthörnchen

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nord­pol : 5.15 — Seit zwei Stun­den sitzt ein Eich­hörn­chen auf mei­nem Fens­ter­brett. Es ist mit­ten in der Nacht und so kalt, dass ich den Atem des klei­nen Tie­res, das um die­se Uhr­zeit eigent­lich tief schla­fen soll­te, in der Dun­kel­heit zu erken­nen ver­mag. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich nicht viel­leicht täu­sche. Es ist denk­bar, dass ich mir das Eich­hörn­chen nur vor­stel­le. Und wie ich über die Mög­lich­keit der Täu­schung nach­den­ke, bemer­ke ich, dass die Vor­stel­lung eines Eich­hörn­chens mit­tels weit geöff­ne­ter Augen tat­säch­lich gelin­gen kann, und zwar je für ein oder zwei Sekun­den in einem Bild, das pul­siert, das in der drit­ten Sekun­de schon wie­der ver­lo­ren ist und zunächst dann wie­der erscheint, wenn ich das Wort Eich­hörn­chen den­ke oder Eich­hörn­chen­schweif. Ich muss das wei­ter beob­ach­ten. Wenn ich nun die Noti­zen Micha­els aus dem Prä­pa­rier­saal, die vor mir auf dem Tisch lie­gen, betrach­te, weiß ich, dass sie kei­ne Täu­schung sind, weil ich das Papier, auf dem sie sich befin­den, berüh­ren, vom Tisch heben, fal­ten und wie­der ent­fal­ten kann, und damit gleich­wohl Micha­els Zei­chen, die kei­ner­lei pul­sie­ren­der Bewe­gung unter­wor­fen sind. Er schreibt: Ich beob­ach­te, dass ich mei­nen leben­di­gen Kör­per mit dem toten Gewe­be vor mir auf dem Tisch ver­glei­che. Ich lege Ner­ven, Mus­keln und Gefä­ße einer Hand frei, bestau­ne die Fein­heit der Gestal­tung, über­le­ge, wie exakt das Zusam­men­spiel die­ser ana­to­mi­schen Struk­tu­ren doch funk­tio­nie­ren muss, damit ein Mensch Kla­vier spie­len, grei­fen, einen ande­ren Men­schen strei­cheln kann, wie umfas­send die Inner­va­ti­on der Haut, um Wär­me, Käl­te, ver­schie­de­ne Ober­flä­chen erfüh­len, ertas­ten zu kön­nen. Immer wie­der pen­delt mein Blick zwi­schen mei­ner leben­di­gen und der toten Hand hin und her. Ich bewe­ge mei­ne Fin­ger, ein­mal schnell, dann wie­der lang­sam, ich schrei­be, ich notie­re, was ich zu ler­nen habe, bis zur nächs­ten Prü­fung am Tisch, und beob­ach­te mich in die­sen Momen­ten des Schrei­bens. Abends tref­fen wir uns in der Biblio­thek hier gleich um die Ecke und ler­nen gemein­sam. Vor allem vor den Testa­ten wer­den die Näch­te lang. Ich kann zum Glück gut schla­fen. Unse­re Assis­ten­tin ist eine jun­ge Ärz­tin, die noch nicht ver­ges­sen hat, wie es für sie selbst gewe­sen war, im Saal. Sie ist immer sehr warm und freund­lich zu uns. Aber natür­lich ach­tet sie streng auf die Ein­hal­tung der Regeln, kein Han­dy, kein Kau­gum­mi im Mund, ange­mes­se­ne Klei­dung. Manch­mal ver­sam­melt sie uns und wir pro­ben am Tisch ste­hend das nahen­de Tes­tat, es gibt eigent­lich kaum einen Tag, da wir nicht von ihr befragt wer­den, das erhöht natür­lich unse­re Auf­merk­sam­keit und Kon­zen­tra­ti­on enorm. Ein­mal erzähl­te sie uns eine Geschich­te, die mich sehr berühr­te. Sie sag­te, ihre Mut­ter sei sehr stolz, dass sie eine Ärz­tin gewor­den ist. Sie habe ihr ein­ge­schärft: Was Du gelernt hast, kann Dir nie­mand mehr neh­men. Aber natür­lich, als wir die fei­nen Blut­ge­fä­ße betrach­te­ten, die unser Gehirn mit Sau­er­stoff ver­sor­gen, wur­de mir bewusst, dass wir doch auch zer­brech­lich sind, dass unser Leben sehr plötz­lich zu Ende gehen kann. Gegen­wär­tig will ich dar­an aber nicht den­ken. Ich bin froh hier sein zu dür­fen, ich habe lan­ge dar­auf gewar­tet. Manch­mal gehe ich durch den Saal spa­zie­ren. Wenn ich Lun­gen­flü­gel betrach­te, oder Her­zen, oder Kehl­köp­fe, Lage und Ver­lauf ein­zel­ner Struk­tu­ren, dann erken­ne ich, dass im All­ge­mei­nen alles das, was in dem einen Kör­per anzu­tref­fen ist, auch in dem ande­ren ent­deckt wer­den wird, kein Kör­per jedoch ist genau wie der ande­re, damit wer­de ich in Zukunft zu jeder Zeit rech­nen. — stop

