Aus der Wörtersammlung: stunde

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schweigende augen

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char­lie : 12.25 — Bemerkt, dass wir die Stür­me, die uns das Wochen­en­de über ein Lied pfei­fen wer­den, schon in die­sen Stun­den betrach­ten kön­nen, wäh­rend sie noch über dem Atlan­tik zir­ku­lie­ren. Fast alles kann man vor­aus­se­hen, nah sehen, ver­zö­gert oder in der ech­ten, syn­chro­nen Zeit. Stell­te mir vor, wie Ame­ri­ka­ner und Rus­sen durch je ein Satel­li­ten­au­ge den Unter­gang eines höl­zer­nen Schif­fes 50 See­mei­len vor Lam­pe­du­sa beob­ach­ten. Und bei­de Augen schwei­gen. — stop

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die malerei kleinster teilchen

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sier­ra : 8.02 — Ohne die Zeit noch zu bemer­ken, sechs Stun­den lang ers­te Spu­ren eines ana­to­mi­schen Hör­spiels bear­bei­tet. Kurz vor Mit­ter­nacht dann in ange­neh­mer Balan­ce mit Cor­mac McCar­thys düs­te­rem Roman Die Stra­ße auf dem Sofa. Ein Buch, das mir Freu­de macht, nicht weil es End­zeit, nein, weil es in klei­nen Abtei­len vor­wärts erzählt. Als wür­de in einem unend­lich gro­ßen, dunk­len Raum je für kur­ze Zeit das Licht ange­schal­tet, Pha­sen zei­chen­lo­ser Dun­kel­heit, Sekunden‑, Minuten‑, Stun­den­sprün­ge, dann wie­der ruhi­ge Spra­che, ein­fa­che, prä­zi­se Sät­ze. Dar­über ein­ge­schla­fen. Mor­gens von Regen­ge­räu­schen geweckt, die nicht wirk­lich exis­tier­ten. — Kurz nach sie­ben Uhr und noch immer wun­de­re ich mich, dass ich ein­ge­nickt war, ohne auch nur ein­mal zu den­ken: Du wirst gleich schla­fen. Die Idee, dass viel­leicht Bücher exis­tie­ren, die als Schlaf­bü­cher anzu­se­hen sind, Bücher, die einen gehei­men Code ent­hal­ten, hyp­no­ti­sche Zei­chen­fol­gen, unwi­der­steh­lich in ihrer Wir­kung. Man könn­te in Buch­hand­lun­gen eine wei­te­re Kate­go­rie sor­tie­ren, die der Nar­ko­ti­ka näm­lich, Roma­ne, die ins Jen­seits beför­dern, nicht zu lesen im Gehen, in Zügen, im Ste­hen! – Guten Mor­gen! — stop

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gedankengeschichte

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romeo : 16.25 — Mit einer jun­gen Ärz­tin im Gespräch über Men­schen, die sich aus modi­schen Grün­den von klei­ne­ren Tei­len ihrer Wan­gen tren­nen, um sie durch edels­te Höl­zer zu erset­zen, je nach Teint, stell­te ich mir vor, hel­le­re oder etwas dunk­le­re Mate­ria­li­en, die man polie­ren kann, die glü­hen wie die Sub­stan­zen fei­ner Pfei­fen­köp­fe. Ich erzähl­te die­se Gedan­ken­ge­schich­te bei einer Tas­se Scho­ko­la­de, rück­te mit mei­ner Fan­ta­sie lang­sam vor­wärts, weil ich erwar­te­te, sie wür­de viel­leicht auf­sprin­gen und sich ent­fer­nen wol­len. Statt­des­sen stell­te sie die Fra­ge, ob man die Mate­ria­li­en des Wal­des, über die ich nach­ge­dacht hat­te, als Schmuck­wa­re betrach­ten soll­te, die im Fleisch des Kör­pers schwim­men wür­de, oder eher um Bojen­kör­per, wel­che mit einem der Gesichts­kno­chen ver­bun­den sein müss­ten. Sie mach­te eine klei­ne Pau­se und noch ehe ich ant­wor­ten konn­te, stell­te sie nüch­tern fest: Die Rän­der der Natür­lich­keit sind ein Pro­blem. stop. Kurz nach vier Uhr und fast schon dun­kel. Seit einer Stun­de Regen. Er kommt in einer Wei­se vom Him­mel gefal­len, dass ich ihn wie­der hören kann. — stop

