Aus der Wörtersammlung: luft

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flut

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india : 2.11 — Hoch­was­ser. Mei­ne Woh­nung ist mit dem Boot erreich­bar. In den Kro­nen der Kas­ta­ni­en, gleich jen­seits der Fens­ter, haben sich Kör­per toter Men­schen ver­fan­gen. Gesich­ter, die ich ken­ne. Ent­stellt. Dunk­le Haut. An den Zim­mer­wän­den tau­sen­de Flie­gen. Sobald ich mich bewe­ge, ein Brau­sen der Luft. Schüs­se. Zwei Ker­zen noch im Schrank, drei Liter Was­ser, fünf Pfund Mak­ka­ro­ni, eine Packung schwe­di­sches Knä­cke­brot, Salz, Pfef­fer, Thy­mi­an, Ros­ma­rin, Mus­kat­nuss. Das Was­ser, warm und schwarz. Ein Kon­tra­bass, dann ein Kro­ko­dil trei­ben vor­über. Die Luft, dumpf und scharf in der­sel­ben Sekun­de. stop Kei­ne Foto­gra­fie ist vor­stell­bar, die einen leben­den Men­schen zeigt, in der nicht auch Bewe­gung ent­hal­ten wäre. Dage­gen jene Auf­nah­men von Men­schen, die zur Kame­ra­zeit bereits leb­los waren. Ich begeg­ne­te einer die­ser Foto­gra­fien ohne Bewe­gung vor weni­gen Jah­ren im World Wide Web. Sie zeigt den Leich­nam Mari­lyn Mon­roes weni­ge Stun­den nach­dem ihr Kör­per auf­ge­fun­den wor­den war. Ich habe mich an die­se Auf­nah­me immer wie­der erin­nert, an das feuch­te Haar der jun­gen toten Frau, an die Spu­ren der Nach­zeit, die sich bereits in ihrem Gesicht abzeich­ne­ten, und auch dar­an, dass ich hef­tig erschro­cken war, in die Küche stürm­te und zwei Glä­ser Was­ser trank. Als ich nun vor eini­ger Zeit den Namen Mari­lyn Mon­roes in die Bild­such­ab­tei­lung der Goo­gle­ma­schi­ne tipp­te, erschien genau die­ses Bild an ers­ter Stel­le. — stop
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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neu­fund­land mel­det fol­gen­de gegen Küs­te gewor­fe­ne Arte­fak­te : Wrack­tei­le [ See­fahrt – 1222, Luft­fahrt — 3798, Auto­mo­bi­le — 55635], Gruß­bot­schaf­ten in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert — 2, 19. Jahr­hun­dert – 164, 20. Jahr­hun­dert – 1318 , 21. Jahr­hun­dert — 428 ], phy­si­cal memo­ries [ bespielt — 387, gelöscht : 5 ], Licht­fang­ma­schi­nen [ PFXLW-II Pana­flex : 2 ], Öle [ 0.7 Ton­nen ], Pro­the­sen [ Herz — Rhyth­mus­be­schleu­ni­ger – 28, Knie­ge­len­ke – 12, Hüft­ku­geln – 331, Bril­len – 1266 ], Schu­he [ Grö­ßen 28 – 39 : 1356, Grö­ßen 38 — 45 : 1218 ], Kühl­schrän­ke [ 158 ], Tief­see­tauch­an­zü­ge [ ohne Tau­cher – 5, mit Tau­cher – 34 ], Engels­zun­gen [ 221 ] | stop |

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sames salter

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~ : lou­is
to : Mr. james sal­ter
sub­ject : MARIT

