Aus der Wörtersammlung: ende

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weitrufend

14

sier­ra

~ : lou­is
to : Mr. jona­than noe kek­ko­la
sub­ject : RADAR

Mein lie­ber Jona­than. Noch immer kein Zei­chen. Aber ich weiß, ich spü­re, dass Sie am Leben sind. Des­halb schrei­be ich wei­ter, über­mitt­le mei­ne Nach­rich­ten an Sie in der Hoff­nung, dass irgend­wann ein­mal eine Ant­wort ein­tref­fen wird. – Vor zwei Tagen von einer klei­nen Rei­se zurück­ge­kom­men, bin ich noch etwas müde, aber froh und vol­ler Zuver­sicht. Ich habe in einem Saal vor Men­schen aus einem Text vor­ge­le­sen, den Sie bereits ken­nen. Ich konn­te mei­ne Zuhö­rer nicht sehen, weil mein Gesicht beleuch­tet war. Und weil ich sie so wenig hören wie ich sie sehen konn­te, dach­te ich für einen Moment, dass sie viel­leicht auf­ge­hört haben zu atmen oder ganz ver­schwun­den sind, ohne dass ich ihre Flucht bemerk­te. Ich beob­ach­te­te mei­ne Stim­me, wäh­rend ich las. Sie war zunächst eine frem­de, öffent­li­che Stim­me gewe­sen, ent­fernt, aber dann, Wort für Wort, kam sie zu mir zurück. Ja, wie ich lang­sa­mer wur­de, weil mein Herz sich lang­sa­mer, ruhi­ger beweg­te. Wie jene Wör­ter, in einer wei­te­ren Zei­le als der gera­de beschall­ten Zei­le, bereits hör­bar waren in mei­nem Kopf. Ihre besänf­ti­gen­de Gegen­wart, mein lie­ber Jona­than! Und nun bin ich also zurück und den­ke nach und schrei­be Ihnen in der Hoff­nung, dass Sie lesen wer­den, was ich für sie notie­re. Ich habe von Ihnen erzählt, wis­sen Sie! Ich habe erzählt, dass ich mich um Sie sor­ge. Und ich war stolz, von dem ers­ten Men­schen berich­ten zu kön­nen, der sich mit künst­li­chen Lun­gen ver­se­hen, in die nord­ame­ri­ka­ni­sche Wild­nis wag­te. Ja, mein lie­ber Kek­ko­la, ich weiß, dass Sie noch am Leben sind. — Ihr Louis

gesen­det am
28.10.2009
23.58 MESZ
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lou­is to jona­than
noe kekkola »

 

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srebrenica

9

marim­ba : 14.05 – Zur Zeit unse­rer ers­ten Begeg­nung war Anisha zwan­zig Jah­re alt gewe­sen, hat­te gera­de ihr Medi­zin­stu­di­um auf­ge­nom­men und ging gern spa­zie­ren, wäh­rend ich Fra­gen stell­te, zum Bei­spiel, ob es für sie, eine Mus­li­ma, nicht schwie­rig sei, mensch­li­che Kör­per zu zer­glie­dern. Ich erin­ne­re mich, auch im Prä­pa­rier­saal lief sie gern her­um, immer­zu muss­te ich nach ihr suchen und ich such­te gern, weil sie oft fein­sin­ni­ge Gedan­ken in mein klei­nes Ton­band­ge­rät dik­tier­te. Ein­mal stan­den wir in einem Waren­haus vor Fern­seh­ge­rä­ten. Ein Doku­men­tar­film wur­de gezeigt, Sre­bre­ni­ca, wie die Bür­ger der Stadt an ser­bi­sche Trup­pen aus­ge­lie­fert wur­den. Eine Wei­le schau­te Anisha schwei­gend zu. Dann erzähl­te sie in kur­zen Sät­zen eine schwer­wie­gen­de Geschich­te. Das digi­ta­le Auf­nah­me­ge­rät lief wei­ter, wäh­rend ich ihr zuhör­te, wes­we­gen ich ihre Stim­me bald dar­auf mit mir neh­men konn­te, und ich notier­te ihre Bemer­kun­gen so genau wie mög­lich. Ges­tern Abend nun las ich Anisha per­sön­lich vor, was ich damals ein­ge­fan­gen hat­te. Ein selt­sa­mer Moment. Der Ein­druck, dass erst jetzt, sehr viel spä­ter, mit jedem gele­se­nen Wort mein Text authen­tisch wur­de. Die Geschich­te geht so: Stell Dir Män­ner vor, die Apri­ko­sen­bäu­me rau­chen. Wenn Abend wird, zün­den wir Ker­zen an, die wir aus dem Öl der Fisch­kon­ser­ven fabri­zie­ren. Und dann ist Nacht. Mut­ter steht am Fens­ter. Und dann ist Mor­gen und die schwe­ren Män­tel, die wir als Nacht­hem­den tra­gen, sind kalt gewor­den. Anstatt der Häh­ne unse­res Dor­fes, die wir längst gefres­sen haben, krä­hen uns Schüs­se an. Ich sehe die dür­ren Fin­ger mei­nes Vaters, die in sei­nem Gesicht nach Aus­we­gen gra­ben. Sie kom­men über eine graue Woll­de­cke spa­ziert und put­zen mir den Ruß von der Nase. Mut­ter steht immer noch am Fens­ter. Sie summt vor sich hin. Und dann gehen wir fort. Ich tra­ge einen Kof­fer, der groß ist wie ich. Auf einer Wie­se bren­nen Kühe.
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oktobermond

