Aus der Wörtersammlung: beobachtung

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ein kind

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marim­ba : 6.16 — In der Schnell­bahn vom Flug­ha­fen wie­der ein merk­wür­di­ges Kind beob­ach­tet. Das Kind saß auf dem Schoß der Mut­ter, hat­te einen Schnul­ler im Mund und betrach­te­te Fahr­gäs­te, die dort in sei­ner nächs­ten Nähe saßen oder stan­den. Alle waren sie müde, ein Lang­stre­cken­flug von New York her über den Atlan­tik lag hin­ter ihnen, das Kind aber schien gut geschla­fen zu haben. Es hat­te blitz­blan­ke Augen von dun­kel­brau­ner Far­be, und mit die­sen Augen nun arbei­te­te es sich von einem Erwach­se­nen­ge­sicht zum nächs­ten. Wenn die Augen des Kin­des ein Gesicht erreich­ten, ver­weil­ten sie eine gewis­se Zeit lang, als ob sie sich das Gesicht für immer ein­prä­gen, oder aber als ob sie in dem Gesicht etwas fin­den woll­ten, nach dem gesucht wer­den muss­te. Wenn das Kind mit der Beob­ach­tung eines Gesichts fer­tig gewor­den war, hüpf­ten sei­ne Augen auf das nächs­te Gesicht, und so wei­ter und so fort. Nie, ich mei­ne, nie, solan­ge ich das Kind und sei­ne Augen beob­ach­te­te, kehr­te sein Blick zu einem Gesicht zurück, das es bereits ein­mal besucht hat­te, sodass ich behaup­ten möch­te, dass sei­ne Augen, das heißt, das Gehirn des Kin­des, den Raum des Zuges sys­te­ma­tisch unter­such­te. Für eine Sekun­de hat­te ich den Gedan­ken, dass das Kind viel­leicht ein uralter Mensch gewe­sen war, der rück­wärts leb­te, für den sich die Zeit umge­kehrt hat­te, der bald den Anfang sei­ner Exis­tenz wie­der errei­chen wür­de, der noch ein­mal alles ansah, mit Kin­der­au­gen, aber viel­leicht einem uralten Gehirn. Wer aber, wenn ich die­ses Gefü­ge wei­ter­den­ke, war die­se müde Frau gewe­sen, auf des­sen Schoss das Kind ruh­te und schau­te? – Weit nach Mit­ter­nacht. Habe den Ver­dacht, die­se Geschich­te schon ein­mal erzählt zu haben. Ein Déjà-vu. Wer­de mir sofort zur Beru­hi­gung eine klei­ne Ente bra­ten. — stop

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regenmaschine

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char­lie : 0.01 — Wäh­rend eines Spa­zier­gangs ent­deck­te ich unlängst im Ein­gangs­be­reich einer luxu­riö­sen Wohn­an­la­ge eine Regen­ma­schi­ne. Eine Regen­ma­schi­ne, wer­den Sie viel­leicht fra­gen, was ist denn das? Nach Beob­ach­tung, eine hal­be Stun­de, lässt sich Fol­gen­des notie­ren. Eine Regen­ma­schi­ne reg­net je für drei Sekun­den genau dort­hin, wohin ein ordent­li­cher Regen, der vom Him­mel kommt, nicht fal­len kann, weil ihn ein Dach, bei­spiels­wei­se, dar­an hin­dert. Eine Regen­ma­schi­ne hin­ge­gen reg­net auch unter Dächern oder in Haus­ein­gän­gen oder in Woh­nun­gen, und auch dann, wenn es gera­de ein­mal nicht vom Him­mel reg­net, reg­net sie im Takt einer Minu­te. Die­ser Regen einer Regen­ma­schi­ne, wie ich sie vor­ge­fun­den habe, ist also ein beson­de­rer Regen, ein Regen, der sich gegen Per­so­nen rich­tet, gegen Stra­ßen­bür­ger, gegen Men­schen ohne eige­nes Dach über dem Kopf. Orga­ni­sier­ter Regen, sagen wir, Regen gegen den Schlaf und die­se Din­ge. — stop
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sonnenphoton

