Aus der Wörtersammlung: stunde

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absent

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romeo : 3.15 — Küh­le Luft, leich­ter Regen, herbst­li­che Stim­mung. Wie immer, wenn ich zer­streut bin, in einem Aben­teu­er­buch gele­sen. Fol­gen­de Stel­le in H.G. Wells’ Roman Die Insel des Dr. Moreau: Mein Onkel ver­schwand auf etwa 5° süd­li­cher Brei­te und 105° west­li­cher Län­ge aus den Augen der Men­schen, und er erschien nach elf Mona­ten in der­sel­ben Gegend des Oze­ans wie­der. Wäh­rend der Zwi­schen­zeit muss er auf irgend­ei­ne Wei­se gelebt haben. In dem Moment, als ich die­se Zei­len pas­sier­te, wie aus hei­te­rem Him­mel ein merk­wür­di­ges Gefühl der Unwirk­lich­keit, als ob ich die­se Nacht, das Buch, den Stuhl, auf dem ich saß, nur träum­te, auch mich selbst träum­te, wie ich las, die Bil­der Men­schen jagen­der Motor­rad­fah­rer und die Nach­richt im Kopf, ein Rat mäch­ti­ger, reli­giö­ser Wäch­ter habe ges­tern noch, am Ende einer ande­ren Nacht, bestä­tigt, im Iran sei­en drei Mil­lio­nen Stimm­zet­tel nicht exis­tie­ren­der Wäh­ler zu ver­zeich­nen. — Wohin ist die­se Nach­richt geflo­hen? — Wann wird sie wie­der zu uns kom­men? — Wo hält sie sich auf in den Zei­ten der Abwe­sen­heit? — Wie vie­le Men­schen sind in den ver­gan­ge­nen Stun­den küh­len Regens spur­los aus ihren Häu­sern oder aus Hos­pi­tä­lern der Stadt Tehe­ran ver­schwun­den? — stop

ping

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sahara/ahorn

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hima­la­ya : 1.28 — 1 hal­be Stun­de im Goo­gle­flug­zeug über die Saha­ra auf dem Bild­schirm. Leuch­ten­de, tür­kis­far­be­ne Flä­chen, aus­ge­dehn­te, sand­far­be­ne Ebe­nen, und Ber­ge, die rot sind, als wür­den an ihren Hän­gen Ahorn­hai­ne blü­hen. Da und dort Spu­ren mensch­li­cher Sied­lun­gen, gewür­fel­te Ker­ne. Pis­ten der Auto­mo­bi­le erschei­nen in der Stär­ke eines Haa­res. Etwas Wüs­ten­sand, von glü­hen­den Win­den him­mel­wärts getra­gen. Koral­len­stäu­be. Vipern­haut. Kamel­kno­chen­ge­stei­ne. Zeit­fer­men­te. So sicht­bar wie denk­bar. — Was sehe ich noch in die­sen Stun­den? — stop

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Persiankiwi

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romeo : 6.15 — Atem­los auf Twit­ter­chan­nel stun­den­lang PersianKiwi’s <140 Zei­chen­bot­schaf­ten aus Tehe­ran beob­ach­tet: I am online for few minu­tes. total com­mu­ni­ca­ti­on black­out here. gov pani­cking. very dan­ge­rous. mobi­le pho­nes down. sms, outa­ge, face­book and all news chan­nels out. / uncon­firm­ed but peo­p­le say­ing may kil­led last night. / coun­try is at standstill. like war time. peo­p­le con­fu­sed, frigh­ten­ed. reports that militia car­ry­ing live ammu­ni­ti­on to kill. / have seen my inbox. thank you all for sup­port. plea­se help us by pres­su­re. keep us in news plea­se dont for­get. / peo­p­le try­ing to gather for march. roads blo­cked ever­whe­re. 
/ have no news of tehr­an uni dorm. rumours that many kil­led and rema­in­der arres­ted. / i am now at a fri­ends house. try­ing to get in to uni dorm area. all roads blo­cked, 
/ gov spre­a­ding rumous that mach can­cel­led. that is not true. WE MARCH AT 4pm. 
/ almost no mobi­le pho­ne covera­ge in city. land­li­nes working but can­not access mobi­les. they are frigh­ten­ed. / plea­se tell all — march is NOT CANCELLED today. Mou­sa­vi is in dan­ger of being kil­led. / peo­p­le say­ing that army is split. peo­p­le tal­king of coup. uncon­firm­ed. we need army on our side. / I am being told that many gathe­ring at haram Imam Kho­mei­ni for march. gov can­not kill us the­re. but roads clo­sed. / inter­net con­nec­tion v/bad. just heard that tehr­an uni dorm under sei­ge. stu­dents bar­ri­ca­ded insi­de. »>

