aerosole

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echo : 8.01 UTC — Stun­den der Abwe­sen­heit im Schlaf, die wie Sekun­den erschei­nen. Nicht des­halb schla­fen, um nicht wach zu sein, son­dern des­halb schla­fen, weil das Schla­fen ein ange­neh­mes Gefühl im Erwa­chen hin­ter­lässt, in den Momen­ten des Halb­schla­fes, die in ihrer zeit­li­chen Aus­deh­nung nicht bestimm­bar sind. — Noch ist frü­her Mor­gen. Zwir­bel­te fri­schen Kori­an­der mit den Fin­ger­spit­zen, Duft, der den Raum bis zur Decke hin füllt. — stop

eine taube

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lima : 22.12 UTC — Die Bil­der des letz­ten Films, den mein Vater mit sei­nem Foto­ap­pa­rat auf­ge­nom­men hat­te, zei­gen sei­ne Hose, sei­ne Schu­he, Trep­pen­stu­fen, eine Tau­be. Als ich die digi­ta­len Foto­gra­fien für mei­nen Vater auf sei­nem Com­pu­ter öff­ne­te, hock­te der alte Mann in der Betrach­tung sei­nes letz­ten Films vor dem Bild­schirm und klick­te immer schnel­ler wer­dend von Bild zu Bild. Er sag­te, dass er sich an das, was er foto­gra­fiert hat­te, genau erin­ne­re. Da war eine Land­schaft nahe Prag durch das Zug­fens­ter auf­ge­nom­men, da war eine wei­te­re Land­schaft, kurz nach­dem der Zug den Pra­ger Bahn­hof ver­las­sen hat­te, da war ein tan­zen­des Paar auf einem Donau­rei­se­schiff nahe Buda­pest. Und da war Mut­ter, die neben einem Ret­tungs­boot des­sel­ben Schif­fes stand und lächel­te. Vater hat­te unge­fähr 50 Auf­nah­men gefer­tigt, jede der Auf­nah­men zeig­te nun sei­ne Schu­he, sei­ne Hose oder eben eine Tau­be, die zu sei­nen Füßen Brot­kru­men pick­te. Er war ver­zwei­felt. Da stand ich lei­se auf und such­te nach sei­ner Kame­ra. Ich bin doch nicht ver­rückt gewor­den, sag­te Vater. Nein, ant­wor­te­te ich, schau her, Du bist nicht ver­rückt gewor­den! Vater nahm sei­ne Kame­ra in die Hand. Er schüt­tel­te den klei­nen, fla­chen Appa­rat und sag­te: Na, das ist mein viel­leicht selt­sams­ter Film gewor­den. Die­se Tau­be hier, da waren wir schon auf dem Schiff gewe­sen. Es war Nach­mit­tag. Ich muss etwas an der Kame­ra ver­stellt haben. Die­ses Räd­chen hier könn­te es gewe­sen sein. Immer Sekun­den zu spät. Na sowas, sag­te Vater. — stop

maskentier No 1

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tan­go : 0.06 UTC — In einer gezeich­ne­ten Vor­stel­lung der Mas­ken­tie­re sind Augen zu bemer­ken. Das ist sehr selt­sam, weil Augen nicht eigent­lich sinn­voll oder unver­zicht­bar sind für den Zweck, dem Mas­ken­tie­re bald ein­mal die­nen wer­den. Es ist näm­lich so, dass Mas­ken­tie­re in der Lage sein soll­ten, sich auf mensch­li­che Mün­der und Nasen nie­der­zu­le­gen, um die­sel­ben zu beatmen, dem­zu­fol­ge Luft aus der Atmo­sphä­re zu ent­neh­men, um die­se even­tu­ell kon­ta­mi­nier­te Luft für Men­schen oder ande­re Tie­re sorg­fäl­tigst zu fil­tern, indem sie in Stun­den, da sie ihrer Bestim­mung fol­gen, auf viel­fäl­tig gestal­te­ten Wan­gen, Nasen­rü­cken, Hals­par­tien so dicht zu lie­gen kom­men, dass kein Gramm einer Viren­last je an ihren Rän­dern oder Enden ent­wei­chen könn­te. Es ist statt­des­sen ganz wun­der­bar sau­be­re Luft, die sie spen­den, und es ist ganz wun­der­bar sau­be­re Luft, die sie im Gegen­zug wie­der an die Welt zurück­ge­ben wer­den. Natür­lich ist denk­bar, dass kein Wort, kein Schrei durch ihre Leder­haut hin­durch nach drau­ßen drin­gen wird, es wird also stil­ler unter den Men­schen, die schwei­gen und sich sicher füh­len, sobald sie mit ihren wär­men­den Mas­ken über Stra­ßen und durch Waren­häu­ser spa­zie­ren. Dann ist Abend gewor­den, und man legt das getra­ge­ne Tier zurück in einen Behäl­ter, der mit Was­ser gefüllt ist. Dort schwim­men sie dann auf­ge­regt unter wei­te­ren Mas­ken­tie­ren her­um und erzäh­len sich Geschich­ten, was sie hör­ten und was sie gese­hen haben wäh­rend des Tages, indes­sen sie sich säu­bern und paa­ren, um wei­te­re Mas­ken­tie­re zu erzeu­gen. — Auch Ohren, jawohl! — stop

