Aus der Wörtersammlung: india

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lucie

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sier­ra : 6.02 — Das sind lus­ti­ge Tage, Tage wie die­ser hier nach durch­ar­bei­te­ter Nacht. Noch immer, drin­nen wie drau­ßen, sehr war­me und feuch­te Hit­ze. In der Däm­me­rung schloss ich die Fens­ter. Auf das Bett waren leich­te Tücher gelegt, das luf­tigs­te Mate­ri­al, das zu fin­den gewe­sen ist, die Fens­ter ver­dun­kelt, alles bereit, den begin­nen­den Tag sofort zur Nacht zu machen. Ich lag bald unterm Buch, das mir den Kopf müde mach­t. Ich dach­te, dass ich nichts den­ken soll­te, schau­te nach Lich­tern, die unter den Lidern in Schlaf­au­gen wan­dern. Fast war ich weg­ge­kom­men, als eine Flie­ge auf mei­ner Schul­ter lan­de­te und sofort mit dem Munds­tem­pel nach Salz und ande­ren Din­gen zu for­schen begann. Ich sag­te, bit­te, bit­te nicht, Lucie, heu­te bit­te nicht, ich muss schla­fen. Und so erhob sich Lucie in die Luft und ich hör­te, wie sie eine lang­sa­me, trau­rig sum­men­de Run­de links­her­um durch mein Zim­mer flog. Dann schlief ich ein und träum­te zwei blaue Schne­cken. Sie waren von küh­ler Tem­pe­ra­tur und hat­ten sich wie Polar­füch­se in einer Schnee­höh­le, in mei­ne Augen­höh­len gelegt. Als ich wach wur­de, als ich zunächst wach gewor­den war, wie immer mit geschlos­se­nen Augen, hör­te ich Gewit­ter­don­ner, dann ent­deck­te ich Lucie in nächs­ter Nähe. Sie hat­te sich, wäh­rend ich träum­te, vor­sich­tig auf den Rücken mei­ner lin­ken Hand gesetzt und ihre Bei­ne ange­zo­gen, sodass sie nicht saß, viel­mehr auf mir lag. Ja, ist es denn Flie­gentieren mög­lich, die Augen zu schlie­ßen? — stop

 

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katze

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india : 3.18 — Schwü­le Hit­ze, Fens­ter und Türen weit geöff­net. Gegen drei Uhr der Besuch einer Kat­ze. Sie nimmt sich in aller Ruhe ein Zim­mer nach dem ande­ren vor. Gold­gel­be Augen. Rascheln. 10 Minu­ten. – Wäh­rend ich lese, wie­der der Ein­druck, dass mei­ne Ohren zur Nacht­zeit grö­ßer werden.

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gedankenstimme

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india : 5.12 – Ich wie­der­hol­te einen Gedan­ken, den ich gegen Mit­ter­nacht wahr­ge­nom­men hat­te, in dem ich ver­such­te, ihn zunächst lang­sam und kurz dar­auf in einer schnel­le­ren Wei­se zu den­ken. Und wäh­rend ich also Geschwin­dig­kei­ten pro­bier­te, ent­deck­te ich, dass ich einer­seits mit Wör­tern, mit Stimm­wör­tern den­ke, aber auch ohne Stim­me, ohne Wör­ter. Ich kann die Wör­ter­stim­me in mei­nem Kopf schnel­ler den­ken oder ich kann sie lang­sa­mer den­ken. Gedan­ken, ers­te Gedan­ken, die schein­bar ohne Spra­che sind, sind dage­gen so schnell, dass sie bereits fer­tig gewor­den sind, wenn sie in mei­nem Kopf bis­her nicht ange­fan­gen haben. – Ges­tern wur­de Rado­van Kara­džić gefan­gen. — stop

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die sonne ist rund

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india : 5.08 — Wie in schwie­ri­ger Zeit im Schlaf die Welt nach und nach neu geord­net wird, kein Stein bleibt auf dem ande­ren. Jeder begin­nen­de Tag, ein Tag vor unbe­kann­ter Land­schaft. Jede erleb­te Geschich­te erzählt sich, als wäre sie nie gesche­hen. Die Son­ne ist rund.

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yanuk : lichtmaschine

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india

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : FROGS
date : june 1 08 8.15 p.m.

