Abschnitt Neufundland meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 224, Luftfahrt — 2198, Automobile — 23855], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 3, 19. Jahrhundert – 178, 20. Jahrhundert – 1215 , 21. Jahrhundert — 76 ], physical memories [ bespielt — 218, gelöscht : 7 ], Lichtfangmaschinen [ H3DII-50 Hasselblad : 1 ], Öle [ 4.8 Tonnen ], Prothesen [ Herz — Rhythmusbeschleuniger – 88, Kniegelenke – 2, Hüftkugeln – 65, Brillen – 1866 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 1227, Größen 38 — 45 : 567 ], Kühlschränke [ 210 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 7, mit Taucher – 28 ], Engelszungen [ 22 ] — stop
Aus der Wörtersammlung: folgen
elephantisland
~ : rob salter
to : louis
subject : ELEPHANTISLAND
date : june 2 09 8.58 p.m.
Kurz nach acht Uhr. Kalte, trockene Luft, ich notiere mit klammen Händen. Um 7 Uhr heute Morgen haben wir bei stürmischer See Elephantisland erreicht. Suche nach Miller unverzüglich aufgenommen. Südwestliche Bewegung die Küste entlang. Gegen 9 Uhr erste größere Seeelefantengruppen gesichtet. Heftiger Schneefall. Mittags dann auf menschliche Spuren gestoßen. Eine Mulde von zwei Fuß Tiefe im groben Untergrund, hüfthoher Steinwall nordwärts. Im Windschatten: drei gebleichte Walknochen, ein halbes Duzend fingerdicker Hautstücke, ein Kamm, zwei rostige Kugelschreiber, eine Blechtasse, zwölf Pinguinschnäbel, fünf Batterien, drei Klumpen ranzigen Fettes, Bruchstücke eines Sonnenkollektors und einer Schreibmaschine. Das Werkzeug war in einer Weise sorgfältig demoliert, als sei eine Dampfwalze darüber hin und her gefahren. Dann weitere zehn Minuten die Küste entlang, dann auf Miller gestoßen. Der Dichter stand mit dem Rücken zu einem Felsen hin und richtete ein Messer gegen einen Seeelefanten. Das Tier, das sehr gewaltig vor unserem Mann in den Himmel ragte, war nur noch zwei Armeslängen entfernt und scheuerte mit dem Rücken über den Felsen. Eigenartige Geräusche. Geräusche wohl der Lust. Geräusche, als habe das Tier eine verbeulte Trompete verschluckt. Geräusche auch von Miller. Helle Geräusche, kreischende, irre Töne. Wir haben zu diesem Zeitpunkt das Folgende über Miller zu sagen: Unser Mann ist entkräftet und stark verschmutzt. Zwei Finger der linken Hand sind erfroren. Kopfwärts wandernde Spuren von Dehydration. Miller spricht nur einen Satz: All for nothing. Wir haben den Rückweg angetreten, indessen, bei genauerer Betrachtung unserer Umgebung, auf Felsformationen entlang der Küste Fragmente von Zeichenketten entdeckt. Eindeutig Millers Handschrift. Bringen Dichter Miller jetzt nach Hause.
eingefangen
22.57 UTC
1817 Zeichen

nachtzeppelin
echo : 2.18 — Ein Zeppelinkäfer, seltsames Wesen, schwebte kurz nach 1 Uhr heute Nacht eine schnurgerade, eine unsichtbare Linie über den hölzernen Fußboden meines Arbeitszimmers entlang, wurde in der Mitte des Zimmers von einer Luftströmung erfasst, etwas angehoben, dann wieder zurückgeworfen, ohne allerdings mit dem Boden in Berührung zu kommen. — Ein merkwürdiger Auftritt. – Und dieser großartige Ballon von opakem Weiß! Ein Licht, das kaum noch merklich flackerte, als ob eine offene Flamme in ihm brennen würde. Ich habe mich zunächst gefürchtet, dann aber vorsichtig auf Knien genähert, um den Käfer von allen Seiten her auf das Genaueste zu betrachten. — Folgendes ist nun zu sagen. Sobald man einen Zeppelinkäfer von unten her besichtigt, wird man sofort erkennen, dass es sich bei einem Wesen dieser Gattung eigentlich um eine filigrane, flügellose Käfergestalt handelt, um eine zerbrechliche Persönlichkeit geradezu, nicht größer als ein Streichholzkopf, aber schlanker, mit acht recht langen Ruderbeinen, gestreift, schwarz und weiß gestreift in der Art der Zebrapferde. Fünf Augen in graublauer Farbe, davon drei auf dem Bauch, also gegen den Erdboden gerichtet. Als ich bis auf eine Nasenlänge Entfernung an den Käfer herangekommen war, habe ich einen leichten Duft von Schwefel wahrgenommen, auch, dass der Käfer flüchtet, sobald man ihn mit einem Finger berühren möchte. Ein Wesen ohne Laut. – Guten Morgen! Heute ist Samstag. Leichter Regen vielleicht. — stop