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schlafende wale

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nord­pol : 0.12 — Kurz nach Mit­ter­nacht. Notier­te fol­gen­den Text: „Das Meer ruhig. Nichts zu hören, nur das Bla­sen der Wale. Küh­les Geräusch von Was­ser, von Luft. Sie lie­gen um die Ret­tungs­in­sel her­um. Habe den Ein­druck, sie war­ten. 12 Tie­re. Gewal­ti­ge, wei­ße Kör­per. Hel­le Augen, schwarz gezeich­ne­te Flos­sen. Auch das Heck, schwarz. Längs, über den Rücken hin, eine hand­brei­te Zeich­nung, oran­ge­far­ben und exakt, als sei sie von einer Maschi­ne auf­ge­tra­gen. Sie wer­den ein oder zwei Stun­den unter Was­ser gewe­sen sein, viel­leicht waren es fünf, viel­leicht sechs, viel­leicht sie­ben Stun­den. Die Luft riecht nach Metall, nach Salz, nach Tang. Von Zeit zu Zeit tau­chen sie ab, kreu­zen unter der Insel, ohne uns zu berüh­ren, ohne das Was­ser zu bewe­gen, als woll­ten sie uns scho­nen. Auch Mrs. Ander­son, unbe­wegt. Kei­ne Raub­fi­sche. War­te auf Ret­tung. Joe Ellis hier — Joe Ellis — Rufe Lon­don.“ — In die­sen Tagen, da ich einen atlan­ti­schen Text ver­tie­fe, immer wie­der das Stau­nen dar­über, dass ich in einer Art und Wei­se über Wale schrei­be, als hät­te ich Jah­re an ihrer Sei­te schwim­mend zuge­bracht. – stop

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schlafen in turku

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echo : 8.28 — Ist Ihnen viel­leicht bekannt, dass Wale, Pott­wa­le genau­er, wenn sie schla­fen, Kopf nach oben im Was­ser schwe­ben? Lang­sam sin­ken­de Tür­me, lei­se sin­gend, lei­se knat­ternd, fried­vol­le Ver­samm­lun­gen, die mit dem Golf­strom trei­ben. Wenn Sie ein­mal wach lie­gen soll­ten, wenn Sie nicht schla­fen kön­nen, weil Sor­gen Sie bedrän­gen oder ande­re schmerz­vol­le Gedan­ken, wird es hilf­reich sein, eine Tauch­fahrt zu unter­neh­men im Kopf durchs Bild der träu­men­den Wale. Oder Sie rei­sen an die Ost­see, neh­men die nächs­te Fäh­re nach Tur­ku. Sie wer­den dann schon sehen. Bal­lo­ne, zum Bei­spiel, Bal­lo­ne wer­den Sie sehen am Hori­zont, Bal­lo­ne am dämm­ri­gen Him­mel, dort müs­sen Sie hin. Alles ist gut zu Fuß zu errei­chen, eine Stun­de oder zwei, nicht län­ger, je nach Gepäck. Man wird Sie schon erwar­ten, man wird Sie freund­lich begrü­ßen, man wird Sie fra­gen, wie lan­ge Zeit Sie zu schla­fen wün­schen, wel­cher Art die Din­ge sind, die Sie zu ver­ges­sen haben, die Sie beschwe­ren. Man wird Ihren Blick zum Him­mel len­ken und Sie wer­den erken­nen, dass unter den Bal­lo­nen Men­schen schwe­ben, auf­recht und reg­los, in Dau­nen­män­tel gehüllt, von einem leich­ten Wind hin und her geschau­kelt, hun­der­te, ja tau­sen­de Men­schen. — - Stil­le herrscht. — - Nur das Fau­chen der Feu­er­ma­schi­nen von Zeit zu Zeit. – Guten Mor­gen! Heu­te ist Diens­tag oder Mitt­woch oder Sams­tag. Auf nach Turku!

