sierra : 6.14 UTC — Ich hörte von der Existenz einer mechanischen Schreibmaschine, die nicht größer sein soll als ein Stück Würfelzucker. Würde man diese kleine Schreibmaschine mit bloßem Auge betrachten, würde man vermutlich sagen, das könnte der Form nach eine Schreibmaschine sein. Sie verfügt über Tasten, wie bei einer gewöhnlichen Schreibmaschine sowie eine Walze, die Papiere zu transportieren vermag, auch über ein Farbband von Haaresbreite, und über Hämmerchen, an deren Enden Plättchen befestigt sind, auf welchen sich Zeichen befinden, die wir kennen. Wie, fragte ich mich, soll diese Schreibmaschine nur zu bedienen sein, wenn sie doch so klein ist, dass sie von einem menschlichen Finger ganz und gar zerdrückt werden könnte, oder verbogen, sodass sie nie wieder schreiben würde. Und überhaupt, wer hat diese Apparatur aus welchem Grunde in jener seltsamen Größe montiert? Man könnte mit ihrer Hilfe vielleicht in der Art und Weise Jack Kerouacs einen Text verfassen, könnte demzufolge einen sehr langen Text auf eine Luftschlange notieren, wenn man nur in der Lage wäre, die Tasten der Schreibmaschine in äußerst zärtlicher Art und Weise anzuschlagen. Eine Lupe scheint unverzichtbar. — stop
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Aus der Wörtersammlung: papier
marin
ginkgo : 15.05 UTC – Ein Botschafter soll kurz vor der Erstürmung seiner Dependance Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen haben, Dokumente, insbesondere papierene Dokumente, zu verbrennen oder mittels moderner Zerkleinerungsgeräte aus ihren natürlichen Zusammenhängen zu reißen. Nun ist gleichwohl denkbar, dass Menschen, deren Arbeiten ausschließlich als digitale Substanz gespeichert wurden, kurz vor einem drohenden dauerhaften Ausfall öffentlicher Stromversorgung, den starken Wunsch verspüren, ihre digitalen Dokumente auf Papier zu drucken, um sie in schweren Koffern mit sich auf eine Fluchtreise in die Wildnis nehmen zu können. Ich überlege ernsthaft, ob es nicht vielleicht sinnvoll wäre, eine Mappe anzulegen, in welcher sich wirkliche Papiere befinden, Aufsätze, Briefe, Notizen, die in der Gegenwart nur lesbar sind, solange ich über elektrische Grundversorgung verfüge. — Das wundervolle marineblaue Licht des Schnees in der Dämmerung. — stop

ein präsident
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alpha : 5.12 — Während einer seiner Wahlkampfreden im November des vergangenen Jahres, simulierte der 45. nordamerikanische Präsident in abwertender Weise Bewegungen eines Journalisten, der seit seiner Geburt mit einem körperlichen Handicap lebt. Der Moment, da der 45. nordamerikanische Präsident sich selbst, sein Wesen, seine Kultur, seine Würde, in authentischer Methode zur Darstellung brachte, wurde aufgezeichnet. Ich werde diese Filmsequenz niemals vergessen, ich werde diese Filmsequenz stets vor mir sehen, sobald ich den 45. nordamerikanischen Präsidenten über einen Bildschirm schreitend oder auf ein Blatt Zeitungspapier gedruckt wahrzunehmen habe. Wir werden Großartiges tun! Wir werden Amerika wieder großartig machen! — Der 9. November 2016 ist ein großartig, schrecklicher Tag. — stop

