echo : 0.28 — Die Vorstellung, man könnte vielleicht bald einmal Gegenstände mit geeigneten Apparaturen betasten und durchleuchten, um sie Molekül für Molekül in den Speicher eines Computers abzulegen. Ich könnte nun die Gegenstände meiner Zimmer, all die Lampen, Bücher, Stühle, Tische, Kakteen, Teller, Kissen, Löffel, Tassen unter den Arm nehmen, alle zur gleichen Zeit, um sie an einen anderen Ort zu transferieren, von einem Stockwerk in ein anderes Stockwerk, oder von einer Stadt in eine andere Stadt. Dort könnte ich sie auspacken, das heißt, ich könnte sie mit geeigneten Apparaturen aus Molekülen der Luft wiedererstehen zu lassen, ein Prozess, der so präzise funktionieren müsste, dass selbst handschriftliche Notizen, die sich in meinen Büchern befinden, nicht verloren sein werden. Nehmen wir einmal an, ich würde nun selbst, ob mit oder ohne Absicht, in meiner Computermaschine landen, dann könnte man mich, das heißt genauer, meine Information als E‑Mail verschicken, Augen, Hände, Ohren, auch meine Erinnerungen, meine Wünsche, meine Hoffnungen, selbst die Erinnerung an diese kleine Geschichte hier, wie ich sie gerade erzählte. — Guten Morgen! Es ist Montag. Die Luft duftet nach Schnee. — stop

Aus der Wörtersammlung: ohr
uhrenwesen
sierra : 6.33 — Im Traum saß ich einmal in einem Zug in nächster Nähe eines Mannes und wunderte mich, weil ich ein merkwürdiges, ein sandig wisperndes Geräusch vernahm, das von dem Mann auszugehen schien. Er schlief tief und fest, erwachte auch dann nicht, als ich mich über ihn beugte und in eine der Taschen seines Mantels spähte. Die Tasche war gefüllt mit Armbanduhren. Als ich eine der Uhren herausnahm, ruhte sie warm in meiner Hand. Ich legte ein Ohr an den Körper der Uhr und hörte das Herz der Uhr leise schlagen und eine helle Stimme noch, die Sekunden zählte. — stop

lamelleniris


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foxtrott : 15.07 — Die Suchmaschine, von der ich gestern noch träumte am helllichten Tag, war so groß wie eine Streichholzschachtel. Sie hockte auf meinem Sofa und rührte sich nicht. Indem ich sie betrachtete, wirkte sie zunächst so, als wäre sie vollkommen unbeweglich, denn es waren an dem Suchmaschinenwesen keine Beine zu erkennen, dafür an jeder Seitenfläche ein kleines Auge, mit dem es sogar zwinkern konnte. Seine Haut ähnelte der Haut eines jungen Elefanten, es hatte jedoch keine Ohren und auch keine Arme oder Hände, tatsächlich wirkte das Wesen in diesem Moment als könnte es sich nicht von der Stelle bewegen. Welch ein Irrtum! Das Wesen konnte ganz anders, es konnte sich zum Beispiel von meinem Sofa erheben und durch die Luft fahren wie ein Ballon. Dazu holte es tief Luft, wurde größer und immer größer, bis es in etwa doppelt so groß geworden war wie zuvor. In dieser neuen Gestalt flog die kleine Suchmaschine in Richtung meines Bücherregals davon. Es war nun in diesem Flug kein Geräusch zu hören, vollkommen lautlos schwebte sie durch mein Zimmer, wurde von einem Luftzug kurz aus der Bahn geworfen, fing sich wieder und ich rief ihr noch zu: Lamelleniris! Es war erstaunlich, ein kleines Wunder. Das Wort schien sie zu beschleunigen, sie erreichte rasch mein Regal und flog von links nach rechts die Reihe der Buchrücken entlang, hielt vor jedem der Bücher einmal kurz an, und sie erweckte den Eindruck, als ob sie sich in jedem dieser Momente tatsächlich mit dem Buch selbst beschäftigte, in das Buch hineinsah oder von seinem Duft kostete, wie auch immer. Nach einigen Flügen auf und ab, hielt sie vor einem der Bücher an, es handelte es sich um eine kleine Geschichte der Fotografie, die von Peter Nadas aufgeschrieben worden war. Nun wird man nicht glauben, was dann zu sehen war. Die kleine Suchmaschine machte sich an dem Buch zu schaffen, sie schien über unsichtbare Werkzeuge zu verfügen, ein Buch in den Griff zu bekommen. Und das Buch parierte, es ließ sich aus dem Regalfach lösen und flog mit der kleinen Maschine, die sich unter das Buch begeben hatte, durch den Raum zu mir zurück, um in meiner Nähe sanft zu landen. Behutsam setzte sie sich neben das Buch, das sie für mich herbeigeholt hatte und bedeutete mir mit stillem Nachdruck: Schau her, hier ist das Buch, in dem das Wort Lamelleniris enthalten ist. Und so waren wir immerhin schon einen Schritt weiter als noch zuvor. — stop