Lie­ber James Sal­ter, als ich heu­te Nacht am Schreib­tisch saß und in Ihren wun­der­ba­ren Erzäh­lun­gen las, habe ich eine klei­ne Spin­ne bemerkt, die mich beob­ach­te­te, jawohl, sie saß auf dem Feins­ten der Blatt­haa­re eines Ele­fan­ten­fuß­bau­mes, der neben mei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne steht, und beob­ach­te­te mich aus meh­re­ren win­zi­gen schwar­zen Augen. Ich habe über­legt, was die­ses Wesen wohl in mir sieht. Für einen wei­te­ren kur­zen Moment habe ich dar­über nach­ge­dacht, ob Spin­nen viel­leicht hören, — ich lese oft laut vor mich hin, das soll­ten sie wis­sen -, und so wun­der­te ich mich, dass ich vie­le Jah­re gelebt habe, ohne der Fra­ge nach­zu­ge­hen, ob Spin­nen über Ohren­paa­re oder doch wenigs­tens über einen zen­tra­len Gehör­gang, wo auch immer, ver­fü­gen. Ich saß also am Schreib­tisch, ich las und die klei­ne geti­ger­te Spin­ne, von der ich Ihnen erzäh­le, seil­te sich zur Tas­ta­tur mei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne ab. Ich hat­te den Ein­druck, dass ihr die­se Luft­num­mer Freu­de mach­te, weil sie ihre Lan­dung immer wie­der hin­aus­zö­ger­te, indem sie den Faden, der aus ihr selbst her­aus­ge­kom­men war, ver­speis­te, dem­zu­fol­ge ver­kürz­te. Viel­leicht hat­te sie bemerkt, dass ich sie betrach­te­te, das ist denk­bar, weil ich auf­ge­hört hat­te, laut zu lesen für einen Moment, um nach­zu­den­ken, viel­leicht woll­te sie, um sich mir dar­zu­stel­len, auf mei­ner Augen­hö­he blei­ben. Das war genau in dem Moment als Marit nach ihrer letz­ten Nacht auf unsi­che­ren Bei­nen die Trep­pe her­un­ter­ge­kom­men war, Marit, die doch eigent­lich seit Stun­den schon tot gewe­sen sein muss­te. Marit setz­te sich auf eine Trep­pe und begann zu wei­nen. Sicher wer­den Sie sich erin­nern an Marit, wie sie auf der Trep­pe sitzt und weint, weil sie wuss­te, dass sie eine wei­te­re letz­te Nacht vor sich haben wür­de. Als ich las, dass Marit lebt und weint, habe ich eine Pau­se gemacht, weil ich erschüt­tert war, weil das Gift nicht gewirkt hat­te. Ich saß vor mei­nem Schreib­tisch und über­leg­te, ob auch sie, James Sal­ter, erschüt­tert waren, als Marit so lang­sam, auf unsi­che­ren Bei­nen die Trep­pe her­un­ter­kam. Und wäh­rend ich an Sie und Ihre Schreib­ma­schi­ne dach­te, beob­ach­te­te ich die Spin­ne, die mit ihren sehr klei­nen Bei­nen, den Faden, an dem sie hing, betas­te­te. Ist das nicht ein Wun­der, eine Spin­ne wie die­se Spin­ne? Haben Sie schon ein­mal bemerkt, dass es nicht mög­lich ist mit einer elek­tri­schen Schreib­ma­schi­ne zwei Buch­sta­ben zur glei­chen Zeit, also über­ein­an­der, auf das Papier oder den Bild­schirm zu schrei­ben? Immer ist einer vor, nie­mals unter dem ande­ren. Mit herz­li­chen Grü­ßen. Louis.

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trompetenkäfer

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~ : lou­is
to : Mr. eli­ot
sub­ject : TROMPETENKÄFER

Lie­ber Eli­ot, bei uns ist jetzt schon Diens­tag. Ges­tern, also am Mon­tag noch, war ich spa­zie­ren im schöns­ten Gar­ten der Stadt. Stür­mi­sche Luft, alles ging ver­kehrt her­um, es reg­ne­te aus dem Boden, die Son­ne war auch irgend­wo da unten und ich konn­te nicht notie­ren, weil mir mein Notiz­buch davon geflo­gen war. Ich habe Dir des­halb nicht viel zu berich­ten, weil ich ohne mein Notiz­buch nicht anfan­ge zu den­ken. An den letz­ten Gedan­ken, den ich in mein Notiz­buch notier­te, ehe es an den Wind ver­lo­ren ging, kann ich mich gera­de noch erin­nern. Das also sollst Du wis­sen, ich habe ent­deckt, dass ich, sobald ich einen Trom­pe­ten­kä­fer zu ent­wer­fen wün­sche, über die Lun­ge die­ses Wesens, genau­er über sei­ne Luft­pum­pe und ihre Posi­ti­on in den Zusam­men­hän­gen eines Käfer­kör­pers nach­zu­den­ken habe, ande­rer­seits, aus vor­wie­gend phy­si­ka­li­schen Grün­den, über die Füße des Käfers, die der­art zu kon­zi­pie­ren sind, dass der Käfer, sobald er einen Trom­pe­ten­ton zu erzeu­gen wünscht, in der Lage sein wird, sich zunächst fest auf dem Boden, einem Blü­ten­blatt oder einem mensch­li­chen Fin­ger zu ver­an­kern, um dem Rück­stoß, den wir sehr sicher erwar­ten dür­fen, Wider­stand ent­ge­gen­set­zen zu kön­nen. Zu wei­te­ren Gedan­ken, lie­ber Eli­ot, war ich ges­tern nicht in der Lage. Bald wird der Sturm auch zu Euch her­über­ge­kom­men sein. Die­se E‑Mail ist schnel­ler als der Wind. Dein Louis

gesen­det am
11.03.2008
22.56 MEZ
1068 Zeichen

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eisballon

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0.18 – Ers­te Vor­stel­lung eines Polar­kä­fers notiert. Die­ser Käfer ist so hell, dass nur sehr fei­nes Schat­ten­licht auf sei­nem Pan­zer Struk­tu­ren eines Kör­pers sicht­bar wer­den lässt. Ich könn­te viel­leicht sagen, das heißt, ich könn­te behaup­ten, dass der Käfer hel­ler ist als der Schnee und käl­ter als das Eis. Er ver­trägt kei­ne Dun­kel­heit, auch Däm­me­rung ist Dun­kel­heit, und ernährt sich vom Fleisch win­zi­ger Kreb­se, die in Eis­bal­lo­nen vom Wind durch die Luft getra­gen wer­den. Stun­de um Stun­de, je eine Bewe­gung, schlägt sein Herz. — stop

