marimba : 3.28 – Ich habe die Filmstimme eines Schweizer Schriftstellers gehört, den ich seit vielen Jahren sehr gerne lese, weil seine Sätze in meinem Kopf ein Gefühl von Klarheit, Freiheit und angenehmer Kühle bewirken. Ich weiß, dass das natürlich Unsinn ist, weil ich mit meinem Gehirn unmittelbar keine Temperaturen wahrzunehmen vermag, und doch immer wieder der Eindruck polarer Luft, ein Knistern. Der Mann, von dem ich spreche, heißt Peter Bichsel. Er fährt gern ziellos in Zügen herum, weil er in Zügen ausgezeichnet notieren kann. Ich stelle mir vor, wie die Menschen des Zuges, Landschaften, Schienen, Schwellen, Abteile, unmerklich zu Teilen einer besonderen Schreibmaschine werden. Als Kind, erzählt Peter Bichsel, habe er sich darauf gefreut, ein alter Mann zu sein. Er habe damals nicht gewusst, dass ein Großvater nicht ewig ein Großvater bleibe, sondern das Leben noch älter wird, und der Großvater dann stirbt. — stop
![]()
Aus der Wörtersammlung: not
existenz
![]()
~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : EXISTENZ
Wie weit Sie wohl gekommen sind, mein lieber Kekkola? Sie sollten New Hampshire längst erreicht haben. Nach wie vor ersehne ich eine Nachricht, obwohl ich mir ungezählte Male vorgenommen habe, nie wieder in einem Zustand von Erwartung zu leben. Und doch ist das jetzt so gekommen, dass ich mich sorge, weil Sie kein Zeichen, nicht das geringste Lebenszeichen übermitteln. Ein Satz, mein Freund, eine leere E‑Mail würde genügen, ich wäre zufrieden, weil ich doch wüsste, dass Sie in der Lage sind, zu lesen, was ich für Sie notiere. Stellen Sie sich vor, in der vergangenen Nacht habe ich mir überlegt, ob Sie nicht vielleicht reine Erfindung sind und Ihre Briefe an mich nur ausgedacht. Mein lieber Kekkola, wo auch immer Sie sich aufhalten mögen, nehmen Sie wahr, dass ich an Sie denke. Unlängst, das sollten Sie wissen, stellte ich noch die Frage, wie Tiefseeelefanten hören, was sie miteinander sprechen, da doch die Sprechgeräusche ihrer Rüssel sehr weit von ihren Ohren entfernt jenseits der Wasseroberfläche zur Welt kommen und rasch in alle Himmelsrichtungen verschwinden. Ihr Louis, hoffend.
gesendet am
10.10.2009
22.38 MESZ
1138 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »
![]()
korallenknistern
tango : 0.02 – Die Fenster weit geöffnet, Luftangeln ausgeworfen. — Gerade eben entdeckte ich auf Karteikarte No 1208 eine Notiz, die ich am 28. Januar 2007 im anatomischen Präpariersaal mit Bleistift buchstabierte: Einem Abschnitt des atlantischen Rückens gleichend, tritt schrittweise eine Wirbelsäule aus dem zurückweichenden Muskelkörper hervor. Wir befinden uns in der 4. Woche. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt: Venen sind hohl. Man kann die Innenwände der Gefäße gegeneinander verschieben. Haptische Erfahrung. Arterienkorallen. Ein Knirschen. Knarzen. Knistern. Hören, mit den Spitzen der Finger h ö r e n.

calle de hernán cortéz No 7
nordpol : 0.02 – Ich habe einen Brief geschrieben. Der Brief geht so: Liebe Mrs. Kekkola, lieber Mr. Kekkola, Ihrem Sohn geht es gut! Seine künstlichen Lungen arbeiten, als hätte er nie zuvor ohne sie gelebt. Jonathan wandert derzeit unter wilden Bären in nordamerikanischen Wäldern. Leider habe ich Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Wohnung [Calle de Hernán Cortéz No 7, 8. Etage], die Sie, wie wir unseren Unterlagen entnehmen, seit 75 Jahren nicht verlassen haben, undicht geworden ist. Ihr l.k. mit besten Grüßen – Kurz, nachdem ich den Brief zu Ende notiert hatte, der Eindruck, dass ich mir selbst ein wenig unheimlich werde, warum? — stop
![]()
korrespondenz
echo : 0.02 — Wieder wirkliche Briefe schreiben, Briefe, die man in die Hand nehmen kann, Briefe, auf kostbare Papiere notiert, Botschaften, die in ebenso kostbaren Couverts durch die Luft fliegen werden. Folgendes habe ich mir ausgedacht. Ich könnte zunächst einen Bleistift besorgen und ein wenig üben, mit der Hand Zeichen auf unsichtbaren Linien zu Wörtern zu setzen. Ein oder zwei Wochen der Probe sollten genügen. Dann nach feinen Briefmarken suchen, nach Miros und Zeppelinen und Leuchttürmen und anderen Ikonen unserer Zeit. Ich stehe in einer Kolonialwarenhandlung und glühe vor Begeisterung, weil die Segel, die ich in Händen halte, eigentlich nicht anwesend sind, so leicht, so licht. — Existieren eventuell Papiere, die Korrespondenzen unter Kiemenmenschen zugeeignet sind? — stop
zeppeline
alpha : 8.06 — Seit Tagen denke ich darüber nach, weshalb mich die Ansicht japanischer Fesselbombenballone irritiert. Ich komm nicht dahinter. Vielleicht einmal eine Geschichte erzählen, die von oder mit Bombenballonen handelt, eine Art fabulierende Denkbewegung, die die Substanz dieser seltsamen Idee in meinem Leben wirklicher, greifbarer werden lässt. Nicht also erfinden, sondern etwas Gefundenes buchstabieren, um es genauer denken oder überhaupt als etwas Eigenes spüren zu können. Gestern Abend noch erzählte ich in einem Gespräch von Zeppelinkäfern, wie sie durch meine Wohnung schweben. Ich erzählte in einer Weise, dass ich eher sagen müsste, dass ich von der Erscheinung der Zeppelinkäfer in meinem Zimmer berichtete, weil sie, im Februar zunächst wortweise auf Notizpapier gesetzt, für mein Gehirn zur einer wirklichen Erscheinung geworden sind. — Eine beruhigende Beobachtung. — stop

