echo : 0.02 — Acht Menschen wurden in Teheran, weil sie um Freiheit demonstrierten, zum Tode verurteilt, Hunderte weitere Menschen werden viele Jahre in Gefängnissen existieren. Und doch setzen sich Aufbegehren und Widerstand fort. Meine persischen Freunde. Wie sie jede Nachricht aus ihrer Heimat sorgsam in Gesprächen wiegen, wie sie hoffen, wie sie zwischen Begeisterung, Zorn und Sorge oszillieren. — Die Einsamkeit der Trauernden, die Einsamkeit der Wartenden, indem sie um das Leben eines Verschwundenen bangen. – Vier Uhr zwölf in Naypyidaw, Burma. — stop

Aus der Wörtersammlung: minute
franny and zooey
foxtrott : 10.00 — Flugzeug über Atlantik quer. 7 Stunden 25 Minuten. Bewegung auf dem Bildschirm wie Dämmerung, wie Eisschmelze, wie Graswachsen. Luft von Zimt, Mundvoll Lebkuchen. So liegen, ein Auge ruhend auf Pixelmeer, das andere auf Salingers Franny. Wispernde Stimmen der Manhattenoffizers, leise Aufnahme, einen Tag festhalten, eine Nacht. Das Wasser des Grönlandeises, noch langsamer als das Älterwerden und so sicher, so ausgemacht, wie es im Süden nach den Häusern der armen Küstenmenschen greift. Man hört das nicht, man denkt das nicht. Es ist längst schon eingearbeitet, vielleicht, in jede Erwartung. Luft von Zimt, Mundvoll Lebkuchen. Ein Auge ruhend auf dem Meer, das andere auf Franny. Coltrane, John: A love supreme. Zeit vergeht. — stop

regenschirmtiere vol.2
tango : 22.28 — Seit einigen Tagen denke ich, sobald ich lese, begeistert an Neurone, Synapsen, Axone, weil ich hörte, dass ich mittels Gedanken, die Anatomie meines Gehirns zu gestalten vermag. Vorhin, zum Beispiel, ich folgte der Ankunft eines Schiffes in New York im Jahre 1867, überlegte ich, was nun eigentlich geschieht in diesem Moment der Lektüre dort oben hinter meinen lesenden Augen, ob man verzeichnen könnte, wie für das Wort M a r y, das in dem Buch immer wieder aufgerufen wird, frische Fädchen gezogen werden, indem sich das Wort schrittweise mit einer unheimlichen Geschichte verbindet. Oder der Regen, der Regen, was geschieht, wenn ich schlafend, Stunde um Stunde, Geräusche fallenden Wassers vernehme? In der vergangenen Nacht jedenfalls habe ich wieder einmal von Regenschirmtieren geträumt, sie scheinen sich fest eingeschrieben zu haben in meinen Kopf, vielleicht deshalb, weil ich sie schon einmal nachtwärts gedacht und einen kleinen Text notiert hatte, der wiederum in meinem Gehirn zu einem bleibenden Schatten geworden ist. Natürlich besuchte ich meinen Schattentext und erkannte ihn wieder. Trotzdem das Gefühl, Gedanken einer fernen Person wahrgenommen zu haben. Die Geschichte geht so: Von Regenschirmtieren geträumt. Die Luft im Traum war hell vom Wasser, und ich wunderte mich, wie ich so durch die Stadt ging, beide Hände frei, obwohl ich doch allein unter einem Schirm spazierte. Als ich an einer Ampel warten musste, betrachtete ich meinen Regenschirm genauer und ich staunte, nie zuvor hatte ich eine Erfindung dieser Art zu Gesicht bekommen. Ich konnte dunkle Haut erkennen, die zwischen bleich schimmernden Knochen aufgespannt war, Haut, ja, die Flughaut der Abendsegler. Sie war durchblutet und so dünn, dass die Rinnsale des abfließenden Regens deutlich zu sehen waren. In jener Minute, da ich meinen Schirm betrachtete, hatte ich den Eindruck, er würde sich mit einem weiteren Schirm unterhalten, der sich in nächster Nähe befand. Er vollzog leicht schaukelnde Bewegungen in einem Rhythmus, der dem Rhythmus des Nachbarschirms ähnelte. Dann wachte ich auf. Es regnete noch immer. Jetzt sitze ich seit bald einer halben Stunde mit einer Tasse Kaffee vor meinem Schreibtisch und überlege, wie mein geträumter Regenschirm sich in der Luft halten konnte. Ob er wohl über Augen verfügte und über ein Gehirn vielleicht und wo genau mochte dieses Gehirn in der Anatomie des schwebenden Schirms sich aufgehalten haben. — stop
