Aus der Wörtersammlung: mich

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taube

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nord­pol : 0.08 — Kürz­lich im Traum im Park ein Gespräch mit einer Tau­be, geräusch­los war sie auf mei­ner lin­ken Schul­ter gelan­det. Ich erkun­dig­te mich, wes­halb sie und alle ihre Tau­ben­freun­de so tief, so dicht über den Boden flie­gen wür­den an die­sem schö­nen Som­mer­tag. Die Tau­be ant­wor­te­te: Über das Licht, das aus dem Boden kommt, wis­sen wir alles. Heu­te viel Son­ne von unten. Sie späh­te dann in das Buch, das ich mir zu lesen vor­ge­nom­men hat­te. Und weil sie sehr viel schnel­ler las als ich, zerr­te sie unge­dul­dig an mei­nem Ohr­läpp­chen, sobald sie war­ten wuss­te, bis ich end­lich wei­ter­blät­ter­te. – Ana­to­mi­sche Arbeits­wör­ter des Abends : Lobus Tem­po­ra­lis : Man­del­kern : Hip­po­cam­pus : Tha­la­mus. — stop

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papierhimmel

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marim­ba : 6.05 — Denk­bar, dass die Erfin­dung der Trom­pe­ten­kä­fer einen Pro­zess dar­stellt, der aus zehn­tau­send Ein­zel­ge­dan­ken besteht, die sich nicht sel­ten zärt­lich wie­der­ho­len. Ich habe heu­te Nacht ver­sucht, mich an den ers­ten Gedan­ken zu erin­nern, der ein Trom­pe­ten­kä­fer­ge­dan­ke gewe­sen sein könn­te. Ver­geb­lich! – Kurz nach sechs Uhr. Son­ne an einem Him­mel von Papier. — stop

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hologramm

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echo : 12.01 — Immer wie­der eine Erschei­nung auf Posi­ti­on 50°6’N 8°38’W, ein Wesen, eine Frau, die einem Infer­no ent­kom­men oder eine Erfin­dung sein könn­te. Grau­es, stau­bi­ges, öli­ges Haar. Ihr von Leid gezeich­ne­tes Gesicht. Ihre von Schmutz star­ren­den und doch fein­glied­ri­gen Hän­de. Plas­tik­tü­ten, die sie in gebück­ter Hal­tung geräusch­voll durch die Abtei­le der Abend­zü­ge zerrt. Ihr Blick, der berührt, der mich wahr­zu­neh­men scheint, unend­lich trau­rig, unend­lich müde. Sie bet­telt nicht. Sie isst nicht. Sie trinkt nicht. Sie fährt nur Zug oder sitzt irgend­wo in den War­te­hal­len des Flug­ha­fens her­um und ver­bin­det ihre ent­zün­de­ten Füße. Nie habe ich ihre Stim­me gehört, nie sie schla­fend oder betrun­ken vor­ge­fun­den, auch nachts um drei Uhr nicht vor den Schal­tern der Luft­han­sa. Sie wird gedul­det. Sie könn­te eine Mut­ter sein. Wen erwar­tet sie? Wohin will sie flie­gen? Was ist gesche­hen? — stop

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afrika

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nord­pol : 0.03 — Beob­ach­te­te in einem Bus (Take five) eine Mut­ter und ihr Kind. Zwei Män­ner von dunk­ler Haut­far­be saßen gegen­über. Sie unter­hiel­ten sich. Das Kind hör­te auf­merk­sam zu. Dann lach­ten die Män­ner und das Kind frag­te die Mut­ter, was die Män­ner erzähl­ten, wor­über sie lach­ten. Sogleich lausch­te die Mut­ter zu den Män­nern hin. Sie lausch­te lan­ge, sie lausch­te auch mit den Augen. Es war nicht die eng­li­sche und auch nicht die fran­zö­si­sche Spra­che, die sie ver­nahm, es war eine selt­sam klin­gen­de Spra­che, Klick. Klick. Die Mut­ter sag­te zum Kind: über Afri­ka. – Wäh­rend ich die­se Geschich­te notier­te, erin­ner­te ich mich an einen Gedan­ken, den G.C.Lichtenberg bereits um das Jahr 1778 her­um for­mu­lier­te. Er schrieb: Vor­stel­lun­gen sind auch ein Leben und eine Welt. – So ist jetzt wie­der Nacht gewor­den. Ein Him­mel schön dun­kel von schwe­ren Wol­ken, gleich wird es Frö­sche reg­nen. — stop