eine frage der winde
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echo : 2.26 — Eine jedem Propellerkäfer zutiefst verbundene Leidenschaft ist, auf Bäumen zu sitzen und nach Winden Ausschau zu halten. Sie sind in diesem Warten und Schauen außergewöhnlich geduldige Persönlichkeiten. Wochen, gar Monate sitzen sie kaum wahrnehmbar in Gestalt kleiner Zigarren auf knorrigen Ästen, Stämmen und Blättern herum, indessen sie ihre Augen stets geöffnet halten, blaue, sehr blaue Augen, auch wenn sie schlafen, was nicht ganz sinnvoll zu sein scheint, weil doch heranwehende Winde eher zu hören, als zu sehen sind. Wenn man nun einen Propellerkäfer bei seiner leidenschaftlichen Arbeit, insbesondere den Präludien seiner Arbeit beobachten möchte, sollte man geduldig sein und immerfort an seiner Seite, weil man nie vorhersagen kann, ob ein Wind, der sich näherte, unserem Propellerkäfer gefallen wird. Manche Winde, so seltsam das erscheinen mag, noch feinste Stürme, die vom Meer her kommen, lassen unseren Propellerkäfer vollkommen kalt, während bereits die leiseste Ahnung ganz anderer Winde, heftigste Erregung erzeugen kann. Dann, von einer Sekunde zur anderen, ändert der Propellerkäfer seine Farbe, ob er will oder nicht, er sieht jetzt ein wenig so aus, als würde Feuer in ihm brennen. Seine Füße indessen haben kleine Zehen ausgefahren, Fantasien der Natur, rein nur zur Verankerung ausgedacht, weil der Propellerkäfer sich sofort wild entschlossen mit jedem seiner Propeller gegen den Wind stemmen wird. Stürme, gerade Stürme will er fangen. So sitzt er mit geschlossenen Augen hinter pfeifenden Rotoren bebend und knistert und wartet, wartet, bis all das wilde Wetter vorübergezogen sein wird. Der Ordnung halber sei Folgendes noch rasch gemeldet: Propellerkäfer sind friedvolle, aber doch gefährliche Wesen, sobald sie aufgeladen sind. Mal haben sie sechs, mal acht, mal zehn Propeller, die sie je in ihrem Leib verbergen, um für Wochen, für Monate wieder zur Baumzigarre zu werden. Jetzt hören wir sie leise und zufrieden knallen. — stop
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abschnitt neufundland
Abschnitt Montauk meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : | stop | Wrackteile [ Seefahrt — 8678, Luftfahrt — 1887, Automobile — 22851 ], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 12, 19. Jahrhundert – 26, 20. Jahrhundert – 577 , 21. Jahrhundert — 332 ], physical memories [ bespielt — 257, gelöscht : 56 ], Manuskriptseiten [ John Don Passos – Manhatten Transfer 3 ], Öle [ 1.3 Tonnen ], Prothesen [ Herz – Rhythmus – Beschleuniger – 78, Kniegelenke – 3, Hüftkugeln – 46, Brillen – 654 ], Schuhe [ Größen 28 – 37 : 2112 , Größen 38 — 45 : 5932 ], Kühlschränke [ 295 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 10, mit Taucher – 53 ], Engelszungen [ 18 ] | stop |

herzschrittmacher
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echo : 0.01 — Wunderbarer Abend. stop. Nichts anderes ist zu tun, als in Callasbox Zeilen aufzuspüren, die meinem Rhythmus nicht folgen wollen. stop. 80733 Zeichen. stop. Einmal wollte ich durch einen Präpariersaal wandern und Herzschrittmacher sammeln. stop. Kleine, ölige Maschinen. stop. Seltsame Geschichte. — stop