polaroidtraumzeichnung

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josephine auf der mary murray

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tan­go : 6.34 — Ist das nicht eine wun­der­ba­re Vor­stel­lung, wie sich Jose­phi­ne an einem war­men Sams­tag­vor­mit­tag auf den Weg macht nach New Jer­sey, um das Wrack der MS Mary Mur­ray zu besich­ti­gen? Wie sie ein Taxi ordert. Wie der Fah­rer erzählt, dass er noch nie eine so wei­te Fahrt unter­nom­men habe im Auf­trag. Eigent­lich dür­fe er mit sei­nem Wagen die Stadt nicht ver­las­sen. Also stei­gen sie in Jose­phi­nes Auto um, einen uralten Buick, der seit über einem Jahr­zehnt nicht aus der Gara­ge bewegt wor­den war. Sie neh­men die Ver­raza­no-Nar­rows Bridge süd­wärts. Jose­phi­ne raucht schon lan­ge nicht mehr, aber heu­te macht sie eine Aus­nah­me, eine. Ihr dün­nes wei­ßes Haar, das im Wind flat­tert, fängt sie mit wen­di­gen Fin­gern wie­der ein. Sie trägt Turn­schu­he und ein oran­ge­far­be­nes, som­mer­li­ches Kleid. Die Haut ihrer Bei­ne, Arme, Schul­tern sind hell wie ihr Haar. Eine Stun­de rau­schen sie wort­los auf dem New Jer­sey Turn­pi­ke dahin. Nahe Free­holf hal­ten sie an. Gleich neben dem High­way bewegt sich ein Fluss, dunk­les, müdes Was­ser, lang­sam. Am Ufer war­tet ein jun­ger, bär­ti­ger Mann in einem Pad­del­boot von leuch­tend roter Far­be. Wie Jose­phi­ne sich in die­sem Augen­blick wünscht, foto­gra­fiert zu wer­den, wie sie sich in das Boot setzt, wie sie ihren Stroh­hut mit bei­den Hän­den zurecht­rückt, dann fah­ren sie los, unter mäch­ti­gen Brü­cken hin­durch in Rich­tung des Rarit­an­flus­ses. Möwen ste­hen im bra­cki­gen Was­ser. Es ist fast still, nur das Geräusch des Pad­dels, ein paar Flie­gen brum­men durch die Luft. Ein­mal nähert sich ein Hub­schrau­ber der Küs­ten­wa­che, dreht wie­der ab. Und plötz­lich ist sie zu sehen, eine Fata Mor­ga­na in der Land­schaft, das aus­ran­gier­te gewal­ti­ge Fähr­schiff der Sta­ten Island Flot­te, die MS Mary Mur­ray. Schlag­sei­te steu­er­bords ruht sie in einem Bett von Schilf, Libel­len schie­ßen hin und her, blaue und grü­ne rie­si­ge Tie­re. Wie sich Jose­phi­ne und der jun­ge Mann dem Schiffs­wrack vor­sich­tig nähern. Wie der jun­ge Mann eine Lei­ter am Rumpf des Schif­fes befes­tigt. Wir sehen der alten Dame zu, wie sie vor­sich­tig Spros­se um Spros­se erklimmt. Ihr behut­sa­mer Gang über das Deck, das sich neigt. Jetzt, da die Far­ben vom Schiffs­kör­per fal­len, von Stür­men und Regen gepeitscht, von der Son­ne gebrannt, kann man das höl­zer­ne Herz der alten Flot­ten­da­me erken­nen, Käfer und Amei­sen spa­zie­ren über die Sitz­bän­ke der Pro­me­na­de. Jose­phi­ne muss nicht lan­ge suchen, im Schat­ten einer Ulme, die sich über das Schiff zu beu­gen scheint, eine Sitz­bank, hier genau, ja, hier genau muss die Schrift ihrer Schwes­ter Geral­di­ne zu ent­de­cken sein, ein Satz nur, den das klei­ne Mäd­chen im Jahr 1952 an einem Som­mer­nach­mit­tag auf dem Weg von Man­hat­tan nach Sta­ten Island in das Holz der Bank geritzt hat­te, wäh­rend ihre Zwil­lings­schwes­ter Char­lot­te sie vor Ent­de­ckung schütz­te. Wie Jose­phi­nes zit­tern­de Fin­ger in die­sem Augen­blick über die Ver­tie­fung der Zei­chen fah­ren. — stop