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ulys­ses : 0.18 — Oft schon über das Licht nach­ge­dacht. Woher das Licht kommt und was geschieht, wenn das Licht auf einen Gegen­stand oder auf die Ober­flä­che eines Lebe­we­sens trifft. Was wäre, wenn ich ganz ohne das Licht aus­kom­men müss­te, wenn ich nur noch hörend oder mit mei­nem Tast­sinn die Welt erfah­ren könn­te? — Ein­mal habe ich ver­sucht, den Moment wahr­zu­neh­men, da die Mor­gen­däm­me­rung ein­setz­te, aber ich konn­te nicht bestim­men, wann genau das ers­te Pho­ton mein Auge berühr­te. — stop

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polarlicht

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echo : 0.02 — In einem Rei­se­be­richt notiert Lud­wig Hohl : 8 Uhr 30. Meer. — Meer leer. stop. Beob­ach­tungs­zeit = Belich­tungs­zeit. stop. In der ver­gan­ge­nen Nacht hat­te ich wie­der ein­mal den Traum vom Mann geträumt, der vor einem Aqua­ri­um sitzt und einen Schwarm dun­kel­blau­er Fische betrach­tet. Als ich hin­zu­trat, hör­te ich, dass der Mann mit lei­ser Stim­me Zah­len flüs­ter­te. Ich frag­te ihn, was er denn berech­nen wür­de, und der Mann ant­wor­te­te, dass er die Fische zäh­le, dass er sich nicht sicher sei, ob es sich bei dem Schwarm blau­er Fische, um einen Schwarm aus 1556 oder aus 1557 Ein­zel­per­so­nen han­de­le. stop. Ist das wil­de Spiel der Polar­lich­ter am Him­mel aus einer Tie­fe von 70 Metern unter der Mee­res­ober­flä­che vor Neu­fund­land noch zu erken­nen? — stop

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amplitude

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tan­go : 18.15 — Ver­gan­ge­ne Nacht sechs Stun­den Schlaf auf­ge­zeich­net. Selt­sa­me Span­nung, wäh­rend ich die Datei in das Ton­be­ar­bei­tungs­pro­gramm lade, um nach Aus­schlä­gen zu suchen. Zunächst das Hupen eines Auto­mo­bils, eine hef­ti­ge Ampli­tu­de. Nach einer wei­te­ren Stun­de der Abdruck einer Feu­er­wehr­si­re­ne. Kurz dar­auf das Rascheln der Bett­de­cke. Gegen 3 Uhr das Geräusch einer Tür. Kann mich nicht erin­nern, spa­ziert zu sein. — stop
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particlesmaschine

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5.48 — Die Beob­ach­tung, dass ich in der Par­tic­les­ma­schi­ne ver­geb­lich mit der Mou­se ein­zu­fan­gen ver­such­te, was ich kurz zuvor noch durch einen Code in Bewe­gung gesetzt hat­te. Sofort ein Gefühl von Hei­ter­keit. Ich könn­te viel­leicht sagen, dass die­se Beob­ach­tung des Schei­terns an Objek­ten, die ich selbst geschaf­fen habe, grund­sätz­lich zu tun haben könn­te mit der suchen­den Bewe­gung schrei­ben­der Men­schen. Da schwebt zum Bei­spiel Ken­taur Bil­ly vor Neu­fund­land 70 Meter tief unter dem Mee­res­spie­gel. Eine Erfin­dung. Eine Erfin­dung, die zunächst eine Ent­de­ckung gewe­sen ist, die Wahr­neh­mung einer uralten, einer neu­ro­lo­gisch fest geschal­te­ten Form, die unver­züg­lich, blitz­ar­tig, wei­ter gefal­tet wur­de, ein Modell wenig spä­ter mit Rob­ben­fell an der ein oder ande­ren Kör­per­stel­le, einem schö­nen Men­schen­kopf, der Heck­flos­se eines Wal­es und ana­to­misch klan­des­ti­nen Ver­dau­ungs­or­ga­nen eines Pfer­des. Sobald die­ses Wesen vor mir schweb­te und sprach, war es nie wie­der ein­zu­ho­len, weil es in der Sekun­de sei­ner Ent­de­ckung, in jener ers­ten Sekun­de sei­ner Exis­tenz, sich sofort in eine jener Sub­stan­zen ver­wan­del­te, die nur unvoll­kom­men in einen erzäh­len­den Text zu trans­por­tie­ren sind, weil die­ser tau­chen­de Ken­taur wie alle ande­ren Wesen höchst fei­nen Gesang aus 1 Tril­li­ar­de Zif­fern erwar­tet. — 12.58 in Tibet. Lha­sa. — stop

