Aus der Wörtersammlung: mich

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lichtbilder

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echo : 0.01 – In den Maga­zi­nen mei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne exis­tie­ren zwei Ord­ner, wel­che Foto­gra­fien ver­sam­meln, die mich beun­ru­hi­gen oder in Begeis­te­rung, in Stau­nen ver­set­zen. In der einen Ord­ner­ab­tei­lung Foto­gra­fien, die schmer­zen, auch des­halb schmer­zen, weil sie nicht gezeigt wer­den dür­fen aus mei­ner Sicht. Eine die­ser Foto­gra­fien prä­sen­tiert eine jun­ge Frau, die in der Stadt Mos­kau auf einer Stra­ße liegt. Sie wur­de, so erzäh­len Tex­te, die in der Nähe der Foto­gra­fie anzu­tref­fen sind, von Scharf­schüt­zen erschos­sen, weil sie damit droh­te, sich in die Luft zu spren­gen. Eine Tro­phäe, so sieht das aus, ein Bild, das exis­tiert. Was mache ich mit die­sem Bild? — In der ande­ren Abtei­lung mei­ner Samm­lung war­ten Foto­gra­fien, die mich gleich­wohl beun­ru­hi­gen, Foto­gra­fien, die ich vor­zei­gen könn­te, weil sie nicht Teil einer Dro­hung sind. Eine die­ser Foto­gra­fien, die mich schon lan­ge Zeit in Gedan­ken beglei­tet, beleuch­tet einen alten Mann in dem Moment, da er Repa­ra­tur­ar­bei­ten an sich selbst aus­führt. Eine Auf­nah­me, die ich als prä­zi­se, als zärt­li­che, als behut­sa­me Auf­nah­me wahr­neh­men kann. Ich stell­te mir vor, dass der alte Mann kurz inne­hält, dass er den Kopf dreht, mich ansieht und das Wort NEIN aus­spricht. Wie ich sogleich mei­ne Augen schlie­ße. — stop

chirurg

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lichtpelz

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lima : 0.02 – In einer früh­zei­ti­gen Erin­ne­rung, die ich ges­tern, wäh­rend ich eine fil­mi­sche Erzäh­lung der Stadt Istan­bul beob­ach­te­te, errei­chen konn­te, sind kei­ne mensch­li­chen Wesen zu ent­de­cken, doch Kör­per von Licht. Ich lie­ge in einem schwan­ken­den Schiff, das durch eine Stra­ßen­bahn fährt. Über mir die Wär­me der Glüh­bir­nen, Glas­kol­ben, in wel­chen wirk­li­ches Feu­er ent­hal­ten ist. Drau­ßen, im Dun­keln, Schnee­flo­cken, die aus sich selbst her­aus zu leuch­ten schei­nen, Licht­pelz­fet­zen. — Ich fra­ge mich gera­de, ob die­se Erin­ne­rung nicht eine aus­ge­mal­te Erin­ne­rung sein könn­te, Film­bil­dern nach­ge­zeich­net. Aber da sind der Duft von gebrann­ten Man­deln und das Schril­len einer Klin­gel und das Geräusch einer Stim­me, die spä­ter ein­mal sagen wird: Max-Weber-Platz. — stop
pamuk

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zeppeline

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alpha : 8.06 — Seit Tagen den­ke ich dar­über nach, wes­halb mich die Ansicht japa­ni­scher Fes­sel­bom­ben­bal­lo­ne irri­tiert. Ich komm nicht dahin­ter. Viel­leicht ein­mal eine Geschich­te erzäh­len, die von oder mit Bom­ben­bal­lo­nen han­delt, eine Art fabu­lie­ren­de Denk­be­we­gung, die die Sub­stanz die­ser selt­sa­men Idee in mei­nem Leben wirk­li­cher, greif­ba­rer wer­den lässt. Nicht also erfin­den, son­dern etwas Gefun­de­nes buch­sta­bie­ren, um es genau­er den­ken oder über­haupt als etwas Eige­nes spü­ren zu kön­nen. Ges­tern Abend noch erzähl­te ich in einem Gespräch von Zep­pel­in­kä­fern, wie sie durch mei­ne Woh­nung schwe­ben. Ich erzähl­te in einer Wei­se, dass ich eher sagen müss­te, dass ich von der Erschei­nung der Zep­pel­in­kä­fer in mei­nem Zim­mer berich­te­te, weil sie, im Febru­ar zunächst wort­wei­se auf Notiz­pa­pier gesetzt, für mein Gehirn zur einer wirk­li­chen Erschei­nung gewor­den sind. — Eine beru­hi­gen­de Beob­ach­tung. — stop
luftschiffbombe