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abendsegler

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romeo : 2.15 — Eines Tages im Zwie­licht in gro­ßer Höhe über einer blü­hen­den Gar­ten­stadt auf einem Fens­ter­brett sit­zen und mit einer Angel Fle­der­mäu­se fischen. — Sind Abend­seg­ler genieß­bar? — Die kräf­ti­gen Mus­keln ihrer Brust viel­leicht? — Oder ihre Flü­gel? — Wäh­rend ich vor­hin so saß und über­leg­te, wel­che Hal­tung ich ein­neh­men soll­te, um noch stil­ler zu wer­den, um noch tie­fer in die Din­ge hin­ein hören zu kön­nen, die Ein­sicht, dass ich nie­mals einen ande­ren Men­schen tat­säch­lich erfin­den wer­de, als mich selbst. — Womit könn­te ich begin­nen? — Viel­leicht mit mei­nen Hän­den? — Die Ster­ne sind rund. — Zar­te Fin­ger von Licht. — stop. – Kurz nach 2 Uhr. — stop. – Ich beob­ach­te­te mei­ne Hän­de, wie sie eine Melo­ne schäl­ten. Indem ich eine Melo­ne mit dem Vor­satz öff­ne­te, mei­ne Hän­de zu beob­ach­ten, wur­den mei­ne Hän­de unsi­cher. Der Ein­druck, als wäre die­se Melo­ne die ers­te Melo­ne, die ich je geöff­net habe. — Erstaun­lich. — stop
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traumwärts

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india : 0.02 — Ich notie­re: Wenn ich mei­ne lin­ke Hand mit mei­ner rech­ten Hand berüh­re, durch­bre­che ich einen Spie­gel. Wenn ich sage: mei­ne Hand ohne Haut, habe ich in mei­nem Kopf ein mus­ku­lä­res Bild zur Ver­fü­gung, das sich bewe­gen lässt. — Was ist heu­te eigent­lich für ein Tag? — Sams­tag viel­leicht? — Oder Sonn­tag? – Nacht jeden­falls. Vor den Fens­tern pfeift die Welt traum­wärts von den Bäu­men. — Da war vor weni­gen Minu­ten eine Spin­ne von der Grö­ße einer Kir­sche, schnee­wei­ßer Pelz, sie­ben hell­blaue Augen. Sie blitz­te mich an, als ich die Tür zum Eis­fach mei­nes Kühl­schranks öff­ne­te. Ein Aus­druck tiefs­ter Ver­wun­de­rung, hier wie dort, als ob wir bei­de nicht glau­ben konn­ten, was wir vor uns sahen.
19621

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hilde domin

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romeo : 22.02 — Atem­los eine Kame­raluft­rei­se der jun­gen Fil­me­ma­che­rin Anna Dit­ges beob­ach­tet. Zwei Jah­re lang film­te sie ihre Begeg­nun­gen mit Hil­de Domin. Als ich mei­ne Fern­seh­ma­schi­ne aus­schal­te­te, war ich voll Glück und Freu­de, und ich dach­te, dass ich mich ver­mut­lich ver­liebt habe, in den Film, in die jun­ge Fil­me­ma­che­rin, oder nein, ich glau­be, ich habe mich in Hil­de Domin ver­liebt. Und wie ich die­se Zei­len gera­de schrei­be, den­ke ich, dass Hil­de Domin, soll­te sie mir über die Schul­ter sehen, viel­leicht sagen wür­de: Aber das geht doch nicht, das ist unhöf­lich, so nah her­an­zu­kom­men. – Ich saß im Park am Nach­mit­tag, folg­te einer Spin­ne, die auf Buch­sei­ten turn­te und las in Hil­de Dom­ins Gedich­ten: Wer es könn­te / die Welt / hoch­wer­fen / dass der Wind / hin­durch­fährt. Ihre von der Zeit gezeich­ne­te Hand, die im Film genau die­se Zei­len mit einem Blei­stift auf ein Blatt notier­te. Wie sie sagt zur jun­gen Frau hin­ter der Kame­ra: Wir sehen uns ger­ne an, weil wir uns mögen. — stop

