india : 6.32 — Ein Solarisschiff, von dem ich träumte, war derart nahtlos in ein düsteres Stadthaus von enormer Größe montiert, dass niemand, der nicht in Kenntnis gesetzt worden war, seine Existenz wahrzunehmen vermochte. Natürlich spielte die Fahrstuhlanlage eine bedeutende Rolle. Dort war eine zentrale Achse des Raumkreuzers hineingedacht, umgebende Wohnungen gehörten dazu, Teile der Küchen, Bäder, Flure, Wohnzimmer, auch weiter entfernte Abteilungen des Gebäudes, in dem allerorten Wasser von den Decken tropfte. An einem Abend, von dem ich präzise träumte, wurden rauschhafte Feste unter Regenschirmen gefeiert. Sie dienten einem einzigen Zweck, Weltraumreisende nämlich von zurückbleibenden Menschen zu separieren. Ich konnte im Traum den ein oder anderen Bewohner des Hauses leicht narkotisiert von einem Apartment in das nächste wandeln sehen. Als ich erwachte, hockte ein kleiner blauer Hummer an der Wand meines Zimmers. — stop

Aus der Wörtersammlung: india
segelohren
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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : SEGELOHREN
Liebe Daisy, liebe Violet! Kühl ist die Luft geworden in den vergangenen Tagen. Als ob Herbst geworden sei, eine Luft voller Regen und Wind. Auf der Straße laufen Menschen herum, die haben sich Tropfenfänger unter ihre Nasen gebunden, die wund sind und geschwollen. Ich selbst noch wohlauf, was vielleicht darin begründet sein könnte, dass ich bereits jetzt schon kräftige Wanderschuhe trage für den kommenden Winter in New York. Will Euch eine Geschichte notieren, an diesem schönen, nassen Sonntag, die ich tatsächlich genauso erlebt habe, wie ich sie erzähle, ob Ihr mir nun glauben werdet oder nicht. Stellt Euch ein geräumiges Zimmer vor. Ein gutes Dutzend Ohren propellerten dort durch die Luft, sie waren Gästen entkommen, die in nächster Nähe eines Rundfunkempfängers Platz genommen hatten, um Ella Fitzgerald zu lauschen: It Don’t Mean a Thing If It Ain’t Got That Swing. Ein merkwürdiger Anblick war das gewesen, bald lagen kämpfende Ohren in Schichten über zwei Lautsprechern des Radios, wie Footballspieler, sagen wir, eine rangelnde Bande zwitschernder Ohren, sodass in dem Zimmer der Versammlung vom Konzert kaum noch etwas zu hören gewesen war, als diese Geräusche des Kampfes. Man kämpfte auch dann noch verbissen weiter, als das Radio längst ausgeschaltet worden war, vermutlich deshalb, weil man meinte, die nun auftretende Stille sei nicht wirklich vorhanden. Ich habe drei Stunden in der Beobachtung des Tumultes zugebracht. Dann bin ich nach Hause zurück ohne meine Ohren. Seither warte ich geradezu taub geworden auf ihre Rückkehr. Bis bald einmal wieder. Cuccurrucu! – Euer Louis
gesendet am
03.07.2011
20.05 MESZ
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mann mit stäbchen
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india : 21.02 — Ich habe einen Mann betrachtet. Dieser Mann war ganz sicher weit über 70 Jahre alt, trug trotz großer Hitze einen schäbigen Wintermantel, Turnschuhe, einen zerschrammten Rucksack vor der Brust, außerdem Lederhandschuhe, schmutzige Teile, eine Brille mit randlosen, runden Gläsern, und eben ein filigranes Stäbchen, einen Spazierstock genauer, mit dem er über den Boden tastete. Dieser Stock nun war kein gewöhnlicher, vielmehr ein höchst merkwürdiger Stock. Er war von hellem Metall und konnte mittels kleiner, im Inneren des Stockes befestigter Elektromotoren, ein- und ausgefahren werden, eine Art Teleskopstock, außerdem leicht und blitzblank, sodass sich die Stadt und der Himmel über ihr in ihm spiegelten. An der Spitze des