delta : 2.05 — Mitten in der Nacht wachte ich auf. Vor den Fenstern fiel Schnee, buschige Flockenpelze, sehr dicht, aus der Entfernung, ein heller, sich bewegender Schatten. Esmeralda hockte auf dem Fensterbrett und sah hinaus. Sie schien tatsächlich Schneeflocken zu beobachten, vielleicht deshalb, weil es in der Wohnung zur Nachtzeit, ich hatte geschlafen, nichts weiter zu untersuchen gab. Ich überlegte, ob es möglich wäre, die kleine Schnecke, die nun seit Oktober des Jahres 2013 in meiner Nähe lebt, einmal mit nach New York zu nehmen. Ich müsste sie im Handgepäck verstauen, heimlich, vielleicht in einer Dose verbergen, die belüftet ist. Ich könnte eine Handvoll Sultaninen als Schneckenproviant mit mir nehmen in der Hosentasche, Esmeralda füttern, während wir über den Atlantik fliegen. Es ist seltsam, ich habe lange Zeit darüber nachgedacht, wer mir Esmeralda geschenkt haben könnte, wer sie vor zwei Jahren für mich in eine Schachtel setzte und weshalb. Vor einigen Wochen, als Esmeralda gerade friedlich schlafend vor mir auf dem Schreibtisch auf einer Banane saß, näherte ich mich mit einem Ohr und lauschte an ihrem Häuschen. Ich hörte nichts oder nur eine Vorstellung, ein summendes Geräusch. Bald wäre ich aufgestanden, wollte mir feines Werkzeug aus der Küche holen, wollte ein äußerst feines Loch in Esmeraldas Schneckengewinde bohren. Als hätte sie geahnt, was ich plante, als hätte sie meinen zugleich nachdenklichen wie bereits entschlossenen Blick bemerkt, richtete Esmeralda ihre Fühler nach mir aus und musterte mich. Ich meinte in diesem Augenblick ein Lächeln in ihrem Gesicht bemerkt zu haben. — stop
Aus der Wörtersammlung: augen
morgenzeitung
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himalaya : 0.36 — Meine Mutter überlegte vor einigen Tagen, ob sie ihre geliebte Zeitung, die sie ein halbes Leben lang jeden Morgen in aller Frühe studierte, nicht vielleicht abbestellen sollte, weil sie nicht mehr so schnell lesen würde wie früher noch, also weniger Zeitung wahrnehmen könne in derselben Zeit. Sie rief bei der Zeitung an. Ein junger Mann, der die Gefahr erkannte, eine treue Leserin zu verlieren, machte ihr unverzüglich ein großzügiges Angebot. Er sagte, wenn sie die Zeitung weitere 2 Jahre abonnieren würde, müsste sie ein halbes Jahr lang für ihre Zeitung nichts bezahlen, weswegen meine Mutter sofort von ihrem Wunsch, sich um ihr Lesevergnügen zu bringen, Abstand nahm. Sie abonnierte also die Zeitung für weitere 2 Jahre, obwohl sie doch möglicherweise langsamer und noch langsamer lesen wird, also jener Teil der Zeitung, der ungelesen, größer werden wird. Der junge Mann am Telefon hatte im übrigen auch für dieses Problem ungelesener Zeitungsabteile eine beruhigende Mitteilung zu machen. Er sagte, die Zeitung würde auch dann gedruckt, wenn Mutter sie abbestellen würde, was vermutlich der Fall ist, ein Argument, das wirkte. Als ich Mutters Geschichte hörte, dachte ich, man müsste einmal elektrische Papiere erfinden, hauchdünne Computerbildschirme, die zu einem Gefäß versammelt sind, das sich anfühlt wie eine Zeitung. Über Funk würden Zeichen gesendet werden, gerade so viele Zeichen wie üblicherweise gelesen werden von dem Besitzer des Zeitungsgefäßes, Zeichen über Literatur und Lokales und über die Politik der großen, weiten Welt. Eine Zeitung mit Augen, eine Zeitung, die vermerkt, wie viele ihrer Zeichen präzise gelesen werden, eine Zeitung beinahe wie ein Computer, oder, genauer gesagt, ein Computer, der sich wie eine Zeitung anfühlen würde, in dem man blättern könnte, ein Computer der raschelt, oder eben eine Zeitung, die man ausschalten kann. — stop

vom gecko