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napapiin
india : 6.22 — Schaute gegen den Himmel. Bemerkte, dass sich die Dunkelheit wie eine Flüssigkeit verhielt. Vögel hüpften in dieser feuchten Lichtlosigkeit in Kastanienbäumen von Ast zu Ast, ein traumartiges Bild. Vielleicht habe ich etwas gesehen, das ich nur deshalb beobachten konnte, weil ich ohne jeden Grund auf der Straße stand, wie aus einem Versehen heraus, ein Mann, der die falsche Tür genommen hatte. Jetzt, etwas später, ahne ich, dass ich dort vor dem Haus gelandet war, weil ich insgeheim wünschte, mit meinen Gedanken an den gewaltsamen Tod eines Torhüters, unter freiem Himmel zu stehen. Und wie ich so wartete, hörte ich die Stimme seiner mutigen, jungen Frau in meinem Kopf, eine Stimme, die versuchte, von all dem Wahnsinn, dem Wahnsinn des Verheimlichens zu sprechen. Da war einmal ein Mensch gewesen, der nicht weiterleben konnte, der sterben musste, weil er seine Verletzlichkeit, seine Schwäche, seine Menschlichkeit nicht zeigen durfte oder glaubte, sie nicht zeigen zu dürfen. So könnte das gewesen sein. Ein Mensch, der lange Zeit über Wasser hastete. So weit ist er gelaufen, dass kein Land mehr zu sehen, kein Laut mehr zu hören gewesen war. — 2 Uhr und fünfzehn Minuten. Die Welt dreht sich, um einen Atemzug langsamer geworden, weiter, immer weiter. Soeben wurde amtlicherseits die Öffnung folgender Weihnachtspostämter, nördliche Hemisphäre, bekannt gegeben: Nordpol-Grönland Santa Claus Nordpolen, Julemandens Postkontor DK-3900 Nuuk / Finnland Santa’s Main Post Office FIN-96930 Napapiin / USA Santa Claus Indiana 47579.
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kakaduzwerge
ginkgo : 6.55 – Ein schläfriger Mann sitzt in diesen Minuten mit einer Schreibmaschine auf dem hölzernen Boden seines Arbeitszimmers. Habe zuletzt zwei Stunden in Christoph Ransmayrs letzter Welt gelesen, in einem Buch, das ich immer dann zur Hand nehme, wenn mir die Sprache müde zu werden scheint. Der Mai kam blau und stürmisch. Ein warmer, nach Essig und Schneerosen duftender Wind fraß die letzten Eisrinden von den Tümpeln, fegte die Rauchschwaden aus den Gassen und trieb zerrissene Girlanden, Papierblumen und die öligen Fetzen von Lampions über den Strand. (Christoph Ransmayr). Kaum hatte ich das Wort Schneerose zu Ende gelesen, stand ich auf und wartete erhitzt zwei oder drei Minuten vor meinem Aquarium. Dort wohnen seit einigen Monaten Wälder und Fische, die mich im Zwielicht schwebend, Stunde um Stunde beobachten. Einmal, gegen Zwei, entfaltete ich einen Stadtplan New Yorks. Das machte sie wild. Dann wieder Ruhe. Flossenfäden. Flugdrachenschwänze. Und dieser Mann, dieser schläfrige Mann, der sich wieder und wieder nähert. Seine Freude, dass ihn das Wort Schneerose, indem es dem Wort Essig folgte, derart begeisterte, dass ihm warm wurde, feurig und alle diese Dinge. Aber natürlich, aber natürlich erneut die Frage, ob meine Kakaduzwerge mich als einen der ihren, als einen Fisch betrachten. — Guten Morgen!