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lichtforscher

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echo

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : TRAUMLICHT

Lie­ber Mr. Kek­ko­la, ahoi! Was machen Sie denn so? Seit Tagen kei­ne Nach­richt aus der Wild­nis. Sind Sie noch am Leben oder wur­den Sie bereits heim­lich von Bären gefres­sen? Ver­mut­lich haben Ihnen lüs­ter­ne Flie­gen der­art zuge­setzt, dass Sie kaum noch aus den Augen sehen kön­nen. Hör­te, küh­len­de Moo­se, sol­len hel­fen, dass Sie wie­der in die Welt hin­aus schau­en und mir schrei­ben wer­den. Nach einer klei­nen Rei­se süd­wärts wird nun wie­der über Tief­see­ele­fan­ten nach­ge­dacht. Das ist schon selt­sam, wenn ich Stun­den an ein und die­sel­be Sache den­ke, dann wird sie so ver­traut, dass ich sie mit mir ins Bett neh­men kann, ich mei­ne, ich träu­me, ich träu­me, mein lie­ber Kek­ko­la, mit Ele­fan­ten über atlan­ti­schen Tief­see­bo­den zu spa­zie­ren. Erin­ne­re mich gera­de an einen For­scher des Lichts. Wenn Du einem Pro­blem, einer Idee, einer Spur wirk­lich nahe kom­men willst, sag­te mein Vater, dann musst Du so inten­siv dar­an arbei­ten, dass Du nachts im Schlaf nicht davon ablas­sen kannst. Das hab ich nun also gemacht. Ich betrach­te­te fünf­tau­send Meter lan­ge Rüs­sel und Pater­nos­ter­auf­zü­ge, die es bei Ihnen in Ame­ri­ka nicht gibt, aber bei uns in Euro­pa, end­los dahin­fah­ren­de Kof­fer ohne Deckel, in die man ein­stei­gen kann, ein­stei­gen wie jene Luft, die Tief­see­ele­fan­ten in klei­nen Pake­ten atmen, Mee­res­win­de in Beu­teln von Haut. Die fah­ren dann per­lend abwärts, ein Beu­tel nach dem ande­ren Beu­tel, zur Lun­ge hin, die rie­sig ist und rosa und kühl, wie das Moos, von dem ich Ihnen erzähl­te. Mein lie­ber Kek­ko­la, was hal­ten Sie davon? Schrei­ben Sie mir, sobald Sie wie­der schrei­ben kön­nen, ja, schrei­ben Sie mir! Ich komm Sie sonst holen! Ihr Louis.

gesen­det am
20.08.2009
5.32 MESZ
1650 zeichen

lou­is to jonathan
noe kekkola »

ping

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ohrwesen

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romeo : 0.08 – Kurz nach Mit­ter­nacht. Leich­ter Regen, aber nur als Vor­stel­lung, als Übung, als Suche in den Maga­zi­nen mei­nes Gehörs. Plötz­lich erin­ner­te ich mich, ein­mal heim­lich ein Ohr aus nächs­ter Nähe beob­ach­tet zu haben, ein Wun­der der Schöp­fung. Ich betrach­te­te die­ses Ohr so lie­be­voll und so lan­ge Zeit, dass ich bald etwas ganz ande­res in ihm sehen woll­te, als eine hal­be Stun­de noch zuvor, ein Wesen näm­lich ganz für sich. Der Gedan­ke, ich könn­te jeder­zeit ein schla­fen­des Ohr mit mei­nem Blick berüh­ren, ohne dass es davon wach wer­den wür­de, fas­zi­niert mich außer­or­dent­lich. Wenn ich aber sagen wür­de, lei­se, lei­se: Du bist wun­der­schön, dann wür­de das Ohr mich viel­leicht anse­hen, ein noch halb­wegs träu­men­des Auge von einer Sekun­de zur ande­ren Sekun­de, und ein Mund, ein Mund, der lächelt. — Gute Nacht.
ping