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yanuk : zwergseerosen

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char­lie

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : ZWERGSEEROSEN
date : nov 8 08 10.25 p.m.

Drei lan­ge Stun­den geklet­tert, um Höhe 310 zu errei­chen. Kein Regen, aber Nebel, sehr dich­ter, küh­ler Nebel. Auf­stieg fort­ge­setzt. Ich konn­te die klei­nen Affen hören, ihr unent­weg­tes, lei­ses Knat­tern, mit dem sie sich ver­stän­di­gen, wenn sie sich nicht sehen kön­nen, eine Art Radar­spra­che, die nichts bedeu­tet, als: Hier bin ich, hier, am Ende des Geräu­sches! Sie haben mich beglei­tet. Neh­me an, auch ich war für sie unsicht­bar gewe­sen, aber sie konn­ten wohl mei­nen Atem hören, das Krat­zen mei­ner Fin­ger an der Rin­de, mein Schuh­werk, mein Äch­zen, wenn ich mich wei­ter­zie­hen muss­te. Kurz bevor wir Höhe 382 erreich­ten, wur­de es hel­ler, dann eine schar­fe Linie zwi­schen Dampf­luft und tro­cke­ner Luft. Es war ganz so, als hät­te ich mei­nen Kopf aus dem Was­ser gestreckt, als hät­te ich tage­lang getaucht. Die Affen waren schon da, begrüß­ten mich krei­schend. Sie sahen lus­tig aus, feuch­tes Fell, waren über und über mit Blü­ten bedeckt. Ich sage Dir, Mr. Lou­is, ein fan­tas­ti­scher Aus­blick. Aber­tau­sen­de Zwerg­see­ro­sen schwe­ben oder schwim­men auf der Ober­flä­che des Nebels. Ich weiß jetzt, wes­halb es in den ver­gan­ge­nen Tagen so düs­ter gewe­sen ist. Ich wer­de mich jetzt ein­rich­ten hier oben und etwas aus­ru­hen. — Cucur­ru­cu! Yanuk

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20.12 UTC
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lichtwellensegel

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romeo : In der ver­gan­ge­nen Nacht war ich begeis­tert in Chi­ca­go auf dem Bild­schirm. Ich hat­te des­halb kei­ne Zeit, einen Text zu schrei­ben oder über einen Text nach­zu­den­ken. Will nun statt­des­sen ein klei­nes Stück zitie­ren, das ich im Okto­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res bereits notier­te, als ich sehr glück­lich gewe­sen war. Fol­gen­des: Man stel­le sich ein­mal ein Zim­mer vor, ein freund­li­ches, hel­les Zim­mer von aller­feins­ter Qual­len­haut, von Was­ser, von Salz, von Licht. Man könn­te die­ses Zim­mer, und alles, was sich im Zim­mer befin­det, das Qual­len­bett, die Qual­len­uhr, und all die Qual­len­bü­cher und auch die Schreib­ma­schi­nen von Qual­len­haut, trock­nen und fal­ten und sich 10 Gramm schwer in die Hosen­ta­sche ste­cken. Und dann geht man mit dem Zim­mer durch die Stadt spa­zie­ren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und setzt sich in ein Kaf­fee­haus und war­tet. Man sitzt also ganz still und zufrie­den unter einer Ven­ti­la­tor­ma­schi­ne an einem Tisch, trinkt einen Becher Kakao und lächelt und ist gedul­dig und sehr zufrie­den, weil nie­mand weiß, dass man ein Zim­mer in der Hosen­ta­sche mit sich führt, ein Zim­mer, das man jeder­zeit aus­pa­cken und mit etwas Was­ser, Salz und Licht, zur schöns­ten Ent­fal­tung brin­gen könn­te. – Null Uhr acht: Haben wir noch alle Tas­sen im Schrank? — stop

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yanuk : cucurrucu!

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tan­go

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : RAIN
date : oct 23 08 6.52 p.m.

