himalaya : 2.28 — Gestern Abend machte ich einen Spaziergang durch die Stadt. Es war schön warm geworden, über den Opernplatz jagten ein paar Haifüssliere in Kopfhöhe unter den flanierenden Menschen dahin, eine wirklich schöne dunkelblaue Stunde. Und während ich so ging, telefonierte ich scheinbar, das heißt, ich hielt mein Mobiltelefon an mein rechtes Ohr, aber anstatt einer Stimme zuzuhören, die gar nicht aus dem Telefon herauskommen konnte, weil ich mit niemandem verbunden war, fotografierte ich wild herum, ohne freilich sehen zu können, was mir vor die Ohrlinse kam. Auf der Kaiserstraße machte ich in dieser Weise heimlich Aufnahmen von einem Hütchenspieler. Ich musste mich dazu seitwärts zum Geschehen in meiner Nähe positionieren. Jemand könnte in diesem Moment vielleicht Verdacht geschöpft haben, als ich weiterging, wurde ich beobachtet, zwei Herren, die mir nicht gefielen, begleiteten mich. Sie kamen sehr nah an mich heran. Um mich zu retten, begann ich in mein Telefon zu sprechen. Ich tat so, als ob ich irgendjemandem eine Geschichte erzählen würde. Ich berichtete von Häusern, die unter riesigen Ballonen schweben. Indessen ging ich nicht schneller voran als üblich. Zweimal blieb ich stehen, und auch die zwei Männer blieben stehen. Am Londoner Platz fiel mir zu Ballonhäusern nichts mehr ein, ich gab darum eine Weile vor, selbst einer Geschichte zuzuhören, nickte immer wieder, lachte, dann fragte ich mit fester Stimme, ob ich vielleicht die Geschichte von den Eisbüchern erzählen sollte. Da ließen, weiß der Himmel, warum, beide Herrn von mir ab. — stop

Aus der Wörtersammlung: ohr
siatista mittags jahre später
echo : 5.08 — Vor Jahren einmal wurde mir erzählt, ein sehr alter Mann habe sich aus Verzweiflung über die politische Lage seines Landes, andere meinten, weil er im hohen Alter noch hungern musste, an einem wunderschönen Maitag auf dem Marktplatz der malerischen Stadt Siatista, demzufolge in einer nördlichen Provinz Griechenlands, erschossen. Er habe ein Sturmgewehr für seinen letzten Schuss verwendet, eine Waffe, die seit dem Jahre 1944 im Keller seines Elternhauses in Ölpapier gewickelt lagerte. Beinahe wäre das Gewehr, einst Stolz des jungen Mannes im Kampf gegen deutsche Faschisten, für immer in Vergessenheit geraten. Im Detail war damals zu erfahren gewesen, die Kugel habe zunächst den Unterkiefer des alten Mannes durchschlagen, sei von dort aus in das Gehirn vorgedrungen und habe den Kopf über das linke Auge hin wieder verlassen. Bruchteile einer Sekunde später soll das Projektil eine Fliege getötet haben, die sich kurz zuvor auf den Weg südwestwärts gemacht hatte, um sich zuletzt in den Ast eines Salzbaumes zu bohren. — Ist das nun eine Geschichte oder eine Nachricht? Ich habe noch immer keine Antwort auf diese Frage. — stop

geister
india : 0.58 — Das tödliche Elend kommt nicht in Sekundenbruchteilen auf arme Menschen nieder, als eine Welle langsam und kontinuierlich ansteigender Preise für Zucker, Mais, für Wasser kommts daher. Wer sind diese Personen, die mit Getreide spekulieren? Könnte man nicht einen Namen finden? Ein Gesicht? Ein menschliches Wesen, Nase, Augen, Ohren, das man befragen könnte: Warum tun Sie das? — stop