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kolibri

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romeo : 0.15 – Ein Flug­tier­chen, das auf dem Bild­schirm mei­ner Schreib­ma­schi­ne kau­er­te. Ich näher­te mich mit dem Zei­ger mei­ner Mou­se, tau­chen­der Schat­ten. Kurz, als wür­de es den Atem anhal­ten, hielt das Tier­chen inne. Ich notier­te: 22 Uhr und 12 Minu­ten. Der Besuch eines zar­ten, eines Licht naschen­den Wesens. Wie es ein wenig bebt unter den Anschlä­gen die­ser Zei­chen, wie es die Bei­ne aus­ein­an­der stellt. Wie es sich behaup­tet, wie es mich zu betrach­ten scheint. — stop

kolibri

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quito

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fox­trott : 0.02 – Es ist frü­her Abend, ich lie­ge in einer Wie­se, ein Ohr gegen den Him­mel, das ande­re Ohr gegen die Erde gerich­tet, und höre Grä­sern und sehr klei­nen Tie­ren zu, wie sie sich auf die Nacht vor­be­rei­ten. Noch etwas Zeit ist, Minu­ten­zeit, weil ich war­te. Ein ange­neh­mes War­ten, ein War­ten vol­ler Freu­de. Nichts ist so lan­ge zu tun, als der gro­ßen Welt am Him­mel und der klei­nen Welt unter mir zuzu­hö­ren. Man raschelt dort für mich und der Him­mel schweigt, um nicht zu stö­ren. Es ist selt­sam, je glück­li­cher ich bin, des­to beweg­li­cher kann ich den­ken. So beweg­lich bin ich gewor­den, dass ich von Zeit zu Zeit über­haupt auf­hö­re, an irgend­et­was zu den­ken. Und doch bin ich nie­mals abwe­send, son­dern hier und war­te und höre den Grä­sern zu und atme und hal­te etwas Papier fest in der Hand, von dem ich bald vor­le­sen wer­de. 1 x schla­fe ich kurz ein. — stop

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elefanti

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sier­ra : 0.01 — In der vor­letz­ten Nacht, zwei Uhr wars gewor­den, hab ich in einem Bahn­hof unter dem Frank­fur­ter Flug­ha­fen Vögel ent­deckt. Das Neon­licht fla­cker­te und die Vögel, Tun­nel­vö­gel, zwit­scher­ten. Kurz zuvor hat­te ich noch in einem Café geses­sen und einer Frau zuge­hört, die mir von Kala­bri­en erzähl­te, vom Haus ihrer Eltern, einem uralten Gebäu­de, des­sen Stei­ne seit zwei­hun­dert Jah­ren roten Sand der Saha­ra wei­nen. Das war ein schö­nes Bild gewe­sen, und so berich­te­te ich ihr von mei­nen Gedan­ken, die seit Tagen um das Wesen der Tief­see­ele­fan­ten krei­sen. Sie woll­te alles ganz genau wis­sen, lach­te immer­zu, und dreh­te ein rotes Eis­schirm­chen in ihren Hän­den, dass mir ganz schwin­de­lig wur­de. Nach einer Wei­le unter­brach sie mich und kam näher und behaup­te­te ernst­lich, dass sie als Mäd­chen beim Tau­chen die­sen Wesen, Ele­fan­ti, genau so begeg­net sei, wie ich sie in Wor­ten gezeich­net hat­te, das heißt, jenen Rüs­seln, die aus der dunk­len Tie­fe rag­ten. Sie sind warm, sag­te sie, und weich, und wenn Du Dein Ohr an einen die­ser Rüs­sel legen wür­dest, könn­test Du was hören, sag ich Dir. Aber über die Mafia woll­te sie nicht spre­chen. Wir haben so schö­ne Land­schaf­ten dort, und Dör­fer, und das Meer, ja, das Meer. Dann war sie tod­mü­de zur Arbeit zurück­ge­gan­gen und ich war­te­te auf einen Zug und hör­te den Tun­nel­vö­geln zu und dach­te, wie son­der­bar das alles doch ist, ein Wun­der, das gan­ze Leben Tag und Nacht.
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loop

