Aus der Wörtersammlung: stunde

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bratflügel

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17.46 — Ich ver­mag heut­zu­ta­ge, moder­ne Zei­ten, ohne wei­te­re Vor­be­rei­tung, — der Füt­te­rung, des Jagens, der Schlach­tung bei­spiels­wei­se -, eine hal­be Stun­de auf einem Fahr­rad durch die Stadt fah­ren, und wäh­rend ich so fah­re und pfei­fe und mit Kno­chen wer­fe, vor­weg­ge­bra­te­ne Flü­gel ver­zeh­ren. 10 Cent das Stück. 15 Schwin­gen. 15 Vögel. — stop
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déjà-vu

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15.08 — In der schwan­ken­den Stra­ßen­bahn höre ich, wie sie mit bren­nen­den Augen nach Wor­ten suchen für das schep­pern­de Licht des Magne­si­ums, für das Fau­chen der ben­ga­li­schen Feu­er, die sie in Hän­den gehal­ten haben. Da ist eine Nacht­se­kun­de, die Sekun­de, in der sie das rote, das ver­bo­te­ne Stäb­chen ent­zün­det und gera­de noch eben recht­zei­tig von sich gewor­fen haben, da ist das Heu­len der chi­ne­si­schen Pul­ver­pfei­fen, da sind Fun­ken­re­gen, da sind blau­graue Wölk­chen, die sich auf klei­ne Zun­gen nie­der­le­gen. Nicht die Feu­er­blu­men des Him­mels, das Spek­ta­kel der nächs­ten Nähe ent­fes­selt die Erin­ne­rung von Stun­de zu Stun­de. Zünd­höl­zer, ver­bor­gen in Hosen­ta­schen, sind zurück­ge­blie­ben, auch die­ses Schwe­fel­holz, eine heim­li­che Geschich­te. — stop

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libellen

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15.11 — Ich sit­ze bei gro­ßer Hit­ze von Büchern umge­ben seit Stun­den bereits auf dem höl­zer­nen Boden mei­nes Arbeits­zim­mers. Lese da eine klei­ne Geschich­te und dort einen Absatz und hier eine Zei­le und mische im Kopf und war­te, bis sich alles wie­der von­ein­an­der absetzt. Gleich wer­de ich Wong Kar Wais < 2046 > auf­le­gen. Jetzt leich­ter Regen, die Fens­ter geöff­net. Dut­zen­de Fal­ter, die sich, nach Licht süch­tig, wie­der und wie­der in den Bild­schirm stür­zen. Ich soll­te mir zwei kraft­vol­le Libel­len hal­ten. — stop

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nebelhorn

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1.28 — Ges­tern Abend in der Däm­me­rung bin ich durch den Regen gestapft, weil ich gele­sen hat­te, auf dem Post­amt wür­de ein Paket auf mich war­ten. Ich ging also los mit mei­nem Regen­schirm, der sehr schö­ne Geräu­sche macht, wenn Was­ser aus gro­ßer Höhe auf ihn her­ab­fällt. Und weil es sehr win­dig war, muss­te ich den Schirm etwas schräg vor mich stel­len, wie einen Schild viel­leicht, des­halb habe ich von den Men­schen, die mir begeg­ne­ten, nur Schu­he gese­hen oder Bei­ne in Strümp­fen oder Hosen oder flat­tern­de Män­tel. Sehr selt­sam, die­ser exqui­si­te Blick auf die Werk­zeu­ge des Gehens, sehr selt­sam, wie schnell mensch­li­che Wesen sich doch bewe­gen. Bald war ich wie­der auf dem Weg zurück, ein Paket unter dem Arm, den Schirm nun, ein Segel, im Nacken, Blick auf feuch­te Schil­de, die sich mir ent­ge­gen­stemm­ten, dar­un­ter Art­ge­nos­sen, geräusch­los. — Aber jetzt zu dem, was ich eigent­lich erzäh­len will. Auf mei­nem Schreib­tisch ruht seit sechs Stun­den ein fein gestal­te­tes Buch von rau­em, kräf­ti­gem Papier, ein Buch, das mit dem Schiff zu mir über den Atlan­tik reis­te, wes­we­gen es fünf Wochen unter­wegs gewe­sen war, in einem Con­tai­ner ver­mut­lich bei Wind und Wet­ter, also roll­te und übers Was­ser schlin­ger­te, auf und ab getra­gen von sehr hohen und klei­ne­ren Wel­len. Ich habe lan­ge Zeit auf die­ses Buch gewar­tet, eine sehr lan­ge Zeit. Als ich zu war­ten begann, war noch Som­mer gewe­sen und jetzt ist schon Win­ter gewor­den. Nun end­lich liegt das klei­ne Buch, das von den Zwil­lin­gen Dai­sy und Vio­let Hil­ton erzählt, auf mei­nem Schreib­tisch oder in mei­ner Küche oder auf mei­nem Sofa oder auf mei­ner Brust, wenn ich trotz der Begeis­te­rung kurz ein­mal ein­ge­nickt sein soll­te. Da ist eine Bewe­gung im Halb­schlaf, ein kaum wahr­nehm­ba­res Schau­keln. Und da sind zwit­schern­de Mäd­chen­stim­men, und das Nebel­horn eines Damp­fers vor Brigh­ton. — stop

