Aus der Wörtersammlung: wesen

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hologramm

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echo : 12.01 — Immer wie­der eine Erschei­nung auf Posi­ti­on 50°6’N 8°38’W, ein Wesen, eine Frau, die einem Infer­no ent­kom­men oder eine Erfin­dung sein könn­te. Grau­es, stau­bi­ges, öli­ges Haar. Ihr von Leid gezeich­ne­tes Gesicht. Ihre von Schmutz star­ren­den und doch fein­glied­ri­gen Hän­de. Plas­tik­tü­ten, die sie in gebück­ter Hal­tung geräusch­voll durch die Abtei­le der Abend­zü­ge zerrt. Ihr Blick, der berührt, der mich wahr­zu­neh­men scheint, unend­lich trau­rig, unend­lich müde. Sie bet­telt nicht. Sie isst nicht. Sie trinkt nicht. Sie fährt nur Zug oder sitzt irgend­wo in den War­te­hal­len des Flug­ha­fens her­um und ver­bin­det ihre ent­zün­de­ten Füße. Nie habe ich ihre Stim­me gehört, nie sie schla­fend oder betrun­ken vor­ge­fun­den, auch nachts um drei Uhr nicht vor den Schal­tern der Luft­han­sa. Sie wird gedul­det. Sie könn­te eine Mut­ter sein. Wen erwar­tet sie? Wohin will sie flie­gen? Was ist gesche­hen? — stop

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murmansk

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romeo : 0.15 — Ich war im Zug ges­tern Abend in Mur­mansk gewe­sen. Am Hafen saß ich, und das Eis auf dem sich sanft bewe­gen­dem Meer schin­del­te zu mei­nen Füßen. Ein ros­ti­ges U‑Boot war da noch und jun­ge Matro­sen, sie spiel­ten mit Äpfeln und wink­ten. Indem ich so war­te­te und die Geräu­sche des Eises und die Stim­men der See­leu­te bewun­der­te, flat­ter­ten Koli­bris um mei­nen Kopf her­um. Sie tru­gen win­zi­ge Pelz­müt­zen und Pelz­ja­cken und ihre Flü­gel brumm­ten in der glas­kla­ren Luft nor­di­scher Mit­tags­stun­de. Dann wach­te ich auf, fuhr in einer Stra­ßen­bahn spa­zie­ren, öff­ne­te mei­nen Kof­fer und schon ist Mit­ter­nacht gewor­den. Ob ich viel­leicht noch immer schla­fe, noch immer träu­me? — stop

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salto

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tan­go : 20.01 — Kein Lebe­we­sen, das nicht über eine Spra­che ver­füg­te. Aber doch Lebe­we­sen, deren Spra­che ich zunächst ent­de­cken oder erfin­den muss. — Eine Spring­spin­ne, die mei­nen Schreib­tisch bewohnt. Wie sie zwi­schen Blei­stif­ten tollt, wie sie inne­hält und mich minu­ten­lang zu beob­ach­ten scheint. Viel­leicht schläft sie oder sonnt sich in der Wär­me mei­ner Lam­pe. Wie sie sich duckt, wenn ich mich nähe­re, aber nicht flüch­tet. Vor weni­gen Minu­ten, wäh­rend ich las, hüpf­te sie von Ost nach West über das Buch hin­weg. Eine Vor­stel­lung viel­leicht, um mei­ne Auf­merk­sam­keit zu gewin­nen. — stop