9

sier­ra : 0.08 — Geschich­ten, die sich gut begrün­det wie­der­ho­len, ver­traut gewor­de­ne Geschich­ten. Die­se hier, zum Bei­spiel, im Febru­ar 2008 aus der Luft gefischt: Da war mir doch in den Zei­ten der Vogel­grip­pe, bei klei­ne­ren Tur­bu­len­zen, im Gang eines Flug­zeu­ges eine uralte Lady ent­ge­gen­ge­kom­men, deren Gesichts­zü­ge mich sofort an Coco Cha­nel erin­ner­ten. Von zier­li­cher Gestalt trug sie einen dunk­len Man­tel, leich­te, fla­che Schu­he und mach­te Schrit­te wie ein Matro­se auf hoher See. Vor allem ihr schloh­wei­ßes Haar und ihr äußerst wil­lens­star­ker Blick sind nah geblie­ben, auch ihr hell­rot geschmink­ter Mund, der min­des­tens acht­zig Jah­re alt gewe­sen sein muss­te, und doch bei­na­he wirk­te wie der Mund einer jun­gen Frau. Eines Abends, wäh­rend ich einer Nach­rich­ten­sen­dung folg­te, erin­ner­te ich mich an die­se selt­sa­me Frau, und ich stell­te mir vor, wie sie aus der drit­ten Eta­ge eines Miets­hau­ses in den Kel­ler steigt, um ein Roll­wä­gel­chen zu suchen, das sie dort für immer abge­stellt hat­te, nach­dem sie beim Ein­kau­fen um ein Haar gestürzt war. Es ist also frü­her Mor­gen, es ist Win­ter und noch dun­kel, als die alte Dame das Haus ver­lässt. Ich sehe sie mit vor­sich­ti­gen Schrit­ten in ihrem Man­tel und Pelz­stie­fel­chen über die Stra­ße gehen. An der ers­ten Ampel biegt sie nach links ab, über­quert einen Platz, folgt einer wei­te­ren schma­len Stra­ße, jetzt ist sie vor einem Super­markt ange­kom­men. Sie stellt ihr Roll­wä­gel­chen in der Nähe der Kas­se ab, geht in die Geträn­ke­ab­tei­lung und nimmt eine Fla­sche Was­ser aus dem Regal. Sie trägt die Fla­sche zu ihrem Wägel­chen, kehrt zurück, nimmt sich die nächs­te Was­ser­fla­sche aus dem Regal und so geht das fort, bis das Wägel­chen gut gefüllt ist und ein wenig pfeift, wie es auf dem Heim­weg über die Stra­ße gezo­gen wird. — Jetzt ist die alte Frau vor der Tür ihres Hau­ses ange­kom­men. — Jetzt stellt sie das Wägel­chen neben die Trep­pe, die zur Haus­tü­re führt. — Jetzt ist sie mit einer der Fla­schen im Haus ver­schwun­den. — Zehn Minu­ten ver­ge­hen. Dann erscheint sie wie­der auf der Stra­ße. Sie hat ihren Man­tel aus­ge­zo­gen, trägt eine graue Jacke und Sport­schu­he. Kurz, für zwei oder drei Sekun­den, hält sie sich am Gelän­der der Trep­pe fest. — stop
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aquarium

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whis­key : 0.01 — Ein selt­sa­mes Geräusch, das mich weck­te, als wür­den sin­gen­de Gril­len in mei­nem Zim­mer sit­zen. Ich stand dann auf und träum­te in der Küche, wäh­rend ich das Früh­stück mach­te, noch etwas wei­ter, aber bald hör­te ich es wie­der, das Geräusch durch den Flur um die Ecke. Nein, Gril­len waren das nicht, auch kei­ne hei­se­ren Vögel. Was ich hör­te, war das glück­li­che Trom­pe­ten einer Her­de Tief­see­ele­fan­ten, die im Aqua­ri­um zwi­schen John­son und Mel­ville im Kreis her­um­spa­zier­te. Nicht grö­ßer als Mur­meln und von tief­blau­er Far­be, tas­te­ten sie mit haar­fei­nen Rüs­seln im Sand und an den Schei­ben. Die ein oder ande­re Dschun­gel­pflan­ze hat­ten sie, wäh­rend ich schlief, aus dem Boden geris­sen, über­haupt war die Land­schaft, die ich seit Jah­ren ken­ne, in Auf­ruhr gera­ten, Muschel­häu­ser segel­ten durchs war­me Was­ser, auch Pan­zer­wel­se und ein paar Suma­trabar­ben, ohne Fas­sung, wie irr, mit dem Bauch nach oben. Ein fas­zi­nie­ren­der Anblick, ein Toll­haus. Wie ich mich lie­be­voll über das Aqua­ri­um beug­te, hoben sie ihre Rüs­sel aus dem Was­ser und ich spür­te den Luft­zug ihrer Instru­men­te auf der Stirn. Und jetzt ist Mit­ter­nacht gewor­den, das Ende eines wun­der­schö­nen Tages der Beob­ach­tung, den ich auf mei­nem Gar­ten­stuhl ver­brach­te. Ich habe weder gele­sen noch sonst gear­bei­tet, nur geschaut habe ich und gestaunt. — stop
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