das auge der ezmer
himalaya : 0.01 — Ich habe Palmira zunächst nicht wirklich ernst genommen. Sie erzählte vor einigen Wochen, das linke Auge ihrer Tochter Ezmer würde sich seltsam verhalten, ich hörte kaum hin. Gestern dann habe ich Mutter und Tochter zufällig in einer Straßenbahn getroffen. Tatsächlich schien sich das linke Auge der kleinen Ezmer in Richtung des nahegelegenen Ohres in Bewegung gesetzt zu haben. Die Frage, ob sie Schmerzen empfinde, verneinte Ezmer, auch könne sie mit ihrem wandernden Auge weiterhin bestens sehen. Sie fragte mich: Wo will es denn hin? Woraufhin Ezmer’s Mutter Palmira bemerkte: Mach Dir keine Gedanken, Kleines, Dein Auge geht nur einen Augenblick lang spazieren. — stop

freitag
india : 4.10 — Gestern Abend im Gespräch entdeckte ich die Existenz der Ohrmuschelforscher. Es existieren außerdem Herzforscher, Knochenforscher, Lungenforscher, Kehlkopfforscher. An dieser Stelle höre ich auf zu erzählen. Heute ist Freitag. Guten Morgen. — stop

morgens kurz nach fünf
zoulou : 6.10 — Eine Stechmücke setzte sich in der Dämmerung nach einer langen Arbeitsnacht auf meinen Arm. Ich beobachtete, wie sie ihren Rüssel an mich legte, aber sie stach nicht zu, als ob sie sich meiner Reife nicht sicher geworden sei. Kurz darauf wartete ich vor einer Kasse in einer Menschenschlange. Irgendwo in der Ferne lachte eine Kassiererin. Plötzlich bemerkte ich, dass ich in meinem Leben noch nie eine Ohrfeige bekommen habe, oder alle Ohrfeigen, die ich bekommen habe, vergessen konnte. So endete meine Nacht mit zwei spannenden Geschichten, ich war zufrieden. — stop

rose
sierra : 18.15 — In einem schattigen Laden nahe der Roosevelt Island Tramway Basisstation West wartete ein alter Mann hinter einem Tresen. Er war vermutlich amerikanischer Staatsbürger, aber eher chinesischen Ursprungs. Als ich von dem kleinen Park her, dessen Lindenbäume Kühle spendeten, in den Laden trat, verbeugte sich der Mann, grüsste, er kannte mich bereits, wusste, dass ich mich für Schnecken interessiere, für Wasserschnecken präzise, auch für wandernde Seeanemonenbäume, und für Pralinen, die unter der Wasseroberfläche, also im Wasser, hübsch anzusehen sind, schwebende Versuchungen, ohne sich je von selbst aufzulösen. An diesem heißen Sommerabend kamen wir sofort ins Gespräch. Ich erzählte dem alten Mann, ich würde nach einem besonderen Geschenk suchen für ein Kiemenmädchen namens Rose. Sie sei zehn Jahre alt und nicht sehr glücklich, da sie schon lange Zeit den Wunsch verspürte, wie andere Kinder ihres Alters zur Schule zu gehen, leibhaftig am Unterricht teilzunehmen, nicht über einen Bildschirm mit einem fernen Klassenraum verbunden. Ich glaube, ich war genau zu dem richtigen Zeitpunkt in den Laden gekommen, denn der alte, chinesisch wirkende Mann, freute sich. Er machte einen hellen, pfeifenden Ton, verschwand in seinen Magazinen, um kurz darauf eine Reihe von Spieldosen auf den Tresen abzustellen. Das waren Walzen- und Lochplattenspieldosen mit Kurbelwerken, die der Ladung einer Federspannung dienten. Vor einer Stunde geliefert, sagte der alte Mann, sie machen schauerlich schöne Geräusche im Wasser! Man könne, setzte er hinzu, sofern man sich in dem selben Wasser der Spieldosen befände, die feinen Stöße ihrer mechanischen Werke überall auf dem Körper spüren. Bald legte er eine der Dosen in ein Aquarium ab, in welchem Zwergseerosen siedelten. Kurz darauf fuhr ich mit der Tram nach Roosevelt Island rüber. Das Musikwerk, Benny Goodman, das ich für Rose erstanden hatte, war in das Gehäuse einer Jakobsmuschel versenkt. Die Schnecke lebte, weswegen ich tropfte, weil der Beutel, in dem ich Roses Geschenk transportierte, über eine undichte Stelle verfügte. Gegen Mitternacht, ich war gerade eingeschlafen, öffnete tief in meinem rechten Ohr knisternd eine Zwergseerose ihre Blüte. — stop