papiere
marimba : 5.02 — Auf einer Briefmarke sind deutlich Menschen zu erkennen, die im Wasser schweben. Sie bewegen sich langsam, grüßen oder alarmieren mit winkenden Bewegungen ihrer Arme und Hände, drei Gestalten, drei Personen. Der Brief, auf dem das merkwürdige Postwertzeichen vor längerer Zeit augenscheinlich mit Speichel befestigt worden war, ruht auf meinem Küchentisch. Dort herrscht Unordnung, weil ich für Unordnung sorgte. Am Freitag habe ich mit der Unordnung angefangen, indem ich meine alte mechanische Schreibmaschine zerlegte. Zunächst entfernte ich das Gehäuse der Schreibmaschine, dann die Tastatur, kurz darauf die Papierwalze der Schreibmaschine, sowie eine Klingel, deren Geräusch ich mit der Methode des Schreibens zu früheren Zeiten verbinde. Sie war gedacht, wenn ich mich recht erinnere, den schreibenden Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass das Ende der Zeile, an der er gerade arbeitete, bald erreicht sein wird, auch damals ging man schon davon aus, dass Menschen existieren, die während des Schreibens insbesondere ihre Hände betrachten, Finger, wie sie über die Tastatur hüpfen, so dass sie das Papier, das sie beschreiben, überhaupt nicht wahrnehmen, weshalb sie versäumen könnten, den Papierwalzenschlitten der Schreibmaschine zurückzusetzen, um eine weitere Zeile zu beginnen. Während ich die Maschine zerlegte, bemerkte ich, dass jedes ihrer Einzelteile in weitere Einzelteile zerlegt werden konnte. Bald arbeitete ich mit einer Lupe, bald waren Schrauben, Streben, metallene Häute von einer Kleinheit, dass ich fürchtete, ich könnte sie versehentlich atmend zu mir nehmen. Ich arbeitete Stunde um Stunde voran, ohne daran zu denken, einen Plan zu fertigen, der mich in die Lage versetzen würde, die zerlegte Schreibmaschine wieder zu einer vollständigen funktionierenden Einheit zu fügen. In dieser Zeit der Auflösung, lag der Brief winkender Briefmarkenmenschen in nächster Nähe. Eine wundervolle blaue Briefmarke, auf einem Brief, den ich zurzeit noch immer nicht geöffnet habe, ich nehme an, weil ich noch ein wenig weiter schlafen will. — stop

kein wort unterstrichen
ulysses : 0.25 — Konstantin erzählte von einer Bibliothek unberührter Bücher, die sich in seiner Wohnung befinden soll. Als ich ihn fragte, was er unter unberührten Büchern verstehen würde, erklärt er, das seien Bücher, die er besitze, aber nie geöffnet habe, nie in ihnen geblättert, keine Notiz wurde auf irgendeiner der Seiten der Bücher hinterlassen, kein Wort unterstrichen. Seltsamerweise habe er jedes dieser Bücher gelesen, ihre digitalen Schatten. Er lese ausschließlich Bücher in elektronischer Bearbeitung, er sehe nicht mehr gut, er könne die Zeichen elektronischer Bücher in seiner Lesemaschine vergrößern, so wie es für seine Augen angenehm sei. Einmal habe er bemerkt, dass er Bücher, die ihn begeisterten, unbedingt besitzen müsse, ihre Ausgabe auf Papier sichtbar in einem Bücherregal. Einmal habe er einen elektronischen Text selbst ausgedruckt und zu einem Buchkörper geformt, weil er eine papierene Ausgabe des Buches zum Kauf nicht finden konnte. — stop
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vom suchwörterschatten
echo : 0.55 — Ein faszinierender Suchwörterschatten, der Particles in den vergangenen Monaten berührte: Tattermandl . Herzohren . Papierhaut . Schneckengeschichten . Wasserwohnungen . künstlicher Babybauch zum Selbermachen . Andreas Einfinger . Brustmilchgang . Kalkutta . Mann ohne Mund . Stöpselkopfameise. Aber auch Versuchum Versuch, das Wort Particles zu formulieren: particlees . particeles . particals . xparticles . partticles. – Habe ich je über Coco Chanels Wintermütze notiert? – stop

