india : 23.25 UTC — Ein Hörspiel soll existieren, das Nathalie Sarraute’s Roman Kindheit vertont. Ich suchte und suchte und suchte in der digitalen Sphäre. Was ich aber entdeckte, war eine Erwartung. Es ist nämlich so, dass ich glaube, alles das, was existiert oder einmal existierte, sollte in Magazinen der digitalen Welt zu finden sein, vollständig, verfügbar, abrufbar, immerzu bereit, ein Link dorthin, um unverzüglich Verbindung aufnehmen zu können. — Später Abend. Ein Propeller, der sich mir bei näherer Betrachtung als ein winziger Käfer vorstellte, bewegte sich so eben noch westwärts durch meine Wohnung. Agathe Jazz Quartett Favela. Nichts weiter. — stop
Aus der Wörtersammlung: existieren
spur
echo : 0.12 UTC — Plötzlich dachte ich: Von mir sollte etwas Handschriftliches existieren. Ich sollte also mit der Hand schreiben, eine Spur von Hand notieren. Wo fange ich an? — stop
m a r i m b o l o
whiskey : 2.42 UTC — Wenn ich die Stadt New York erfinde oder wiederfinde, gehe ich spazieren. Ich setze mich in meiner Vorstellung auf eine Bank im Tompkins Square Park und dann laufe ich irgendwann los mit den Wörtern, notiere, was ich erinnere, es ist Frühling, heute folgte ich der Avenue A nordwärts. Aber ich bin nicht weit gekommen, da war plötzlich eine Art Loch, ich konnte mich an den Namen eines Perückenladens nicht erinnern. Gestern war der Laden in meiner Erinnerung überhaupt nicht existent, deshalb konnte ich an ihm vorbeispazieren. Und heute blieb ich dort hängen. Das ist schon sehr seltsam. — stop
4 uhr 15
nordpol : 4.15 — Noch immer: Jede der Schreibmaschinen, die ich besitze, jene in der Küche, jene im Arbeitszimmer, jene in meinem Rucksack, jene in meiner Hosentasche, könnte ein sensibles Hör- oder Sehrohr sein. Wie viele Hör- und Sehrohre existieren in dieser Stadt? Was präzise ist zu erkennen, was zu vernehmen? — stop
winter
echo : 18.26 UTC — Wie Bernd L., ein alter Freund, mich in den Palmengarten führt. Es ist ein winterlicher Nachmittag, der Boden knirscht unter den Schuhen, und die Spatzen hocken zitternd vor den Gewächshäusern, weil sie sich einen Spalt erhoffen, durch den sie in die Wärme fliegen können. Ich trage einen Notizblock in der Manteltasche, den nehme ich heraus und einen Bleistift, als wir ins Kakteenhaus treten. Jetzt gehe ich hinter ihm her. Mein lieber Freund berührt Kakteen an ihren Stacheln. Er ist sehr zart in dieser Bewegung, er spricht die Namen der Pflanzen vor sich her, ein Suchender, einer, der ein Wort wiederzufinden wünscht, das er vor drei Jahren in diesem Haus präzise erfunden hatte, ein Schutz- oder Passwort, das ihm verloren gegangen ist, er weiß, dass er das Wort am Ort seines Ursprungs wiederfinden wird. Er muss das Wort unbedingt wiedererkennen, die Texte seiner Schreibmaschine sind verschlüsselt, sie sind da und zugleich nicht, sind sichtbar, aber nicht lesbar. Hier muss das Wort sein, irgendwo. Und ich, der ich meinem Freund Bernd folge, Schritt für Schritt, ganz leise, würde das Wort unverzüglich notieren, sobald wir es gefunden haben werden. Soweit sind wir schon, wir können sagen, es existieren im Wort auch Zahlen. Manchmal komme eine Ahnung auf, sagt Bernd, das Gefühl eines Wortes flattere durch seinen Kopf wie ein Sperling. Es ist Samstag, wie gesagt, es ist ziemlich kalt und die Bäume glitzern. — stop
von birnen
