charlie : 0.32 — Er werde langsam alt, erzählte der Journalist L., alt und müde. Manchmal fühle er sich morsch, wie ein Knochen, der lange Zeit in feuchter Luft unter freiem Himmel herumgelegen hatte, da wird man bald staubig, und dann kommt ein Wind und schon ist man so leicht geworden, dass man ganz und gar für immer aufhören möchte. Deshalb habe er ein Haus an der Küste gekauft, mit einem Reetdach, das links und rechts des Hauses nahezu bis auf den Boden reiche. Er benötige einen Ort, an den er sich zurückziehen, einen Ort, an dem er leichter werden könne, wandern am Meer stundenlang und sprechen mit sich selbst. Wenn er Selbstgespräche führe, würde er in sich hineinsehen, Wörter und Sätze bewirken, dass er für einige Zeit nicht mehr aufhören könne zu sprechen, weil er doch in den vergangenen Jahren eigentlich so schweigsam geworden war, weil er doch immer, als er noch diskutierte und erzählte, vergessen habe, was er sagte, weshalb er tagelang darüber nachdenken musste, ob er nicht etwas gesagt haben könnte, das unmöglich gesagt sein durfte, diese Wörter, diese Sätze, die man so liebend gern zurückholen wollte, weil sie nicht passend oder ganz einfach zu viele Wörter gewesen waren. Deshalb nun ein Haus an der Küste, mit einem Reetdach, das links und rechts des Hauses nahezu bis auf den Boden reiche, wo er mit sich selbst sprechen könne so lange er wolle, wo ihm niemand zuhören würde, nur das Haus und er selbst und manchmal der Sand und ein paar Vögel, wenn er von Aleppo erzähle, wo er vor wenigen Wochen, ein Himmelfahrtskommando, noch gewesen sei. — stop
Aus der Wörtersammlung: india
geister
india : 0.58 — Das tödliche Elend kommt nicht in Sekundenbruchteilen auf arme Menschen nieder, als eine Welle langsam und kontinuierlich ansteigender Preise für Zucker, Mais, für Wasser kommts daher. Wer sind diese Personen, die mit Getreide spekulieren? Könnte man nicht einen Namen finden? Ein Gesicht? Ein menschliches Wesen, Nase, Augen, Ohren, das man befragen könnte: Warum tun Sie das? — stop
ein pinguin
india : 6.38 — Ludwig, ich traf ihn am Freitagabend während eines Spaziergangs zufällig unten am Fluss, erzählte von einem Experiment, das er vor wenigen Wochen im April gestartet haben will. Es gehe, sagte Ludwig, um den Versuch, Luftpostbriefe nach Aleppo zu verschicken. Weder habe er selbst Freunde noch Familienangehörige in Aleppo, trotzdem habe er ein gutes Dutzend Briefe in die zerstörte Stadt geschickt, zufällige Straßen, zufällige Häuser, zufällige Namen. Eine Freundin habe ihm bei seiner Arbeit geholfen, Lucille, die die arabische Sprache mühelos sprechen und schreiben könne. 5 seiner Briefe seien nach wenigen Tagen bereits zurückgekommen, sie waren je mit einem handschriftlichen Vermerk in deutscher Sprache versehen: Zurzeit nicht zustellbar. 12 weitere Briefe seien noch verschollen, 1 Brief war jedoch zu ihm zurückgekehrt. Der Brief schien tatsächlich bis in die Stadt Aleppo gekommen zu sein, ein Stempel in französischer Sprache begründete die Rücksendung des Briefes: Adresse insuffisante. Diese Nachricht hatte Ludwig erwartet, nicht aber, dass auf dem Briefumschlag selbst eine Nachricht in der Gestalt eines handgezeichneten Pinguins hinterlassen worden war. — stop
terminal 1
