Aus der Wörtersammlung: morgen

///

georges perec

9

tan­go : 22.01 — Fol­gen­des. Immer gegen 8 Uhr in der Früh bre­chen wir auf, Geor­ges und ich. Wir gehen ein paar Schrit­te über die Rue de Javel, neh­men die 6er-Metro durch den Süden, stei­gen dann um in Rich­tung Por­te Dau­phin, fah­ren mal unter, mal über der Erde im Kreis her­um, bis es Abend oder noch spä­ter gewor­den ist. So kann man gut sit­zen, zufrie­den, durch­ge­schüt­telt, Sei­te an Sei­te für vie­le Stun­den, und Men­schen betrach­ten, wie sie her­ein­kom­men, Fahr­gäs­te, wie sie im Wag­gon Platz neh­men, wie sie beschaf­fen sind, davon legen wir Ver­zeich­nis­se an, Geor­ges ein Ver­zeich­nis, und ich ein Ver­zeich­nis. Weil es aber sehr schwer ist, ein Ver­zeich­nis aller Erschei­nun­gen eines Rau­mes anzu­le­gen, der nicht gera­de erfun­den wird, eines Rau­mes, der sich fort­be­wegt, der betre­ten und ver­las­sen wird von Men­schen im Minu­ten­takt, das Ver­zeich­nis eines Rau­mes, des­sen Fens­ter sich von Sekun­de zu Sekun­de neu bespie­len, weil es also unmög­lich ist, das Ver­zeich­nis eines wirk­li­chen Rau­mes anzu­le­gen, machen wir das so: in der ers­ten Stun­de des Rei­se­ta­ges notie­ren wir ein Ver­zeich­nis der zuge­stie­ge­nen Kra­wat­ten, in der zwei­ten ein Ver­zeich­nis der Schu­he und der Strümp­fe, ein Ver­zeich­nis, sagen wir, der Geh­werk­zeu­ge und ihrer Beklei­dung, dann ein Ver­zeich­nis der Haar­trach­ten, der Taschen, der Metho­den sich im fah­ren­den Zug einen siche­ren Stand zu ver­schaf­fen, der Gesprächs­ge­gen­stän­de, der Art und Wei­se sich zu küs­sen, zu strei­ten, oder aber ein Ver­zeich­nis absei­ti­ger Gestal­ten, ein Ver­zeich­nis der Die­be, der Bett­ler, der Posau­nis­ten, der Ver­wirr­ten ohne Ziel, je ein Ver­zeich­nis der Spra­chen und klei­ner Geschich­ten, die wir aus der all­ge­mei­nen Bewe­gung zu iso­lie­ren ver­mö­gen. Von Zeit zu Zeit, wäh­rend wir so fah­ren und notie­ren, höre ich neben mir ein Lachen. Wenn Geor­ges lacht, hört sich das an, als habe er einen Vogel ver­schluckt, als lache er nur des­halb, weil er Made­moi­sel­le Moreau wie­der frei­las­sen wol­le. Dann weiß ich, Geor­ges hat etwas gefun­den, das er mir abends in irgend­ei­nem Café, wenn wir fer­tig, wenn Papier und Strom zu Ende sind und unser bei­der Köp­fe so voll, dass sich nichts mehr in ihnen auf­be­wah­ren lässt, vor­tra­gen wird, – „Auf Kra­wat­te gelb, zehn­zwei, leben­de Amei­se, argen­ti­nisch, kreuz und quer. Der Code­na­me Ser­vals war Lou­viers“, sagt Geor­ges und hebt sein Glas. Fünf Glä­ser Pas­tis, fünf Glä­ser Was­ser, – dann sind wir wie­der leicht gewor­den, und weil die Luft warm ist, weil Mai ist, neh­men wir den letz­ten Über­land­zug nach Nor­den oder den 11er nach Süden, dort­hin, wo die Feu­er­nel­ken blühn, und wenn es end­lich Mor­gen gewor­den ist, stei­gen wir um, öff­nen die Fens­ter und fah­ren nach Wes­ten in unse­rer Wind­ma­schi­ne spa­zie­ren. Der Regen schlägt uns ins Gesicht und wir sehen Gewit­ter auf­stei­gen und Schwe­fel vom Him­mel kom­men und wei­ßes Licht, das die Land­schaft ent­zün­det. So haben wir schon sehr schö­ne Gedan­ken über das Feu­er gefan­gen und über das Schlag­zeug in die­sem gewal­ti­gen Raum, der über uns hängt, einem Raum, des­sen zen­tra­les Ver­zeich­nis von nicht mensch­li­chen Maßen ist, sodass wir bald nur schwei­gen und auf ent­fern­te Men­schen schau­en, auf Sze­nen im rasen­den Vor­über­kom­men, auf Fil­me, die in unse­ren Hin und Her has­ten­den Augen der­art kur­ze Fil­me sind, dass sie einer Foto­gra­fie sehr nahe kom­men, nicht mehr Film sind und noch nicht voll­stän­dig unbe­wegt. Es ist so, als wür­den wir an einer gewal­ti­gen Auf­nah­me der Zeit vor­über kom­men, an einer Foto­gra­fie, deren Gegen­wart wir nicht berüh­ren, weil wir nicht aus­stei­gen kön­nen, ohne das Leben zu ver­lie­ren, weil wir zu schnell, weil wir in einer ande­ren Zeit sind. — stop / kof­fer­text