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marimba : 0.55 — Gestern, während ich noch schlief, hörte ich ein Geräusch, welches die Ankunft einer E‑Mail meldete, die gerade in diesem Augenblick, da ich noch nicht wach geworden war, an meine Schreibmaschine ausgeliefert wurde. Ich hatte vielleicht vergessen, sie auszuschalten, oder aber es existieren E‑Mailvarianten, die in der Lage sind, schlafende Computer zu wecken, sowie Menschen, die in ihrer Nähe schlummern. Javier hatte wichtige Nachrichten für mich. Ich antwortete ihm rasch: Lieber Javier, ich freu mich sehr, dass Sie sich die Mühe machten, mir zu schreiben. Obwohl wir uns nicht persönlich kennen, wollen Sie mich großzügig auf einen Fehler aufmerksam machen, der mir vor wenigen Tagen unterlaufen ist. Ich danke Ihnen herzlich. Sie haben in dem Film eines russischen Kamerateams, von dem ich erzählte, entgegen meiner eigenen Beobachtung doch einige offensichtlich lebende Menschen entdeckt, fürwahr, ich habe sie nun gleichfalls wahrgenommen, fünf Personen, vermutlich Männer, die in der oberen Hälfte des Bildausschnitts von der 18. bis zur 24. Filmsekunde zu erkennen sind. Ich frage mich, wie konnte ich sie übersehen? Und ich frage mich weiterhin, ob jene Männer in dem Moment, da der Drohnenvogel über ihnen flog, zum Himmel schauten, ob sie die fliegende Bildmaschine wahrnehmen konnten, und wenn ja, weshalb sie nicht flüchteten. Mit jedem Tag entstehen weitere Fragen, die ich vielleicht niemals beantworten kann. Gestern hörte ich, dass die Ohren der Geckos mittels eines Tunnels miteinander verbunden sein sollen. Wenn man nun einem Gecko mittels einer Taschenlampe in sein linkes Ohr leuchtete, würde das Taschenlampenlicht aus seinem rechten Ohr wieder herauskommen. Wie ich mich über diese Nachricht freute. Herzliche Grüße sendet Ihnen Ihr Louis — stop
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homs
delta : 0.25 — Noch nicht lang her, da entdeckte ich einen Film, der seltsamerweise einige Tage später auf der Position, da ich ihn im Internet bemerkt hatte, nicht mehr anzutreffen war. Der Film, so wird erzählt, war von einer Drohne aus aufgenommen worden, einem künstlichen Vogel, der über und durch die Straßen der Stadt Homs gesteuert worden war. Beinahe hätte ich notiert, die Drohne, sie muss ein recht großes Gerät gewesen sein, sei durch die Straßen der Stadt geirrt, aber für dieses Wort irren flog die Drohne viel zu souverän herum und über Häuser hinweg, sie bewegte sich wie eine professionelle Filmdrohne einer Hollywoodproduktion, oder aber so, als wäre sie an einem gefederten Schwenkkran befestigt, sie bewegte sich erschütterungsfrei durch die Luft, keinerlei Druckwelle, kein Wind weit und breit. Was wir sehen, wenn wir diesen Film betrachten, ist eine fürchterlich zerstörte Stadt. Ich habe diese Art Verwüstung auf Fotografien gesehen, Fotografien der Stadt München oder der Stadt Berlin oder Frankfurts, die im Jahr 1945 aufgenommen worden waren. Ich erinnere mich, man sah dort Menschen, die mit Eimern in langen Reihen hintereinander standen, um Steine in einer Kette zu transportieren, oder Menschen mit Kinderwagen, in welchen Kartoffelsäcke lagen, Menschen mit Rucksäcken und Menschen mit Koffern, die sie über Schuttberge wuchteten. Im mehrere Minuten andauernden Flug über und durch die Stadt Homs war jedoch kein Mensch zu erkennen. Mehrfach habe ich den Film vor und zurückgespielt, nein, kein Mensch war zu sehen, nicht ein einziger Mensch, sosehr ich meine Augen bemühte, nicht einmal Geister. — stop

vom zeitfalten
alpha : 0.55 — Ich erinnerte mich, ich weiß nicht warum, an eine Geschichte Julio Cortázar’s, die von einer Fliege erzählt, die auf dem Rücken geflogen sein soll, als der Autor sie entdeckte, Augen nach unten demzufolge, Beinchen nach oben, ein für Fliegentiere nicht übliches Verhalten. Natürlich musste diese seltsame Fliege unverzüglich näher betrachtet werden. Julio Cortázar erfand deshalb ein Zimmer, in welchem die Fliege fortan existierte, und einen Mann, der die Fliege zu fangen suchte. Wie zu erwarten gewesen, war der Mann in seiner Beweglichkeit viel zu langsam, um die Fliege behutsam, das heißt, ohne Beschädigung, erhaschen zu können. Er bemühte sich redlich, aber die Fliege schien jede seiner Bewegungen vorherzusehen. Nach einer Weile machte sich der Mann daran, das Zimmer, in dem er sich mit der Fliege aufhielt, zu verkleinern. Er faltete Papiere zu Schachteln, die den Flugraum der besonderen Fliege nach und nach derart begrenzten, dass sie sich zuletzt kaum noch bewegen konnte. Fliege und Fänger waren in einem lichtlosen Raum innerhalb eines Schachtelzimmers gefangen, daran erinnere ich mich noch gut, oder auch nicht, weil ich diese Geschichte bereits vor langer Zeit gelesen habe, immer wieder von ihr erzählte, weshalb sich die Geschichte verändert, von der ursprünglichen Geschichte entfernt haben könnte. Sicher ist, dass diese Geschichte von einer Fliege erzählt, die auf dem Rücken fliegt, und auch, dass ich nicht sagen kann, warum ich mich plötzlich an sie erinnerte, und auch nicht, ob ich mich jemals wieder an sie erinnern werde. — stop

