Aus der Wörtersammlung: ohr

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leon grog abends

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echo : 2.55 — Am Flug­ha­fen, in einem War­te­saal unter dem Ter­mi­nal 1, hock­te ein älte­rer Mann am spä­ten Abend auf einer Bank. Neben ihm stand eine Fla­sche Milch auf dem Boden, sowie eine klei­ne, arg ram­po­nier­te Leder­ta­sche, die man frü­her viel­leicht ein­mal über die Schul­ter hän­gen konn­te, aber der Rie­men der Tasche war vom lan­gen Tra­gen zer­schlis­sen, bau­mel­te zu Tei­len von den Sei­ten der Tasche, die leicht geöff­net war, sodass ein Blick mög­lich wur­de auf einen Sta­pel von Luft­post­brie­fen, die sich in die Tasche füg­ten, als wären sie genau für die­se Tasche gefer­tigt oder aber die Tasche für genau die­se Samm­lung schein­bar weit gereis­ter Brie­fe. Sie waren viel­fach geöff­net wor­den, viel­leicht gele­sen, das war deut­lich zu erken­nen. Einen der Brie­fe hielt der Mann gera­de in dem Moment, da ich ihn auf der Bank bemerk­te, an sein Ohr, er schien zu lau­schen. Sei­ne Augen hat­te er geschlos­sen, er wirk­te kon­zen­triert, ja andäch­tig. Als ich von dem alten Mann in die­ser Hal­tung eine Foto­gra­fie mit mei­nem Tele­fon­ap­pa­rat machen woll­te, sah er mich plötz­lich an und hob in einer reflex­ar­ti­gen Bewe­gung den Brief in die Höhe, sodass sein Gesicht nun bei­na­he ganz ver­deckt war. Da ging ich wei­ter, um nicht zu stö­ren, aber der Mann rief mir zu: War­ten sie, set­zen sie sich! Er über­reich­te mir den Brief, mit dem er kurz zuvor noch sein Gesicht mas­kiert hat­te, und for­der­te mich auf, das Kuvert an mein Ohr zu hal­ten. Der Brief knis­ter­te, als ich ihn in mei­ne Hän­de nahm. Auf der Anschrift­sei­te des Brie­fes war mit fei­nen Zei­chen fol­gen­der Schrift­zug auf­ge­tra­gen: Leon Grog, Av. Rovis­co, 26, Lis­boa. Der Mann lach­te und deu­te­te auf sich selbst: Das bin ich, sag­te er, Leon. Er wies mit einer groß­zü­gi­gen Ges­te auf eine Brief­mar­ke hin, die akku­rat am rech­ten obe­ren Rand des Brie­fes befes­tigt wur­de, ein Stück Him­mel war zu erken­nen von hel­lem Blau, und ein blit­zen­des Flug­zeug, eine Cara­vel­le, die soeben zu star­ten schien. Als ich selbst die Brief­mar­ke an mein Ohr leg­te, hör­te ich ein hel­les Rau­schen, ich hör­te die Moto­ren des Flug­zeu­ges und schloss die Augen, wie der Herr zuvor sei­ne Augen geschlos­sen hat­te. Als ich sie wie­der öff­ne­te, bemer­ke ich einen wei­te­ren Brief, der gleich­falls an Herrn Leon Grog adres­siert wor­den war, wie­der­um nach Lis­sa­bon, wäh­rend der ers­te Brief aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten gesen­det wor­den war, kam die­ser hier von Kolum­bi­en her, eine Brief­mar­ke zeig­te etwas Regen­wald und einen Nas­horn­vo­gel von präch­ti­gem Gefie­der. — stop