india : 7.02 — Eine kugelrunde Frau sitzt am Flughafen sehr aufrecht auf einer Bank. Sie hält in jeder Hand ein Telefon. Einmal betrachtet sie das eine Telefon, dann wieder das andere Telefon. Wie ich sie so beobachte, glaube ich zu bemerken, dass sie für beide Telefone zärtliche Gefühle zu hegen scheint, als seien sie kleine Tiere, die manchmal zu ihr sprechen. Ich spüre plötzlich selbst zärtliche Gefühle in mir wachsen für diese Frau oder dieses Bild der Frau mit ihren Telefonen. Unvermittelt schaut sie mich an, und ich senke meinen Blick, öffne schnell meine Schreibmaschine und beginne zu notieren, obwohl ich nichts im Kopf habe, das ich notieren könnte. Also schreibe ich zunächst, dass ich soeben notiere, obwohl ich nichts zu notieren habe, weil ich verlegen bin. Ich schreibe, eine kugelrunde Frau sitzt frühmorgens sehr aufrecht auf einer Bank. Bald wird Sommer werden. Am Flughafen existieren weder Vögel noch Mäuse. — stop
freitag
india : 4.10 — Gestern Abend im Gespräch entdeckte ich die Existenz der Ohrmuschelforscher. Es existieren außerdem Herzforscher, Knochenforscher, Lungenforscher, Kehlkopfforscher. An dieser Stelle höre ich auf zu erzählen. Heute ist Freitag. Guten Morgen. — stop
von der sekundenzeit
delta : 0.02 — Wie jetzt der Sommer näherkommt, ändert sich alles. Im Winter erfrieren Menschen, im Sommer fallen sie versehentlich aus Fenstern, die sie zum Vergnügen geöffnet haben. Bernhardt L., der mich besuchte, erzählte von seinen Erfahrungen, die er mit Todesursachen betrunkener Menschen sammelte. Es war ein angenehmer Abend. Eigentlich wollten wir nicht von traurigen Geschichten sprechen, aber dann wurde es doch wieder einmal ernst. Wir saßen auf Gartenstühlen vor dem Fenster zu den Bäumen, die in den Himmel staubten, und beobachteten meine Schnecke Esmeralda, die sich der frischen Abendluft näherte. Sie kroch zielstrebig über den Boden hin, dann die Wand hinauf und ließ sich auf dem Fensterbrett draußen nieder. Wenn sich Schnecken setzen, bewegen sie sich kaum noch, ihr feuchter Körper scheint indessen etwas breiter zu werden. Mein Bekannter Bernhardt L. war sehr interessiert an der Existenz Esmeraldas in meiner Wohnung, er hatte sie noch nie zuvor gesehen und nie von ihr gehört. Er wollte wissen, woher sie gekommen war, wie alt sie wohl sei, und warum sie diesen schönen Namen Esmeralda von mir erhalten habe. Ich erinnere mich, wie er mit einem Finger zärtlich über Esmeraldas Häuschen strich, während er von einem unglücklichen Mann erzählte, der ein Zeitwirtschaftler von Beruf gewesen sein soll. Dieser Mann habe Minuten gezählt, Sekunden, in der Beobachtung arbeitender Menschen in einer Fabrik. Seine Aufgabe sei gewesen, Zeiträume aufzuspüren, die durch Veränderungen in den Bewegungen der beobachteten Menschen eingespart werden könnten. In einem Brief, der sehr ausführlich sein Unglück notiert, habe er berichtet, dass es ihm zuletzt nicht möglich gewesen sei, eine Tasse Kaffee von der Küche in sein Wohnzimmer zu tragen, ohne darüber nachzudenken, ob es wirtschaftlich sei, mit nur einer Tasse Kaffee in der Hand die Räume zu wechseln, wenn es doch möglich wäre, zwei Tassen Kaffee zur gleichen Zeit zu transportieren. — stop
dos passos