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murmansk

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romeo : 0.15 — Ich war im Zug ges­tern Abend in Mur­mansk gewe­sen. Am Hafen saß ich, und das Eis auf dem sich sanft bewe­gen­dem Meer schin­del­te zu mei­nen Füßen. Ein ros­ti­ges U‑Boot war da noch und jun­ge Matro­sen, sie spiel­ten mit Äpfeln und wink­ten. Indem ich so war­te­te und die Geräu­sche des Eises und die Stim­men der See­leu­te bewun­der­te, flat­ter­ten Koli­bris um mei­nen Kopf her­um. Sie tru­gen win­zi­ge Pelz­müt­zen und Pelz­ja­cken und ihre Flü­gel brumm­ten in der glas­kla­ren Luft nor­di­scher Mit­tags­stun­de. Dann wach­te ich auf, fuhr in einer Stra­ßen­bahn spa­zie­ren, öff­ne­te mei­nen Kof­fer und schon ist Mit­ter­nacht gewor­den. Ob ich viel­leicht noch immer schla­fe, noch immer träu­me? — stop

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siatista

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ulys­ses : 15.02 — Nörd­li­ches Grie­chen­land. Kar­ge Land­schaft. Man erzähl­te mir von Sia­tis­ta, dort sol­len Wöl­fe leben in den Ber­gen, aus wel­chen die Stei­ne der Häu­ser der klei­nen Stadt geschla­gen sind. Im Win­ter fällt Schnee und bleibt lie­gen. Dann kom­men die Wöl­fe näher her­an, sind zu hören in den Näch­ten, ihr heu­len­des Gespräch. Alt sind sie, uralt wie die Men­schen in die­ser Gegend, die sich wider­set­zen, wenn ihre letz­te Stun­de gekom­men ist, leben sie ein­fach wei­ter. Sobald ein Win­ter endet und die Ber­ge blü­hen für eine kur­ze Zeit in allen Far­ben, die man sich nur vor­stel­len kann, liegt eine jun­ge Frau auf einer Wie­se her­um. Die­se Wie­se ist weiß von den Kör­ben der Kamil­le, eine Wie­se, die die Gestalt der jun­gen Frau erin­nert, wie sie auf dem Rücken liegt, immer an der­sel­ben Stel­le in den Him­mel schaut und glaubt über ein Eis­meer zu flie­gen. Wenn man sie besu­chen, wenn man sich neben sie legen wür­de, könn­te man Geschich­ten hören, die sie mit tie­fer Stim­me sogleich erzäh­len wird. Dass sie blau war zum Bei­spiel, ein blau häu­ti­ges Kind, dass sie nicht atmen konn­te in der ers­ten Stun­de ihres Lebens, dass man sie mit Luft, anstatt mit Was­ser tauf­te, weil man glaub­te, sie wer­de ihre zwei­te Lebens­stun­de nicht betre­ten. Dass sie sich im Alter von vier Jah­ren im Schnee ver­irr­te, dass zwei Wöl­fin­nen sie wärm­ten für eine Nacht, bis man sie fand. Dass sie eine Par­ti­sa­nen­toch­ter sei, dass sie mit den Schild­krö­ten spre­chen kön­ne und den Schlan­gen, den Fal­tern, den Flie­gen. Dann wird sie ein wenig schwei­gen und eine Hand­voll Aka­zi­en­blü­ten rei­chen, sie schmeck­ten vor­züg­lich, man müs­se sie sich auf die Zun­ge legen und war­ten, bis sie schmel­zen. Jetzt liegt die jun­ge Frau wie­der auf dem Rücken zum Eis­meer hin, erzählt wei­ter, erzählt von den lan­gen Wegen im Win­ter zur Schu­le und dass sie ein Jahr zurück das ers­te Mal das Meer gese­hen habe. Ein gro­ßer Frie­den. Ihre Stim­me, die so selt­sam tief ist. Das Brum­men drei­hun­dert Jah­re alter Insek­ten. Auch Wöl­fe fres­sen wei­ße Blü­ten. — stop