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lydia

9

echo : 0.01 — In der Stra­ßen­bahn tref­fe ich eine jun­ge Dame. Ich erken­ne sie zunächst nicht, aber als sie mich grüßt, erin­ne­re ich eine Begeg­nung vor vie­len Jah­ren an der­sel­ben Stel­le, in einer Stra­ßen­bahn. Aus dem klei­nen Mäd­chen, das mich mit einer Bemer­kung für den Rest mei­nes Lebens rühr­te, ist tat­säch­lich eine jun­ge Frau gewor­den. Sie sagt, sie habe unser Gespräch, das wir führ­ten, nie ver­ges­sen, es han­del­te von ihren Ohren, von einem Gedan­ken, der mir zu erklä­ren such­te, wes­we­gen ihre Ohren etwas grö­ßer sei­en als die Ohren ihrer bes­ten Freun­din. Das wäre näm­lich so, dass ihre Ohren des­halb grö­ßer sei­en, weil sie viel weni­ger spre­chen wür­de als ihre Freun­din übli­cher­weise. Sie könn­te, sag­te sie damals, mit ihren Ohren sogar ihre eige­ne Stim­me hören, obwohl sie gar nichts sage. Zum Glück haben mei­ne Ohren inzwi­schen auf­ge­hört zu wach­sen, ich könn­te sonst mit ihnen her­um­flie­gen, dann hät­ten Sie mich ver­mut­lich nie wie­der­ge­se­hen. Sie lacht jetzt sehr fröh­lich. Drau­ßen fällt gera­de viel Was­ser vom Him­mel. — stop

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mrs sini reiss

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marim­ba : 0.08 — Vor eini­ger Zeit besuch­te ich Mrs. Sini Reiss, die im 22. Stock eines Wohn­hoch­hau­ses nahe der Clark Street wohnt. Ich hör­te, sie sei hoch­be­tagt und habe ihr Apart­ment seit über zehn Jah­ren nicht ver­las­sen. Die alte Dame lese viel und schaue gern vom Bal­kon aus zu den oran­ge­far­be­nen Schif­fen hin, die zwi­schen Man­hat­tan Süd und Sta­ten Island pen­deln. Ich erkun­dig­te mich, ob ich mich mit der alten Dame unter­hal­ten müs­se. Nein, nein, ich sol­le nur ein paar Geträn­ke vor­bei­brin­gen und viel­leicht ein wenig nach dem Müll schau­en, Mrs. Reiss habe noch nie einen deut­schen Mann ken­nen­ge­lernt, nur wel­che im Fern­se­hen gese­hen, sie wer­de sicher neu­gie­rig sein, sie spre­che aber nur sehr wenig, sie wer­de also neu­gie­rig vor allem mit ihren Augen sein. Über­haupt sol­le ich mich nicht wun­dern, ich wür­de das hören, sobald ich aus dem Auf­zug stei­ge, in ihrer Woh­nung sin­gen Vögel und brül­len Affen und zetern Zika­den unent­wegt. Wenn du die Augen schließt, dann meinst du dich im Urwald zu befin­den, das ist so, weil es in den Ohren der alten Dame seit vie­len Jah­ren hef­tig rauscht und pfeift, wes­halb sie jene frem­den Stim­men in ihre Woh­nung hol­te, damit sie das Geräusch, das sich in ihren Ohren befin­det, nicht als ihr eige­nes Geräusch wahr­neh­men müs­se. Mrs. Sini Reiss tra­ge ein Wölk­chen schloh­wei­ßen Haa­res auf dem Kopf, ihr Mund sei hell­rot geschminkt, ihre Wan­gen apri­ko­sen­far­ben bepu­dert, sie tra­ge ein dun­kel­blau­es Kos­tüm, und sie lese die New York Times von der ers­ten bis zur letz­ten Sei­te Tag für Tag, sie wis­se über die Welt gut Bescheid, aber sie wol­le eigent­lich nichts hören und nicht spre­chen, son­dern nur die Zei­tung lesen und den Vögeln und Zika­den lau­schen. Genau so ist es gewe­sen. Es war ein Diens­tag. — stop
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ein reisekoffer