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die privatheit der engel
echo : 0.28 – Wovon ich nicht berichtet habe, am Mittwoch bereits ist mir ein Fieberengel zugeflogen. Jetzt kommen sie schon im Oktober angereist, wollen getröstet, wollen unterhalten werden. Der Engel, von dem ich gerade spreche, lungert seit zwei Tagen in meiner nächsten Nähe auf Kissen herum. Ein Anblick, der mich nicht einschlafen lässt, das Beben seines Gefieders, Herbstlaubfarben, die über einen blassen Körper stürmen. Durch hohe Temperaturen, die in seinem Inneren brennen, ist der kleine Engel so matt geworden, dass ich ihn in eine Hand legen, dass ich ihn wiegen konnte. Eine leichte Person, 80 g, sitzt in diesen Minuten, da ich meinen Text notiere auf meiner Schulter links nicht ohne Grund. Ich hatte meine Particlesarbeit betont und dass ich dort von seiner Gegenwart erzählen würde. Man ahnt nichts von der Wildheit ihres Wesens. Meinen Namen solltest Du nicht erwähnen! Ich warne Dich, flüsterte der Engel. Er saß im Moment seiner Drohung auf dem Stiel eines Löffels in meiner Küche, steckte die Spitze einer Feder in warmen Honig und dozierte von Geheimnissen, die Engel und Menschen umgeben. Du und ich! So sitzt er also und beobachtet, was ich gerade notiere. Ich weiß, ich könnte, ein Wort zu viel, sofort in Flammen aufgehen, also hör ich besser auf. — Eine halbe Stunde nach Mitternacht, der letzte Tag des Oktobers ist angebrochen. – Gute Nacht!
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liu xiaobo und liu xia
delta : 0.02 – Mitternacht vorüber. Gleich, in wenigen Minuten, werde ich das Haus verlassen und ein wenig spazieren gehen, rüber zu den Wächtern, die vor dem Frankfurter Messeturm Stände antiquarischer Bücher umsorgen. Vielleicht haben sie schon offenes Feuer in einer Tonne entzündet. — Wie gut die Luft heut riecht! — Gebratene Tauben segeln durch die Nacht und die Straßenbahnen fahren jenseits der Gleise, wie sie wollen. Es schneit, aber es schneit rückwärts, der Schnee fällt zum Himmel hinauf. Eine gute Stunde ist das, Schritt für Schritt im Kreis herumzulaufen und an jene Menschen zu denken, die nicht anwesend sind, weil sie nicht anwesend sein können, weil sie verhaftet oder weil sie in ihren Häusern arretiert worden sind. — stop

peter bichsel : lesen macht arbeitsunfähig
marimba : 3.28 – Ich habe die Filmstimme eines Schweizer Schriftstellers gehört, den ich seit vielen Jahren sehr gerne lese, weil seine Sätze in meinem Kopf ein Gefühl von Klarheit, Freiheit und angenehmer Kühle bewirken. Ich weiß, dass das natürlich Unsinn ist, weil ich mit meinem Gehirn unmittelbar keine Temperaturen wahrzunehmen vermag, und doch immer wieder der Eindruck polarer Luft, ein Knistern. Der Mann, von dem ich spreche, heißt Peter Bichsel. Er fährt gern ziellos in Zügen herum, weil er in Zügen ausgezeichnet notieren kann. Ich stelle mir vor, wie die Menschen des Zuges, Landschaften, Schienen, Schwellen, Abteile, unmerklich zu Teilen einer besonderen Schreibmaschine werden. Als Kind, erzählt Peter Bichsel, habe er sich darauf gefreut, ein alter Mann zu sein. Er habe damals nicht gewusst, dass ein Großvater nicht ewig ein Großvater bleibe, sondern das Leben noch älter wird, und der Großvater dann stirbt. — stop
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zeichen 88
nordpol : 6.25 – Heftiges Schneetreiben [ 30 Minuten ] : 567 Zeichen. stop Versuch über die Stille [ 3 Variationen ] : 2587 Zeichen. stop Eichhörnchen [ 2 Wesen, liebkosend ] : 88 Zeichen. stop 1 gelungene Nacht. stop Guten Morgen! stop
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déjà vu
ginkgo : 1.28 – Wie sich die Dinge wiederholen. Oktober. Ich hatte vor einer Stunde noch meine Fenster weit geöffnet. Kurz darauf segelte ein Nachtfalter durchs Arbeitszimmer. Das Tier war so müde und so schwach, dass es nachgab und sich der Luft anvertraute. Bald hockte der Falter auf dem Boden. Ich hob ihn auf und setzte ihn behutsam an eine Wand. Er scheint in dieser Minute zufrieden, wenn nicht glücklich zu sein. Ein paar Diodenlichter glühen zu mir herüber. Ob ich den Falter nicht vielleicht füttern sollte, über den Winter bringen? Er könnte 250 Jahre alt, er könnte ein Lichtenbergfalter sein. stop. Ein Déjà-vu. stop. Noch zu tun: stop. Nach anatomischen Geräuschwörtern lauschen. stop. Tsching. Tsching. — stop
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