9

marim­ba : 7.12 – Okto­ber­licht, das vom Boden her kom­mend den Him­mel gol­den bemalt. Spa­zie­ren­de Rie­sen­schat­ten. Vor einem Kiosk sitzt eine afri­ka­ni­sche Frau am Bord­stein, spricht luft­wärts in selt­sa­men Spra­chen, als wür­de sie mit ver­stor­be­nen Men­schen tele­fo­nie­ren. — Ich wer­de die Rück­sei­te des Mon­des nie mit eige­nen Augen sehen. — stop
skelette

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existenz

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oli­mam­bo

~ : lou­is
to : Mr. jona­than noe kek­ko­la
sub­ject : EXISTENZ

Wie weit Sie wohl gekom­men sind, mein lie­ber Kek­ko­la? Sie soll­ten New Hamp­shire längst erreicht haben. Nach wie vor erseh­ne ich eine Nach­richt, obwohl ich mir unge­zähl­te Male vor­ge­nom­men habe, nie wie­der in einem Zustand von Erwar­tung zu leben. Und doch ist das jetzt so gekom­men, dass ich mich sor­ge, weil Sie kein Zei­chen, nicht das gerings­te Lebens­zei­chen über­mit­teln. Ein Satz, mein Freund, eine lee­re E‑Mail wür­de genü­gen, ich wäre zufrie­den, weil ich doch wüss­te, dass Sie in der Lage sind, zu lesen, was ich für Sie notie­re. Stel­len Sie sich vor, in der ver­gan­ge­nen Nacht habe ich mir über­legt, ob Sie nicht viel­leicht rei­ne Erfin­dung sind und Ihre Brie­fe an mich nur aus­ge­dacht. Mein lie­ber Kek­ko­la, wo auch immer Sie sich auf­hal­ten mögen, neh­men Sie wahr, dass ich an Sie den­ke. Unlängst, das soll­ten Sie wis­sen, stell­te ich noch die Fra­ge, wie Tief­see­ele­fan­ten hören, was sie mit­ein­an­der spre­chen, da doch die Sprech­ge­räu­sche ihrer Rüs­sel sehr weit von ihren Ohren ent­fernt jen­seits der Was­ser­ober­flä­che zur Welt kom­men und rasch in alle Him­mels­rich­tun­gen ver­schwin­den. Ihr Lou­is, hoffend.

gesen­det am
10.10.2009
22.38 MESZ
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lou­is to jona­than
noe kekkola »

 

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schneelicht

9

del­ta : 0.14 – Von einer Rei­se him­mel­wärts geträumt. Such­te auf Bild­schirm nach Fähr­schiff­ver­bin­dun­gen Athen – San­to­ri­ni und stieß auf eine selt­sa­me Offer­te. Der Text zu einer Foto­gra­fie, die eine For­ma­ti­on wil­der Gewit­ter­wol­ken zeig­te, lau­te­te in etwa so: Tages­rei­se ins Jen­seits. Buchen Sie noch heu­te. Flü­ge ab Lon­don, Madrid, Mün­chen, auch an Sonn­ta­gen, stünd­lich. Unver­züg­lich flog ich los. Eine äußerst kur­ze Rei­se, ein Wim­pern­schlag nur und das Flug­zeug lan­de­te in einem schnee­wei­ßen Raum ohne jede Begren­zung. Ich erin­ne­re mich, dass ich eine Flug­be­glei­te­rin, die nahe der Gang­way war­te­te, frag­te, ob es an die­sem Ort jemals dun­kel wer­den wür­de, ich kön­ne im Hel­len nicht schla­fen. Sie ant­wor­te­te lächelnd: Wenn Sie hier ein­mal für immer ange­kom­men sein wer­den, müs­sen sie nie wie­der schla­fen. – Kurz nach Mit­ter­nacht. Ein Buch Julio Llama­za­res’ liegt vor mir auf dem Schreib­tisch. Ich habe das Buch geöff­net, um nach einem zärt­li­chen Satz zu sehen. Der Satz ist auf Sei­te 4 einer fei­nen Samm­lung erzäh­len­der Stumm­film­sze­nen zu fin­den. Er geht so: Für mei­ne Mut­ter, die schon Schnee ist. — stop
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abschnitt neufundland