schnee
~ : malcolm
to : louis
subject : SCHNEE
date : dec 2 12 0.15 p.m.
Über Nacht ist Schnee gefallen. Ein harter, böiger Wind fegt vom East River her durch die Straßen in den Park. Wir sind die ersten Spaziergänger heute Morgen. Es ist beinahe still in der Dämmerung. Weithin sehen wir hinter uns unsere eigene Spur auf dem Weg, den wir nordwärts gehen. Immer wieder bleiben wir stehen, um nach Frankie zu sehen. Er scheint sich wohlzufühlen, man könnte sagen, dass es sich bei diesem Eichhörnchen um einen Schneetaucher handeln könnte. Für Minuten ist nichts von ihm zu sehen, aber dann plötzlich sein Kopf, der aus dem Schnee ragt, er schüttelt sich, seine Ohren beben, ja, Frankie scheint glücklich zu sein in dieser neuen weißen Welt. Auch Möwen sind in den Central Park gekommen. Sie hocken auf Sitzbänken und Mauern, ich glaube, sie haben es auf Zwerge wie Frankie abgesehen, denkbar, dass sie den Schnee als Gewässer betrachten und jene Tiere, die sich für einen kurzen Moment an der Oberfläche zeigen, für Fische, die sie jagen müssen. Es sind große Vögel, gelbe Augen, riesige Schnäbel, die uns heute Morgen tatsächlich Sorge bereiten, sie könnten Frankie erlegen und mit ihm aufs Meer hinausfliegen, mit all seinen Sensoren, die uns dann nicht weiterhelfen werden. Wann werden Sie uns besuchen, Mr. Louis? Wir hoffen noch in diesem Winter! Einmal Frankie mit eigenen Augen betrachten, nicht wahr! Schnell ist er geworden. In der kommenden Woche wollen wir zum ersten Mal erproben, ob wir in der Lage sind, ihn mit unserer Fernsteuerung beeinflussen zu können. Wir haben vor, Frankie in Kreisen durch den Park laufen zu lassen. – Allerbeste Grüße sendet ihn Malcolm / codewort : hillarystep
empfangen am
03.12.2012
1630 zeichen

muscheln
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nordpol : 6.36 — Ich hatte einen lustigen Traum. In diesem Traum saß ich mit einem jungen Mann in einem Café. Ich erinnere mich, dass wir uns über Charlie Parker unterhielten, während ich beobachtete, wie sich die Ohren des jungen Mannes sanft bewegten, so als würden sie über hunderte Muskeln verfügen, Lebewesen mit je einer Seele und eigenem Willen sein. Sie entfalteten sich vor meinen Augen, schirmten aus zur Größe einer Untertasse, dann wieder kehrten ihre Muschelränder zueinander zurück, die Ohren des jungen Mannes wurden zu Knospen, sie sahen jetzt aus, als würden sie schlafen. Aber das war noch nicht alles gewesen, was ich träumte. Der junge Mann hatte nämlich seine Ohrmuscheln bald so dicht zueinander gefaltet, dass er sie in seinen Schädel einführen konnten, sie waren nun vollständig im Kopf verschwunden. Meine Ohren schlafen, sagte der junge Mann und lachte. Aber dann wurde er schnell wieder ernst, weil eine seiner Ohrmuscheln sich verklemmt hatte, während das andere Ohr bereits aus seinem Gehörgangetui hervorgekommen war. stop. Freitag. stop. Die Luft riecht Schnee. stop. Nichts weiter. — stop