kolibri
romeo : 0.15 – Ein Flugtierchen, das auf dem Bildschirm meiner Schreibmaschine kauerte. Ich näherte mich mit dem Zeiger meiner Mouse, tauchender Schatten. Kurz, als würde es den Atem anhalten, hielt das Tierchen inne. Ich notierte: 22 Uhr und 12 Minuten. Der Besuch eines zarten, eines Licht naschenden Wesens. Wie es ein wenig bebt unter den Anschlägen dieser Zeichen, wie es die Beine auseinander stellt. Wie es sich behauptet, wie es mich zu betrachten scheint. — stop

abendsegeln
echo : 0.01 — Der Versuch, im Garten die Dämmerung des Abends mit meinen Augen, also mit meinem Gehirn zu begreifen. Es ist wieder einmal sonderbar, ich habe einen Knoten in meinem Kopf. Immer genau dann, wenn ich sagen wollte: Schau her, vor einer Sekunde ist es ein wenig dunkler geworden, war ich mir nicht sicher, ob ich nicht irrte, weil ich das Dunkelwerden nicht eigentlich gesehen, sondern vielmehr gefühlt oder angenommen hatte. Einmal schloss ich meine Augen für zwei Minuten und hoffte vergeblich, mir das Lichtbild merken zu können, das ich zuletzt gesehen hatte. Und doch habe ich eine feine Entdeckung gemacht. Sobald ich im Dunkeln mein Gehirn mit meinen Lidern bedecke, wird das Dunkel heller. Ich muss das im Auge behalten! — stop
![]()
südpol
nordpol : 22.50 — Gestern, abends kurz nach Acht, wurde mir das erste Eisbuch meines Lebens zugestellt. Folgendes, begleitend, war notiert: Das Walfischorchester. Eine Novelle von Louis Kekkola. 102 Seiten. 22.85 £. Haltbar bei minus 5° C bis Dezember 2012. Hochachtungsvoll ∼ Marks & Company, 84. Charing Cross Road. London. / Zwei Stunden lang, ein Tiger, vor dem Kühlschrank auf und ab. — stop
![]()
anatomische stille
himalaya : 6.05 — Vielleicht kann ich sagen, dass ich dann leidenschaftlich an einem Gegenstand, an seiner Verwandlung in Zeichen, in Sprache arbeite, wenn ich immer und immer wieder zu einzelnen Wörtern zurückkehre, weil sie bisher nicht die richtigen Wörter sind für dies oder das, oder weil überhaupt noch kein geeignetes Wort bekannt geworden ist, um einen bestimmten Ort, eine seltene Stimmung, eine besondere Farbe, ein atemloses Geräusch wiedergeben zu können. Mein Präpariersaal beispielsweise, fast vollständig schon in Zeilen übersetzt, da und dort aber noch die weiße Stille des Papiers, eine Morgenstille, sagen wir, wie ich allein dort im Saal unter Toten sitze. Sie sind noch bedeckt von feuchtem Tuch, und so schließe ich die Augen und notierte, was ich hören kann. Das knisternde, sausende Geräusch einer Ventilatormaschine. Eine Ambulanz von der Straße her. Das Ticken der Saaluhr minutenweise. Die Körper aber, einhundert Körper, sind still. Und doch sind sie nicht ohne Laut, weil ich ihre Stille zu hören meine. Auch in dieser Nacht wieder vergeblich nach dem einen möglichen Geräuschwort ihrer Abwesenheit gesucht. — stop
![]()



