Aus der Wörtersammlung: weise

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entfaltung

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sier­ra : 22.15 — Sobald ich notie­re, das ist merk­wür­dig, wild vor mich hin notie­re, ver­mag ich zugleich über etwas nach­zu­den­ken, das mit dem, was ich notie­re, schein­bar nicht in Ver­bin­dung steht. Es ist so, als wür­den die gedach­ten und sofort geschrie­be­nen Wör­ter oder die Bewe­gun­gen mei­ner Hän­de, abseits gefal­te­te Gedan­ken öff­nen, die nur in die­ser Wei­se erreich­bar sind, warum?

 

interview
tahrir square
februar 2011
kurz vor ausbruch
staatlicher der gewalt gegen
aktivisten/innen auf dem platz
source : zero silence project
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manhattan : eine frau verschwindet und kehrt wieder

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nord­pol : 7.05 — Ges­tern Abend folg­te ich mit­tels der Goog­le-Earth­ma­schi­ne einer beson­de­ren Rou­te durch das süd­li­che Man­hat­tan. Ich kann­te die­se Stre­cke, war dort im Spät­som­mer des ver­gan­ge­nen Jah­res auf eige­nen Füßen spa­ziert, war Mal­colm Lowry auf der Spur gewe­sen, sei­nen enger und enger wer­den­den Krei­sen, die den Schrift­stel­ler ein hal­bes Jahr­hun­dert zuvor in das Bel­le­vue Hos­pi­tal führ­ten, wo er sich, in höchs­ter Not befind­lich, vom Schmerz­man­tel des Alko­hols zu befrei­en such­te. Immer wie­der hat­te ich damals jene Gegend nahe des East River auf­ge­sucht, sodass ich eine bei­na­he ver­trau­te Umge­bung in digi­ta­ler Wei­se berühr­te. Gegen Mit­ter­nacht dann, ich hat­te die Third Ave­nue gekreuzt, bog ich nach Nor­den ab, erreich­te 30 Minu­ten spä­ter die 70th Stra­ße. Da war an einer Ecke ein klei­ner Laden, an den ich mich erin­ner­te. Ver­such­te ihm näher­zu­kom­men, zoom­te her­an, aber dann über­quer­te ich im Sprung die Stra­ße mit­tels einer zar­ten Bewe­gung der Mou­se, beweg­te mich im Kreis und bemerk­te in die­sem Augen­blick, dass eine Frau mit Hund, die gera­de noch die Stra­ße in nächs­ter Nähe über­quert hat­te, ver­schwun­den war, indem ich die Kreu­zung von Osten her betrach­te­te. Auch war die Stra­ße dunk­ler gewor­den, als wäre kurz zuvor Regen gefal­len oder die Däm­me­rung des Abends ein­ge­trof­fen. Um ein paar wei­te­re Meter gedreht, war die Frau dann wie­der da gewe­sen und ihr Hund, den Schwanz erho­ben, und die Stra­ße tro­cken. Eine Kreu­zung, so mein Ein­druck, gefal­te­ter Zeit. Ich muss das beob­ach­ten. — stop

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salamander

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echo : 16.22 — Das erfin­den­de Schrei­ben scheint ein Vor­gang des War­tens zu sein. Immer wie­der fällt etwas zu mir her­ein, ohne dass ich sagen könn­te, war­um gera­de die­ses und war­um gera­de jetzt. Merk­wür­di­ge Ver­schie­bun­gen der Spra­che in der Nähe ana­to­mi­scher Arbeit, indem ich, bei­spiels­wei­se, von inne­rer Schön­heit spre­che. stop. Nach­mit­tag. stop. Leich­ter Schnee­fall. — stop

ping

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verschwinden

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tan­go : 18.57 — Was hät­te ich zu unter­neh­men, wenn ich wüss­te, dass ein Mensch oder eine Grup­pe von Men­schen mit dem Gedan­ken spiel­te, mich so rasch wie mög­lich ums Leben zu brin­gen. Wie vie­le Spu­ren mei­nes Auf­ent­halts­or­tes sind in die­ser Text­li­nie zu fin­den, sodass man die Posi­tio­nen, die ich bewoh­ne, iden­ti­fi­zie­ren könn­te. Weiß man von mei­nen Freun­den? Wel­che Ver­zeich­nis­se im Inter­net müss­te ich von Hin­wei­sen befrei­en, wen instän­dig bit­ten, kein Wort über mich zu ver­lie­ren? Wie also unsicht­bar wer­den, nach und nach einer sein, der nie exis­tier­te? Ich könn­te mich bewe­gen, rei­sen, bis ich ein armer Hund gewor­den bin. Könn­te dann inne­hal­ten, könn­te vor­ge­ben, als habe ich geträumt, mei­ne per­fo­rier­te See­le, oder selbst noch zum Jäger wer­den. — stop