Lie­ber Mr. Lou­is, seit acht Tagen Regen. Ver­brach­te zuletzt sechs Stun­den an den Stamm mei­nes Bau­mes gefes­selt, um nicht vom Sturm in die Tie­fe geris­sen zu wer­den. Ges­tern, sehr früh in der Mor­gen­däm­me­rung, dann auf Höhe 152 zurück­ge­kehrt. Das Lager, ram­po­niert. Ein paar Affen, Tama­ri­ne, haben sich breit gemacht, muss­te kämp­fen, ehe sie die Platt­form räum­ten. Habe mei­ne Vor­rä­te zum Trock­nen aus­ge­brei­tet, Nüs­se, vor­wie­gend Nüs­se, und ein paar Fleisch­kon­ser­ven sind da noch und etwas Brot, das hof­fent­lich nicht schim­meln wird. Bin jetzt ohne Licht­ma­schi­ne, der Sturm hat sie mit sich fort­ge­ris­sen. Aber die Amei­sen sind zurück, Du erin­nerst Dich, trä­ge Amei­sen­tie­re, die nach Lan­gus­ten schme­cken. Des­halb ohne Furcht, habe Trink­was­ser im Über­fluss. Wer­de mor­gen wei­ter zu den Frö­schen spre­chen. Wie selt­sam, mei­ne Stim­me aus ihren Schall­beu­teln zu ver­neh­men. So deut­lich flüs­tern sie mir nach, als ob kei­ne ande­re, als die mensch­li­che Spra­che, ihnen je zu Ohren gekom­men wäre. Erstaun­li­che Ent­de­ckung. Wel­chen Namen, fra­ge ich Dich, soll ich ihrer Gat­tung geben? — Yanuk

ein­ge­fan­gen
20.57 UTC
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yanuk to louis »

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revolver

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india : 3.26 — Das Selt­sa­me an den Nacht­bü­chern ist, dass man sie nur nachts und nur unter frei­em Him­mel lesen kann. Ich war des­halb bis kurz nach Zwei im Pal­men­gar­ten am See und hör­te den Spin­nen zu beim Sei­len, und lausch­te Pan­thern bei lei­ser Fres­se­rei und ande­ren ange­neh­men Din­gen, die man so macht, wenn man bemerkt, dass man ein Pan­ther gewor­den ist in einer Vor­som­mer­nacht. Dann ging ich nach Hau­se und leg­te das Nacht­buch, das von einer Chi­ne­sin erzählt, die sich wun­dert, dass sie eine Chi­ne­sin ist, ins Regal zu ande­ren Nacht­bü­chern zurück. Sit­ze jetzt auf dem Sofa und die Fens­ter sind geöff­net und ein Fal­ter flat­tert in einem Lam­pion­ her­um und notie­re eine klei­ne wil­de Geschich­te. Die­se Geschich­te geht so: Irgend­wann, sagen wir im Som­mer, sagen wir mor­gens. Ein Spie­ler steht am Fens­ter. Er schaut in Rich­tung des gegen­über­lie­gen­den Hau­ses. Die Sicht ist gut. Kein Nebel. Kein Dunst. Ein oder zwei Vögel, Later­nen­hö­he, auf und ab. Jetzt rich­tet der Spie­ler den Revol­ver gegen die Schlä­fe. Alle Kam­mern der Waf­fe sind muni­tio­niert. Der Spie­ler war­tet ab. Glü­hen­der Kopf. Film zurück, mal bunt, mal nicht. Bril­lan­ter Strei­fen. Ver­lässt ein Mann das Haus, schießt sich der Spie­ler eine Kugel in den Kopf. Game over. Ende. Fin. Ver­lässt eine Frau das Haus, hat der Spie­ler einen Tag gewon­nen. Es ist dann ein Tag leich­ten Genie­ßens, ein Tag aber auch von Unru­he, sobald Abend gewor­den ist. Jetzt schläft der Spie­ler. Dann wacht der Spie­ler auf. Wie­der steht er am Fens­ter, wie­der ist frü­her Mor­gen und wie­der ist Som­mer. Die Maschi­ne lässt sich nicht anhal­ten, auch die Zeit nicht, — Revol­ver gegen Stirn. Ent­weicht dem Haus eine Kat­ze, wird eine Kugel ent­nom­men. Jede wei­te­re Kat­ze ent­nimmt der Revol­ver­trom­mel eine wei­te­re Kugel. Sechs Kat­zen bedeu­ten eine Frau. Frau­en und Kat­zen brin­gen Glück. Natür­lich lässt sich das unend­lich ver­fei­nern. Eine rote Kat­ze erzwingt eine zwei­te Auf­füh­rung noch an dem­sel­ben Mor­gen. Kommt ein Nas­horn aus dem Haus, hört der Spie­ler für immer auf zu spie­len. Ein Nas­horn mit drei Hör­nern und der Spie­ler wird Pries­ter. Wir sehen, die Bedin­gun­gen des Spie­lers ein Pries­ter zu wer­den, sind ein­deu­tig defi­niert. Kein Ent­kom­men. Kein Aus­weg. Ein Lieb­ha­ber kon­zen­trier­ten Lichts. Cine­ma Paradiso. 