///

schneebiene

pic

tan­go : 6.45 — In Tages­licht aus nächs­ter Nähe beob­ach­tet, han­delt es sich bei jener Maschi­ne, die ges­tern Abend bei leich­tem Schnee­fall noch auf der 5th Ave­nue süd­wärts durch die Luft reis­te, um eine Bie­ne, die auch bei Nacht flie­gen kann, weil ihre Augen so künst­lich sind wie ihr gesam­ter Flug­ap­pa­rat, ihre Wir­bel­säu­le, ihre Bei­ne, ihre Füh­ler, alles das ist von äußerst leich­tem Metall gewirkt, 528 Schräub­chen hal­ten das kom­pli­zier­te Wesen zusam­men, das nie­mals grö­ßer sein wird als ein wirk­li­ches, ein aus orga­ni­schen Ein­zel­tei­len her­ge­stell­tes Insekt. Genau genom­men ist die­se Bie­ne ein sehr klei­ner Hub­schrau­ber, wen­dig, lei­se, ein Heli­ko­pter, der sich im Kos­tüm einer Bie­ne befin­det, ein spä­hen­des Sub­jekt, eine Droh­ne, die man viel­leicht ein­mal bewaff­nen könn­te, um sie ein­zu­set­zen für gute oder weni­ger gute Zwe­cke. Ges­tern Abend beob­ach­te­te ich nun mit höchs­tem Inter­es­se, wie man der klei­nen Maschi­ne kurz vor ihrem Start ein wei­te­res Gewand über­streif­te, das an einen hel­len Pelz erin­ner­te, sodass ich lachen muss­te, weil ich für einen Moment glaub­te, man habe die äuße­re Beschaf­fen­heit einer Bie­ne mit der Idee eines Eis­bä­ren gekreuzt. Kaum aus dem Fens­ter des Erfin­ders geflo­gen, war die weiß gefie­der­te Bie­ne schon im dich­ten Schnee­trei­ben ver­schwun­den. Nun konn­ten wir glück­lich durch die Augen der Unsicht­ba­ren die Win­ter­welt betrach­ten, wir sahen uns selbst in einer Ver­fol­gung und wir begeg­ne­ten Men­schen, rie­sen­haf­ten Gesich­tern, die feucht waren, Regen­schir­men, dem Licht der Fuß­gän­ger­am­peln und Dampf­wol­ken, die aus dem Boden paff­ten, als wären sie der Atem unsicht­ba­rer, unter dem Asphalt ver­bor­ge­ner Rie­sen. stop. Däm­me­rung. stop Es ist Frei­tag. — Guten Mor­gen!  — stop