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flügel

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tan­go : 6.15 — Im Zug saß ein Mann, der sich mit einer Frau in der Hand­zei­chen­spra­che der gehör­lo­sen Men­schen unter­hielt. Obwohl ich die Hän­de der zwei Spre­chen­den ein­ge­hend betrach­te­te, lie­ßen sie sich nicht stö­ren, ver­mut­lich weil sie ahn­ten oder wuss­ten, dass ich ihre Spra­che nicht ver­ste­hen konn­te. Der Ein­druck, dass die bei­den wei­te­re Kör­per­zei­chen ver­wen­de­ten, um die Spra­che ihrer Hän­de zu ergän­zen. Als wären sie Flü­gel eines Vogels, der sich Was­ser aus dem Gefie­der schüt­telt, flat­ter­ten ihre Augen­li­der. Kaum den Zug ver­las­sen, ver­such­te ich ver­geb­lich die­se erstaun­li­che Bewe­gung ihrer Augen nach­zu­ah­men. Und auch heu­te Mor­gen, nach einer ruhi­gen Nacht, bin ich nicht in der Lage, mei­ne Lider in der beschrie­be­nen Wei­se erzit­tern zu las­sen. So uner­reich­bar sind sie wie mei­ne Ohren, die nie gehor­chen wol­len, wenn ich mir mit ihrer Hil­fe Luft zufä­cheln möch­te. Viel­leicht werd ich’s am Abend noch ein­mal pro­bie­ren. Neh­me an, sie haben Töne erzeugt, sin­gen­de Töne, mit ihren Augen im Zug. — stop

ping

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coney island

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alpha : 5.05 — Das Gewicht einer Erfin­dung. Wie ich mit Innen­au­gen einen elek­tri­schen Vogel beob­ach­te, der sin­kend reg­los auf mei­ner elek­tri­schen Hand­flä­che ruht. Ein­mal fol­ge ich in die­ser Wei­se Gene Hack­man. Wir gehen zu Fuß unter der Hoch­bahn, Still­way Ave­nue, Rich­tung atlan­ti­scher Küs­te. Coney Island, rot glü­hen­des Neon­licht klap­pern­der Buden, Gestank von ran­zi­gem Fisch, Regen, Tang­wind, mein Pho­to­ap­pa­rat, der den Poli­zis­ten erfolg­los zu belich­ten sucht. Statt­des­sen Erschei­nung der Trop­fen, Bäl­le aus gro­ßer Höhe, erstaun­lich. — Unbe­ding­ter Durch­stiegs­wil­le. — stop

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virtuelle befragung

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tan­go : 6.35 — Vor einem Jahr zuletzt die Fra­ge: Wie mutig wäre ich im Wider­stand gegen den geheim­dienst­li­chen Zugriff einer Dik­ta­tur auf mei­ne Per­son? Wie genau wür­de ich mich ver­hal­ten, wenn man ver­such­te, mich für Spio­na­ge­ar­beit unter Freun­den zu gewin­nen? Bin in der Suche nach einer Ant­wort noch kei­nen Schritt vor­an­ge­kom­men. Statt­des­sen wei­te­re Fra­gen. Wel­cher Art könn­ten die Werk­zeu­ge sein, Druck auf mich aus­zu­üben? Wür­de mir Tor­tur ange­kün­digt oder nahe­ste­hen­de Men­schen mit dem Tod bedroht? Exis­tie­ren Orte mei­ner Per­sön­lich­keit, die sich als so schwach erwei­sen, dass man dort Zugang fin­den könn­te? Habe ich einen gehei­men Preis? Mei­ne Schreib­ma­schi­ne? Mei­nen Rei­se­pass? Ist es sinn­voll, die­se Fra­gen in einem vir­tu­el­len Raum zu stel­len? — stop