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cinema

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12.52 — Neh­men wir ein­mal an, jen­seits der uns bekann­ten Lebens­zeit­räu­me wür­de eine Zeit exis­tie­ren, ein Zeit­ort, an dem wir unbe­grenzt anwe­send sein könn­ten, eine Gegend wei­ter­hin, von der aus wir in ein ver­gan­ge­nes Leben zurück­schau­en und rei­sen könn­ten, indem wir Fil­me geleb­ter Tage betrach­te­ten. Neh­men wir also an, die­ses Kino wür­de exis­tier­ten, dann soll­te ich von die­ser Stun­de an, — nicht eine Minu­te soll­te ich ver­schwen­den -, Fil­me von star­kem Licht ver­zeich­nen, Gedan­ken wie Erleb­nis­se behan­deln, sodass sie spä­ter gleich­wohl als Fil­me zu besich­ti­gen wären. Ich set­ze mich also in eine U‑Bahn oder in einen Park oder vor mei­nen Schreib­tisch und mache je einen Film für spä­ter nur mit dem Kopf. — stop

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nadine gordimer

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10.15 — Lek­tü­re der Erzäh­lung Some­thing out The­re von Nadi­ne Gor­di­mer auf­ge­nom­men. Sofort der Wunsch, in der Elek­tro­sphä­re nach einer Foto­gra­fie des Kari­ba­see zu suchen, weil Mrs. Gor­di­mer vom künst­li­chen Gewäs­ser in der Savan­nen­land­schaft erzählt, von Ele­fan­ten gleich­wohl, die sich in sei­ne Flu­ten stürz­ten, um uralten Wan­der­rou­ten zu fol­gen. — Was haben die ertrin­ken­den Tie­re dort unter dem Was­ser­spie­gel gese­hen? — Wovon haben sie gehört in ihrer letz­ten Lebens­se­kun­de? — Ich lese von der Tie­fe des Sees, von Fischen, die in ihm leben sol­len, von der Luft­feuch­tig­keit und vom Gewicht der Ele­fan­ten­kör­per, von der Bio­dich­te ihrer Kör­per und von Kul­tu­ren in See­nä­he sie­deln­der Men­schen. Und wäh­rend ich so vor mich hin lese, von Sei­te zu Sei­te, von Link zu Link, ver­geht eine Stun­de Zeit. Plötz­lich erin­ne­re ich mich an Nadi­ne Gor­di­mer und ihr Buch und setz­te mei­ne Lek­tü­re fort. — stop

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herzschlag

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2.18 — Von Zeit zu Zeit, wenn ich in einem bota­ni­schen Gar­ten sit­ze bei­spiels­wei­se, wenn ich mir wün­sche, eine der chi­ne­si­schen Nach­ti­gal­len möge von den Bäu­men her­un­ter­kom­men und sich zu mir set­zen, hal­te ich die Luft so gründ­lich an, dass ich zu einer laut­lo­sen Erschei­nung wer­de unter scheu­en Vögeln. – Stun­den des Arbei­tens, des War­tens. — Das kaum noch wahr­nehm­ba­re Brau­sen einer Stadt jen­seits der Bäu­me, jen­seits der Mau­ern. – Trop­fen­des Was­ser. — Mei­ne Hän­de, die die Tas­ta­tur der Notier­ma­schi­ne so behut­sam berüh­ren, als wür­den sie Amei­sen­rü­cken beschrif­ten. — Weit nach Mit­ter­nacht. Es ist so still, dass ich glau­be, von fern mei­nen Herz­schlag zu hören. — stop

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segelspinne

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3.08 — Eine Stun­de genau ist ver­gan­gen, seit ein sehr klei­ner Gegen­stand den Luft­raum über der Tas­ta­tur mei­ner Schreib­ma­schi­ne durch­quer­te. Er kam von links, also von Wes­ten, und flog nach rechts, also gegen Osten, und weil nicht das gerings­te Geräusch zu hören war, das Geräusch eines Auf­pralls in etwa, war ich zunächst über­zeugt, mich geirrt zu haben. Aber dann konn­te ich im Licht der Tisch­lam­pe einen sehr fei­nen Faden erken­nen, der sich über die Tas­ten gelegt hat­te. Ich erin­ner­te mich sofort an eine Spin­ne, die ich im Früh­jahr zuletzt auf mei­nem Schreib­tisch gese­hen habe, ein hüb­sches, geräusch­lo­ses Wesen. — Es ist jetzt kurz nach halb fünf Uhr und ich bin zufrie­den. Ich habe eine Stun­de lang nichts getan, als mit einem fei­nen Pin­sel bewaff­net auf der Schreib­tisch­plat­te unter dem Licht des Elek­tro­mon­des einen Kampf gegen eine Spring­spin­ne zu fech­ten, die kaum grö­ßer ist als ein Steck­na­del­kopf, schwarz und weiß geti­gert, und so ver­spielt wie eine jun­ge Kat­ze. — Habe ich die­sem Text nicht bereits vor lan­ger Zeit ein­mal nach­ge­dacht? — stop

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