picping

Abschnitt Neu­fund­land mel­det fol­gen­de gegen Küs­te gewor­fe­ne Arte­fak­te : Wrack­tei­le [ See­fahrt – 1824, Luft­fahrt — 6532, Auto­mo­bi­le — 53778], Gruß­bot­schaf­ten in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert — 6, 19. Jahr­hun­dert – 77, 20. Jahr­hun­dert – 1563 , 21. Jahr­hun­dert — 548 ], phy­si­cal memo­ries [ bespielt — 722, gelöscht : 87 ], Ton­schei­ben [ Ben Sid­ran : Gar­cia Lor­ca 2 ], Öle [ 0.8 Ton­nen ], Pro­the­sen [ Herz — Rhyth­mus­be­schleu­ni­ger – 22, Knie­ge­len­ke – 36, Hüft­ku­geln – 567, Bril­len – 563 ], Schu­he [ Grö­ßen 28 – 39 : 2056 , Grö­ßen 38 — 45 : 2317 ], Kühl­schrän­ke [ 101 ], Tief­see­tauch­an­zü­ge [ ohne Tau­cher – 2, mit Tau­cher – 8 ], Engels­zun­gen [ 17 ] | stop |

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zwei erfinder

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fox­trott

~ : lou­is
to : Mr. sami tupa­vua­ri
sub­ject : penelope

Sehr geehr­ter Herr Tupa­vua­ri! Guten Abend! Ich hei­ße Lou­is. Sie wer­den mich nicht ken­nen. Ich hör­te, Sie sol­len ein Geräu­sch­wort­er­fin­der sein. Bis vor Kur­zem wuss­te ich nicht, dass Men­schen wie Sie exis­tie­ren. Umso glück­li­cher fühl­te ich mich, als mir ein Freund von ihren Fähig­kei­ten berich­te­te. Ich wen­de mich nun mit einer drin­gen­den Bit­te an Sie. Es geht dar­um, dass ich Ihnen von Pene­lo­pe zu erzäh­len wün­sche, einer sehr beson­de­ren Per­son, einer Frau, die in der Lage ist, Fin­ger in der Art und Wei­se der Eidech­sen von sich zu wer­fen. Sie wer­den sich viel­leicht wun­dern, wie so etwas mög­lich ist. Glau­ben Sie mir, auch ich wun­de­re mich von früh bis spät über die­ses fas­zi­nie­ren­de Geschöpf. Rei­ne Erfin­dung und doch schon ein drin­gen­der Fall. Sie müs­sen wis­sen, ich kom­me nicht wei­ter, weil ich ein Wort ent­beh­re, das mir nicht ein­fal­len will, ein Wort, eine Laut­schrift, die ein Geräusch wie­der­ge­ben oder dar­stel­len könn­te, das in genau jenem Moment ent­steht, wenn sich ein Fin­ger Pene­lo­pes von ihrem Kör­per löst. Ein Wort müss­te das sein, wel­ches von Haut und Kno­chen ist, ein leich­tes, win­di­ges, sanf­tes, erstaun­li­ches Wort. Wie uner­mess­lich dank­bar wäre ich Ihnen, lie­ber Herr Tupa­vua­ri, wenn Sie mir wei­ter­hel­fen, wenn sie sofort Ihre Arbeit auf­neh­men könn­ten. Ich fra­ge Sie nun in aller Eile: Was wür­de ein Wort, wie das gewünsch­te Wort, in etwa kos­ten? Mit bes­ten Grü­ßen – Ihr Louis

gesen­det am
28.09.2009
23.58 MESZ
1405 zeichen

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korallenknistern

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tan­go : 0.02 – Die Fens­ter weit geöff­net, Luft­an­geln aus­ge­wor­fen. — Gera­de eben ent­deck­te ich auf Kar­tei­kar­te No 1208 eine Notiz, die ich am 28. Janu­ar 2007 im ana­to­mi­schen Prä­pa­rier­saal mit Blei­stift buch­sta­bier­te: Einem Abschnitt des atlan­ti­schen Rückens glei­chend, tritt schritt­wei­se eine Wir­bel­säu­le aus dem zurück­wei­chen­den Mus­kel­kör­per her­vor. Wir befin­den uns in der 4. Woche. Ich weiß zu die­sem Zeit­punkt: Venen sind hohl. Man kann die Innen­wän­de der Gefä­ße gegen­ein­an­der ver­schie­ben. Hap­ti­sche Erfah­rung. Arte­ri­en­ko­ral­len. Ein Knir­schen. Knar­zen. Knis­tern. Hören, mit den Spit­zen der Fin­ger h ö r e n. 

ping

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sprachlos

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echo : 1.10 – Ein auf­wüh­len­des Gespräch vor Tagen. L., Jour­na­lis­tin kur­di­scher Her­kunft, erzählt von ihrer Schwes­ter, die seit 10 Jah­ren ver­schwun­den ist. Ruhig sitzt sie vor mir. Aber das selt­sam fla­ckern­de Licht ihrer Augen. Sie sagt, sie wün­sche sich, irgend­je­mand wür­de irgend­wann ein­mal die Geschich­te ihrer Schwes­ter schrei­ben. Du musst wis­sen, wir ver­mis­sen sie noch immer sehr. Wir ver­mu­ten, dass sie in den Ber­gen umge­kom­men ist. Ein Hin­ter­halt. Wir haben kei­nen Beweis, wir haben nur ihr Schwei­gen. — stop
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