9

gink­go : 3.55 — Das Geräusch der trop­fen­den Bäu­me vor dem ewi­gen Brau­sen der Stadt. Eine Nacht voll Wintergewit­ter, glim­mende Vögel irren am Him­mel, Nacht­vö­gel ohne Füße, Vogel­we­sen, die nie­mals lan­den. Als ich vor eini­gen Tagen nach Esme­ral­da such­te, brauch­te ich eine Wei­le, um die klei­ne Schne­cke mit ihrem Gehäu­se auf dem Rücken fin­den zu kön­nen. Sie saß schla­fend auf einer Fens­ter­schei­be. Es war nicht schwer, sie vom Glas zu lösen und auf den Rücken mei­ner rech­ten Hand abzu­set­zen. Esme­ral­da beob­ach­te­te mich von dort aus mit einem Auge, das sie weit aus ihrem Kopf gestreckt hat­te, wäh­rend das ande­re Auge unsicht­bar blieb, viel­leicht weil es wei­ter schlief, weil ein ein­zel­nes Auge genüg­te, um mich zu betrach­ten oder in Schach zu hal­ten. Indem ich mich mit einem Ohr Esme­ral­das Schne­cken­ge­häu­se näher­te, war da wie­der der Ein­druck, ein lei­ses Sum­men zu ver­neh­men, das von einem hel­len Ticken beglei­tet war, als wäre im Häus­chen eine Uhr ein­ge­sperrt. Aber der eigent­li­che Grund, wes­halb ich nach Esme­ral­da such­te, war nicht der Wunsch gewe­sen, an Esme­ral­das Häus­chen zu lau­schen, viel­mehr woll­te ich Esme­ral­da ihren Sche­cken­rei­se­kof­fer zei­gen, eine Schach­tel von 10 cm Län­ge, 5 cm, Höhe, 5 cm Brei­te. Die Schach­tel war per­fo­riert, feins­te Löcher, sodass Luft in sie ein­drin­gen konn­te, außer­dem mit einem feuch­ten Tuch aus­ge­klei­det. Vor­sich­tig hob ich Esme­ral­da an und set­ze sie in der Schach­tel ab, dann schloss ich den Deckel und sag­te zu Esme­ral­da hin: In einer Stun­de hole ich Dich wie­der her­aus. Die­se Geschich­te ereig­ne­te sich vor zwei Wochen. Noch immer leich­ter Regen. — stop

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brighton beach ave

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nord­pol

~ : louis
to : mrs. valen­ti­na zeiler
brook­lyn trans­la­ti­on services
23 brigh­ton beach ave,
Brooklyn
sub­ject : BRYANT PARK

Sehr geehr­te Frau Zei­ler, ich dan­ke Ihnen herz­lich für Ihre rasche Ant­wort. Ich will nun abschlie­ßend den Auf­trag ertei­len, mein unten fol­gen­des Schrei­ben in die eng­li­sche Spra­che zu über­set­zen. Ich bit­te um sorg­fäl­tigs­te Arbeit, Sie wer­den erken­nen, in die­sem Text ist von einem Rei­se­tun­nel nach Ame­ri­ka die Rede, der in mei­ner Vor­stel­lung von äußers­ter Bedeu­tung ist, ein poe­ti­scher Ent­wurf, jedes Wort scheint mir für sei­ne Ver­wirk­li­chung von hoher Bedeu­tung zu sein. Mit ver­ein­bar­ter Ver­gü­tung bin ich ein­ver­stan­den, der Betrag von 82 Dol­lar wur­de bereits ange­wie­sen. Wei­te­re Auf­trä­ge wer­de ich mit Ihnen in Kür­ze bei einem Besuch in ihrem Büro per­sön­lich bespre­chen. Darf ich an die­ser Stel­le mei­ner Ver­wun­de­rung dar­über Aus­druck geben, dass die Über­set­zung des­sel­ben Tex­tes in die chi­ne­si­sche Spra­che 122 Dol­lar kos­ten wür­de? Ich fra­ge mich, wor­in die erheb­li­che Dif­fe­renz von 40 Dol­lar begrün­det sein könn­te. Mit aller­bes­ten Grü­ßen – Ihr Louis