ping

///

flugpanther

pic

india : 6.02 — Auf das Grab mei­nes Vaters fal­len Früch­te eines Bau­mes, der schon im letz­ten Jahr an Ort und Stel­le gestan­den haben muss. Da war vom Grab mei­nes Vaters weit und breit noch nichts zu sehn, aber es war schon die Rede vom ihm, ganz heim­lich, in Gedan­ken, der Vater könn­te ster­ben. Eich­hörn­chen suchen zwi­schen Astern­bü­schen nach Eicheln, auf­ge­regt, der ers­te Schnee ist gefal­len, es ist ein Schnee, der wie­der an die Zeit den­ken lässt, die ver­gan­gen ist und noch ver­ge­hen wird, wes­halb wir trau­rig wer­den, weil mein Vater den Schnee des letz­ten Jah­res noch mit sei­nen Augen sehen konn­te und jetzt nicht mehr sieht, ein Schnee ohne ihn, was wie­der­um ein selt­sa­mer Gedan­ke ist, weil es ein­mal einen Schnee ohne uns alle geben wird, und das ein oder ande­re Grab, auf dem Eich­hörn­chen nach Eicheln suchen oder wei­te­ren Nüs­sen. Wie sie zit­tern und beben, die Käl­te, aber auch des­halb viel­leicht, weil sie so gespannt sind, so auf­merk­sam, weil Raben in den Bäu­men sit­zen, die hung­rig sind, flie­gen­de Pan­ther. Wie schnell man doch sein Leben ver­lie­ren kann, kaum hun­dert Jah­re ver­ge­hen und schon ist man sehr wahr­schein­lich tot, eine ver­damm­te Sache, das Älter­wer­den bis man zum Ster­ben alt gewor­den ist, wenn man Glück hat, wenn man nicht vor dem Alt­sein stirbt. Wie mein Vater neben mei­ner Mut­ter am Fens­ter steht. Ein frü­her Mor­gen, ein Janu­ar­sonn­tag. Ich zieh mei­nen Kof­fer über den ver­schnei­ten Weg, auf dem noch kei­ne Fuß­spu­ren zu sehen sind. 10 Stun­den spä­ter wer­de ich in Man­hat­tan sein. Mein Vater winkt. Ein Win­ken, ohne die Bewe­gung des Armes, nur sei­ne Fin­ger win­ken, sie klap­pen von oben nach unten, wie damals noch in den Schat­ten­spie­len, Kro­ko­di­le, Wöl­fe, Ele­fan­ten, stumm von den Wän­den. — stop
ping

///

eine hand

9

india : 5.02 — Mei­ne Hand am frü­hen Mor­gen, wie sie sich bewegt. Immer wie­der erstaun­lich. Vor weni­gen Stun­den noch habe ich von der Vor­stel­lung erzählt, ein­mal in der Art und Wei­se der Eidech­sen einen Fin­ger von mir wer­fen zu kön­nen, schmerz­frei und ohne Furcht in dem Wis­sen, dass jedes zur Sei­te geleg­te Glied mir bald wie­der nach­wach­sen wird.  — stop

///

avignon

picping

MELDUNG. Hai­fü­si­lie­re, zwei oder drei Schwär­me von bedeu­ten­der Grö­ße, sind in den frü­hen Mor­gen­stun­den bereits weit über das Rho­ne­del­ta hin­aus gegen Mit­tel­eu­ro­pa vor­ge­rückt. Man kämpft zur Zeit kurz vor Avi­gnon mit Kano­nen­boo­ten der fran­zö­si­schen Mari­ne. — stop
ping