für v.s.
siatista

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licht

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india : 10.02 — Da war ein Buch vor lan­ger Zeit, ein Buch, das Tho­mas Alva Edi­sons Leben erzähl­te. In die­sem Buch, ich seh das noch genau vor mir, wur­de das elek­tri­sche Licht erfun­den. Zunächst mach­te man einen glä­ser­nen Behäl­ter, der glüh­te und flüs­sig war und heiß, denn die Män­ner, die an ihm arbei­te­ten, tru­gen kräf­ti­ge Hand­schu­he, auch ihre Gesich­ter waren mit Tüchern ver­bun­den. Man konn­te das Glas, so flüs­sig war es unter dem Feu­er gewor­den, wie hei­ße Scho­ko­la­de von einer Tas­se in eine ande­re gie­ßen. Ich habe die­se Zeich­nung als Jun­ge stun­den­lang betrach­tet und erzählt, was dort für mich zu sehen war. Seit­her ist alles Licht, vor allem dann, wenn es warm, gold­far­ben, ja, wenn es sicht­bar ist, flüs­sig und von Schokolade.

teilchen5

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yanuk : xin

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sier­ra

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : XIN
date : mar 18 09 10.52 a.m.

Seit ges­tern Abend ist es wie­der mög­lich, zu notie­ren, weil ich mei­ne Schreib­ma­schi­ne zurück­er­hal­ten habe. Mein lie­ber Lou­is, so ver­ge­hen nun die Tage wie­der schnel­ler, als die Tage zuvor noch ohne Schreib­ma­schi­ne, da ich auf mei­ner Platt­form Höhe 510 war­te­te, dass Xin, – so nen­ne ich das Mäd­chen, das mich mei­nes Schreib­ge­rä­tes beraub­te -, sie mir zurück­ge­ben wür­de, auch Blei­stif­te, Hef­te und mei­nen Foto­ap­pa­rat, die sie eines Nachts, wäh­rend ich schlief, mit sich genom­men hat­te. Es ist selt­sam, wenn man so sitzt und denkt und doch über kei­ne Werk­zeu­ge ver­fügt, auf­zu­schrei­ben, was man dach­te, wird man müde. Natür­lich habe ich in erprob­ter Wei­se, Zei­chen in den Baum­stamm hin­ter mir geritzt, aber wäh­rend ich an ihnen arbei­te­te, wuss­te ich doch in jeder Sekun­de, dass ich sie zurück­las­sen, dass ich sie viel­leicht nie wie­der­se­hen wür­de. Ja, man wird müde, wenn man denkt, ohne notie­ren zu kön­nen, als wür­de man in lau­war­mem Was­ser lie­gen, im Halb­schlaf alle die­se fei­nen, ver­geb­li­chen Stim­men im Kopf. — Ich neh­me an, Du hast Dich um mich gesorgt, weil ich kei­ne Nach­richt sen­de­te. Vor weni­gen Stun­den noch hör­te ich das Geräusch eines Flug­zeu­ges, das sehr lang­sam den Him­mel dort oben durch­kreuz­te. Natür­lich bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht doch nur ein Wunsch­ge­räusch hör­te. Das flie­gen leich­te Mäd­chen Xin jeden­falls schien nichts gehört zu haben. Sie ver­harrt wie­der in mei­ner Nähe, hängt an einem Arm über dem Abgrund, schläft und spricht träu­mend in ihrer merk­wür­di­gen Spra­che lei­se vor sich hin. Ich wünsch­te, ich könn­te sie ver­ste­hen. Mor­gen wer­den wir auf­bre­chen, wer­den wei­ter auf­wärts stei­gen. Nach wie vor ist nicht zu erken­nen, woher das Licht kom­men mag, das uns so ange­nehm flat­ternd bestrahlt. Cucur­ru­cu – Yanuk