jose­phi­ne

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PRÄPARIERSAAL : feuerherz

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nord­pol : 7.07 — In der ver­gan­ge­nen Nacht habe ich in mei­nen Ver­zeich­nis­sen nach einem E‑Mailbrief gesucht, den mir eine jun­ge Frau, Lid­wi­en, vor eini­gen Jah­ren notiert hat­te. Ich konn­te den Brief nicht fin­den, kei­ne mei­ner Such­ma­schi­nen, weil ich den Brief ver­se­hent­lich ohne Namen abge­legt hat­te. Ich erin­ne­re mich noch gut an Lid­wi­en. Sie war eine zier­li­che, freund­li­che und ziel­be­wuss­te Per­son, die mit einem leicht fran­zö­si­schen Akzent for­mu­lier­te. Ich hat­te sie ein­mal beob­ach­tet, wie sie im Prä­pa­rier­saal mit ihren Hän­den in einem Säck­chen wühl­te, um kurz dar­auf inne­zu­hal­ten und die Augen zu schlie­ßen. In dem Säck­chen, das von schwar­zem, licht­un­durch­läs­si­gem Stoff gewe­sen war, befan­den sich Kno­chen einer Hand. Es war die Auf­ga­be Lid­wi­ens gewe­sen, unter den Kno­chen einen bestimm­ten Kno­chen zu fin­den und durch rei­nes Tas­ten ein­deu­tig zu iden­ti­fi­zie­ren. Ich beob­ach­te­te die jun­ge Frau, wie sie wäh­rend ihrer Suche in dem strah­lend hel­len Licht des Saa­les ste­hend die Augen schloss, als ob sie in die­ser Wei­se mit ihren Fin­ger­spit­zen in der Dun­kel­heit des Säck­chens bes­ser sehen könn­te. Ein Gespräch folg­te über Bil­der, die der Saal in Lid­wi­ens Geist erzeug­te. Kurz dar­auf erhielt ich einen Brief, in dem sie ihre Gedan­ken prä­zi­sier­te. Genau die­sen Brief such­te ich ver­geb­lich, dann erin­ner­te ich mich an den Titel eines Films, von dem die jun­ge Frau berich­tet hat­te, und schon war der Brief in mei­nen Archi­ven auf­zu­spü­ren gewe­sen. Lid­wi­en notier­te unter ande­rem Fol­gen­des: Wis­sen Sie, auf die Fra­ge, ob die Bil­der aus dem Saal in mei­nen All­tag hin­über­glei­ten, kann ich mit einem total auf­rich­ti­gen NEIN ant­wor­ten. Ich habe über­legt, wie das über­haupt sein kann, da muss ein Fil­ter sein und ich fin­de die­sen Fil­ter in mei­nem Gehirn wirk­lich fas­zi­nie­rend. Neu­lich habe ich ein Inter­view mit einer ehe­ma­li­gen Kin­der­sol­da­tin aus dem Sudan gese­hen, die eine Bio­gra­fie mit dem Titel FEUERHERZ geschrie­ben hat­te. Dra­ma­ti­sche Din­ge muss sie erlebt und für uns nahe­zu unvor­stell­ba­re Bil­der gese­hen haben. Auf die Fra­ge, wie sie mit die­sen grau­sa­men Bil­dern umging, ant­wor­te­te sie: Ich habe die­se Bil­der nicht beson­ders ver­ar­bei­tet, denn ES WAR UNSER ALLTAG UND WIR WAREN ES NICHT ANDERS GEWOHNT. Ich habe die­se Aus­sa­ge mit mei­nen Erfah­run­gen in Bezie­hung gesetzt. Von dem Moment an, da ich die Prä­pa­ri­er­hal­len regel­mä­ßig betre­te und vie­le Stun­den des Tages dar­in ver­brin­ge, wer­den all die toten Kör­per, all die Prä­pa­ra­te, die man auf unge­wohn­te und selt­sa­me Wei­se mit den eige­nen Hän­den bewirkt, ja gera­de zu erschafft, und der bei­ßen­de Geruch des For­mal­ins, zu mei­nem All­tag. In die­sem All­täg­li­chen, in der Rou­ti­ne, ver­lie­ren mensch­li­che Emo­tio­nen und die dazu­ge­hö­ri­gen Bil­der an Gewicht und Pola­ri­tät: Aus lei­den­schaft­li­cher Lie­be wird Freund­schaft und Zusam­men­halt, und aus Angst und Furcht wird Fata­lis­mus und Gelas­sen­heit. – Und des­halb blei­ben mei­ne Bil­der im Saal und ich las­se sie dort, wenn ich nach Hau­se zu mei­ner Fami­lie gehe. — stop