BRYANT PARK — 570 WÖRTER > GO /// Es hat­te Stun­den lang gereg­net, jetzt dampf­te der Boden im süd­wärts vor­rü­cken­den Nord­licht, und das Laub, das alles bedeck­te, die stei­ner­nen Bän­ke, Brun­nen und Skulp­tu­ren, die Büsche und Som­mer­stüh­le der Cafés, beweg­te sich trock­nend wie eine abge­wor­fe­ne Haut, die nicht zur Ruhe kom­men konn­te. Boule­spie­ler waren vom Him­mel gefal­len, feg­ten ihr Spiel­feld, schon war das Kli­cken der Kugeln zu hören, Schrit­te, Rufe. Wie ich so zu den Spie­lern schlen­der­te, kreuz­te eine jun­ge Frau mei­nen Weg. Sie tas­te­te sich lang­sam vor­wärts an einem wei­ßen, sehr lan­gen Stock, den ich ein­ge­hend beob­ach­te­te, rasche, den Boden abklop­fen­de Bewe­gun­gen. Als sie in mei­ne Nähe gekom­men war, viel­leicht hat­te sie das Geräusch mei­ner Schrit­te gehört, sprach sie mich an, frag­te, ob es bald wie­der reg­nen wür­de. Ich erin­ne­re mich noch gut, zunächst sehr unsi­cher gewe­sen zu sein, aber dann ging ich ein Stück an ihrer Sei­te und berich­te­te vom Okto­ber­licht, das ich so lieb­te, von den Far­ben der Blät­ter, die unter unse­ren Füßen raschel­ten. Bald saßen wir auf einer nas­sen Bank, und die jun­ge Frau erzähl­te, dass sie ein klei­nes Pro­blem haben wür­de, dass sie einen Brief erhal­ten habe, einen lang erwar­te­ten, einen ersehn­ten Brief, und dass sie die­sen Brief nicht lesen kön­ne, ein Mann mit Augen­licht hät­te ihn geschrie­ben, ob ich ihr den Brief bit­te vor­le­sen wür­de, sie sei so sehr glück­lich, die­sen Brief end­lich in Hän­den zu hal­ten. Ich öff­ne­te also den Brief, einen Luft­post­brief, aber da stan­den nur weni­ge, sehr har­te Wor­te, ein Ende in sechs Zei­len, Druck­buch­sta­ben, eine schlam­pi­ge Arbeit, rasch hin­ge­wor­fen, und obwohl ich wuss­te, dass ich etwas tat, das ich nicht tun durf­te, erzähl­te mei­ne Stim­me, die vor­gab zu lesen, eine ganz ande­re Geschich­te. Liebs­te Mar­len, hör­te ich mich sagen, liebs­te Mar­len, wie sehr ich Dich doch ver­mis­se. Konn­te so lan­ge Zeit nicht schrei­ben, weil ich Dei­ne Adres­se ver­lo­ren hat­te, aber nun schrei­be ich Dir, schrei­be Dir aus unse­rem Café am Bryant Park. Es ist gera­de Abend gewor­den in New York und sicher wirst Du schon schla­fen. Erin­nerst Du Dich an die Nacht, als wir hier in unse­rem Café Dei­nen Geburts­tag fei­er­ten? Ich erzähl­te Dir von einer klei­nen, dunk­len Stel­le hin­ter der Tape­te, die so rot ist, dass ich Dir nicht erklä­ren konn­te, was das bedeu­tet, die­ses Rot für sehen­de Men­schen? Erin­nerst Du Dich, wie Du mit Dei­nen Hän­den nach jener Stel­le such­test, wie ich Dei­ne Fin­ger führ­te, wie ich Dir erzähl­te, dass dort hin­ter der Tape­te, ein Tun­nel endet, der Euro­pa mit Ame­ri­ka ver­bin­det? Und wie Du ein Ohr an die Wand leg­test, wie Du lausch­test, erin­nerst Du Dich? Lan­ge Zeit hast Du gelauscht. Ich höre etwas, sag­test Du, und woll­test wis­sen, wie lan­ge Zeit die Stim­men wohl unter dem atlan­ti­schen Boden reis­ten, bis sie Dich errei­chen konn­ten. – An die­ser Stel­le mei­ner klei­nen Erzäh­lung unter­brach mich die jun­ge Frau. Sie hat­te ihren Kopf zur Sei­te geneigt, lächel­te mich an und flüs­ter­te, dass das eine schö­ne Geschich­te gewe­sen sei, eine tröst­li­che Geschich­te, ich soll­te den Brief ruhig behal­ten und mit ihm machen, was immer ich woll­te. Und da war nun das aus dem Boden kom­men­de Nord­licht, das Knis­tern der Blät­ter, die Stim­men der spie­len­den Men­schen. Wir gin­gen noch eine klei­ne Stre­cke neben­ein­an­der her, ohne zu spre­chen. Ich sehe gera­de ihren über das Laub tas­ten­den Stock und ein Eich­hörn­chen mit einer Nuss im Maul, das an einem Baum­stamm kau­er­te. Bei­na­he kommt es mir in die­ser Sekun­de so vor, als hät­te ich die­ses Eich­hörn­chen und sei­ne Nuss nur erfun­den. /// END

