MELDUNG. Manhattan, Lexington Avenue 822, 28. Etage, steinernes Zimmer : Kirsche No 1526 [ Marmor, Carrara : 3.08 Gramm ] vollendet. — stop
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Aus der Wörtersammlung: stop
in üsküdar
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whiskey : 0.55 — Y. erzählte vor einigen Tagen eine Geschichte, die sie als Mädchen im Alter von sieben oder acht Jahren in Istanbul erlebte, genauer in einem Hinterhof des Stadtteils Üsküdar. Sie sollte damals eine Tüte Pistazien und noch einige andere Dinge von einem Kioskladen holen, es war Sommer, und sie hüpfte raus auf die Straße und um die Ecke und rein in den kleinen Laden, und las einem Mann eine Liste der bestellten Dinge vor. Der Mann sah ihre Liste durch, lächelte ihr zu und stellte ein oder zwei Fragen, so in etwa: Wie viele Pistazien sollen es denn sein? Y. überlegte sorgfältig, aber letztlich konnte sie sich nicht erinnern, wie viele Gramm Pistazien ihr die Mutter zum Kauf aufgetragen hatte. Deshalb hüpfte sie auf die Straße zurück, aber anstatt zur Eingangstür ihres Wohnhauses zurückzukehren, trat sie in einem Hinterhof vor einen Balkon im 2. Stock. Die Tür zum Wohnzimmer der Familie, hinter der sie ihre Mutter wusste, war geöffnet. Sie rief so laut sie konnte: Mama! Dann wartete sie eine kurze Zeit. Als die Mutter nicht auf dem Balkon erschien, rief sie noch einmal: Mama, Mama, ich habe eine Frage, ich bin’s! Wiederum rief sie vergeblich, sie wartete und rief und wartete. Gerade als sie umkehren wollte, um den weiteren Weg, den sie gekommen war, zur Mutter in die Wohnung zurückzunehmen, bemerkte sie ein fremdes Mädchen neben sich, das vielleicht zwei Jahre jünger war als sie selbst. Das Mädchen hatte eine ihrer Hände genommen, sah sie bedeutungsvoll an, hob dann den Kopf zum Balkon empor und rief mit leiser, sanfter Stimme: Mama! Mama! Y. erinnerte sich noch nach vielen Jahren an die feine Stimme des Mädchens, die beinahe nicht zu hören gewesen war. Kaum eine viertel Minute verging, da erschien ihre Mutter auf dem Balkon und schaute zu den beiden Mädchen herab. Das war ein Moment ihres Lebens gewesen, den Y., die inzwischen selbst zwei Söhne gebar, nie vergessen konnte, ein Geheimnis: Warum hatte die Mutter auf die leise Stimme eines fremden Mädchens reagiert, aber die Stimme der eigenen Tochter nicht gehört? — stop
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uhrwerke
alpha : 2.05 — Im Traum betrete ich ein Zimmer, das vollständig weiß ist und voll hellem Licht. Nichts zu hören. In der Mitte des Zimmers sitzt ein unbekleideter Mann auf dem Boden, seine Haut strahlt beinahe so hell wie die Wände, der Boden und die Decke des Zimmers. Der Mann scheint zu schlafen, seine Augen sind geschlossen. Obwohl ich auf Zehenspitzen gehe, mache ich Geräusche, aber ich kann nicht sagen, ob der Schlafende mich wahrnehmen kann. Im Näherkommen vernehme ich ein Rauschen, das von dem Mann unmittelbar auszugehen scheint. Einen Schritt später entdecke ich tausende Uhren in der Größe der 5 Centmünzen. Sie liegen unmittelbar unter der Haut des Mannes geborgen, Sekundenzeigerschatten kreisen dort, tausende Zeiger, eine eigentümliche Erscheinung, als würde die Haut des Mannes leicht angehoben sein, als würde sie über seinem Körper schweben, sich frei bewegen. Die Uhren im Übrigen zeigen unterschiedliche Zeiten an. So konzentriert ich auch suche, ich kann kein Prinzip entdecken, das die Zeiten der Uhrwerke regelt. Selbst unter den Augenlidern des Mannes bemerke ich Uhren. Ich schlafe dann ein im Traum. — stop
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south ferry
delta : 5.15 — Heute Nacht vor dem Fenster wieder eine Stille, dass ich für einen Moment fürchtete, mein Gehör verloren zu haben. Dann leichter Regen. Man sieht es den Bäumen nicht an, aber sie schlafen. Gegen fünf Uhr erinnere ich mich an Uwe Johnsons Jahrestage. Es ist ein schweres Buch, das ich aus dem Regal hebe, 1702 Seiten feines Papier, seine Buchstaben sind von Jahr zu Jahr kleiner geworden, höchste Zeit, den Roman in eine Lesemaschine zu laden. Ich stellte mir vor, wie Louis einmal Uwe Johnsons Werk, indem er liest, in großformatige Notizbücher übertragen könnte. Oder eine Brille: Sonnabend ist der Tag der South Ferry. Der Tag der South Ferry gilt als wahrgenommen, wenn Marie mittags die Abfahrt zur Battery ankündigt. Die Fähren zwischen der Südspitze von Manhattan und Staten Island sah sie zum ersten Mal vom Touristendeck der ›France‹ aus, da musste sie noch über die Reling gehoben werden. Sie starrte feindselig auf den Hochhauskaktus Manhattans, der zu Riesenmaßen wuchs, statt zu menschlichen abzunehmen; mit Neugier betrachtete sie die Fährboote, die neben dem Überseeschiff das New Yorker Hafenbecken ausmaßen, mehrstöckige Häuser von blau abgesetztem Orange, rasch laufend wie die Feuerwehr. Sie nickte benommen, als Gesine ihr die Fahrzeuge nicht erklären konnte; bei einem Ausflug erkannte sie den Typ auf den zweiten Blick, obwohl die Fährportale ihr das Äußere mit Scheuklappen zugehängt hatten. Die South Ferry war ihr erster Wunsch an New York. — stop