Lie­ber Mr. Lou­is, froh bin ich, lesen zu dür­fen, dass Du wie­der Schlaf fin­den kannst. 38 Tage mit je nur ein oder zwei Stun­den der Ruhe, das ist eine lan­ge Zeit. Du musst wohl bald Gespens­ter gese­hen haben, ja, das neh­me ich an, Geis­ter oder sol­che Wesen, die eigent­lich nicht für Dich anwe­send sind. Ich kann nach­füh­len, wie schwer die­se Tage für Dich gewe­sen sein müs­sen. Auch ich schla­fe nicht gut zur­zeit. Seit acht Tagen Regen ohne Unter­bre­chung. Ver­las­se kaum das Zelt, stän­dig Geräu­sche des Was­sers. Kühl ist es gewor­den auf Höhe 286. Ich habe alles so weit vor­be­rei­tet, dass ich unver­züg­lich wei­ter klet­tern kann, sobald der Regen nach­ge­las­sen haben wird. Vor zwei Tagen hat­te ich einen Ver­such gewagt und mich auf den Weg gemacht. Aber der Stamm mei­nes Bau­mes und alle Gewäch­se, die ich übli­cher­wei­se nüt­ze, um mich fest­zu­hal­ten, sind so feucht, als sei­en sie Unter­was­ser­pflan­zen. Wun­de­re mich, dass ich Dei­ne Nach­richt über­haupt emp­fan­gen konn­te. Viel­leicht könn­test Du mir etwas Lite­ra­tur über­mit­teln. Wäre das mög­lich? Solan­ge ich nichts zu lesen habe, ver­trei­be ich mir die Zeit mit der Ret­tung von Amei­sen. Schwimmt eine an mei­nem Zelt vor­bei, bie­te ich ein Stöck­chen an oder ein Blatt und fische sie aus den Sturz­bä­chen her­aus. Sie sind alle sehr ähn­lich in der Art und Wei­se, wie sie sich trock­nen. Zunächst strei­fen sie sich das Was­ser von den Augen, dann bebt ihr Hin­ter­leib, eine unglaub­lich schnel­le Bewe­gung. Kaum zufrie­den, lau­fen sie im Zelt her­um und kämp­fen gegen wei­te­re zufrie­de­ne Art­ge­nos­sen. Ja, jeder kämpft hier gegen jeden, als hät­ten sie alle unter der Erfah­rung des Was­sers ihr Gedächt­nis ver­lo­ren. – Cucur­ru­cu! Yanuk

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20.58 UTC
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callas box

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alpha : 8.02 — Ges­tern Abend die Arbei­ten an Cal­las Box 2.0 auf­ge­nom­men. Such­te zwei Stun­den einen Zugang zur Struk­tur selt­sa­mer Codes, die ich vor Jah­ren notier­te.  — Frü­her Mor­gen jetzt. Ers­te Stra­ßen­bah­nen kreu­zen vor dem Fens­ter. Vom Dach her, durch den Kamin getra­gen, das Gespräch der Tau­ben. Für eini­ge Stun­den habe ich die schwe­re Mecha­nik der Zeit ver­ges­sen. — stop