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schnee

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del­ta : 2.05 — Mit­ten in der Nacht wach­te ich auf. Vor den Fens­tern fiel Schnee, buschi­ge Flo­cken­pe­l­ze, sehr dicht, aus der Ent­fer­nung, ein hel­ler, sich bewe­gen­der Schat­ten. Esme­ral­da hock­te auf dem Fens­ter­brett und sah hin­aus. Sie schien tat­säch­lich Schnee­flo­cken zu beob­ach­ten, viel­leicht des­halb, weil es in der Woh­nung zur Nacht­zeit, ich hat­te geschla­fen, nichts wei­ter zu unter­su­chen gab. Ich über­leg­te, ob es mög­lich wäre, die klei­ne Schne­cke, die nun seit Okto­ber des Jah­res 2013 in mei­ner Nähe lebt, ein­mal mit nach New York zu neh­men. Ich müss­te sie im Hand­ge­päck ver­stau­en, heim­lich, viel­leicht in einer Dose ver­ber­gen, die belüf­tet ist. Ich könn­te eine Hand­voll Sul­ta­ni­nen als Schne­cken­pro­vi­ant mit mir neh­men in der Hosen­ta­sche, Esme­ral­da füt­tern, wäh­rend wir über den Atlan­tik flie­gen. Es ist selt­sam, ich habe lan­ge Zeit dar­über nach­ge­dacht, wer mir Esme­ral­da geschenkt haben könn­te, wer sie vor zwei Jah­ren für mich in eine Schach­tel setz­te und wes­halb. Vor eini­gen Wochen, als Esme­ral­da gera­de fried­lich schla­fend vor mir auf dem Schreib­tisch auf einer Bana­ne saß, näher­te ich mich mit einem Ohr und lausch­te an ihrem Häus­chen. Ich hör­te nichts oder nur eine Vor­stel­lung, ein sum­men­des Geräusch. Bald wäre ich auf­ge­stan­den, woll­te mir fei­nes Werk­zeug aus der Küche holen, woll­te ein äußerst fei­nes Loch in Esme­ral­das Schne­cken­ge­win­de boh­ren. Als hät­te sie geahnt, was ich plan­te, als hät­te sie mei­nen zugleich nach­denk­li­chen wie bereits ent­schlos­se­nen Blick bemerkt, rich­te­te Esme­ral­da ihre Füh­ler nach mir aus und mus­ter­te mich. Ich mein­te in die­sem Augen­blick ein Lächeln in ihrem Gesicht bemerkt zu haben. — stop