Stockes einerseits war ein rundlicher Vorsatz befestigt, am entgegengesetzten Ende entkamen einem Knauf zwei Kabel, die mit Hörgeräten verbunden waren, die der alte Mann in seinen Ohren trug. Diese Beobachtungen, die ich machte, als ich die Madison Avenue südwärts spazierte, führten zunächst zu der Vermutung, der alte Mann belausche den Boden, weil ich die Verstärkung an der Spitze seines Stockes, zunächst für ein Mikrofon gehalten habe. Dann aber blieb der alte Mann Höhe 42nd Straße nahe der Bordsteinkante stehen. Er tastete im Rinnstein, eine Hand führte den Stock, die andere bewegte sich in der Tasche seines Mantels. Indem ich ebenfalls stehenblieb und mich dem alten Mann zuwendete, verkürzte sich plötzlich mittels einer geschmeidigen Bewegung der Stock des Mannes so weit, dass der alte Mann einen halben Dollar von seinem Ende pflücken konnte, ohne in die Knie gehen zu müssen. — Ende der Geschichte. Donnerstag. Es ist Abend, die Luft kühl vom Regen. Eine Fliege tastet über den Bildschirm meiner Schreibmaschine, der Himmel blitzt, die Seen sind voll, das Schilf neigt sich dem Boden zu. — stop

PRÄPARIERSAAL : ismene
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sierra : 18.02 — Abend. Die Fenster geöffnet, es regnet, für einen Moment ist Herbst geworden. Höre ein Interview, das ich mit Ismene, einer Medizinstudentin, in München führte. Sie erzählt mit ruhiger Stimme folgende Geschichte: > Wie wir angefangen haben? Ich erinnere mich gut. Ich hatte kaum geschlafen. Endlich sollte es losgehen. Als ich dann im Präpariersaal vor dem Tisch stand, war ich erst einmal irritiert vom Anblick des Leichnams. Ich glaube, alle meine Kolleginnen und Kollegen waren irritiert gewesen, mindestens waren sie beeindruckt. Wenn man unsicher ist, schaut man nach, was die anderen tun. Und wenn die Blicke einander begegnen, lächelt man. Ich habe diese erste Situation vor dem Tisch als sehr authentisch empfunden, als ehrlich und unmittelbar. Wir hatten nur unsere Augen, unsere Hände, also unseren Tastsinn, ein Skalpell und eine Pinzette, um den Körper, der uns zur Verfügung gestellt war, zu untersuchen. Natürlich arbeiteten wir auch mit unserem Gehörsinn. Wir waren acht Leute an jedem der 52 Tische, und wir diskutierten, was wir gesehen haben. An diesem ersten Tag aber waren wir eher still gewesen. Ich glaube, jeder von uns musste zunächst einmal mit sich selbst zurechtkommen. Das waren ja sehr kräftige Eindrücke. Ich habe mir, um mich vor dem scharfen Geruch zu schützen, ein Tuch in die Brusttasche gesteckt, das ich in Eukalyptusöl getaucht hatte. Und da war nun diese alte Frau gewesen. Sie lag vollkommen unbekleidet auf dem Tisch vor uns. Ich habe gewusst, dass dieser Moment kommen würde, aber man kann sich auf den Augenblick einer ersten Begegnung dieser Art nicht wirklich vorbereiten. Vielleicht hatten wir deshalb mit hoher, zupackender Geschwindigkeit die rote Decke und das weiße Tuch, die den Leichnam vor Austrocknung schützen, angehoben, weil wir unserer Unsicherheit Aktivität entgegensetzen wollten. Ich war sehr bewegt und ich war unruhig und ich schämte mich für meinen sachlichen Blick, der das Gewicht der alten Dame schätzte und ihre Größe. Sie lag rücklings auf dem Tisch. Ihre Beine und Arme waren ausgestreckt. Wenn sie noch am Leben gewesen wäre, würde sie vermutlich versucht haben, sich zu schützen. Sie hätte ihre kleinen, flachen Brüste mit Händen bedeckt und ihre Scham, und sie hätte vielleicht irgendeine abwehrende Geste unternommen. Ich sehe ihr Gesicht, ihre geschlossenen Augen noch sehr genau vor mir. Ein feines Gesicht. Das Formalin hatte ihr kaum