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nachtbäume

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nord­pol : 6.55 — Ein müdes Kind mit gerö­te­tem Gesicht ges­tern Abend im Zug. Das Kind beob­ach­tet, wie ich auf mei­ner Schreib­ma­schi­ne notie­re. Sehr auf­merk­sam schaut es zu, gro­ße Augen, die selbst nicht müde zu sein schei­nen. Mei­ne Fin­ger sind zunächst schnell, bald wer­den sie lang­sa­mer unter die­sem Blick, viel­leicht weil ich an mei­ne Hän­de zu den­ken begin­ne. Plötz­lich erkun­digt sich das Kind: Was schreibst Du? Ich ant­wor­te, ohne zu zögern: Ich schrei­be von den Nacht­bäu­men. Was ist das, fragt das Kind. Nacht­bäu­me sind Bäu­me, die in der Nacht wach sind und am Tag schla­fen. Kann man sie sehen, will das Kind wis­sen. In die­sem Moment begeg­nen sich unse­re Bli­cke in der glei­chen Fra­ge. Ich habe kei­ne Ant­wort und das Kind schließt sei­ne Augen und schläft von einer Sekun­de zu ande­ren Sekun­de ein. — stop

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die schrift meines vaters

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nord­pol : 7.05 — Dass mein Vater älter wur­de und müde, war sei­ner Schrift deut­lich anzu­se­hen. Die Buch­sta­ben wur­den klei­ner, man­che stan­den senk­recht, ande­re neig­ten sich einer unsicht­ba­ren Linie zu, auf der sie sich wort­wei­se vor­wärts beweg­ten. Ich könn­te sagen, die Schrift mei­nes Vaters wirk­te so, als wäre ein Sturm seit­wärts über sie hin­weg­ge­fah­ren, zer­zaust, und doch waren alle not­wen­di­gen Buch­sta­ben für jedes der Wör­ter, die mein Vater geschrie­ben hat­te, gesetzt. Er notier­te zuletzt ger­ne mit­hil­fe der Tas­ta­tur sei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne, das war nicht so anstren­gend, er ver­moch­te die Grö­ße der Zei­chen zu vari­ie­ren, sodass er sehen konn­te, was er gera­de auf den Bild­schirm brach­te. Ein­mal muss­te mein Vater einen Brief unter­zeich­nen, es war ein Okto­ber­tag, mein Vater war­te­te lan­ge Zeit vor dem Papier, das auf dem Tisch vor ihm ruh­te, hielt den Stift, den man ihm gereicht hat­te, in der Hand, betrach­te­te die­sen Stift, dreh­te ihn zwi­schen den Fin­gern, er zöger­te den Moment hin­aus, da er mit der Auf­zeich­nung sei­nes Namens begin­nen wür­de. In die­sem Moment ahn­te ich, dass mein Vater sei­nen Namen malen wür­de, dass sei­ne nicht bewuss­te Signa­tur, die ein Leben lang gül­tig gewe­sen