india : 0.28 — Der Mann im Traum könnte John Dos Passos gewesen sein. Er trug einen Kittel wie ihn Ärzte tragen. Ich kam gerade sehr vorsichtig eine steile Treppe herunter, als ich ihn entdecke. Er stand breitbeinig unter einer Lampe, die sich langsam hin und her bewegte, weil wir uns auf einem Schiff befanden. Leichter Seegang. Um die Lampe herum schwebte ein Kind. Es musste gerade erst geboren worden sein, ein Stück der Nabelschnur baumelte noch von seinem Bauch, außerdem schien das Wesen feucht zu sein, es war so groß wie eine Mandarine, anstatt Armen und Händen verfügte es über Flügel, damit schwebte das Kind, und John Dos Passos schaute ihm zu. Er schien sich nicht zu wundern, ich hatte vielmehr den Eindruck, als würde er das Kindwesen prüfen. Eine Mutter war nicht zugegen. — stop
ein apfel
india : 1.02 — Der Blick vom 15. Stock eines Apartmenthauses mittels eines Fernglases über die Park Avenue hinweg. Es ist Abend geworden in Manhattan, schon dunkel. Hinter einem ungewöhnlich großen Fenster schwebt ein älterer Herr ungefähr einen Meter über dem Boden eines hell erleuchteten Zimmers. Es handelt sich um ein geräumiges Zimmer, beigefarbene Wände. Der alte Herr bewegt sich langsam wie in Zeitlupe. Er scheint mir zu winken, als ob er mich wahrnehmen könne, obwohl ich doch im Halbdunkel stehe und zugleich weit entfernt bin. In seiner linken Hand hält er einen Apfel fest, in der rechten Hand ein Messer. Er beginnt den Apfel mit einer kreisenden Bewegung zu schälen, schaut immer wieder in meine Richtung. Für einen Augenblick hält er inne, dann lässt er die Schale des Apfels los, sie entfernt sich, von einer Strömung erfasst, langsam, sehr langsam, eine Schraube von Haut. In diesen Minuten, da ich notiere, was ich beobachtete, wird der alte Herr eingeschlafen sein, der Apfel, den er schälte, hat inzwischen seine Hand verlassen, sinkt auf den Boden des Zimmers. — Vier Uhr und sieben Minuten im Flüchtlingslager Jarmuk nahe Damaskus. — stop
nachtflug
india : 0.18 — In diesem Jahr ist er spät zu mir gekommen, der Winter längst vorüber. Ein Falter segelte gestern Abend durch mein Arbeitszimmer, bald saß er auf dem Boden. Ich näherte mich sehr vorsichtig, hob ihn auf und setzte ihn behutsam an eine Wand. — Es ist jetzt kurz nach Mitternacht. Ein paar Diodenlichter glühen zu mir herüber. Ob ich den Falter füttern sollte? Vielleicht würde er etwas Himbeermarmelade zu sich nehmen. Ich stelle mir vor, der Falter könnte 254 Jahre alt, er könnte ein Lichtenbergfalter sein, der rasch bei mir zu Kräften kommen möchte. Ja, das ist denkbar, immer wieder denkbar. Gestern, das will ich schnell noch erzählen, habe ich Flugversuche unternommen mit einer filigranen Rückenpropellerdrohne. Es handelt sich um die Nachbildung eines Taubenschwänzchen, demzufolge ist sie nicht größer als 50 Millimeter. Ich habe ihr beigebracht, mir zu folgen, wenn ich durch meine Wohnung spaziere. In dieser Verfolgung ist sie bereits sehr präzise, außerdem so schnell in ihrer Bewegung geworden, dass ich sie mit bloßer Hand nicht fangen könnte. Einmal näherte sie sich meiner Schnecke Esmeralda. Das war ein Moment von höchster Aufmerksamkeit, ein Verhalten, als würde das Taubenschwänzchen mit Esmeralda sprechen, sehr seltsam, anrührend, die Kirschbäume blühen. — stop
winterzeiten
himalaya : 3.18 – Ich könnte das Wort Winter schreiben. stop. Wie viel Zeit vergeht, ehe ich das Wort Winter zu Ende geschrieben haben werde? stop. Einhundert Winterzeiten. stop. Wie viele Winterzeiten machen einen Tag? — stop.