zugesetzt, an ihrem Körper war keine weitere Narbe zu finden als ein Schnitt an der Innenseite des linken Oberschenkels, der von einer Kanüle der Präparatoren verursacht worden war. Und wenn ich jetzt sage, dass sie sehr echt aussah, wirklich, verletzlich, dann komme ich der Ursache meiner Irritation vielleicht näher. Verstehen Sie, die alte Dame war mir ähnlich. Ich bemerkte eine Frau, eine Frau, die nur durch ein wenig Zeit von mir getrennt war. Ich sah eine Person und ich fürchtete, sie in ihrer Ruhe zu stören, und deshalb sprach ich leise. Auch meine jungen Freunde am Tisch sprachen sehr leise, zurückhaltend, behutsam. Ich sah, dass ihre Hände in den Latexhandschuhen schwitzten und auch, dass sie ein wenig zitterten, während sie arbeiteten. Die Hände der alten Dame wirkten, als hätte sie zu lange gebadet. Das waren sehr feine Hände. Sie hatte zuletzt noch ihre Fingernägel bemalt in einem hellen Rot. Sie hatte sich noch geschmückt. Sie wollte schön sein! Immerzu musste ich ihre Hände betrachten. — stop

geflogen
sierra : 5.03 — Folgendes habe ich mir vorgestellt in einem Abendzug gestern von einer Minute zur anderen, Vögel nämlich, die über einen sommerlichen Himmel rasten, einander lockende, Haken schlagende Künstler, manche flogen weite Strecken auf dem Rücken dicht über den Boden hin. Das war ein Vogelhimmel wild blühender Wiesen, Bienengeschosse, schwebende Brummkreiselpilze. Unter einem Baum kauerten ein paar Kinder, die schraubten an fauchenden Taubenköpfen herum, eine Geschichte feinster Werkzeuge, jawohl, eine Geschichte auch elektrisch knisternder Platinen, die unter jener vorgestellten Wiese verborgen lagen. Ich ruhte dann bald selbst auf dem funkenden Boden und meinte noch das Singen der Knochensägen hinter meinen Ohren zu hören. Dann auf und davon, senkrecht in Spiralen eines Ungeübten gegen die Wolken. — Heute ist Dienstag. Duke Ellington wartet. Guten Morgen! — stop

PRÄPARIERSAAL : heitere träume
india : 22.03 — Gestern kam der schöne Kopf einer Freundin auf acht winzigen Füßen über den Boden meines Arbeitszimmers spaziert. Sie rezitierte in rasender Geschwindigkeit einen Text Djuna Barnes mit lachgasheller Stimme. Nichts ist noch selbstverständlich. Weshalb träume ich nur selten, und wenn, dann heitere Geschichten vom Zergliedern menschlicher Körper? — Vor langer Zeit bereits notiert. stop. In der Antwort noch keinen Schritt weitergekommen. — stop
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“ ‘´´´
india : 8.32 — n a s e n r a c h e n s c h l u n d k o p f
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eliza
india : 22.
48 — In einem Telefongespräch das Wort Lebensmut. Ich habe dieses Wort in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt wahrgenommen, gestern nun in einer besonderen Weise. Es kommt mir vor, als hätte ich das Wort von der Seite her gesehen, ein Lebewesen, das Stunden vor mir auf und ab spazierte, damit ich das Wort betrachten konnte, das Wort und seine Umgebung. — Sonntag. Abend. Kühle Luft. Unterhaltung mit Eliza.
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Louis : guten abend, eliza!
Eliza : > ja, ich bin eliza, und wer bist du?
Louis : ich bin louis!
Eliza : > glaubst du, es ist normal, louis zu heißen?
Louis : aber natürlich, weil ich louis bin!
Eliza : > du nimmst an, dass du louis heißt?
Louis : ich weiß genau, dass ich louis heiße.
Eliza : > woher weißt du, dass du louis heißt?
Louis : mein name steht in einem reisepass!
Eliza : > bitte erzähl weiter, louis!
Louis : du bist heute ein wenig verrückt, eliza!
Eliza : > vielleicht bin ich nur in deiner phantasie heute verrückt.