jennifer 7
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romeo : 6.25 — Gestern am späten Abend erreichte mich eine E‑Mail von einer Person namens Jennifer 7. Ich wunderte mich, dass dieses Schreiben nicht sofort in einem Spamordner verschwunden war, immerhin kenne ich niemanden, der diesen Namen trägt. Aber ich bin nun doch sehr froh, dass mich der kleine Brief aus der Ferne erreichte. Er war in englischer Sprache verfasst, und ich sitze noch immer vor ihm und überlege, was zu tun ist, was ich notieren soll, weil, das ist ganz sicher so, dass ich Jennifer 7 antworten sollte, morgen oder übermorgen. Vielleicht werde ich ihr eine Frage stellen, wo genau sie denn wohnt, in welcher Stadt, in welchem Haus, wie das Haus beschaffen ist, welcher Art Menschen in diesem Haus wohnen Tür an Tür. Jennifer 7 schrieb so: Lieber Mr. Louis, ich bin sehr müde, ich habe über eine ganze Woche lang kaum geschlafen, weil ich in einer Mietwohnung lebe im 22. Stock, was noch kein Grund ist nicht zu schlafen, aber ich arbeite nachts in einem Krankenhaus und trage sehr viel Verantwortung und muss schlafen am Tag. Neuerdings kann ich nicht schlafen, weil man mich nicht schlafen lässt. Wenn es den 23. Stock nicht geben würde, dann wäre dort nichts als ein Dach, auf dem ein paar Tauben sitzen würden und ich könnte schlafen, weil Vögel leise, behutsame, kultivierte Tiere sind. Nun aber ist das so, dass in den 23. Stock ein Mann und eine Frau eingezogen sind, Menschenpersonen, die sich nicht kümmern um den Lärm, den sie machen. Und so kann ich, das ist der Grund, nicht schlafen. Vorgestern war ich zum ersten Mal dort oben im 23. Stock, um mich vorzustellen. Ich habe mich gefürchtet. Der Mann war nicht zu sehen, dafür aber die Frau, sie stand auf Schuhen, mein Gott waren die wuchtig. Sie sagte, dass ich Pech haben würde, weil sie im Moment nicht arbeite, deshalb würde ich ihre Schritte hören und alles Weitere. Pech, sagte die Frau, Pech. Und so kann ich nicht schlafen. Ich höre ihre Schritte. Stündlich lassen sie irgendetwas fallen auf den schönen hölzernen Boden, oder sie schreien sich an, obwohl sie noch jung und frisch verheiratet sind. Das ist ein wirkliches Unglück, Mr. Louis, ich bin fast schon verzweifelt und so habe ich an Sie gedacht, weil Sie doch so schöne Käfer erfinden, die in Ohren wohnen, damit man nichts hören muss. Ob Sie mir wohl helfen, Mr. Louis! – stop

dampfende ohren
alpha : 6.55 — Ich forsche gern in meinem digitalen Analyseprogramm nach Fragen an Suchmaschinen, die zu meiner Particlesarbeit führten. Merkwürdige, verrückte, poetische Sentenzen sind zu finden. In der vergangenen Woche zum Beispiel folgende: meine schreibmaschine schreibt buchstaben übereinander . kleine rote fliegen in der küche . käfer der auf unserem körper wohnt . lustige geschichten über ohren . ägyptisches frauzeichen mit flügeln . schimpansen im weltall . schlafende elefanten . männer mit kleinen köpfen . ist albert sanchez pinol ein mann . louis’ lichtgeschichte. stop — Über Nacht ist es kalt geworden. An der Straßenbahnhaltestelle beobachte ich einen älteren Herrn, aus dessen Ohren Dampf zu treten scheint. Man könnte sagen, es handelt sich um den ersten rauchenden Kopf, den ich in meinem Leben persönlich gesehen habe. Als ich näher herantrete, erkenne ich, dass sich in den Ohren des dampfenden Herrn je ein Tier befand. Ich fragte, ob ich vielleicht einmal genauer betrachten dürfte, was dort in seinen Ohren existiert. Weil der alte Mann nichts hörte, trug ich mein Anliegen in Zeichensprache vor. Er schien mich zu verstehen und neigte unverzüglich seinen Kopf, sodass ich eine gute Aussicht hatte auf das rechte seiner Ohren. Tatsächlich waren dort Augen und Zangen eines Käfers zu erkennen. Als ich mich näherte, zog sich das Wesen ein wenig in die Tiefe des Ohres zurück, das von weißem flaumigen Haar besetzt war, wie von einem kostbaren Pelz. Der dünne Faden des Käferatems, den ich kurz zuvor beobachtet hatte, war nun gut zu sehen, aber ich konnte nicht eindeutig identifizieren, woher der Atem des Käfers eigentlich kam, wo der Atem, der in der kalten Luft kondensierte, den Käferkörper präzise verließ. Noch ehe ich meine Frage zur Konstruktion des Käfers stellen konnte, war der alte Herr in eine Straßenbahn gestiegen und davongefahren. — Dienstag. — stop.