war, nicht län­ger zu exis­tie­ren schien, oder dass er unter den Augen eines Beob­ach­ters sich nicht län­ger trau­te, sei­ne urei­ge­ne Signa­tur aus­zu­füh­ren. Ja, mein Vater fürch­te­te sich, weil der Wind der ver­ge­hen­den Zeit sei­ne Schrift erfass­te. Sie war ein­mal eine akku­ra­te Schrift gewe­sen, eine Schrift wie gedruckt, sie notier­te kom­pli­zier­te mathe­ma­ti­sche For­meln, ohne je ihre Fas­sung auf den Papie­ren zu ver­lie­ren. Als Jun­ge beschloss ich, die­se Geheim­schrift der Zah­len und Wör­ter zu ent­schlüs­seln, bis sie noch vor mei­nem Vater selbst zu ver­schwin­den begann. Zurück­ge­blie­ben sind nun sei­ne Stif­te in einer Schub­la­de: Kugel­schrei­ber, Füll­fe­der­hal­ter, Blei­stif­te, Bunt­stif­te, auch ein Werk­zeug, mit dem man in wei­ßer Far­be notie­ren kann, viel­leicht um zu kor­ri­gie­ren, viel­leicht um Nicht­sicht­ba­res auf das Papier zu set­zen. — stop

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handschuhbäume

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alpha : 6.45 — Im Waren­haus ent­de­cke ich Prei­se, unter ande­rem den Preis von 1.99 für ein Paar Hand­schu­he, gestrickt. Das fünf­te Jahr in Fol­ge ist es gekom­men, dass die Prei­se für Hand­schu­he fal­len. Sie schei­nen inzwi­schen auf Bäu­men zu wach­sen wie Bana­nen. Auch Bana­nen wer­den immer bil­li­ger. An den Hand­schuh­spit­zen, dort wo man einen Zei­ge­fin­ger hin­ein­ste­cken kann, ent­kom­men dem Gewe­be Fäden. An die­ser Stel­le, so neh­me ich an, waren sie mit ihrem Baum ver­bun­den, hier wur­den sie getrennt vom Wind, der Schwer­kraft oder von Men­schen, die kaum etwas ver­die­nen, nur gera­de so viel, dass sie nicht ver­hun­gern oder ver­durs­ten, weil man sie noch gebrau­chen könn­te in den nächs­ten Jah­ren, geüb­te, gedul­di­ge Frau­en und Män­ner. Ver­mut­lich sind Hand­schuh­bäu­me ganz­jäh­rig blü­hen­de Wesen, irgend­wo ist immer Win­ter. Außer­dem las­sen sich Hand­schu­he gut auf­be­wah­ren, sie ver­der­ben nicht so schnell, man muss sie nicht ein­mal küh­len, nur gefrä­ßi­ge Tie­re ver­trei­ben. Das alles, dass Hand­schu­he von den Bäu­men kom­men, scheint noch sehr geheim zu sein. Ich habe vor weni­gen Minu­ten ver­sucht mit­tels der Such­ma­schi­ne Goog­le her­aus­zu­fin­den, wo Bäu­me, wie ich sie mir vor­stell­te, wach­sen und wo man sie ihrer Früch­te beraubt. –stop

polaroidstrand5



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