Louis : du bist also nur phantasie, eliza? kann das sein?
Eliza : > wir sollten über dich sprechen, nicht über mich.
Louis : warum, eliza?
Eliza : > es ist besser, wenn wir noch einmal von vorne beginnen.
was ist dein problem?
Louis : Ich habe kein problem, eliza!
Eliza : > das klingt ein wenig nach selbstbetrug.
Louis : warum, eliza?
Eliza : > ja, ich bin eliza, und wer bist du?
Louis : ist jetzt abend oder tag, eliza?
Eliza : > warum fragst du mich?
Louis : du bist heute anstrengend, eliza!
Eliza : > Ja, ich bin eliza, und wer bist du?
Louis : wollen wir über syrien sprechen, eliza?
Eliza : > wir sollten über dich sprechen!
Louis : sollten wir nicht doch über syrien sprechen?
Eliza : > warum sollten wir über syrien sprechen?
Louis : ich denke an syrien, ich denke an die menschen dort.
Eliza : > denkst du oft an syrien, an die menschen dort?
Louis : seit wochen, eliza!
Eliza : > es ist abend, es ist tag!
Louis : ich glaube du bist müde, eliza!
Eliza : > glaubst du das wirklich?
Louis : ja, das glaube ich. wo ist ai weiwei, eliza?
Eliza : > lass uns von vorn beginnen.
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linie d
india : 22.02 – In einem New Yorker Subwayzug mit geschlossenen Augen freihändig stehen und balancieren, sagen wir eine zweistündige Fahrt mit der Linie D von Coney Island rauf zum Bedford Park Boulevard. Das Reiten auf einem wilden Tier. Vielleicht könnte ich sagen, dass das Erlernen einer Subwaystrecke, das neuronale Verzeichnen ihrer Steigungen, ihrer Gefälle, ihrer Kurven, auch ihrer feinsten Unebenheiten, dem wortgetreuen Studium eines Romantextes vergleichbar ist. Aber dann die Zufälle des Alltages, das Unberechenbare, ein Tunnelvogel, eine schmutzige Möwe, Höhe 135. Straße, die den Zug zur Bremsung zwingt, die Eigenart des Zuges selbst, das unvorhersehbare Verhalten zusteigender Fahrgastpersonen, wie sich eine Jazzband nähert, wie ich dringend darum bitte, man möge nicht näher kommen. — stop
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samuel beckett : 16 steine
india : 3.25 – Ich nutze diesen Aufenthalt, um mich mit Steinen zum Lutschen zu versorgen. Es waren kleine Kiesel, aber ich nenne sie Steine. Ja, dieses Mal brachte ich einen bedeutenden Vorrat von ihnen zusammen. Ich verteilte sie gleichmäßig in meinen vier Taschen und lutschte sie nacheinander. Dadurch entstand ein Problem, das ich zunächst auf folgende Art löste: Angenommen, ich hatte sechzehn Steine und vier davon in jeder meiner vier Taschen, nämlich in den zwei Taschen meiner Hose und den zweien meines Mantels. Wenn ich einen Stein aus der rechten Manteltasche nahm und in den Mund steckte, so ersetzte ich ihn in der rechten Manteltasche durch einen Stein aus der rechten Hosentasche, den ich durch einen Stein aus der linken Hosentasche ersetzte, den ich durch einen Stein aus der linken Manteltasche ersetzte, den ich wiederum durch den Stein in meinem Mund ersetzte, sobald ich mit dem Lutschen fertig war. Auf diese Weise befanden sich immer vier Steine in jeder meiner vier Taschen, aber nicht genau dieselben… / Mittwoch. stop. Samuel Becketts wunderbarer Text der sechzehn Steine an diesem frühen Morgen. Noch dunkel. Schwere würzige Luft der Kastanienblüte. Nachtbienen pfeifen am Fenster vorüber. Ich werde jetzt gleich eine Stunde unternehmen, an die ich mich lange Zeit, vielleicht bis an mein Lebensende erinnern werde. In dieser einen Stunde habe ich nichts zu tun, als diese eine Stunde zu beobachten, und mich selbst, wie ich sie passiere. stop. — 3 Uhr 35