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zeitort

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[ 0.08 ] — Ich schrei­be die­sen Text an einem Zeit­ort, der eigent­lich nicht exis­tiert. Habe mich um 0.05 Uhr an die Schreib­ma­schi­ne gesetzt, aber noch ehe ich mei­ne Hän­de auf die Tas­ta­tur gelegt hat­te, war schon 1 Uhr gewor­den und ich hat­te noch kei­nen ein­zi­gen druck­ba­ren Satz notiert. Habe ich mir also eine zusätz­li­che Stun­de Zeit fabri­ziert. Wie­der war 0 Null Uhr gewor­den und ich dach­te notie­rend über das Was­ser­spre­chen nach. — Ist es mög­lich, unter einer Mee­res­ober­flä­che Wör­ter auf­zu­sa­gen? Ist es über­haupt Men­schen mög­lich, unter Was­ser so deut­lich zu spre­chen, dass zu ver­ste­hen ist, was aus­ge­spro­chen, das heißt, aus­ge­at­met wur­de? Wie hört sich eine mensch­li­che Stim­me an, die unter Was­ser spricht? Wie vie­le Sät­ze kann ich mit einer gesun­den, mit einer prall mit Luft gefüll­ten Lun­ge so deut­lich spre­chen, dass von einer Unter­hal­tung die Rede sein könn­te, wenn ich eine Ant­wort von einem wei­te­ren Tau­cher erwar­ten wür­de? — stop

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zwergseerosen

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0.05 — Leb­te im Traum mit glü­hen­den Pan­zer­fi­schen unter einem Dach. Konn­te nicht sagen, ob mei­ne Zim­mer unter Was­ser stan­den oder gefüllt waren mit Luft. Ver­füg­te ich über Kie­men oder hat­ten die Fische Lun­gen? — Noch zu tun: Zwerg­see­ro­sen erfin­den für Unter­was­ser­him­mel. — stop

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andrej tarkowskij

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5.26 — Ges­tern Abend einen lan­gen Spa­zier­gang durch eisi­ge Luft unter­nom­men. Gegen 1 Uhr im indi­schen Café eine Tas­se Scho­ko­la­de, dann nach Hau­se aufs Sofa unter Andrej Tar­kow­skijs ver­sie­gel­te Zeit. Das war natür­lich ein Feh­ler gewe­sen. Sofort ein­ge­schla­fen. Gegen halb 3 werd ich wach. Ken­taur Bil­ly zupft am Kra­gen mei­nes Hem­des: Haben Sie, ver­dammt, end­lich die Far­be mei­ner Augen ent­schie­den? — Eine wun­der­ba­re spä­te Nacht mit Bil­ly vor der Com­pu­ter­ma­schi­ne. Ich sit­ze auf einem Stuhl, Bil­ly auf sei­nen Hin­ter­läu­fen. Lese dem klei­nen Ken­taur aus mei­nen Ent­wür­fen vor. Gelb, sage ich, ein dunk­les, gol­de­nes Gelb, und Bil­ly sieht mich an und schweigt, sitzt schwei­gend zwei wei­te­re Stun­den an mei­ner Sei­te, aber dann wer­de ich müde und sage: Ok, Bil­ly! Blau, und Bil­ly lässt etwas Luft aus sei­nem schö­nen Mund ent­wei­chen, erhebt sich und springt mit einem Satz ins Nachtso­fa­zim­mer, und schon ist er weg. – Kurz nach 5 Uhr. Wäh­rend ich in die Küche gehe, leich­ter See­gang. Denk­bar, dass ich etwas Fie­ber bekom­men habe. — stop

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luftgeräuschworte

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2.15 — Ges­tern Abend gegen zehn Uhr wuss­te ich in einem Text nicht wei­ter, weil ich mich nicht erin­nern konn­te, wel­che Geräu­sche die Flü­gel einer Ein­tags­flie­ge in der Luft erzeu­gen. Ich hat­te ein hel­les Pro­pel­ler­ge­räusch im Ohr, aber immer dann, wenn ich die­ses Geräusch zu einem Geräusch hun­dert­tau­sen­der Flie­gen­tie­re sum­mie­ren woll­te, der Ver­dacht, mit mei­ner Erin­ne­rung könn­te etwas nicht ganz in Ord­nung sein. Ein Schwarm der Ord­nung Eph­emer­op­te­ra ist in der Luft kaum zu ver­neh­men. Habe fünf oder sechs Schwar­m­er­schei­nun­gen beob­ach­tet, sie sind laut­los, wir­beln­der Schnee. Und doch war da ein Ton, sobald eine Flie­ge dicht an mei­nem Ohr vor­über gekom­men oder in nächs­ter Nähe auf mir gelan­det ist. — Ein zar­tes Klap­pern viel­leicht? — Luft­ge­räu­sch­wor­te erfin­den. — stop

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