Aus der Wörtersammlung: hören

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strichzeichnung

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8.27 — Strich­zeich­nung eines Man­nes, der Schritt für Schritt die Küs­ten die­ser Welt spa­ziert. Er schläft vor den Mee­ren und ernährt sich aus den Mee­ren. Er sam­melt Din­ge, die Mee­re an Land gewor­fen haben. Wenn er etwas sieht, das aus einem Meer gekom­men ist, dreht und wen­det er es mit der einen Hand in der ande­ren Hand. Dann beschreibt er sei­nen Fund, notiert Uhr­zeit und Posi­ti­on, isst ihn auf oder legt ihn zurück auf den Boden. Der Mann, an den ich den­ke, schläft in einem Zelt, wenn es kalt ist oder wenn es reg­net. Er trägt gute, fes­te Schu­he, ist aus­ge­rüs­tet, wie Men­schen aus­ge­rüs­tet sind, die in den Ber­gen schwie­ri­ge Wän­de durch­klet­tern. Sobald er sich bewegt, kann man ein Klim­pern hören. Manch­mal pas­siert der Mann eine gro­ße Stadt. Dann beschleu­nigt er sei­ne Schrit­te. Der Mann weiß aus Erfah­rung, dass er immer wie­der zurück­kom­men wird an den Aus­gangs­ort sei­ner Küstenrei­se. Heu­te, in den frü­hen Mor­gen­stun­den, habe ich die­sem Mann einen Namen gege­ben und ein Alter und eine Sta­tur, eine prä­zi­se Anga­be, in wel­cher Höhe über dem Boden sich sei­ne Augen befin­den, wenn der Mann auf­recht steht. — stop

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segeln

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1.51 — Es ist jetzt kurz nach 2 Uhr. Eine ange­neh­me Nacht hier in Mit­tel­eu­ro­pa. Auf mei­nem Schreib­tisch blü­hen zwei klei­ne Bäu­me in nicht erwar­te­ten Far­ben. Trotz­dem wäre ich ger­ne auf einem Schiff, das gera­de den Ama­zo­nas abwärts treibt. Wür­de in einer Hän­ge­mat­te lun­gern und lesen und mich vor Spin­nen fürch­ten. Die Plan­ken des Schiffs schau­kel­ten unter mir auf und ab, von den Ufern her wäre das Kon­zert der Nacht­af­fen zu hören. — stop

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wim wenders

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15.32 — Viel, wie­der nachts, spa­ziert. Tra­ge einen Sta­pel klei­ner Kar­ten in der Hosen­ta­sche und einen Blei­stift. Sobald mir etwas ein­fällt im Gehen, notie­re ich. Ein­mal, im Som­mer, sehe ich einen Mann, der in einem Bahn­hof neben einem Zug auf dem Boden liegt. Der Zug war soeben via Mai­land aus Rom gekom­men, und als ich den Mann fra­ge, ob er Hil­fe benö­ti­ge, ant­wor­tet er, dass er sie hören, nicht aber sehen kön­ne. — Wim Wen­ders, stel­le ich mir vor, wür­de die­sen lie­gen­den Herrn sofort foto­gra­fiert haben und sei­ne Geschich­te zur Foto­gra­fie wür­de mit dem ange­neh­men Wort — E i n ­m a l — begin­nen. Ein­mal, an einem spä­ten Abend, lag ein Mann auf einem Bahn­steig neben einem Zug und lausch­te ita­lie­ni­schen Zika­den. — stop