///

rom : umberto ecco

pic

alpha : 22.57 — Der Mann hin­ter dem Tre­sen ist ein freund­li­cher Mann, unra­siert, akku­rat gebü­gel­tes wei­ßes Hemd, ein hüb­sches, jun­ges Gesicht, das an den Wän­den auf zahl­rei­chen Foto­gra­fien wie­der­zu­fin­den ist, ver­mut­lich des­halb, weil man sich mit ihm zei­gen woll­te, abge­lich­tet sein, sagen wir, berühm­te Men­schen und ein­fa­che Men­schen, die ich nicht aus­ein­an­der­hal­ten kann, weil ich die berühm­ten Men­schen der Stadt Rom nicht ken­ne. Sie lächeln an der Sei­te des jun­gen Man­nes ste­hend, man­che schei­nen viel­leicht betrun­ken zu sein. Aber einen der foto­gra­fier­ten Män­ner habe ich schon ein­mal gese­hen, es han­delt sich bei die­sem Herrn um Umber­to Eco. Der Schrift­stel­ler zeigt sei­ne Zäh­ne, er lacht in die Kame­ra. Umber­to Eco scheint an die­sem Abend, der einem Stem­pel­auf­druck zufol­ge drei Jah­re zurück­liegt, her­vor­ra­gend gelaunt gewe­sen zu sein. Viel­leicht hat­te er gera­de einen die­ser herr­li­chen Espres­sos getrun­ken, wie ich an die­sem Mor­gen. Es war ver­mut­lich Win­ter gewe­sen, Umber­to Ecco trägt einen Hut und einen Man­tel mit einem Pelz­kra­gen. Oder es war Som­mer und Umber­to Ecco hat­te sich in der Jah­res­zeit ver­tan. Wie­der ist es sehr warm heu­te. Eine Ambu­lanz rast an der weit geöff­ne­ten Tür des Cafés vor­bei, man kann das Geräusch der Sire­nen der Not den gan­zen Tag über ver­neh­men. Aber nachts ist es still in die­ser Stadt, Rom ist eine Stadt, die schläft wie die Men­schen, die sie bewoh­nen. Es riecht nach war­mem Schin­ken in die­sem Moment. Auf dem Bild­schirm mei­nes Foto­ap­pa­ra­tes sind Säu­len zu sehen und Durch­leuch­tungs­ma­schi­nen und Hun­der­te lee­re Plas­tik­fla­schen, Sub­stan­zen, die man nicht mit in die gro­ße, kal­te Kir­che am Peters­platz neh­men darf, sie könn­ten explo­die­ren. Ich hebe den Foto­ap­pa­rat leicht an und foto­gra­fie­re Umber­to Eco, sodass er jetzt zwei­fach im Pelz­kra­gen exis­tiert. Wenn ich mir nicht vor­ge­nom­men hät­te, das Pan­the­on zu besu­chen, ich wür­de gern war­ten, Tage, Wochen, um nach­zu­se­hen, ob Umber­to Eco zurück­kom­men wird. Ich habe bemerkt, dass mei­ne Ohren knis­tern, wenn ich Kaf­fee trin­ke in Rom. — stop
ping

///

rom : am tiber

pic

nord­pol : 10.32 — Ges­tern, am spä­ten Abend, von einer Brü­cke über den Tiber aus einen Mann beob­ach­tet, der am Ufer des Flus­ses vor einer Insel­aus­buch­tung kau­er­te. Der Mann füt­ter­te grö­ße­re und klei­ne­re Tie­re mit sei­ner lin­ken Hand, in der rech­ten Hand hielt er eine Angel fest. Das war nicht sofort zu erken­nen gewe­sen, weil sich im Fluss und auch in der Luft über dem Fluss nichts beweg­te, nicht ein­mal das Was­ser zeig­te Strö­mung. Die Fluss­ober­flä­che schim­mer­te im Mond­licht wie ein See, und das Schilf des Ufers schien von Win­den, nicht von wil­dem Was­ser gebeugt. Da waren Schat­ten im Gras der klei­nen Insel, hun­der­te vor­wärts oder rück­wärts sprin­gen­de Sche­men. Noch nie zuvor habe ich so vie­le Rat­ten auf einen Blick gese­hen. Wie Eisen­spä­ne einer phy­si­ka­li­schen Anord­nung zur Unter­su­chung magne­ti­scher Fel­der waren sie zu dem Mann hin aus­ge­rich­tet, wir­bel­ten durch­ein­an­der, sobald der Mann Fut­ter­wa­re unter die Tie­re schleu­der­te. Dann wie­der stil­les War­ten. Eine Bisam­rat­te, scheu­er Herr­scher, enter­te das Land. — Am fol­gen­den Tag keh­re ich mor­gens zur Nacht­brü­cke zurück. Der Mann kau­ert noch immer vor der klei­nen Insel und angelt im Fluss. Möwen haben sich genä­hert. Rat­ten sind nur weni­ge zu sehen, aber Tau­ben. Wenn der Mann einen Fisch erbeu­tet, wirft er ihn sei­nen Freun­den vor die Füße. An den stei­len Wän­den der künst­li­chen Tiber­fas­sung da und dort blü­hen­de Büsche. Eidech­sen zün­geln gegen die Son­ne. — stop
ping