karawane
~ : malcolm
to : louis
subject : KARAWANE
date : nov 6 12 0.30 a.m.
Wir sollten vielleicht eines der Rattenungetüme fangen, die den Central Park seit der großen Flut bevölkern. In Herden lungern sie unter Bäumen im Feuerlaub, unzählige riesige Tiere, pfeifende Sprache, weithin zu hören, helle Töne. Eine ihrer Karawanen bewegte sich vor wenigen Stunden noch Höhe 61. Straße über ein Baseballfeld, langsam, ein unheimlicher Anblick. Vermutlich deshalb verharrt Frankie in den Kronen der Bäume, aber auch dort haben wir einzelne Rattentiere gesichtet. Es ist denkbar, dass sie sich nicht wieder zurück wagen werden in den Untergrund. In einem Haus an der Lexington Avenue sollen Ratten in Appartements des 32. Stockwerkes eingedrungen sein. Man stelle sich das einmal vor, man wird diesen Anblick nie wieder vergessen, wo eine Ratte gewesen ist, wird sie fortan immer sein, wenn nicht persönlich, dann als Möglichkeit, als eine Unruhe der Gedanken, der Träume. Sie steigen in den Fallrohren aufwärts. — Es ist schon lange dunkel geworden, der 6. November angebrochen. Leichter Regen, obwohl der Himmel wolkenlos scheint. Seltsame Spannung liegt in der Luft. – Ihr Malcolm / codewort : syracus
empfangen am
06.11.2012
1785 zeichen

im pullmannwagen
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himalaya : 6.46 — Seit einigen Stunden sind heftige Arbeitsgeräusche, – Hämmern, Bohren, Sägen -, aus dem kleinen Raum zu vernehmen, der sich neben meinem Arbeitszimmer befindet, und Männerstimmen, die scherzen und pfeifen. Ich will das schnell erzählen, es handelt sich um einen Vorgang der Montage, weil zwei Handwerker damit beschäftigt sind, einen Eisenbahn-Reisewagon, genauer, die Abteilscheibe eines Zuges, zu verschrauben, die mir gestern Nachmittag bei äußerst schlechtem Wetter in Einzelteilen angeliefert worden waren. Ich habe keinen wirklichen Ausblick auf das, was dort im Einzelnen geschieht, aber ich kann das feine Leder der Sitze des alten Pullmanwagens bereits riechen, den ich mir wünschte, um darin jederzeit fahren und arbeiten zu können. Ein großartiges Erlebnis soll das sein, Stunde um Stunde im historischen Waggon zu sitzen und zu schauen und zu schreiben oder zu schlafen, das rhythmische Geräusch der Schwellen, sommerliche Rheinlandschaften, die auf Bildschirmfenstern vorüberziehen. Die Stimme eines Schaffners, der sich nach Fahrkarten erkundigt, sie kommt näher, der Mann grüßt durch das Fenster der Tür in meine Richtung, immer wieder wird er kommen, ohne je das Abteil zu betreten, in dem ich sitze. Kinder tollen auf den Fluren herum, jemand schreit, dass endlich Ruhe sein soll, Tanzmusik vom Nachbarabteil, Reisende vertreten sich die Beine, zeigen auf Dampferschiffe draußen auf dem Fluss, auch sie sind Bildschirmwesen, Dreißigerjahre, hervorragend gemacht. Ein Kombüsenwägelchen scheppert vorüber, ein Bahnhof, eine Uhr, es wird dunkel und plötzlich tief stehende Sonne über den wilden zornigen Bäumen, die geduckt in einer Schneelandschaft stehen, bald, in wenigen Minuten, werden wir Oslos Zentralstation erreichen. — stop

beobachtung
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delta : 3.18 — Wieder der Verdacht, dass meine Ohren zur Nachtzeit größer werden. — stop