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flaubert

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india

~ : louis
to : Mr. gust­ave flaubert
sub­ject : MEMPHIS

Ver­ehr­ter Mr. Flau­bert, ges­tern, am spä­ten Nach­mit­tag, knis­ter­te ein fei­ner Regen ans Dach­fens­ter mei­nes Zim­mers und ich habe mich auf den Rücken gelegt und ihr ägyp­ti­sches Rei­se­ta­ge­buch geöff­net, eine sehr fei­ne Arbeit, detail­liert, das Abschied­neh­men, ihre vor­aus rei­sen­den Kof­fer. Wäh­rend Sie gera­de an Bord der Can­ja Mem­phis pas­sier­ten, bin ich ein­ge­schla­fen, viel­leicht weil ich müde war von einer viel zu kur­zen Nacht. Als ich wie­der wach wur­de, knis­ter­te der Regen noch immer gegen das Fens­ter, und ich erin­ner­te mich, ihnen erzäh­len zu wol­len, dass ich seit vor­ges­tern, 15 Uhr mit­tel­eu­ro­päi­scher Som­mer­zeit, Augen­paa­re samm­le, die mei­ne elek­tri­sche Sei­te besu­chen. Ver­mut­lich wer­den Sie mich für einen selt­sa­men Vogel hal­ten, weil ich Augen paar­wei­se zäh­le, ihre Exis­tenz und woher sie kom­men und wel­che Bril­len sie tra­gen und die Zeit mes­se, die sie mit mei­nen Wör­tern ver­brach­ten. Ges­tern Abend um 22 Uhr 17 Minu­ten und 11 Sekun­den hat­te ich Besuch aus Shang­hai. In gro­ßer Ent­fer­nung lur­ten also ein paar Augen, ver­weil­ten, kaum zu glau­ben, sechs Sekun­den auf mei­nen Zei­len, dann waren sie wie­der weg. Ich habe mir gedacht, dass die­se has­ti­gen Augen viel­leicht mei­ne Schrift­zei­chen nicht ent­zif­fern konn­ten, dass sie des­halb nur zwei oder drei Atem­zü­ge lang bei mir ver­weil­ten. Ja, lie­ber Flau­bert, das könn­te sein, nein, ich hof­fe, dass es so gewe­sen ist. Spä­ter Abend schon wie­der. Wer­de jetzt wei­ter lesen in Ihrer ägyp­ti­schen Rei­se, wäh­rend die Augen­zähl­ma­schi­ne arbei­tet, ohne dass ich mich auch nur ein­mal für sie bewe­gen müss­te. Ihr Lou­is, mit aller­bes­ten Grüßen.

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sandor marai

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sier­ra : 10.14 — Lan­ge Zeit der Ein­druck, dass in mei­nem Leben nur weit ent­fern­te Wesen ster­ben, Wesen bei­spiels­wei­se, die Madras bewoh­nen, Wesen ohne Nie­ren. Dann, von einem Tag zum ande­ren, endet mei­ne Kind­heit. Erin­ner­te mich an eine Notiz des 84-jäh­ri­gen unga­ri­schen Dich­ters San­dor Marai. “In der Nacht urplötz­lich die Gewiss­heit, dass ich sterb­lich bin — nicht die Mög­lich­keit, son­dern die Tat­sa­che. Es war nicht beängs­ti­gend. — Und eini­ge Tage spä­ter, am 31. Okto­ber des­sel­ben Jah­res: Das Ster­ben beginnt damit, dass man es nicht mehr für unmög­lich hält zu ster­ben. 84 Jah­re lang habe ich es nie­mals für mög­lich gehal­ten, und ich hat­te recht.” – Elf Uhr fünf­und­zwan­zig in Suni, West­dar­fur. — stop
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