india : 10.02 – Ein lebendes Blatt Papier, nach wie vor heiter, welches aus Millionen mobiler Einheiten oder Persönlichkeiten bestehen würde, könnte immer dann als eine Rechenmaschine betrachtet werden, wenn jedes der zu dem Blatt gehörenden Individuen für sich imstande wäre, zwei oder weitere Zustände, zum Beispiel hell oder nicht hell, anzunehmen und den Status dieser Selbstverfassung mittels einer Sprache an benachbarte Individuen weiterzugeben. Ja, das ist denkbar, eine Rechenmaschine, die sich vorsätzlicher Weise in Luft auflösen und wieder aus der Luft heraus vereinen könnte. — stop

Aus der Wörtersammlung: hell
iris


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tango : 0.05 — 1500 Meilen Wolkentüll über atlantischem Ozean. Fünf weitere Stunden, bald hellblau der Himmel, das Wasser, man könnte die Welt dort oben auf den Kopf stellen und würde es mit den Augen nicht bemerken. Höhe 11887 Meter. Wellen, leichteste Wellen, — 55° Celsius, Eis wispert in der Paukenhöhle. Reptilien von Dunst recken geschärfte Rücken aus der Tiefe. Dann wieder sanfte Gebilde, Wolkenlamellen vom Meer an den Himmel geatmet. Von dort aus fällt man zu Boden, öffnet Iris der Behörde, fährt im luftfedernden Taxischiff über alte Brücke, Nacht, sandmüde Augen spazieren unter dem Regenschirm. Der erste Blick ins irre Licht. — stop

