tango : 1.17 — Ein Freund erzählt von Nächten, die er vor 30 Jahren in den gefährlich gewordenen Straßen und auf den Dächern über der Stadt Isfahan verbrachte. Das Rufen tausender Stimmen: Allah-o-Akbar. Wir haben das erfunden, um den Schah zu vertreiben, auch ältere Menschen konnten sich in dieser Weise bemerkbar machen. Wir kämpften für Demokratie, hörten BBC, um herauszufinden, ob irgendjemand wahrnimmt, was mit uns geschieht. Kannst Du verstehen, wie ich mich jetzt fühle? — Furchtbar wurden sie betrogen, eine Generation im Exil. – Kurz nach Mitternacht. Fereshteh Ghazi, junge Journalistin, notiert: Tonight, like past nights, the chants of “Allah-o-Akbar” were heard on roof tops of Tehran & other cities. Seit Tagen schreibt sie sich die Finger wund. Persiankiwi aber, dessen Zeichen ich viele Stunden lang auf dem Bildschirm erwartete, ist verstummt. Vorgestern noch Zeilen auf Twitter folgende: > just in from Baharestan Sq — situation today is terrible — they beat the ppls like animals 3:34 PM Jun 24th I see many ppl with broken arms/legs/heads — blood everywhere — pepper gas like war 3:35 PM Jun 24th
they were waiting for us — they all have guns and riot uniforms — it was like a mouse trap — ppl being shot like animals 3:53 PM Jun 24th saw 7/8 militia beating one woman with baton on ground — she had no defense nothing — sure that she is dead 3:55 PM Jun 24th so many ppl arrested — young & old — they take ppl away — we lose our group 3:59 PM Jun 24th ppl run into alleys and militia standing there waiting — from 2 sides they attack ppl in middle of alleys 4:01 PM Jun 24th all shops was closed — nowhere to go — they follow ppls with helicopters — smoke and fire is everywhere 4:03 PM Jun 24th phone line was cut and we lost internet — getting more difficult to log into net 5:05 PM Jun rumour they are tracking high use of phone lines to find internet users — must move from here now 5:09 PM Jun 24th reports of street fighting in Vanak Sq, Tajrish sq, Azadi Sq — now — Sea of Green — Allah Akbar 5:14 PM Jun 24th in Baharestan we saw militia with axe choping ppl like meat — blood everywhere — like butcher — Allah Akbar — 5:16 PM Jun 24th they catch ppl with mobile — so many killed today — so many injured — Allah Akbar — they take one of us — 5:18 PM Jun 24th Lalezar Sq is same as Baharestan — unbelevable — ppls murdered everywhere — 5:19 PM Jun 24th they pull away the dead into trucks — like factory — no human can do this — we beg Allah for save us — 5:23 PM Jun 24th Everybody is under arrest & cant move — Mousavi — Karroubi even rumour Khatami is in house guard — 5:28 PM Jun 24th we must go — dont know when we can get internet — they take 1 of us, they will torture and get names — now we must move fast — 5:34 PM Jun 24th thank you ppls 4 supporting Sea of Green — pls remember always our martyrs — Allah Akbar — Allah Akbar — Allah Akbar 5:36 PM Jun 24th Allah — you are the creator of all and all must return to you — Allah Akbar 5:39 PM Jun 24th — stop
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Aus der Wörtersammlung: nacht
absent