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vom gecko

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marim­ba : 0.55 — Ges­tern, wäh­rend ich noch schlief, hör­te ich ein Geräusch, wel­ches die Ankunft einer E‑Mail mel­de­te, die gera­de in die­sem Augen­blick, da ich noch nicht wach gewor­den war, an mei­ne Schreib­ma­schi­ne aus­ge­lie­fert wur­de. Ich hat­te viel­leicht ver­ges­sen, sie aus­zu­schal­ten, oder aber es exis­tie­ren E‑Mailvarianten, die in der Lage sind, schla­fen­de Com­pu­ter zu wecken, sowie Men­schen, die in ihrer Nähe schlum­mern. Javier hat­te wich­ti­ge Nach­rich­ten für mich. Ich ant­wor­te­te ihm rasch: Lie­ber Javier, ich freu mich sehr, dass Sie sich die Mühe mach­ten, mir zu schrei­ben. Obwohl wir uns nicht per­sön­lich ken­nen, wol­len Sie mich groß­zü­gig auf einen Feh­ler auf­merk­sam machen, der mir vor weni­gen Tagen unter­lau­fen ist. Ich dan­ke Ihnen herz­lich. Sie haben in dem Film eines rus­si­schen Kame­ra­teams, von dem ich erzähl­te, ent­ge­gen mei­ner eige­nen Beob­ach­tung doch eini­ge offen­sicht­lich leben­de Men­schen ent­deckt, für­wahr, ich habe sie nun gleich­falls wahr­ge­nom­men, fünf Per­so­nen, ver­mut­lich Män­ner, die in der obe­ren Hälf­te des Bild­aus­schnitts von der 18. bis zur 24. Film­se­kun­de zu erken­nen sind. Ich fra­ge mich, wie konn­te ich sie über­se­hen? Und ich fra­ge mich wei­ter­hin, ob jene Män­ner in dem Moment, da der Droh­nen­vo­gel über ihnen flog, zum Him­mel schau­ten, ob sie die flie­gen­de Bild­ma­schi­ne wahr­neh­men konn­ten, und wenn ja, wes­halb sie nicht flüch­te­ten. Mit jedem Tag ent­ste­hen wei­te­re Fra­gen, die ich viel­leicht nie­mals beant­wor­ten kann. Ges­tern hör­te ich, dass die Ohren der Geckos mit­tels eines Tun­nels mit­ein­an­der ver­bun­den sein sol­len. Wenn man nun einem Gecko mit­tels einer Taschen­lam­pe in sein lin­kes Ohr leuch­te­te, wür­de das Taschen­lam­pen­licht aus sei­nem rech­ten Ohr wie­der her­aus­kom­men. Wie ich mich über die­se Nach­richt freu­te. Herz­li­che Grü­ße sen­det Ihnen Ihr Lou­is — stop
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barrel bomb