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licht

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india : 10.02 — Da war ein Buch vor lan­ger Zeit, ein Buch, das Tho­mas Alva Edi­sons Leben erzähl­te. In die­sem Buch, ich seh das noch genau vor mir, wur­de das elek­tri­sche Licht erfun­den. Zunächst mach­te man einen glä­ser­nen Behäl­ter, der glüh­te und flüs­sig war und heiß, denn die Män­ner, die an ihm arbei­te­ten, tru­gen kräf­ti­ge Hand­schu­he, auch ihre Gesich­ter waren mit Tüchern ver­bun­den. Man konn­te das Glas, so flüs­sig war es unter dem Feu­er gewor­den, wie hei­ße Scho­ko­la­de von einer Tas­se in eine ande­re gie­ßen. Ich habe die­se Zeich­nung als Jun­ge stun­den­lang betrach­tet und erzählt, was dort für mich zu sehen war. Seit­her ist alles Licht, vor allem dann, wenn es warm, gold­far­ben, ja, wenn es sicht­bar ist, flüs­sig und von Schokolade.

teilchen5

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salto

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tan­go : 20.01 — Kein Lebe­we­sen, das nicht über eine Spra­che ver­füg­te. Aber doch Lebe­we­sen, deren Spra­che ich zunächst ent­de­cken oder erfin­den muss. — Eine Spring­spin­ne, die mei­nen Schreib­tisch bewohnt. Wie sie zwi­schen Blei­stif­ten tollt, wie sie inne­hält und mich minu­ten­lang zu beob­ach­ten scheint. Viel­leicht schläft sie oder sonnt sich in der Wär­me mei­ner Lam­pe. Wie sie sich duckt, wenn ich mich nähe­re, aber nicht flüch­tet. Vor weni­gen Minu­ten, wäh­rend ich las, hüpf­te sie von Ost nach West über das Buch hin­weg. Eine Vor­stel­lung viel­leicht, um mei­ne Auf­merk­sam­keit zu gewin­nen. — stop

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iriden

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sier­ra : 22.00 — Eine Frau betrat an der Sta­ti­on Charles Michels den Metro­wa­gon, setz­te sich und begann in einem Buch japa­ni­scher Zei­chen zu lesen. Ich beob­ach­te­te ihre Augen, wie sie von der obe­ren Kan­te des Buches senk­recht nach unten wan­der­ten, wie sie sofort wie­der nach oben hüpf­ten und ein wenig zur Sei­te, um dann erneut nach unten zu glei­ten. — Eine ver­ti­ka­le Welt. — Als sie mich aber mus­ter­te, mich oder mei­nen Blick, eine hori­zon­ta­le Bewe­gung: Auge um Auge, von dem einen zum ande­ren und wie­der zurück. — Ein selt­sa­mer Moment. — Der Ein­druck, dass die Frau mei­ne Augen betrach­te­te, als wären sie Schrift­zei­chen, dass sie sich zunächst für die eine, dann für die ande­re Iris inter­es­sier­te. Dar­auf­hin die Ein­sicht, dass ich, wenn ich ein Auge, sagen wir, das lin­ke Auge eines Men­schen für sich betrach­te, den Men­schen hin­ter dem Auge weder sehen noch erken­nen kann. — stop

loop



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