nordpol : 15.01 UTC — In der chinesischen Region Sichuan, einer hügeligen Gegend, sollen hunderte Menschen auf Leitern in Birnenbäume steigen, um sie mittels Entenfederbüscheln mit Pollen zu bestäuben. Das alles sei notwendig geworden, weil weder Bienen noch Hummeln existieren, die von Pestiziden getötet worden seien. Diese Informationen habe ich einem Film entnommen, dessen Einzelbilder ich mit eigenen Augen gesehen habe. Ich wollte ihn meiner Mutter zeigen. Sie liegt seit langer Zeit in einem Bett im Haus der alten Menschen. Vorsichtig näherte ich mich mit meiner flachen Bildschirmschreibmaschine, aber sie wollte ihre Augen nicht öffnen. Deshalb erzählte ich ihr meine Geschichte von den menschlichen Bienen, die in Birnbäume steigen, und kann noch immer nicht sagen, ob sie in den Ohren meiner Mutter einen Platz finden konnte. — stop
über postkarten
romeo : 15.10 — Postkarten existieren, die einerseits über eine Adresse verfügen, an welche sie gesendet werden könnten, aber über kein weiteres Zeichen, keine Nachricht, keinen Gruß, keine Geschichte. Andere Postkarten, auch sie existieren, erzählen in kleinsten Zeichen von einer Reise, beispielsweise, oder einer besonderen Liebe, mit feinsten Werkzeugen aufgetragene Schrift, doch eine Zustellung kann nicht gelingen, da eine Adresse fehlt, nicht einmal ein Absender ist vorhanden. Es kommt mir vor, als würde diese Gattung zielloser Postkarten Selbstgespräche führen. – stop
schatten
olimambo : 15.10 — Sind Sammler, die nicht existierende Dinge sammeln, oder nicht existierende Käferwesen, sagen wir, Trompetenkäfer, ja, sind die Sammler der Trompetenkäfer vielleicht Erfinder? – stop
unter freiem himmel
sierra : 15.08 — Ich spazierte im Park. Und wie ich so spazierte, dachte ich, vielleicht bist Du schon 5105 Male durch diesen Park spaziert, warum nicht. Da entdeckte ich plötzlich, dass jeder der Bäume des Parks zwei Meter über dem Boden ein Schildchen trug an seinem Stamm. Zunächst entdeckte ich ein Schildchen am rauen Stamm einer Spottnuss. Auf dem Schildchen waren zwei Buchstaben und fünf Zahlen verzeichnet, das könnte ein Code sein, dachte ich, dann ging ich weiter, um an dem Stamm einer Eibe ein ähnliches Schildchen zu bemerken. Wieder waren zwei Buchstaben und fünf Zahlen auf grünem Hintergrund aufgetragen. Eine Stunde lang betrachtete ich Stämme der Bäume des Parks, Stämme der Rotbuchen, Birken, Zwergnusskastanien, Erlen, Eichen und eines gewöhnlichen Trompetenbaums, sie alle waren mit einem Schildchen von Metall versehen, Ziffern, einem Schatten demzufolge, einem besonderen Blick. Vermutlich, dachte ich, wird irgendwo ein Buch oder ein digitales Verzeichnis existieren, in dem die Existenz der Bäume festgehalten ist, ihre Namen möglicherweise und ihr Alter, vielleicht auch, wie sich die Bäume benehmen im Winter und im Sommer. Zuletzt dachte ich, dass ich eventuell durch ein Museum spaziere. Das denke ich noch immer. Winter ist geworden. — stop
st. elena
sierra : 22.12 UTC — Am Bug sitzen bei schwerem Seegang. Das Meerwasser fliegt durchs neblige Licht wie Milch. Menschen, die das Vaporetto betreten, dampfen, dass die Scheiben beschlagen. Eine junge Frau dreht pfeifend einen roten Regenschirm im Wind. Ich denke mir die Geräusche des Regens aus, die unter dem Dröhnen der Vaporettomotoren unhörbar sind. Aber das Quietschen der Gummistiefel. Trug Schwarze oder Gelbe als Kind. Heutzutage existieren sie in allen möglichen Farben. Auch Malerei ist aufgetragen, alte Meister, der Frühling, Punktzeichnungen der Marienkäfer, Muster in allen möglichen Farben. Ein Mann zeigt seiner Geliebten einen fingerlangen Nashornkäfer von Glas, er hält das schimmernde Wesen in die Luft, eine Vorstellung in diesem Moment, da wir uns wieder dem Land nähern, die Vorstellung auch eines Glasbläsers, irgendwo müssen diese wahren Künstler glühenden, schmelzenden Sandes noch heimlich ihre Backen plustern wie Trompetenspieler. Genau dort scheint eine Verbindung zu existieren von der Musik zu den Nashornkäfern, die in Sammlungen weltweit genadelt sitzen. — stop