jakob

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marim­ba : 18.18 UTC — Unser Kater hieß Jakob. Er war ein gro­ßes Tier, bei­na­he so groß war Jakob wie ein klei­ner Luchs. Er war in Paris gebo­ren wor­den und reis­te bald in einer klei­nen Schach­tel per Post nach Fer­ney Vol­taire, wo er in einer Woh­nung leb­te im sechs­ten Stock. Da war ihm die Welt bald zu klein gewor­den, wes­we­gen er lern­te mit dem Auf­zug zu fah­ren. Manch­mal hock­te Jakob in den Bäu­men vor dem Haus. Er mach­te Geräu­sche in der Kat­zen­spra­che zu uns hin, da fuh­ren wir hin­un­ter, um ihn abzu­ho­len. Ich erin­ne­re mich, dass mein Vater, Jakob, den Kater, nicht anneh­men woll­te. Eben, eben: Ein Raub­tier in einer Woh­nung. Er sag­te, als er den Spat­zen­ka­ter, der damals bei sei­ner Anrei­se noch so groß gewe­sen war wie ein Spatz, auf dem Wohn­zim­mer­tisch sit­zen sah: Nein! Kurz dar­auf hock­te er selbst mit sei­nem Foto­ap­pa­rat vor dem Kat­zen­tisch. Er beob­ach­te­te wie der klei­ne Jakob  mit sei­nen Tat­zen nach noch klei­ne­ren Luft­fi­schen angel­te, die im Grun­de nicht exis­tier­ten, aber sich wie klei­ne Fische anfühl­ten, weil sie von Gas waren, das aus einem Mine­ral­was­ser­glas hüpf­te. Kaum war Vater aus der Dun­kel­kam­mer zurück, da war ein Bild ent­stan­den, das Jakob noch lan­ge Zeit zeig­te, nach­dem er längst nicht mehr exis­tier­te nach 24 Jah­ren Kat­zen­zeit. Er kann blei­ben, sag­te Vater. Wie soll er hei­ßen? — stop

abschnitt neufundland

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Abschnitt Neu­fund­land mel­det fol­gen­de gegen Küs­te gewor­fe­ne Arte­fak­te : Wrack­tei­le [ See­fahrt – 28, Luft­fahrt — 1, Auto­mo­bi­le — 38 ], Gruß­bot­schaf­ten in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert — 22, 19. Jahr­hun­dert – 17, 20. Jahr­hun­dert – 521, 21. Jahr­hun­dert — 12211 ], Trol­ley­kof­fer [ blau : 8, rot : 32, gelb : 55, schwarz : 1002 ], See­not­ret­tungs­wes­ten [ 22309 ], phy­si­cal memo­ries [ bespielt — 211, gelöscht : 877 ], Amei­sen [ Arbei­ter ] auf Treib­holz [ 3558 ], 7 höl­zer­ne Damen­hand­ta­schen [ Bau­jahr 1968 ], Brumm­krei­sel : 58, Öle [ 1.56 Ton­nen ], Pro­the­sen [ Herz — Rhyth­mus­be­schleu­ni­ger – 18, Knie­ge­len­ke – 17, Hüft­ku­geln – 453, Bril­len – 1588 ], Halb­schu­he [ Grö­ßen 28 – 39 : 112, Grö­ßen 38 — 45 : 12 ], Plas­tik­san­da­len [ 345 ], Rei­se­do­ku­men­te [ 128 ], Kühl­schrän­ke [ 7 ], Tele­fo­ne [ 134 ], Ste­tho­sko­pe [ 116 ], Pup­pen­köp­fe [ 28 ] Mas­ken [ 358 ], Tief­see­tauch­an­zü­ge [ ohne Tau­cher – 2, mit Tau­cher – 18 ], Engels­zun­gen [ 33568 ] | stop |