morsen
echo : 0.25 — Gestern, am späten Abend, eine erste Zeile in meinen Bogen lebenden Papiers eingetragen, einen Satz, den Walter Benjamin vor langer Zeit einmal unter dem Begriff Kaktusblüte verzeichnete. Dieser Satz geht so: Der wahre Liebende freut sich, wenn der geliebte Mensch streitend im Unrecht ist. — Zärtlich, ohne zu atmen, arbeitete ich Zeichen für Zeichen voran. Und als ich fertig geworden war mit einem schließenden Punkt, lehnte ich mich zurück und wartete. Ich wartete lange. Ich wartete so lange, bis ich eingeschlafen war. Dann wachte ich auf und staunte. Sicher ist nun, dass sich Papiertierchen mittels einer Sprache verständigen, die morsenden Zeichen ähnlich ist. Sie verfügen demzufolge über Ohren und ihre Stimmen sind hell, sind Fledermäusen, Walen und Delfinen nur vernehmbar. — stop
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trommeln
papa : 22.58 — In dem Moment, da Sie diese Zeilen lesen, sehen Sie mich verwundert, staunend, ja, sagen wir’s ruhig, glücklich. Das ist so darum, ich habe gerade bemerkt, wie kleinste Dinge, Lebewesen, die eigentlich nicht sichtbar sind, sichtbar werden, sobald ich sie mit Gedanken berühre. Auch Geräusche, die so leise und zart, demzufolge klein sind, dass ein menschliches Ohr sie niemals vernehmen könnte, werden hörbar durch ein einzelnes Wort, das sie behauptet. Systolische Frequenzen, helles Trommeln, 250 Pulse, kein Wort existiert für jene Musik heimlicher Herzen, als die Summe der Pfade, die sich um Annäherung bemühen. Und ihre Augen, ihre Augen, jawohl, sie haben Augen, wo werden ihre Augen sein? — stop
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schirme
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : SCHIRME
Rasend, lieber Jonathan, vergeht die Zeit! Ein Jahr ist es nun her, seit ich das erste Mal von Ihnen hörte. Viele Stunden, ganze Tage, Wochen habe ich an Sie gedacht, und doch keine durch belichtete Vorstellung gewonnen. Ihre Augen, hell oder dunkel? Wie werden Sie mir begegnen, mit welcher Stimme sprechen? An diesem schönen Morgen darf ich berichten, dass ich mich gut erholen konnte. Fühle mich wohl in meiner Haut. Sieben Uhr. Sie werden sicher noch schlafen, da drüben in Amerika, und sofort, wenn Sie in Kürze erwachen, einen ersten tiefen Zug kühler Waldluft zu sich nehmen. Ihre Verwunderung, wie immer, dass Sie nicht länger unter Wasser leben, dass Sie frei sich zu bewegen in der Lage sind. Wie oft schon habe ich den Versuch unternommen, mich einzufühlen in ihre Lage, unvollkommen, sagen wir, aber nicht vergeblich, wie ich hoffe, weil Sie bemerkt haben werden, dass ich mich um Sie kümmere, dass ich Fragen stelle, dass ich Sie nicht gedankenlos der Welt überantwortet habe. Noch zweiundzwanzig Tage, mein lieber Kekkola, hören Sie zu! Ich habe Wetterkarten studiert, fürchte, wir werden unter Regenschirmen sitzen. Ihren Eltern im Übrigen geht es gut! Ahoi! Ihr Louis
gesendet am
10.04.2010
6.01 MESZ
1612 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »
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marina abramovic in new york
sierra : 6.32 — Diese seltsame Frau: Marina Abramović. Ich kauerte Stunden auf dem Sofa und beobachtete das Schweigen der Künstlerin in New York, war unruhig und war ruhig zur gleichen Zeit. Hörte dann Henry, meinen Regenkäfer Henry. Summend erwachte das tabakfarbene Wesen aus tiefem Schlaf. Hatte zwei lange Jahre auf Virginia Woolfs Essay A Room of One’s Own liegend zugebracht, war indessen trocken und leicht wie eine Feder geworden, weshalb nicht weiter erstaunlich gewesen, dass der Käfer wie betrunken von unsichtbaren Luftströmungen getragen durchs Arbeitszimmer wirbelte. Eine gute halbe Stunde und Henry war auf meinem Kopf gelandet. Ich sagte: Schön, dass Du wieder unter den Lebenden weilst, Henry! Atmete sanft, atmete gar nicht. Und der Blick wanderte wieder hin zur Stille in der tosenden Stadt. Da saß nun vor Mrs. Abramović eine weitere Frau, sie hatte ihre Schuhe ausgezogen [ warum? ] und Schreibwerkzeug und Hefte unter ihrem Stuhl abgelegt. Über ihrer Beobachtung bin ich eingeschlafen, und jetzt hellt bereits die Nacht, und irgendwie ist das ein wunderbarer Tag, der gleich beginnen wird. Henry, er schwebt im Bad im Regen der Maschinen, eine fliegende Frucht. Guten Morgen! — stop