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red

pic

sier­ra : 14.12 — Im Licht mei­ner hand­li­chen Fern­seh­ma­schi­ne lehn­te ein Mann am Stamm eines ver­wit­ter­ten Bau­mes. Röt­li­ches Gebir­ge war noch zu sehen, Abraum einer Kup­fer­mi­ne. Dort im süd­li­chen Afri­ka tief in der Erde hat­te der Mann, der am Baum­stamm lehn­te und in mein Zim­mer schau­te, ein hal­bes Leben lang gear­bei­tet. Vor zwei Wochen nun war Schluss gewe­sen. Von einem Tag zum ande­ren Tag, sag­te der Mann, habe ich mein Haus ver­lo­ren und mei­ne Kin­der wer­den bald nicht mehr zur Schu­le gehen. 22 Jah­re lang nie krank, obwohl ich hohes Fie­ber hat­te und Hus­ten. Im Febru­ar waren wir noch pro­fi­ta­bel gewe­sen, fuhr der Mann fort und deu­te­te mit einer Hand über sei­ne Schul­ter. Er schwieg für eini­ge Sekun­den, aber er dreh­te sich nicht um, schau­te wei­ter gera­de­aus zu mir ins Zim­mer. Das ist Fol­ter, setz­te er hin­zu, das ist Folter.

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one man band

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hima­la­ya : 2.10 — Ein­mal, im Alter von fünf oder sechs Jah­ren, beob­ach­te­te ich einen Mann, von dem nichts zu sehen gewe­sen war, als die Spit­zen sei­ner Schu­he, eine ram­po­nier­te Hose, ein rußi­ges Hemd und ein Hut mit Feder, weil der Mann von Musik­in­stru­men­ten gera­de­zu über­fal­len gewe­sen zu sein schien. Ich hat­te den Ein­druck, dass nicht der Mann auf sei­nen Instru­men­ten spiel­te, son­dern die Instru­men­te auf einem Gefan­ge­nen. An die­se Geschich­te, von mei­nem damals jun­gen Gehirn vor einem wirk­li­chen Bild ent­wor­fen, erin­ner­te ich mich ges­tern Abend, wäh­rend ich an der Kon­struk­ti­on eines Ras­sel­kä­fers arbei­te­te. Bald geis­ter­te die Gestalt eines wei­te­ren Man­nes durch mei­nen Kopf, auf des­sen Kör­per hun­der­te knat­tern­de Käfer­we­sen Platz genom­men hat­ten. Nein, sie hat­ten sich nicht eigent­lich nie­der­ge­las­sen, sie waren fest mit ihm ver­bun­den, sie waren Teil, sie waren ihm aus der Haut gefah­ren und knis­ter­ten und klap­per­ten ohne eine Pau­sen­zeit ein­zu­le­gen, wes­we­gen es sich bei jenem von mir erober­ten Men­schen­we­sen, um eine Per­son ohne Gehör han­deln muss­te. Könn­te die­ser Mann glück­lich sein? Ich wüss­te ger­ne, was nun zu unter­neh­men ist! Schluss jetzt. Fan­gen wir noch ein­mal von vor­ne an. Heu­te ist Diens­tag, Früh­ling und Win­ter. — stop

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papiersegel

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romeo : 0.05 — Das Ver­gnü­gen, ein Manu­skript auf Papier zu dru­cken. Die nadeln­den, sum­men­den, pfei­fen­den Geräu­sche der Maschi­ne, Satz für Satz Sekun­den­sei­ten. Wie ich Arbeit von Tagen, von Wochen, vor mir zu einem Segel auf den Boden brei­te. Wie ich zufrie­den und still vor dem Wind­ge­fäß im Zim­mer ste­he. Wie ich, bald wie­der stür­misch gewor­den, in die Knie gehe, um wei­te­ren Flug­sand mit der Hand aufs Papier zu set­zen. — Notier­te: Ein mensch­li­ches Gehirn ruh­te in mei­nen Hän­den. Und ich dach­te, kühl ist es und weich und schwer. Ich hör­te deut­lich eine den­ken­de Stim­me, als wäre da noch ein ande­rer Beob­ach­ter gewe­sen, als ich selbst. Dann bemerk­te ich, dass ich mit blo­ßem Auge nicht erken­nen konn­te, in wel­cher Spra­che jenes Gehirn, das ich in mei­nen beben­den Hän­den hielt, ein Leben lang träum­te, auch nicht, ob es glück­lich oder doch eher unglück­lich gewe­sen ist. Eine schwei­gen­de, eine ver­las­se­ne, eine Welt ohne Licht. Ja, lili­mam­bo, das Leuch­ten leben­der Men­schen! — stop

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