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katzenauge

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marim­ba : 15.01 UTC – Ich konn­te bereits ste­hen, aber ich sit­ze lie­ber, weil ich gera­de mit mei­ner höl­zer­nen Eisen­bahn spie­le. Mein Vater steht in die­sem Augen­blick vor mir. Ich erin­ne­re ich an sei­nen roten Pull­over. Er hält ein Käst­chen in der Hand, das an einer sei­ner Sei­ten fun­kelt, eine Art farb­lo­sen Kat­zen­au­ges. Ich ken­ne die­ses Käst­chen, ich konn­te es ein­mal fan­gen, als es über mir in der Luft pen­del­te, da war ich noch so klein gewe­sen, dass ich das Käst­chen in den Mund neh­men woll­te. Ich weiß, dass mein Vater sich dar­auf vor­be­rei­tet, mich zu foto­gra­fie­ren, des­halb hält er das Käst­chen in der Hand. Ich wer­de spä­ter ein­mal erfah­ren, dass mein Vater das Licht misst, wenn er das Käst­chen in Hän­den hält. Er will wis­sen, wie weit er das Auge des Foto­ap­pa­ra­tes öff­nen muss, um sei­nen Sohn, der Eisen­bahn spielt, auf­neh­men zu kön­nen. Manch­mal sagt Vater: Lou­is, schau her. — stop

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ai : KASACHSTAN

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MENSCH IN GEFAHR : “Aigul Ute­po­va ist eine bekann­te Blog­ge­rin und Akti­vis­tin. Sie hat 8.000 Fol­lower auf Face­book und eine gro­ße Fan­ge­mein­de sieht die Bei­trä­ge auf ihrem You­Tube-Kanal. 2015 kan­di­dier­te sie bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len, doch zog sie ihre Kan­di­da­tur spä­ter wie­der zurück. Sie wird beschul­digt, eine Anhän­ge­rin der Oppo­si­ti­ons­par­tei Demo­kra­ti­schen Wahl Kasach­stans zu sein. Am 13. März 2018 wur­de die Par­tei will­kür­lich zu einer “extre­mis­ti­schen” Orga­ni­sa­ti­on erklärt, weil sie “zur natio­na­len Zwie­tracht auf­sta­chel­te”. Grund­la­ge für die­se Ein­ord­nung sind die vage for­mu­lier­ten Anti-Extre­mis­mus-Geset­ze in Kasach­stan. / Nach der Zwangs­ein­wei­sung von Aigul Ute­po­va in die Psych­ia­trie fürch­tet ihr Rechts­bei­stand, dass eine will­kür­li­che psych­ia­tri­sche Dia­gno­se zum Vor­wand genom­men wird, um sie zwangs­wei­se “behan­deln” und lan­ge in der Anstalt fest­hal­ten zu kön­nen. Bei einem Ver­such, Aigul Ute­po­va am 23. Novem­ber zu besu­chen, wur­de dem Rechts­bei­stand und einer Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen mit­ge­teilt, dass die Jor­u­na­lis­tin kei­nen Kon­takt zur Außen­welt haben dür­fe. / Dass Per­so­nen, die die Regie­rung kri­ti­sie­ren oder sich gegen bestimm­te Inter­es­sen­grup­pen stel­len, zwangs­wei­se unter psych­ia­tri­sche Beob­ach­tung gestellt wer­den, ist in Kasach­stan nicht unge­wöhn­lich. 2019 ent­schied der UN-Men­schen­rechts­aus­schuss, dass Zina­idi Muk­hor­to­va will­kür­li­cher Inhaf­tie­rung, Fol­ter und ande­rer Miss­hand­lung aus­ge­setzt war. Die Anwäl­tin war fünf Mal gegen ihren Wil­len in eine psych­ia­tri­sche Ein­rich­tung ein­ge­wie­sen und dort “behan­delt” wor­den. / Aigul Ute­po­va hät­te nie­mals straf­recht­lich ver­folgt und unter Haus­ar­rest gestellt wer­den dür­fen. Die­se Maß­nah­me ver­stößt gegen kasa­chi­sches Recht, das Haus­ar­rest nur in Fäl­len vor­sieht, bei denen die Höchst­stra­fe fünf Jah­re oder mehr beträgt. Außer­dem muss sach­lich begrün­det wer­den, wes­halb weni­ger restrik­ti­ve Maß­nah­men nicht ange­wen­det wer­den kön­nen. Die Ver­fol­gung und der Haus­ar­rest von Aigul Ute­po­va sind als Ver­gel­tungs­maß­nah­men für ihre unver­blüm­te Kri­tik an der Regie­rung ein­zu­ord­nen.”- Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen bis spä­tes­tens zum 18.1.2021 unter > ai : urgent action