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22 Uhr 1
ulysses : 22.01 — Seit einer halben Stunde das Wort Hibiskusbahn in meinem Gehör. Leichter Regen. — stop
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st.ive
propellerzunge
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tango : 2.01 – Wieder der Versuch, den Klang menschlicher Stimmen vorzustellen, wie sie sich unter einer Wasseroberfläche artikulieren. Eine schwierige Aufgabe, insbesondere deshalb, weil ich einerseits annehme, ein authentisches Sprechgeräusch, welches sich unter Wasser ereignet, in meinem Kopf jederzeit erzeugen zu können, andererseits jedoch über keinerlei Wörter verfüge, dieses Geräusch angemessen zu beschreiben. Ein Problem der Übersetzung scheint vorzuliegen, ein Raum zwischen geistigem Hören und dem annähernd korrekten Ausdruck in der Sprache meines Mundes oder meiner Hände auf Tastaturen, der auch in dieser Nacht, nach Jahren intensiver Versuche, nicht zu überwinden ist. Ich nehme an, Phoneme, die eine ausgedehnte Öffnung des Mundes erfordern in der Sprache unter der Wasseroberfläche sprechender Lungenmenschen, werden im Laufe der Jahrhunderte seltener werden, Artikulation indessen mittels gespitzter Lippen, pfeifende Laute, eine Entwicklung in diese Richtung, das ist denkbar. — Leichter Regen. — stop

transfer
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echo : 3.05 – Vor fünf oder sechs Jahren schrieb ich einen Brief an einen verschollenen Freund. Ich erzählte ihm von der Welt der Fährschiffe, wie ich sie erkundet hatte auf der Upper New York Bay. Ich bat ihn, er möge sich um Himmelswillen melden. Vermutlich war ich nicht wirklich überzeugt gewesen, dass meine E‑Mail den verschwundenen Freund erreichen würde, er war zuletzt doch schon sehr verrückt gewesen, er hielt sich für einen anderen, und war seit bereits zwei Jahrzehnten vermisst. Ich notierte also eine Botschaft für einen auch von mir selbst verehrten Schriftsteller, die ihn unmöglich oder sehr wahrscheinlich nicht erreichen würde. Ich sendete mein Schreiben an einen E‑Mail-Dienst im finnischen Turku, der versprach, Schriftsätze an Menschen weiterzuleiten, die verschwunden waren, vielleicht gegen ihren Willen wie vom Erdboden verschluckt oder weil sie sich versteckten. Einige Stunden später wurde der Eingang meiner E‑Mail bestätigt mit dem Versprechen einer Nachricht, sobald die E‑Mail weitergegeben werden konnte. In diesem glücklichen Falle sollte ich 85 Dollar überweisen an ein Postamt eben der Stadt Turku, ein ganz angemessener Betrag, wie ich finde. Vor wenigen Minuten nun erhielt ich meine E‑Mail mit dem Vermerk zurück: Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir Ihre E‑Mail an Mr. John Dos Passos nicht zustellen konnten. Mit freundlichen Grüßen — stop
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von teefliegen
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india : 3.22 — Seit Stunden sitze ich wieder einmal im Dunkeln, weil ich herauszufinden wünsche, ob Libellen auch in lichtleeren Räumen fliegen, schweben, jagen. Als ich gestern nämlich gegen den Mittag zu erwachte, balancierte eine Libelle, marineblau, auf dem Rand einer Karaffe Tee, die ich neben meinem Bett abgestellt hatte, sie schaute mir beim Aufwachen zu und naschte, indem sie rhythmisch mit einer sehr langen Zunge bis auf den Grund des zimtfarbenen Gewässers tauchte. Vielleicht jagte sie nach Fischen oder Larven oder kleinen Fliegen, nach Teefliegen, kochend heiß, die kühler geworden sein mochten, während ich schlief. Oder aber sie hatte endlich Geschmack gefunden auch an süßen Dingen des Lebens, weshalb ich kurz vor Mitternacht einen Löffel Honig erhitzte und auf die Fensterbank tropfen ließ, um dann sofort das Licht zu löschen. Und so warte ich nun bereits seit drei Stunden und höre seltsame Geräusche, von Menschen vielleicht oder anderen wilden Tieren. — stop

piccadilly circus