romeo : 3.15 — Kühle Luft, leichter Regen, herbstliche Stimmung. Wie immer, wenn ich zerstreut bin, in einem Abenteuerbuch gelesen. Folgende Stelle in H.G. Wells’ Roman Die Insel des Dr. Moreau: Mein Onkel verschwand auf etwa 5° südlicher Breite und 105° westlicher Länge aus den Augen der Menschen, und er erschien nach elf Monaten in derselben Gegend des Ozeans wieder. Während der Zwischenzeit muss er auf irgendeine Weise gelebt haben. In dem Moment, als ich diese Zeilen passierte, wie aus heiterem Himmel ein merkwürdiges Gefühl der Unwirklichkeit, als ob ich diese Nacht, das Buch, den Stuhl, auf dem ich saß, nur träumte, auch mich selbst träumte, wie ich las, die Bilder Menschen jagender Motorradfahrer und die Nachricht im Kopf, ein Rat mächtiger, religiöser Wächter habe gestern noch, am Ende einer anderen Nacht, bestätigt, im Iran seien drei Millionen Stimmzettel nicht existierender Wähler zu verzeichnen. — Wohin ist diese Nachricht geflohen? — Wann wird sie wieder zu uns kommen? — Wo hält sie sich auf in den Zeiten der Abwesenheit? — Wie viele Menschen sind in den vergangenen Stunden kühlen Regens spurlos aus ihren Häusern oder aus Hospitälern der Stadt Teheran verschwunden? — stop
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sahara/ahorn
himalaya : 1.28 — 1 halbe Stunde im Googleflugzeug über die Sahara auf dem Bildschirm. Leuchtende, türkisfarbene Flächen, ausgedehnte, sandfarbene Ebenen, und Berge, die rot sind, als würden an ihren Hängen Ahornhaine blühen. Da und dort Spuren menschlicher Siedlungen, gewürfelte Kerne. Pisten der Automobile erscheinen in der Stärke eines Haares. Etwas Wüstensand, von glühenden Winden himmelwärts getragen. Korallenstäube. Vipernhaut. Kamelknochengesteine. Zeitfermente. So sichtbar wie denkbar. — Was sehe ich noch in diesen Stunden? — stop
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papierhimmel
marimba : 6.05 — Denkbar, dass die Erfindung der Trompetenkäfer einen Prozess darstellt, der aus zehntausend Einzelgedanken besteht, die sich nicht selten zärtlich wiederholen. Ich habe heute Nacht versucht, mich an den ersten Gedanken zu erinnern, der ein Trompetenkäfergedanke gewesen sein könnte. Vergeblich! – Kurz nach sechs Uhr. Sonne an einem Himmel von Papier. — stop
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hologramm
echo : 12.01 — Immer wieder eine Erscheinung auf Position 50°6’N 8°38’W, ein Wesen, eine Frau, die einem Inferno entkommen oder eine Erfindung sein könnte. Graues, staubiges, öliges Haar. Ihr von Leid gezeichnetes Gesicht. Ihre von Schmutz starrenden und doch feingliedrigen Hände. Plastiktüten, die sie in gebückter Haltung geräuschvoll durch die Abteile der Abendzüge zerrt. Ihr Blick, der berührt, der mich wahrzunehmen scheint, unendlich traurig, unendlich müde. Sie bettelt nicht. Sie isst nicht. Sie trinkt nicht. Sie fährt nur Zug oder sitzt irgendwo in den Wartehallen des Flughafens herum und verbindet ihre entzündeten Füße. Nie habe ich ihre Stimme gehört, nie sie schlafend oder betrunken vorgefunden, auch nachts um drei Uhr nicht vor den Schaltern der Lufthansa. Sie wird geduldet. Sie könnte eine Mutter sein. Wen erwartet sie? Wohin will sie fliegen? Was ist geschehen? — stop
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zoé valdés
lima : 0.03 — Die sanfte, singende Stimme Zoé Valdés. Wie sie erzählt, sie habe in Havanna mit Freunden nachts Romane kopiert, um sicher sein zu können, kostbare, verbotene Texte niemals zu verlieren. Besondere Bücher, stelle ich mir vor, die zu jeder Zeit nur dann in ihre Tiefen lesbar, also hörbar, also denkbar sind, indem sie von Hand auf weitere Papiere übertragen werden. Abends über den Tischen des Hofgartens das feine Orkanlicht der Propellerkäfer. — stop