///

zeppelin

pic

lima : 1.38 — Früh­mor­gens, sobald ich den ana­to­mi­schen Prä­pa­rier­saal betre­te, immer wie­der der Ein­druck, an einem nicht wirk­li­chen Ort zu sein, an einem geträum­ten Ort, obwohl ich der fes­ten Über­zeu­gung bin, längst wach gewor­den zu sein. Ich schlen­de­re, unwirk­lich selbst und wirk­lich zugleich, an jun­gen Men­schen vor­über, die Her­zen oder Gehir­ne oder Mus­kel­grup­pen stu­die­ren, und ich höre, wie sie von einer Damp­fer­fahrt erzäh­len, die sie am Abend zuvor  unter­nom­men haben, höre, wie sie sich ver­ab­re­den, höre, wie sie mich grü­ßen. Manch­mal rei­che ich eine Hand und ich spü­re eine wei­te­re Hand in mei­ner Hand, ihre Bewe­gung, und doch der Gedan­ke, bei­de Hän­de und jede der Stim­men um mich her könn­ten nicht wirk­lich exis­tie­ren. — Alles, was ich sehe und höre, sehe und höre ich in mei­nem Kopf.  — stop

ping

///

PRÄPARIERSAAL : schlafgänger

pic

char­lie : 6.54 — Otto Lili­en­thal soll als jun­ger Mann ein Schlaf­gän­ger gewe­sen sein wie mein Vater. Ich erin­ne­re mich, dass er ein­mal erzähl­te, er habe wäh­rend frü­her For­schungs­zeit sein Bett mit einem „leich­ten Mäd­chen“ geteilt. Nachts schlief er auf ihrem Lager, tags sie auf dem Lager mei­nes Vaters. Eine merk­wür­di­ge Vor­stel­lung. Sie sind sich, wenn ich mich nicht irre, per­sön­lich nie begeg­net sein, aber ihren Gerü­chen, Wär­me, einem Kör­per­ab­druck, Haar. — Kurz vor Son­nen­auf­gang. Gera­de eben lese ich einen E‑Mailbrief June’s, 22. Sie schil­dert in lako­ni­scher Wei­se ihre Erfah­rung eines Prä­pa­rier­saa­les: > Der Tag des ers­ten Testa­tes: Ner­vo­si­tät, Übel­keit, bestan­den! Glücks­ge­füh­le, ab nach Hau­se, schla­fen! Jetzt alles tun, außer ler­nen. Oh, es ist schon spät, ver­dammt, was muss ich mor­gen eigent­lich machen? Das wer­de ich in der S‑Bahn schon noch her­aus­fin­den. Dann der ers­te Tag des neu­en Abschnitts: Arm oder doch der Kopf? Was muss ich eigent­lich tun? Ich hät­te mir das ges­tern doch noch anse­hen sol­len, mei­ne Assis­ten­tin wird mir schon hel­fen, erst mal das Fett abtra­gen, da kann ich nicht viel falsch machen. Was muss ich eigent­lich fin­den? Ach, das fin­de ich mor­gen auch noch! End­lich nach Hau­se! – Der 2. Tag: Was habe ich heu­te zu unter­neh­men? Ver­dammt, war­um meint mein Assis­tent, dass es nicht gut ist, dass ich die­sen klei­nen Haut­nerv noch nicht gefun­den habe. Fei­er­abend! — Der 3. Tag: Nacht­ar­beit, müde! — Der 4. Tag. Ich bin schon wie­der nicht vor­be­rei­tet, ich hat­te so viel nach­zu­ho­len, bald ist erneut Tes­tat und ich kann noch nicht ein­mal mein eige­nes ana­to­mi­sches Gebiet erklä­ren. – 5. Tag, zwei Tage vor dem zwei­ten Tes­tat: Panik! Ich habe über­haupt kei­ne Ahnung. Ich muss noch so viel ler­nen, dass das alles nie­mals in mei­nen Kopf gehen wird. Ich habe zwar schon sehr viel gelernt, aber ich habe alles, was ich lern­te, wie­der ver­ges­sen. — 6. Tag, letz­ter Tag vor dem Tes­tat: Ich glau­be, mein Prä­pa­ri­er­ge­biet kann ich jetzt inwen­dig und aus­wen­dig, aber ich weiß nichts vom Bein! Wenn ich über das Bein gefragt wer­de, dann fal­le ich durch! Ich muss noch drin­gend das Bein ler­nen! Nein, das lern ich jetzt nicht mehr. Mut zur Lücke. Nacht! — stop