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bryant park

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sier­ra : 8.57 — Es hat­te Stun­den lang gereg­net, jetzt dampf­te der Boden im süd­wärts vor­rü­cken­den Nord­licht, und das Laub, das alles bedeck­te, die stei­ner­nen Bän­ke, Brun­nen und Skulp­tu­ren, die Büsche und Som­mer­stüh­le der Cafés, beweg­te sich trock­nend wie eine abge­wor­fe­ne Haut, die nicht zur Ruhe kom­men konn­te. Boule­spie­ler waren vom Him­mel gefal­len, feg­ten ihr Spiel­feld, schon war das Kli­cken der Kugeln zu hören, Schrit­te, Rufe. Wie ich so zu den Spie­lern schlen­der­te, kreuz­te eine jun­ge Frau mei­nen Weg. Sie tas­te­te sich lang­sam vor­wärts an einem wei­ßen, sehr lan­gen Stock, den ich ein­ge­hend beob­ach­te­te, rasche, den Boden abklop­fen­de Bewe­gun­gen. Als sie in mei­ne Nähe gekom­men war, viel­leicht hat­te sie das Geräusch mei­ner Schrit­te gehört, sprach sie mich an, frag­te, ob es bald wie­der reg­nen wür­de. Ich erin­ne­re mich noch gut, zunächst sehr unsi­cher gewe­sen zu sein, aber dann ging ich ein Stück an ihrer Sei­te und berich­te­te vom Okto­ber­licht, wel­ches ich so lieb­te, von den Far­ben der Blät­ter, die unter unse­ren Füßen raschel­ten. Bald saßen wir auf einer nas­sen Bank, und die jun­ge Frau erzähl­te, dass sie ein klei­nes Pro­blem haben wür­de, dass sie einen Brief erhal­ten habe, einen lang erwar­te­ten, einen ersehn­ten Brief, und dass sie die­sen Brief nicht lesen kön­ne, ein Mann mit Augen­licht hät­te ihn geschrie­ben, ob ich ihr den Brief vor­le­sen kön­ne, sie sei so sehr glück­lich, die­sen Brief end­lich in Hän­den zu hal­ten. Ich öff­ne­te also den Brief, einen Luft­post­brief, aber da stan­den nur weni­ge, sehr har­te Wor­te, ein Ende in sechs Zei­len, Druck­buch­sta­ben, eine schlam­pi­ge Arbeit, rasch hin­ge­wor­fen, und obwohl ich wuss­te, dass ich etwas tat, das ich nicht tun durf­te, erzähl­te mei­ne Stim­me, die vor­gab zu lesen, eine ganz ande­re Geschich­te. Liebs­te Mar­len, hör­te ich mich sagen, liebs­te Mar­len, wie sehr ich Dich doch ver­mis­se. Konn­te so lan­ge Zeit nicht schrei­ben, weil ich Dei­ne Adres­se ver­lo­ren hat­te, aber nun schrei­be ich Dir, schrei­be Dir aus unse­rem Café am Bryant Park. Es ist gera­de Abend gewor­den in New York und sicher wirst Du schon schla­fen. Erin­nerst Du Dich an die Nacht, als wir hier in unse­rem Café Dei­nen Geburts­tag fei­er­ten? Ich erzähl­te Dir von einer klei­nen, dunk­len Stel­le hin­ter der Tape­te, die so rot ist, dass ich Dir nicht erklä­ren konn­te, was das bedeu­tet, die­ses Rot für sehen­de Men­schen? Erin­nerst Du Dich, wie Du mit Dei­nen Hän­den nach jener Stel­le such­test, wie ich Dei­ne Fin­ger führ­te, wie ich Dir erzähl­te, dass dort hin­ter der Tape­te, ein Tun­nel endet, der Euro­pa mit Ame­ri­ka ver­bin­det? Und wie Du ein Ohr an die Wand leg­test, wie Du lausch­test, erin­nerst Du Dich? Lan­ge Zeit hast Du gelauscht. Ich höre etwas, sag­test Du, und woll­test wis­sen, wie lan­ge Zeit die Stim­men wohl unter dem atlan­ti­schen Boden reis­ten, bis sie Dich errei­chen konn­ten. – An die­ser Stel­le mei­ner klei­nen Erzäh­lung unter­brach mich die jun­ge Frau. Sie hat­te ihren Kopf zur Sei­te geneigt, lächel­te mich an und flüs­ter­te, dass das eine sehr schö­ne Geschich­te gewe­sen sei, eine tröst­li­che Geschich­te, ich soll­te den Brief ruhig behal­ten und mit ihm machen, was immer ich woll­te. Und da war nun das aus dem Boden kom­men­de Nord­licht, das Knis­tern der Blät­ter, die Stim­men der spie­len­den Men­schen. Wir gin­gen noch eine klei­ne Stre­cke neben­ein­an­der her, ohne zu spre­chen. Ich seh gera­de ihren über das Laub tas­ten­den Stock und ein Eich­hörn­chen mit einer Nuss im Maul, das an einem Baum­stamm kau­er­te. Bei­na­he kommt es mir in die­ser Sekun­de so vor, als hät­te ich die­ses Eich­hörn­chen und sei­ne Nuss nur erfun­den. — stop

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