lilimambo
echo : 15.01 — Die Stille von Gedanke zu Gedanke, wohltuend. Schlafende Ohren. — stop

im orbit
india : 18.16 — Die zärtlichste Art und Weise, einen Menschen zu berühren, ist vielleicht die Berührung durch Vorstellungskraft. stop. Mut. stop. Mut zur Erinnerung. stop. Das schweigende, vertraute Gehen in den Bergen. stop. Zitronenfalter. stop. Ein fröhliches Lachen, das Dohlenvögel lockte. stop. Wolken. stop. Gemeinsame Wolken. stop. Der Geschmack von Apfelscheiben. stop. Zeitlos sein. stop. Leicht und von Sorgen frei. stop. Geborgen. stop. Und Namen, Namen wie erfunden: Müllnerhorn. stop. Kolibrispitze. stop. Auf den Pfaden der Blick über die Schulter zurück: Bist du noch da? stop. Das Geräusch einer Glocke seit ungezählten Jahren in einer Pumpenradstation. stop. Das rieselnde Geräusch des Salzwassers. stop. Ein gebrochener Arm, der Zeit für Nähe spendet. stop. Eine Tasse Kaffee am Morgen im Aufbruch, ein warmer Kuss, ein Lächeln. stop. Das Schnurren einer Katze am Telefon. stop. Der süße Duft eines Ohres. stop. Ein roter Koffer, und im Winter Geistermasken, und wie man Feuer in einem Kachelofen entfacht. stop. Ja, wo bist Du, bist Du noch da? stop. Immer wieder das Wort Seelenortfeder in diesen Tagen, das ich am 20. Oktober 2010 entdeckte und sofort verschenkte. — stop

helsinki turku
zoulou : 0.05 — Einmal folge ich einem Mann namens Nuuri durch einen Zug, der sich sehr langsam von Helsinki nach Turku bewegt, es schneit. Der Mann, der stets eine helle wollene Mütze trägt, ist den Pendlern, die ihre Samstage und Sonntage in Turku verbringen, gut bekannt, sie scheinen nur darauf zu warten, seine heisere Stimme bald hören zu können: Wolken! Wolken! Das Stück Wolke zu 50 Cent zu verkaufen. Wer Nuuri nicht bereits einmal erlebte, wird vermutlich meinen, ein sehr seltsamer Mensch wandere durch die Abteile des scheppernden Zuges. Aber das würde ein Irrtum sein, Nuuri verkauft tatsächlich sehr kleine, wirkliche Wolken von Wasserdampf. Sie schweben über Baumminiaturen, welche dicht an dicht aus Fächern wachsen, die Nuuri mittels eines Bauchladens vor sich herträgt. Ein feines Netz gläserner Fäden ist wie eine Kuppel über der wilden Landschaft aufgespannt. Sobald man sich mit Augen, Ohren, Nase nähert, wird man wispernde Affenstimmen vernehmen, Vögel sind zu erkennen, die über Baumwipfel kreisen, und ein Panther so groß wie eine Ameise, der sich auf einer Lichtung wälzt. Und eben Wolken, Wolken, die man kaufen kann, sie blitzen und knallen von Zeit zu Zeit, es duftet sofort nach Schwefel, nach einem Löffel voll glimmenden Schwefels. Sobald man nun eine Wolke zu kaufen wünscht, eine Wolke zu 50 Cent, gebe man ein Handzeichen. Nuuri wird dann unverzüglich Platz nehmen, ein freundlicher Mensch. Er wird sich erkundigen, welche Wolke es denn sein soll. Und während man nun unter den Wolken, es sind viele, eine geeignete Wolke suchen wird, wird Nuuri von Turku und vom winterlichen Eis auf dem Meer und der Stille im Ohr erzählen, und wie es überhaupt möglich sein kann, einen Ameisenpanther zu füttern. — Ende der Wolkengeschichte. — stop