///

roman opalka

pic

lima : 0.05 — Sobald ich mich in mei­ner Woh­nung auf­hal­te, begeg­ne ich mehr­fach täg­lich einer Foto­gra­fie, die Roman Opal­ka bei der Arbeit zeigt. Manch­mal blei­be ich vor ihr ste­hen und freu mich über das Pro­jekt der Zah­len, dem der Künst­ler bis an sein Lebens­en­de folg­te. Ich notier­te: Eines Tages im Jah­re 1965, viel­leicht an einem Sams­tag, viel­leicht an einem Sonn­tag, ich konn­te schon lau­fen und hat­te gelernt, mir die Schu­he zu bin­den, nahm Roman Opal­ka den kleins­ten sei­ner ver­füg­ba­ren Pin­sel in die rech­te Hand und mal­te mit titan­wei­ßer Far­be das Zei­chen 1 auf eine schwarz grun­dier­te Lein­wand­flä­che. Bevor er die­se ers­te Zif­fer mal­te, foto­gra­fier­te er sich selbst. Er war gera­de 34 Jah­re alt gewor­den, und als er etwas spä­ter sei­ne Arbeit unter­brach, – er hat­te wei­te­re Zif­fern, näm­lich eine 2 und eine 3 und eine 4 auf die Lein­wand gesetzt -, foto­gra­fier­te er sich erneut. Er war nun immer noch 34 Jah­re alt, aber doch um Stun­den, um Zif­fern geal­tert. Auch am nächs­ten und am über­nächs­ten Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr wur­de er älter, in dem er Zif­fern mal­te, die an mathe­ma­ti­scher Grö­ße gewan­nen. Wenn eine Lein­wand, ein Detail (196 × 135 cm), zu einem Ende gekom­men war in einer letz­ten Zei­le unten rechts, setz­te er fort auf einer wei­te­ren Lein­wand oben links, die um eine Licht­spur hel­ler gewor­den war, als die Grun­die­rung des Bil­des zuvor. Bald sprach er Zahl für Zahl laut­hals in die Luft, um mit sei­ner Stim­me auf einem Ton­band die Spur sei­ner Zei­chen zu doku­men­tie­ren. – In unse­rer Zeit, heu­te, ja, sagen wir HEUTE, oder nein, sagen, wir mor­gen, ja, sagen wir MORGEN, wird Roman Opal­ka mit wei­ßer Far­be auf wei­ßen Unter­grund malen, Zif­fern, die nur noch sicht­bar sind durch die Erhe­bung des Mate­ri­als auf der Ober­flä­che des Details. Der Betrach­ter, stel­le ich mir vor, muss das Bild von der Sei­te her betrach­ten, um die Zei­chen in ihren Schat­ten erken­nen zu kön­nen. — Am 6. August 2011 ist der Maler Roman Opal­ka in Rom gestor­ben. Sei­ne letz­te auf eine Lein­wand gesetz­te Zif­fer war fol­gen­de gewe­sen: 5607249. — stop

ping



ping

ping