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romeo : 0.14 — Habe gelernt, was eine Fass­bom­be ist, weil ich das Wort Fass­bom­be mehr­fach hör­te, dar­um habe ich nach Fass­bom­ben in der digi­ta­len Sphä­re gesucht, nach Erläu­te­run­gen, was eine Fass­bom­be sein könn­te und was sie bedeu­tet, wenn sie als Fass­bom­be tat­säch­lich vom Him­mel fällt. Wei­te­re sehr inter­es­san­te Wör­ter und ihre Bedeu­tung sind in der Umge­bung der Fass­bom­ben­be­rich­te mög­lich gewor­den: Leit­flü­gel . Auf­schlag­zün­der . Schrapnell . Wei­ches Ziel. Es ist sehr wahr­schein­lich, dass ich mich selbst als ein wei­ches Ziel zu betrach­ten habe, weil ich ein Mensch bin. Ich dach­te, neh­men wir ein­mal an, eine Fass­bom­be nähe­re sich, und ich dach­te plötz­lich, dass in mei­ner Nähe, in mei­ner Umge­bung, also in der Stadt, in der ich mich befin­de, Men­schen ange­kom­men sind, die wis­sen, wie sich eine Fass­bom­be anhört, wenn sie explo­diert. Ich könn­te eini­ge Städ­te wei­ter­fah­ren mit dem Zug, und auch dort wer­den Men­schen ange­kom­men sein, die wis­sen, wie sich eine Fass­bom­be anhört oder anfühlt, wenn sie vom Him­mel fällt, wenn sie in die Luft geht, wenn sie den Men­schen um die Ohren fliegt, wei­che Men­schen, ja, wei­che Men­schen, wie weich wir Men­schen sind. Ich bin froh, dass ich weiß, wei­che Men­schen ich fra­gen könn­te, was eine Fass­bom­be ist, gleich hier in mei­ner Stadt könn­te ich sie fra­gen. — stop
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pocket george

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tan­go : 2.58 — Geor­ge schrieb vor weni­gen Tagen einen hand­schrift­li­chen Brief. Er wen­de sich mit einer drin­gen­den Bit­te an mich, er benö­ti­ge etwas Geld, weil er im Moment zu wenig davon habe. Sei­ne Tele­fon­rech­nung sei ihm über den Kopf gewach­sen, außer­dem habe er sich bei einem Auf­trag für den Druck eines Buches ver­tippt, er habe anstatt 200 Exem­pla­ren 20000 Exem­pla­re sei­ner Geschich­te vom Wal­fisch­or­ches­ter bestellt. Die­se wun­der­ba­re Auf­la­ge sei prompt und ohne jede Nach­fra­ge gelie­fert wor­den. Wäh­rend er sich noch wun­der­te, wie ein Paket nach dem ande­ren Paket von drei oder vier Män­nern in sei­ne Woh­nung ver­frach­tet wur­de, war bereits ein erheb­li­cher Betrag von sei­nem Kon­to abge­bucht, sodass er jetzt kaum noch die Mög­lich­keit habe, sich Brot, Käse oder Was­ser zu besor­gen, er sei ver­schul­det bis über bei­de Ohren hin­aus bereits seit drei Mona­ten. Natür­lich habe er gehofft, aber sein Hof­fen habe nicht gewirkt, nun sei­en nicht nur er selbst, son­dern auch sei­ne Archi­ve bedroht, die er in digi­ta­ler Sphä­re auf Posi­ti­on POCKET gesam­melt habe. Ihm sei damit gedroht, bei wei­te­rem Zah­lungs­ver­zug, sein pro­fes­sio­nel­les Kon­to unver­züg­lich in ein nicht pro­fes­sio­nel­les Kon­to zu ver­wan­deln, sei­ne Daten wür­den ver­lo­ren gehen, wes­we­gen er nun sehr ver­zwei­felt sei, nicht nur ver­zwei­felt, son­dern müde, er zöge­re, sei­nen Com­pu­ter über­haupt noch mit dem Inter­net zu ver­bin­den, weil das Inter­net dann sei­ne Daten sogleich aus sei­nen Spei­chern zurück­ho­len wür­de, er habe nicht geahnt, dass er ein­mal in eine der­art ver­zwei­fel­te Lage kom­men, dass sich das Inter­net als ein der­art gefrä­ßi­ges Tier dar­stel­len wür­de, wel­ches sei­nen Com­pu­ter, sei­ne Samm­lung aus dem Web ver­schwun­de­ner Sei­ten an sich rei­ßen wür­de, man kann mit die­sen Raub­tie­ren nicht ein­mal tele­fo­nie­ren, schrieb Geor­ge vor weni­gen Tagen.- stop

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