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samuel beckett : 16 steine

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india : 3.25 UTC – Hört zu! Ich nut­ze die­sen Auf­ent­halt, um mich mit Stei­nen zum Lut­schen zu ver­sor­gen. Es waren klei­ne Kie­sel, aber ich nen­ne sie Stei­ne. Ja, die­ses Mal brach­te ich einen bedeu­ten­den Vor­rat von ihnen zusam­men. Ich ver­teil­te sie gleich­mä­ßig in mei­nen vier Taschen und lutsch­te sie nach­ein­an­der. Dadurch ent­stand ein Pro­blem, das ich zunächst auf fol­gen­de Art lös­te: Ange­nom­men, ich hat­te sech­zehn Stei­ne und vier davon in jeder mei­ner vier Taschen, näm­lich in den zwei Taschen mei­ner Hose und den zwei­en mei­nes Man­tels. Wenn ich einen Stein aus der rech­ten Man­tel­ta­sche nahm und in den Mund steck­te, so ersetz­te ich ihn in der rech­ten Man­tel­ta­sche durch einen Stein aus der rech­ten Hosen­ta­sche, den ich durch einen Stein aus der lin­ken Hosen­ta­sche ersetz­te, den ich durch einen Stein aus der lin­ken Man­tel­ta­sche ersetz­te, den ich wie­der­um durch den Stein in mei­nem Mund ersetz­te, sobald ich mit dem Lut­schen fer­tig war. Auf die­se Wei­se befan­den sich immer vier Stei­ne in jeder mei­ner vier Taschen, aber nicht genau die­sel­ben… / Es ist Sams­tag. Ich notie­re die­sen Text, weil ich ihn schon ein­mal notiert habe, um an Samu­el Beckett zu erin­nern. Damals war Mitt­woch. Es war Som­mer und es war dun­kel. Schwe­re wür­zi­ge Luft der Kas­ta­ni­en­blü­te. Nacht­bie­nen summ­ten am Fens­ter vor­über. Mut­ter leb­te noch, Vater war schon tot. — stop

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maschinengespräch

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india : 9.56 UTC — Mel­dung mei­ner Appli­ka­ti­on plötz­lich, ich sei 5 Male mit gerin­gem Risi­ko einem oder meh­re­ren Men­schen begeg­net, der oder die posi­tiv auf den Sars-CoV‑2 Erre­ger hin getes­tet wor­den sind. Ein Reflex sofort, der Blick zurück, Ver­su­che zu iden­ti­fi­zie­ren, wer mein Kon­takt gewe­sen sein könn­te. Ein Radar, das wie von selbst immer wie­der ein­setzt, auch die Unter­su­chung der Zei­chen­ket­te: Gerin­ges Risi­ko. Über die­se Beob­ach­tung ein Gespräch mit M., der sich über­haupt wei­gert die Exis­tenz der Sars-CoV-2-Viren anzu­er­ken­nen. Hast Du schon eines die­ser Viren gese­hen?, fragt er, wel­che Far­be haben sie denn? Selt­sa­me Geschich­te. Ges­tern habe ich dar­über nach­ge­dacht, ob es viel­leicht mög­lich sein wird, einen Algo­rith­mus zu notie­ren, der argu­men­tie­rend in der Lage wäre, Per­so­nen wie M. zu über­zeu­gen, eine jah­re­lang gedul­dig zuhö­ren­de und eben­so gedul­dig spre­chen­de Maschi­ne. — stop
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dunkelkammer

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echo : 0.06 UTC — Ich ste­he vor einer Tür. Ich bin groß genug gewor­den, um die Klin­ke der Tür mit einer Hand zu errei­chen. Ich ver­su­che die Tür zu öff­nen, da ruft Mut­ter, nicht Lou­is, Papi arbei­tet. Aber das war selt­sam, weil das Zim­mer hin­ter der Tür das Bade­zim­mer gewe­sen war, nicht das Arbeits­zim­mer, das gab es auch. Mut­ter sag­te: Dein Vater ent­wi­ckelt Bil­der, es muss dun­kel, ganz dun­kel sein im Zim­mer, Du musst etwas war­ten, mein Schatz, Papi wird bald raus­kom­men. Ich erin­ne­re mich, dass ich mich auf den Boden leg­te und unter der Tür zum Bade­zim­mer hin­durch späh­te. Ich konn­te Vaters Radio hören, und ich beob­ach­te rotes Licht, das im Bade­zim­mer leuch­te­te, sodass ich dach­te, das Radio wür­de viel­leicht rot leuch­ten. Es ist nicht dun­kel, sag­te ich, Mut­ter ant­wor­te, doch, doch, das ist ich Vaters Dun­kel­kam­mer. Ver­mut­lich weil ich erleb­te, was ich gera­de erzähl­te, bewirk­te, dass ich mit Radio­ap­pa­ra­ten noch Jah­re spä­ter rotes Licht in Ver­bin­dung brach­te. Dann, bald, wur­den Radi­os grün, wegen ihres leuch­ten­den Auges. Es waren Röh­ren­ge­rä­te. — stop