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nachtvogel

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nord­pol

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : NACHTVOGEL

Eine merk­wür­di­ge Novem­ber­nacht neigt sich dem Ende zu. Ich habe, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let, in den ver­gan­ge­nen Stun­den mehr­fach den Ver­such unter­nom­men, einen Vogel von blau­em Gefie­der, der ein paar Run­den durch mei­ne Woh­nung geflo­gen war, auf­zu­fan­gen, das heißt, mei­ne Hän­de in einer Wei­se dar­zu­bie­ten, dass der Vogel auf ihnen lan­den konn­te, ohne auf den Boden zu fal­len. Ich dürf­te eine kurio­se Erschei­nung gewe­sen sein, wie ich mich ver­renk­te, wie ich dem Vogel folg­te, wie ich Geräu­sche mach­te, als könn­te ich in der Spra­che der Vögel spre­chen. Und jetzt ist es bald fünf Uhr und der Vogel ist immer noch hier. Er flat­tert her­um, ein aus­dau­ern­des Geschöpf von der Grö­ße eines Ten­nis­bal­les, oran­ge­far­be­ne Augen, gel­ber Schna­bel, ein sehr beson­de­res Wesen, weil es sich um einen Vogel ohne Füße han­delt. Sicher wer­det Ihr Euch fra­gen, wie es mög­lich sein kann, dass der Vogel ohne sei­ne Füße über­le­ben konn­te, dass er nicht längst in irgend­ei­ner Ecke zer­schell­te, und über­haupt, wie es dazu gekom­men war, dass der Vogel sei­ne Füße ver­lor. Das alles liegt noch völ­lig im Dunk­len. Ich habe kei­ne Ahnung, nicht die gerings­te Vor­stel­lung, sodass ich nun war­ten muss, solan­ge war­ten, bis mir etwas ein­fällt, das noch fehlt, um voll­stän­dig wer­den zu kön­nen. Wie geht es Euch über­haupt? Denkt Ihr noch an die Fra­ge, die ich Euch unlängst stell­te? Ich woll­te wis­sen, ob Ihr dort Oben für die Ewig­keit noch immer leib­lich mit­ein­an­der ver­wach­sen seid? – Euer Lou­is, sehr herz­lich, wünscht einen guten Tag!

gesen­det am
11.11.2010
5.05 MESZ
1512 zeichen

lou­is to dai­sy and violet »

ping

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safran

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echo : 2.26 — Das unent­weg­te Spre­chen mensch­li­cher Stim­men, nicht Werk­zeug der Ver­stän­di­gung, son­dern Radar zur Fort­be­we­gung in unbe­kann­tem Gebiet. So auch die Spur digi­ta­len Schrei­bens in ver­netz­ten Räu­men. Ich, Subseven88, habe mich dar­ge­legt, also bin ich. — Vor weni­gen Stun­den mel­de­te eine Ser­ver­ma­schi­ne, die zu mir gehört, als wär sie ein Teil mei­ner selbst: Modul Data Log­ger nicht bereit. Ursa­che unbe­kannt. Tele­fo­nier­te mit Men­schen mit Her­zen, die vie­le Flug­stun­den ent­fernt ihre Arbeit ver­rich­ten. Dort ist nun frü­her Abend, hier bei mir hohe Nacht. Leich­ter Regen. Auf dem Bild­schirm bewe­gen sich Zei­chen in der Geschwin­dig­keit mensch­li­cher Hän­de. Man beschäf­tigt sich mit der Lösung mei­nes Pro­blems. Blin­ken­de Geis­ter, flink vor und zurück, vor und zurück, tas­ten­de Erschei­nun­gen, zart wie die wei­sen Hän­de der Safran­fä­den­zu­pfer. — stop
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nicolas bouvier

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tan­go : 0.01 — War über einem Buch des Schwei­zer Schrift­stel­lers Nico­las Bou­vier ein­ge­schla­fen, hat­te in letz­ter Sekun­de noch einen Gedan­ken wahr­ge­nom­men. Ich sag­te zu mir mit lei­ser wer­den­der Stim­me im Kopf: Du musst ein­mal über­le­gen, ob es sinn­voll ist, nach einer Metho­de zu suchen, im Schlaf ein Buch lesen zu kön­nen. Ja, das wär eine inter­es­san­te Geschich­te. Man wür­de sich natür­lich an die erzäh­len­de Wirk­lich­keit des Buches selbst nicht erin­nern, das man gera­de noch las oder hör­te wäh­rend man schlief, weil man das Buch nicht bewusst wahr­neh­men konn­te, und doch wäre man mit Herrn Bou­vier nach Gal­way geflo­gen wegen eines Lochs im Sturm. Man wäre in einer Art und Wei­se nach Gal­way geflo­gen, dass man sich ein­mal spä­ter so gut an die­sen Flug erin­nern könn­te, als wäre man selbst dort in Kil­ro­nan gewe­sen, eine Ahnung, Geräu­sche, Luft und Leu­te. — stop



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