papierlicht
olimambo : 1.28 — Das Wort Papier in meinem Kopf, ein von jeher helles, weißes Wort, weshalb die Erfindung lebender Papiere, ihre Erforschung, ihre Beobachtung in lichte Räume führt. Ich könnte demzufolge sagen, dass mein lotendes Fabulieren wie eine Bogenlampe in mein Leben wirkt. – 1 Uhr 28 mitteleuropäischer Winterzeit: Auf dem Kapitol zu Washington, im Haus der Repräsentanten, erklärt die demokratische Abgeordnete Debbie Wasserman Schultz / Florida während der Debatte zur entscheidenden Abstimmung über Barak Obamas Gesundheitsreform mit fester Stimme: The nightmare ends tonight! — stop
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standardminute
delta : 6.05 — Wie ich abends im Warenhaus eine moderne Standardminute erlebte, das will ich rasch noch berichten, eh mir die Augen zufallen, müde vom Wundern. Eine ganze Minute also. In dieser Minute, an ihrem Anfang genauer, befindet sich eine Kassiererin mittleren Alters, unruhig sind Augen und Mund, und ihre flatternden Hände, Werkzeuge, die Waren über Lichttaster ziehen. Eine alte Dame ist da noch, eine Dame mit Hut, die sich sehr langsam bewegt, ein wahres Reptil, würdevoll, bedächtig. Ein wenig zerstreut scheint sie zu sein, hebt immer wieder den Blick, beobachtet scheu die Bewegung des Bandes, die Reise ihrer persönlichen Ware: eine Schachtel Pralinen, ein Fläschchen Jägermeister, Salzstangen, drei Dosen Katzenfutter, ein duzend Schokoladenostereier in Grün, in Gelb, in Rot, und ein weiteres Fläschchen noch hinterher. Das alles muss jetzt in die Tasche, sofort, und doch ist es schon zu spät. Zwei Aprikosensafttüten schieben sich, einem Eisbrecher ähnlich, in den wartenden Bezirk der alten Frau hinein, falten Eier, Salzstangen und andere Warenteile steil zur Seite. Man kann jetzt hören, wie das klingt, wenn eine Dame höflich um Geduld bittet, um Nachsicht, eine freundliche, eine herzerwärmende Stimme, und das Geräusch einer Flasche, die zu Boden fällt. Wie sich die alte Dame nun aufrichtet, wie ihre hellen Augen meine Hände beobachten, die versuchen, weiteres Unglück abzuwenden. Ungläubig schaut sie mich an, dann das Förderband entlang, das weitere Waren voran transportiert. Ja, bald stehen wir und staunen zu zweit, und auch die Verkäuferin ist zur mitfühlenden Beobachterin geworden. Sie lurt zum Warenstrom hin, der über die Kante der Rollbandtheke in die Tiefe stürzt. Ihre Hände, diese seltsamen Hände, sie arbeiten weiter und weiter, schieben und schieben, als führten sie ein eigenes Leben oder gehörten schon der Maschine mit ihrem Rotlichtaugengehirn. stop. Minute zu Ende. stop. Guten Morgen. — stop

bermuda
alpha : 0.03 — Ob es wohl möglich ist, ein Blatt Papier, das aus Millionen sehr kleiner Lebewesen bestehen wird, mit einer Schere, sagen wir, in zwei Teile zu zerlegen? Was sollte geschehen? Würden meine papierenen Tiere Geräusche erzeugen, die Widerspruch signalisieren, Empörung, Furcht? Oder würden sie weichen, sich in alle Himmelsrichtungen zerstreuen, eine blitzschnell sich vollziehende Bewegung der Entropie? – Sonntag. stop. Warme, geschmeidige Stunden. stop. Hell vom Schnee, die Luft.

auf dem viktualienmarkt
olimambo : 2.10 — Ein Eichhörnchen am Nachmittag, wie es durch den warmen Schnee springt. Immer wieder hält das Tierchen an, dreht sich nach mir um, betrachtet mich, als ob es meine Gedanken ahnen würde. Einmal sage ich leise zu ihm hin: Fürchte Dich nicht! Ich jage nur mit dem Kopf. – Das war auf dem Münchener Viktualienmarkt gewesen vor wenigen Stunden. Die Tage nun länger, bald wird Frühling und Menschen und das Bier und der Kaffee werden in Strömen fließen. Wieder, wie so oft schon, wenn ich von Bude zu Bude laufe und meine Nase in den Gewürzwind stecke, schau ich nach dem Achternbusch, Herbert. Würd’ gern einmal ein paar Worte mit ihm wechseln. Gestern war von ihm nichts zu sehen gewesen, weshalb ich ganz einfach an ihn gedacht habe, an eine Filmsequenz, deren Besichtigung mich um ein Haar das Leben gekostet hätte. Herbert Achternbusch in einem Tierhaus des zoologischen Gartens Hellabrunn. Er steht unter einem Faultier, das unbeweglich, und zwar sehr lange Zeit, an einem Ast hängt. Der Dichter bewundert die Klauen des Tieres und auch die Natur, was sie so macht. Kurz zwinkert das Faultier mit den Augen. Und Achternbusch ruft: Ja, da schau her, du bist ja ein Scheinschlaftier! – Guten Morgen, gute Nacht! — stop