mexico
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nordpol : 1.15 — Gestern Abend ist etwas Lustiges passiert. Schnecke Esmeralda entdeckte eine Möglichkeit, mein Fernsehgerät zu besteigen. Sie saß wohl schon eine Weile dort obenauf, als ich sie, kurz nachdem ich das Fernsehgerät eingeschaltet hatte, bemerkte. Vom aufblendenden Licht unter ihrem Haftfuß überrascht, begann sie, kreuz und quer über den Bildschirm zu flüchten, ihre Augen indessen streckte sie so weit wie möglich von sich, schließlich ließ sie sich einfach fallen, wand sich auf dem Boden als wäre sie verrückt geworden, lag dann eine Weile still, sodass ich mich vorsichtig näherte, weil ich fürchtete, sie könnte ernsthaft Schaden genommen haben. Ich fuhr, um ihre Lebensgeister zu locken, mit einem feinen Pinsel über ihre feuchte, ledrige Haut, und bemerkte bald, wie ein Schimmern über ihren Körper wanderte. Kurz darauf streckte sich ihr Körper unter ihrem schweren Gehäuse in der Art der Schecken, wenn sie sich erheben, und wanderte über den Boden fort in die Diele und von dort aus in die Küche hoch auf den Tisch, wo sie nun seit Stunden auf einer Banane sitzt. Ich glaube, sie schläft, ihre Turmaugen haben sich in den Körper zurückgezogen, aber sie erwacht unverzüglich, wenn ich und solange ich telefoniere, zum Beispiel mit M., die von ihrem Freund erzählt, der bald nach Mexiko reisen wird. Sie wohnt seit Jahren mit ihm in einer Wohnung, ohne ein Wort mit ihm zu sprechen. Sie sagt, jede seiner Reisen seien für sie mit dem Wunsch verbunden, er möge bald zurückkehren, sie sei fröhlich, sobald er wieder in die Wohnung trete, sprechen werde sie jedoch nie wieder mit ihm an diesem Ort, und das sei gut so, weil sie sich in dieser Weise zu Hause nie streiten, sie lebten sehr harmonisch, er mache immer Frühstück für sie, er lege Fotografien, zum Beispiel von Mexiko, auf ihren gemeinsamen Tisch, sie suche dann die Guten heraus, Bilder, die gelungen sind, es gebe nie Diskussionen deswegen, weil sie eben nicht mehr miteinander sprechen, höchstens mit den Augen und mit den Händen oder mittels Gegenständen, die irgendwo liegen oder nicht liegen. — stop
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uhrwerke
alpha : 2.05 — Im Traum betrete ich ein Zimmer, das vollständig weiß ist und voll hellem Licht. Nichts zu hören. In der Mitte des Zimmers sitzt ein unbekleideter Mann auf dem Boden, seine Haut strahlt beinahe so hell wie die Wände, der Boden und die Decke des Zimmers. Der Mann scheint zu schlafen, seine Augen sind geschlossen. Obwohl ich auf Zehenspitzen gehe, mache ich Geräusche, aber ich kann nicht sagen, ob der Schlafende mich wahrnehmen kann. Im Näherkommen vernehme ich ein Rauschen, das von dem Mann unmittelbar auszugehen scheint. Einen Schritt später entdecke ich tausende Uhren in der Größe der 5 Centmünzen. Sie liegen unmittelbar unter der Haut des Mannes geborgen, Sekundenzeigerschatten kreisen dort, tausende Zeiger, eine eigentümliche Erscheinung, als würde die Haut des Mannes leicht angehoben sein, als würde sie über seinem Körper schweben, sich frei bewegen. Die Uhren im Übrigen zeigen unterschiedliche Zeiten an. So konzentriert ich auch suche, ich kann kein Prinzip entdecken, das die Zeiten der Uhrwerke regelt. Selbst unter den Augenlidern des Mannes bemerke ich Uhren. Ich schlafe dann ein im Traum. — stop
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von händen
nordpol : 6.02 — Ob ein Mann, der schreibt, gut oder schlecht schreibt, ist gleich ausgemacht, ob aber einer, der nichts schreibt und stille sitzt, aus Vernunft oder aus Unwissenheit stille sitzt, kann kein Sterblicher ausmachen. G.C.Lichtenberg. Ich vergesse, obwohl ich ihre Bewegungen mit den Augen verfolge, meine Hände, sobald ich schreibe. — Warum?