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larynx

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22.05 – Da war ein Tisch vor weni­gen Stun­den. Auf die­sem Tisch lag ein geöff­ne­ter mensch­li­cher Kör­per. In nächs­ter Nähe lehn­te eine hoch­ge­wach­se­ne jun­ge Frau mit dem Rücken an einer Wand, Augen geschlos­sen, als wäre sie ein­ge­schla­fen. Ihre Hän­de betas­te­ten einen Kehl­kopf, das heißt, genau­er betrach­tet hüpf­ten ihre Fin­ger über den klei­nen hell­brau­nen Kör­per hin, als wären sie Lebe­we­sen für sich. Wenig spä­ter war die Frau wach gewor­den. Sie leg­te die fili­gra­ne Struk­tur auf den Tisch zurück, zog ihre Hand­schu­he aus und sag­te: Aber natür­lich darfst Du das wis­sen. Ich habe nach­ge­dacht und geträumt zur glei­chen Zeit. Rasch mach­te sie mit einer Hand eine Scha­le, hob den Kehl­kopf mit der ande­ren Hand vom Tisch und leg­te ihn dort­hin ab: Larynx! Gran­di­os, nicht wahr! Was ich mit mei­nen Fin­gern ange­schaut habe, geht nie wie­der fort! – Tau­ben­grau­er Him­mel. Leich­ter Regen. Sturm von Süd­west. — stop

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trompetenkäfer

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~ : louis
to : Mr. eliot
sub­ject : TROMPETENKÄFER

Lie­ber Eli­ot, bei uns ist jetzt schon Diens­tag. Ges­tern, also am Mon­tag noch, war ich spa­zie­ren im schöns­ten Gar­ten der Stadt. Stür­mi­sche Luft, alles ging ver­kehrt her­um, es reg­ne­te aus dem Boden, die Son­ne war auch irgend­wo da unten und ich konn­te nicht notie­ren, weil mir mein Notiz­buch davon geflo­gen war. Ich habe Dir des­halb nicht viel zu berich­ten, weil ich ohne mein Notiz­buch nicht anfan­ge zu den­ken. An den letz­ten Gedan­ken, den ich in mein Notiz­buch notier­te, ehe es an den Wind ver­lo­ren ging, kann ich mich gera­de noch erin­nern. Das also sollst Du wis­sen, ich habe ent­deckt, dass ich, sobald ich einen Trom­pe­ten­kä­fer zu ent­wer­fen wün­sche, über die Lun­ge die­ses Wesens, genau­er über sei­ne Luft­pum­pe und ihre Posi­ti­on in den Zusam­men­hän­gen eines Käfer­kör­pers nach­zu­den­ken habe, ande­rer­seits, aus vor­wie­gend phy­si­ka­li­schen Grün­den, über die Füße des Käfers, die der­art zu kon­zi­pie­ren sind, dass der Käfer, sobald er einen Trom­pe­ten­ton zu erzeu­gen wünscht, in der Lage sein wird, sich zunächst fest auf dem Boden, einem Blü­ten­blatt oder einem mensch­li­chen Fin­ger zu ver­an­kern, um dem Rück­stoß, den wir sehr sicher erwar­ten dür­fen, Wider­stand ent­ge­gen­set­zen zu kön­nen. Zu wei­te­ren Gedan­ken, lie­ber Eli­ot, war ich ges­tern nicht in der Lage. Bald wird der Sturm auch zu Euch her­über­ge­kom­men sein. Die­se E‑Mail ist schnel­ler als der Wind. Dein Louis

gesen­det am
11.03.2008
22.56 MEZ
1068 Zeichen

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