mrs. callas zählt schneeflocken
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marimba : 0.01 — Wenn Mrs. Callas Schneeflocken zählt, will sie jede Flocke mit ihren Zeigefingern berühren. Aus der Entfernung betrachtet, könnte man dann meinen, Mrs. Callas würde sich mit nicht sichtbaren Engeln unterhalten, oder mit Engeln, die so klein sind, dass sie für das Licht nicht ins Gewicht fallen. Ja, wenn Mrs. Callas Schnee zu zählen wünscht, spricht sie mit ihren Händen mit der Luft. Sie ist sehr schnell in dieser Bewegung des Sprechens und sie ist glücklich, habe ich den Eindruck, ein Mädchen, wie sie am kleinen See des Palmengartens auf Zehenspitzen steht und so herzlich lacht, dass die Reiher angeflogen kommen, die eigentlich längst schon nach Afrika abgereist sein sollten. Ich glaube, flüstert sie, jetzt habe ich den Überblick verloren. Wir sind dann noch herumspaziert zwei Stunden und haben diskutiert, was Mrs. Callas an Bord der Seatown gern tragen würde, etwas Leichtes natürlich, wegen der schwülen Hitze, die zu erwarten sein wird, weil wir uns das so ausgedacht haben von Zeit zu Zeit, das Inventar einer Welt, die eigentlich nicht existiert. — stop
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seide
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alpha : 6.55 — Gestern Abend um 22 Uhr und 8 Minuten folgende E‑Mail: „Und? Hat Nabokov schon geantwortet? N.“ Seither warte ich. Als ob ich in den vergangenen Wochen nicht genug gewartet hätte. Auf Schnee, zum Beispiel. Hemingway, vor zwei Jahren, antwortete gar nicht, Lowry nach drei Monaten und in einer Weise, die ich bis heute nicht enträtselt habe. Aber Djuna Barnes, um Himmels willen, Djuna Barnes, als hätte sie meine Zeilen erwartet, antwortete noch in der Stunde meines Schreibens. stop. Ich muss das suchen. stop. Geräuschwort für 750000 vorwärts schlagende Herzen bisher nicht entdeckt. stop Regen. stop. Seidig. stop. Als würde der Erdboden schwitzen. — stop

die malerei kleinster teilchen
sierra : 8.02 — Ohne die Zeit noch zu bemerken, sechs Stunden lang erste Spuren eines anatomischen Hörspiels bearbeitet. Kurz vor Mitternacht dann in angenehmer Balance mit Cormac McCarthys düsterem Roman Die Straße auf dem Sofa. Ein Buch, das mir Freude macht, nicht weil es Endzeit, nein, weil es in kleinen Abteilen vorwärts erzählt. Als würde in einem unendlich großen, dunklen Raum je für kurze Zeit das Licht angeschaltet, Phasen zeichenloser Dunkelheit, Sekunden‑, Minuten‑, Stundensprünge, dann wieder ruhige Sprache, einfache, präzise Sätze. Darüber eingeschlafen. Morgens von Regengeräuschen geweckt, die nicht wirklich existierten. — Kurz nach sieben Uhr und noch immer wundere ich mich, dass ich eingenickt war, ohne auch nur einmal zu denken: Du wirst gleich schlafen. Die Idee, dass vielleicht Bücher existieren, die als Schlafbücher anzusehen sind, Bücher, die einen geheimen Code enthalten, hypnotische Zeichenfolgen, unwiderstehlich in ihrer Wirkung. Man könnte in Buchhandlungen eine weitere Kategorie sortieren, die der Narkotika nämlich, Romane, die ins Jenseits befördern, nicht zu lesen im Gehen, in Zügen, im Stehen! – Guten Morgen! — stop
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nehmen wir einmal an …
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foxtrott : 7.28 — Nehmen wir einmal an, ich würde gefragt, ob ich vielleicht über ein weiteres Auge verfügen möchte, ein wirkliches drittes Auge, ein Auge für sich, ein Auge, mit dem ich in die Welt hinausschauen könnte, was wäre zu tun? – Ruhe bewahren! – Nachdenken! – Antworten! – Sehr bald antworten, jawohl ja, das wäre ein feines Geschenk, dieses Auge würde ich sehr gerne und sofort entgegennehmen. Natürlich würde das nicht so leicht sein, ich meine, die Übergabe eines weiteren Auges an meinen bereits existierenden Körper, wie man sich das vielleicht vorstellen mag, nein, nein, das wäre sicher eine außerordentlich komplizierte Geschichte. Ein geeigneter Ort würde zu finden sein, an dem das brandneue Sinnesorgan an meinem Körper oder in meinem Körper montiert werden könnte, und ich müsste mich vielleicht zunächst entscheiden, welcher Art das Auge sein sollte, ein großes, strahlendes Schmuckauge beispielsweise, oder ein eher kleines, kaum sichtbares Auge, ein geheimes Auge, sagen wir, um unbemerkt die Welt um mich herum untersuchen zu können. An diesem schönen Nebelmorgen nun, ich bin noch nicht ganz wach geworden, würde ich Folgendes fragen: Ist es eventuell möglich, das Auge rechter Hand in den mittleren Fingerknöchel nahe dem Handrücken einzusetzen? Wann könnten wir damit beginnen? Sind Sie noch bei Verstand, oder wie oder was? — Ja, so würde ich wohl sprechen, genau diese Bestellung würde ich aufgeben. Stellt sich nun die Frage, was würde ein Auge dieser Art mit meinem Gehirn unternehmen? Würde es wachsen? Und wohin würde es wachsen? — Ich muss das nicht heute entscheiden! — stop