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panthergeschichte

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18.15 – Da ist mir doch tat­säch­lich ein jun­ger Pan­ther zuge­laufen, ein zier­li­ches Wesen, das mühe­los vom Boden her auf mei­ne Schul­ter sprin­gen kann, ohne dabei auch nur den gerings­ten Anlauf neh­men zu müs­sen. Sei­ne Zun­ge ist rau, sei­ne Zäh­ne kühl, ich bin stark, auch im Gesicht, gezeich­net von sei­nen wil­den Gefüh­len. Der Pan­ther schläft, unter­dessen ich arbei­te. So glück­lich sieht er dort aus, auf der Decke unter der Lam­pe lie­gend, dass ich selbst ein wenig schläf­rig wer­de, auch wenn ich nur an ihn den­ke, an das Licht sei­ner Augen, das gelb ist, wie er zu mir her­über­schaut bis in den Kopf. Spät­abends, wenn es lan­ge schon dun­kel gewor­den ist, gehen wir spa­zie­ren. Ich lege mein Ohr an die Tür und lau­sche, das ist das Zei­chen. Gleich neben mir hat er sich aufge­richtet, schärft an der Wand sei­ne Kral­len, dann fegt er hin­aus über die Stra­ße, um einen vom Nacht­licht schon müden Vögel zu ver­spei­sen. Dar­an sind wir gewöhnt, an das lei­se Kra­chen der Gebei­ne, an schau­kelnde Federn in der Luft. Dann wei­ter die heim­liche Rou­te unter der Stern­warte hin­durch in den Palmen­garten. Es ist ein gro­ßes Glück, ihm beim Jagen zuhö­ren zu dür­fen. Ich sit­ze, die Bei­ne über­ein­ander geschla­gen, auf einer Bank am See, schaue gegen die Ster­ne, und ver­neh­me die Wande­rung des Jägers ent­lang der Ufer­strecke. Ein Rascheln, ein Kräch­zen, ein Schlag ins Was­ser. Wenn er genug hat, gehn wir nach Hau­se. — Don­ners­tag. 24. Janu­ar 2008. Kurz nach­dem ich die­se klei­ne Geschich­te mit Ver­gnü­gen erfun­den habe, die Nach­richt, die kom­plet­te DNA eines Bak­te­ri­ums sei zum ers­ten Mal von Men­schen­hand wie­der­holt, das heißt mon­tiert wor­den ist. — stop

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propellerfliege

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1.02 – Heu­te Nacht ist etwas Selt­sa­mes gesche­hen. Ich habe einer Flie­ge beim Flie­gen zuge­hört. Viel­leicht könn­te ich sagen, dass Flie­gen­tie­re Pro­pel­ler­flug­zeu­gen in ihrer akus­ti­schen Erschei­nung ähn­lich sind. Sie sind bereits zu hören, wenn sie noch zu weit ent­fernt sind, um sie mit den Augen wahr­neh­men zu kön­nen. Das Geräusch einer flie­gen­den Flie­ge lässt mich an feuch­tes Holz den­ken und an geöl­te Zahn­rä­der und an Schrau­ben, die aus Elfen­bein gemacht sind. Wie ist die­se leben­de Flie­ge in mei­nem Win­ter­zim­mer mög­lich gewe­sen? — stop
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salznamen

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2.01 — Dass die Fische eines Schwarms kei­ne Namen tra­gen. Auch die Som­mer­fä­den eines August­him­mels oder die Mole­kü­le eines Was­ser­trop­fens sind kaum je beschrif­tet, wie der Sand einer Wüs­te ohne jede Bezeich­nung ist, sodass man eine Hand­voll Sand nicht auf einen Tisch wer­fen könn­te und sagen, die­ser klei­ne Stein hier, das ist S‑sa­ha­ra-No 537675258386. Ich sehe Dich, aber ich gebe Dir kei­nen Namen. Statt­des­sen ver­su­chen wir den Him­mel. Wir sagen: Das ist Gala­xie M‑23. Und die­ser blaue Nebel hier ver­dun­kelt die Gala­xie M‑C58. Unse­re elek­tro­ni­schen Augen sind emp­find­lich. Wir könn­ten mit die­sen Augen viel­leicht einen Golf­ball auf dem Mond erken­nen oder eine Tele­fon­zel­le auf dem Mars, nicht aber einen Stern hin­ter einem Stern in einer 7 Mil­lio­nen Licht­jah­re ent­fern­ten Spi­ral­ga­la­xie. Viel­leicht soll­te ich, wenn ich wie­der ein­mal auf­ge­regt sein wer­de, weil mir der Him­mel auf den Kopf zu fal­len droht, einen Tee­löf­fel Salz auf mei­nen Schreib­tisch schüt­ten und eine Zäh­lung und Bezeich­nung der Kris­tal­le vor­neh­men. Wie lan­ge Zeit wür­de ich zäh­len? Könn­te ich je wie­der auf­hö­ren? — stop