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20.58 UTC
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yanuk to louis »

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MELDUNGEN : YANUK LE TO LOUIS / ENDE

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bellevue

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ulys­ses : 6.08 — Vor Jah­ren ein­mal ent­deck­te ich nach stun­den­lan­ger Suche in den Archi­ven der Baye­ri­schen Staats­bi­blio­thek eine Foto­gra­fie auf einem Mikro­film­strei­fen und ich wuss­te sofort, dass ich die­ses Licht­bild besit­zen muss­te. Ich bat eine Biblio­the­ka­rin, aus dem Mate­ri­al das Bes­te her­aus­zu­ho­len, höchs­te Auf­lö­sung, wes­we­gen ich bald einen klei­nen Sta­pel Papiers ent­ge­gen­neh­men konn­te, den ich im Arbeits­zim­mer an einer Wand zum Bild zurück sor­tier­te, zur Ansicht einer Stra­ße des Jah­res 1934 prä­zi­se, einer Stra­ße nahe des Bel­le­vue Hos­pi­tals zu New York. Stau­bi­ge Bäu­me, eilen­de Men­schen­schat­ten, die Sil­hou­et­te einer alten, in den Kno­chen gebeug­ten Frau, der Wagen eines Eis­ver­käu­fers, ros­ti­ge Hydran­ten, die sprö­de Stein­haut der Stra­ße, zwei Vögel unbe­kann­ter Gat­tung, Spu­ren von Hit­ze, und ich erin­ne­re mich noch gut, dass ich eine Zei­le von links nach rechts auf das Papier notier­te: Die­se Stra­ße könn­te Mal­colm Lowry über­quert haben, an einem Tag viel­leicht, als er sich auf den Weg mach­te, sei­nem Kör­per den Alko­hol zu ent­zie­hen. Und weil ich schon ein­mal damit begon­nen hat­te, das Bild zu ver­fei­nern, zeich­ne­te ich in Wor­ten wei­te­re Sub­stan­zen auf das Papier, Unsicht­ba­res oder Mög­li­ches. Einen Schuh notier­te ich west­wärts: Hier flüch­tet Jan Gabri­el, weil sie Mr. Lowrys Lie­be nicht län­ger glau­ben konn­te. Da lag ein Notiz­buch im Schat­ten eines Bau­mes und ich sag­te: Die­ses Notiz­buch wird Mal­colm Lowry fin­den von Zeit zu Zeit, er wird es auf­he­ben und mit zit­tern­den Hän­den in sei­ne Hosen­ta­sche ste­cken. Schon segel­ten fie­bern­de Wale über den East River, der zwi­schen zwei Häu­sern schim­mer­te, ein Schwarm irrer Bie­nen tropf­te von einer Fens­ter­bank, und da waren noch zwei Mäd­chen, bar­fuß, – oder tru­gen sie doch Strümp­fe, doch Schu­he? — sie spiel­ten Him­mel und Höl­le, ihre fröh­li­chen Stim­men. Ich geste­he, dass Dai­sy und Vio­let nicht damals, son­dern in die­ser letz­ten Stun­de einer hei­te­ren Arbeits­nacht ins Bild gekom­men sind. — stop

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lunar caustic

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whis­key : 6.15 — Hat­te ges­tern Abend gegen 10 Uhr zwei Wör­ter auf ein Blatt Papier geschrie­ben, um sie nicht zu ver­ges­sen: Lunar Cau­st­ic. Jetzt ist die Nacht vor­über und ich habe kei­ne schreib­ba­ren Gedan­ken, weil ich acht Stun­den mit mei­nem Lap­top auf dem war­men, höl­zer­nen Boden mei­nes Arbeits­zim­mers her­um­ge­le­gen habe und nach Spu­ren Mal­colm Lowrys in den Archi­ven der New York Times gesucht. — 6 Uhr. Leich­ter Regen. Tau­beng­rau­blau­er Him­mel. — stop

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