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afrika
nordpol : 0.03 — Beobachtete in einem Bus (Take five) eine Mutter und ihr Kind. Zwei Männer von dunkler Hautfarbe saßen gegenüber. Sie unterhielten sich. Das Kind hörte aufmerksam zu. Dann lachten die Männer und das Kind fragte die Mutter, was die Männer erzählten, worüber sie lachten. Sogleich lauschte die Mutter zu den Männern hin. Sie lauschte lange, sie lauschte auch mit den Augen. Es war nicht die englische und auch nicht die französische Sprache, die sie vernahm, es war eine seltsam klingende Sprache, Klick. Klick. Die Mutter sagte zum Kind: über Afrika. – Während ich diese Geschichte notierte, erinnerte ich mich an einen Gedanken, den G.C.Lichtenberg bereits um das Jahr 1778 herum formulierte. Er schrieb: Vorstellungen sind auch ein Leben und eine Welt. – So ist jetzt wieder Nacht geworden. Ein Himmel schön dunkel von schweren Wolken, gleich wird es Frösche regnen. — stop
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murmansk
romeo : 0.15 — Ich war im Zug gestern Abend in Murmansk gewesen. Am Hafen saß ich, und das Eis auf dem sich sanft bewegendem Meer schindelte zu meinen Füßen. Ein rostiges U‑Boot war da noch und junge Matrosen, sie spielten mit Äpfeln und winkten. Indem ich so wartete und die Geräusche des Eises und die Stimmen der Seeleute bewunderte, flatterten Kolibris um meinen Kopf herum. Sie trugen winzige Pelzmützen und Pelzjacken und ihre Flügel brummten in der glasklaren Luft nordischer Mittagsstunde. Dann wachte ich auf, fuhr in einer Straßenbahn spazieren, öffnete meinen Koffer und schon ist Mitternacht geworden. Ob ich vielleicht noch immer schlafe, noch immer träume? — stop

traumwärts
india : 0.02 — Ich notiere: Wenn ich meine linke Hand mit meiner rechten Hand berühre, durchbreche ich einen Spiegel. Wenn ich sage: meine Hand ohne Haut, habe ich in meinem Kopf ein muskuläres Bild zur Verfügung, das sich bewegen lässt. — Was ist heute eigentlich für ein Tag? — Samstag vielleicht? — Oder Sonntag? – Nacht jedenfalls. Vor den Fenstern pfeift die Welt traumwärts von den Bäumen. — Da war vor wenigen Minuten eine Spinne von der Größe einer Kirsche, schneeweißer Pelz, sieben hellblaue Augen. Sie blitzte mich an, als ich die Tür zum Eisfach meines Kühlschranks öffnete. Ein Ausdruck tiefster Verwunderung, hier wie dort, als ob wir beide nicht glauben konnten, was wir vor uns sahen.

hilde domin
romeo : 22.02 — Atemlos eine Kameraluftreise der jungen Filmemacherin Anna Ditges beobachtet. Zwei Jahre lang filmte sie ihre Begegnungen mit Hilde Domin. Als ich meine Fernsehmaschine ausschaltete, war ich voll Glück und Freude, und ich dachte, dass ich mich vermutlich verliebt habe, in den Film, in die junge Filmemacherin, oder nein, ich glaube, ich habe mich in Hilde Domin verliebt. Und wie ich diese Zeilen gerade schreibe, denke ich, dass Hilde Domin, sollte sie mir über die Schulter sehen, vielleicht sagen würde: Aber das geht doch nicht, das ist unhöflich, so nah heranzukommen. – Ich saß im Park am Nachmittag, folgte einer Spinne, die auf Buchseiten turnte und las in Hilde Domins Gedichten: Wer es könnte / die Welt / hochwerfen / dass der Wind / hindurchfährt. Ihre von der Zeit gezeichnete Hand, die im Film genau diese Zeilen mit einem Bleistift auf ein Blatt notierte. Wie sie sagt zur jungen Frau hinter der Kamera: Wir sehen uns gerne an, weil wir uns mögen. — stop
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