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malcolm lowry

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3.18 — Ich erin­ner­te mich an eine Geschich­te, die von Mal­colm Lowry erzählt, genau genom­men von sei­ner Art und Wei­se zu schrei­ben, nach­drück­li­cher noch von der Metho­de zu ver­lie­ren, was gera­de eben noch notiert wor­den war. Mal­colm, so der Erzäh­ler der Geschich­te, soll Gedan­ken auf jedes Stück Papier geschrie­ben haben, das in sei­ne Reich­wei­te gekom­men war, auf Rech­nun­gen, Spei­se­kar­ten, Bil­letts bei­spiels­wei­se, sofern er in einem Café oder in einer Bar Platz genom­men hat­te, um so lan­ge notie­rend zu arbei­ten, bis er aus­rei­chend betrun­ken war damit auf­zu­hö­ren. Wie vie­le Wör­ter und Sät­ze sind wohl vom Wind in Wüs­ten oder auf Mee­re hin­aus­ge­tra­gen wor­den, wie vie­le Bücher haben sich in Luft auf­ge­löst? Ich stel­le mir immer wie­der lei­den­schaft­lich ger­ne vor, wie Mal­colm Lowry in unse­rer Zeit sei­ne Zei­chen­ket­ten für die Welt abge­legt haben könn­te. Sagen wir so: Lowry arbei­tet nie wie­der mit einem Blei­stift. Er notiert sei­ne Gedan­ken in eine feder­leich­te elek­tri­sche Maschi­ne, die am Gür­tel sei­ner Hose fest ver­an­kert wird. Sorg­fäl­tig von sei­ner Ehe­frau Mar­ge­rie Bon­ner pro­gram­miert, ver­bin­det Mal­colms per­sön­li­ches Notizge­rät unver­züg­lich Tas­ta­tur mit digi­ta­ler Sphä­re, sobald sich der Autor, gleich wel­cher geis­ti­gen Ver­fas­sung, mit der einen oder der ande­ren Hand nähert. Nun schreibt der Autor. Er arbei­tet, viel­leicht ste­hend, viel­leicht sit­zend, viel­leicht lie­gend. Und wäh­rend er so arbei­tet, wird Zei­chen für Zei­chen unver­züg­lich an einen gehei­men Ort der Spei­che­rung gesen­det. Dort, Drop­zo­ne, könn­te man sit­zen und war­ten und betrach­ten, wie der Text, um den Bruch­teil einer Atom­se­kun­de in der Zeit ver­rückt, voll­zo­gen wird. — stop
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a — t — g — c

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15.10 — Using the same code that com­pu­ter key­boards use, the Japa­ne­se group, led by Masaru Tomi­ta of Keio Uni­ver­si­ty, wro­te four copies of Albert Einstein’s famous for­mu­la, E=mc2, along with “1905,” the date that the young Ein­stein deri­ved it, into the bacterium’s geno­me, the 400-mil­li­on-long string of A’s, G’s, T’s and C’s that deter­mi­ne ever­y­thing the litt­le bug is and ever­y­thing it’s ever going to be. — Inter­na­tio­nal Harald Tri­bu­ne / June 26, 2007. — Die Vor­stel­lung eines mensch­li­chen Lebe­we­sens, das 15 Jah­re in sei­nem per­sön­li­chen Code nach Infor­ma­tio­nen sucht, die nicht zu ihm gehö­ren, Add-ons, die Lite­ra­tur sind. — stop

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helene hanff

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6.07 — Leich­ter Schnee­fall. Papier­licht. Las in Hele­ne Hanffs wun­der­vol­ler Brief­samm­lung 84, cha­ring cross road. Wie­der der 25. März 1950. New York. 14 East 95th St. — Frank Doel, was TUN Sie eigent­lich da drü­ben?? Sie tun gar NICHTS, Sie sit­zen nur HERUM! Wo bleibt Leigh Hunt? Und wo die Oxford Gedicht­an­tho­lo­gie? Wo bleibt die Vul­ga­ta und wo der lie­be ver­trot­tel­te John Hen­ry? All das wäre eine so net­te auf­bau­en­de Lek­tü­re für die Fas­ten­zeit gewe­sen … und Sie schi­cken mir abso­lut nichts! Sie las­sen mich hier sit­zen und lan­ge Rand­be­mer­kun­gen in Biblio­theks­bü­cher schrei­ben, die mir nicht gehö­ren. Eines Tages wird das her­aus­kom­men, und sie wer­den mir mei­nen Biblio­theks­aus­weis weg­neh­men. Ich habe mit dem Oster­ha­sen eine Abma­chung getrof­fen, Ihnen ein Ei zu brin­gen. Er wird her­über­kom­men und fest­stel­len, dass Sie in Untä­tig­keit ver­stor­ben sind. Für den nahen­den Früh­ling brau­che ich unbe­dingt einen Band mit Lie­bes­ge­dich­ten. Kei­nen Keats oder Shel­ley! Schi­cken Sie mir Dich­ter, die Lie­be machen kön­nen, ohne zu sab­bern – Wyatt oder Jon­son oder irgend­ei­nen ande­ren … den­ken Sie sich selbst etwas aus. Ein­fach ein schö­nes Buch, schmal genug, um in eine Anzug­ta­sche gesteckt und in den Cen­tral Park mit­ge­nom­men zu wer­den. Also, sit­zen Sie nicht her­um! Spü­ren Sie es auf! Es ist mir wirk­lich ein Rät­sel, wie die­ser Laden exis­tie­ren kann. — stop

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