es ist abend
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marimba : 6.02 – Wie Schnee, ein gutes Dutzend Menschenfotografien. Von L., die über einem Buch eingeschlafen ist, wie sie an einem Küchentisch sitzt, den Kopf auf ihre Hände gebettet, sie muss bemerkt haben, dass sie gleich das Bewusstsein verlieren wird. Von M., der im Wald über eine Wiese voller Schneeglöckchen spaziert, ein Manuskript in der linken Hand, dessen Sätze er auswendig lernen muss, um sie auf einer Bühne zu sprechen. Er geht schnell, weil kaum noch Zeit ist, aber das ist auf der Schwarz-Weiß-Fotografie nicht zu erkennen. Von P., die vor einer Erdmulde unter einer Birke steht. Das Grab der Eltern ist verschwunden, der Hügel voller Blumen, ein Gedenkstein, aber die Birke ist noch da, sie war schon da, als sie geboren wurde, und sie weiß, dass tief da unten auch die Knochen der Eltern noch immer anwesend sind. Von I., der sich, wie ein Jahr zuvor, Tag für Tag darüber freut, dass er das Wort Kühlschrank zu erinnern vermag. Von J., die einen Fotoapparat auf sich selbst richtet an einem Abend, da sie bemerkt, dass das Sausen in ihren Ohren plötzlich verschwunden ist, wie sie der Stille lauscht. Von K., die über eine Straße stürmt auf dem Weg zum Tanz, barfuß, ihre roten, flachen Lederschuhe in der rechten Hand, und obwohl es regnet, wirbeln nasse Blätter hinter ihr durch die Luft. Von N., deren Schwester in Kobanê kämpfte, wie sie schläft. Die Schwester soll N. ähnlich gewesen sein, aber niemand weiß das so genau, weil die Schwester vor 15 Jahren in den Untergrund verschwand, weil sie in den Bergen kämpfte, weil der Krieg mit Menschengesichtern macht was er will, weil sie nie wieder zurückkehren wird. Von M., die im Dezember noch in den Bergen wanderte auf einer Alm, wo der Schnee Muster auf eine Wiese zeichnete, wie sie auf der Haut der Sommerkühe anzutreffen sind. Von dem kleinen H. aus Aleppo, der sich wundert, dass er noch immer lebt. Er zeigt gerade Siegeszeichen mit beiden Händen, als der Fotograf seinerseits seine letzte Aufnahme macht. Von K., der mit geschlossenen Augen auf einer Violine spielt, die aus Stirnknochen eines gestrandeten Wales geschnitzt wurde. Von Y., die in einem feinen dunkelblauen Kostüm nahe Columbus Circle im Central Park neben einem Rollkoffer steht und mit einem Eichhörnchen spricht, das mit gespitzten Ohren vor ihr sitzt. Es ist Abend. — stop
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nahe central park
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alpha : 6.55 – Früher Abend, Sommer. Ein Reporter befragt ein Mädchen nahe Central Park. Das Mädchen, 8 Jahre alt, trägt ein rotes Kleid. Was willst Du einmal werden, will der Reporter wissen. Das Mädchen schaut sich kurz um. Es scheint seine Antwort bereits zu kennen, aber vielleicht ist seine Antwort ein Geheimnis, von dem nicht jeder Kenntnis haben darf. Das Mädchen sagt: Ich will Meerjungfrau werden, und verdreht die Augen. Das ist aber eine schöne Idee, antwortet der Reporter. Das Mädchen überlegt für einen Moment. Nein, sagt es dann, das ist keine Idee, sondern Bestimmung. Freust Du Dich, Meerjungfrau zu werden, fragt der Reporter. Aber natürlich, sagt das Mädchen. Seit wann weißt Du denn, dass Du Meerjungfrau werden wirst? Ach, schon immer, antwortet das Mädchen, und verdreht wieder die Augen. Für einen Augenblick schweigt der Reporter, um dann fortzusetzen: Was ist die größte Herausforderung für Dich auf dem Weg, eine Meerjungfrau zu werden. Oh, sagt das Mädchen, die Luft anzuhalten. Jetzt hüpft es davon. — stop
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