die insel der farbenblinden
echo : 0.12 — Oliver Sacks notiert in seinem Reisebeobachtungsbuch Die Insel der Farbenblinden Folgendes: Meine Besuche auf diesen Inseln waren kurz und unvorbereitet, nicht an einen festen Plan oder ein Programm gebunden, nicht dazu bestimmt, eine These zu beweisen oder zu widerlegen, sondern einfach der Beobachtung gewidmet. Doch so impulsiv und unsystematisch sie auch waren, ich verdanke ihnen intensive, vielschichtige Erlebnisse, die sich in alle möglichen, mich ständig überraschenden Richtungen verzweigten. Vielleicht bedurfte es erst meiner Rückkehr, der Möglichkeit, die Erlebnisse wieder und wieder Revue passieren zu lassen und zu sichten, um ihres Zusammenhangs und ihrer Bedeutung (oder zu mindestens eines Teils ihrer Bedeutung) habhaft zu werden ― und um diesen Impuls zu verspüren, sie zu Papier zu bringen. Diese Niederschrift, die mich während der letzten Monate beschäftigt hat, erlaubte mir, ja zwang mich, die Inseln in meiner Erinnerung erneut aufzusuchen. Und da die Erinnerung, wie Edelmann ausführt, niemals nur simple Aufzeichnung oder Reproduktion ist, sondern ein aktiver Prozess der Rekategorisierung, der Rekonstruktion und Fantasietätigkeit, ― ein Prozess, der von unseren eigenen Werten und Perspektiven bestimmt wird, hat mich die Erinnerungsarbeit dazu geführt, die Besuche in gewisser Weise neu zu erfinden und so ein persönliches, eigenwilliges, vielleicht exzentrisches Bild dieser Inseln zu entwerfen, das zusätzlich genährt wurde durch meine Leidenschaft für Inseln und Inselbotanik. — stop
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nahe lemmon creek park
charlie : 2.58 — Seit einer halben Stunde suche ich nach einem Namen für einen Mann, den ich einmal vor längerer Zeit beobachtet habe auf Staten Island an einem Strand im Winter. Ich dachte, verdammt, hätte ich ihn doch nur nach seinem Namen gefragt, ich fürchtete damals, ihn zu stören, fürchtete, dass er sofort in den wilden Wäldern nahe dem Lemmon Creek Park verschwinden würde. So still wie damals am Strand, sitze ich nachdenklich und rufe mir die Gestalt des Mannes in Erinnerung, eine schattenlose Figur, die auf einem verwitterten Baumstamm hockt. Du heißt vielleicht Laurentius, denke ich, oder Henry, nein, nicht Henry, Laurentius wird ein guter Name sein. Der Strand ist nass vom Regen und vom Nebel, der tief über dem Meer hängt. Wenn man herausschaut, weg vom Land, sieht man Schiffe, aber nur ihre Bäuche, nicht Brücken, Container, winkende Passagiere. Ich glaube, auch Laurentius beobachtet in diesem Moment seines Lebens Schiffe und Nebel, manchmal schreibt er ein paar Sätze auf ein Notizblatt, reißt das Papier aus seinem Block, fasst in seine rechte oder linke Hosentasche, holt ein Fläschchen hervor, wickelt das Notizblatt um einen Bleistift, führt das in dieser Weise geformte Notizpapierstäbchen in den Hals des Fläschchens ein, verschließt den Behälter mit einem Korken, steht auf und schleudert ihn aufs Meer hinaus. Dann setzt er sich wieder auf den verwitterten Baumstamm, beobachtet die Schiffe, die west- und ostwärts der Küste folgen, um nach einigen Minuten eine weitere Notiz zu fertigen. Einmal kehrt eines der Fläschchen zurück, es ist möglicherweise von der Bugwelle eines größeren Schiffes aus der Strömung getragen worden. Als Laurentius das Fläschchen bemerkt, steht er auf, holt das Fläschchen aus der Brandung, dreht den Korken vom Flaschenhals und schüttelt das Fläschchen so lange, bis das Notizzettelröllchen auf seine Handfläche rutscht. Dann wirft er die leere Flasche wieder weit hinaus aufs Wasser, wo es für einen kurzen Moment verschwindet. — stop

unordentliches kind
india : 0.58 — Unordentliches Kind: Jeder Stein, den es findet, jede gepflückte Blume und jeder gefangene Schmetterling ist ihm von Anfang an schon Sammlung, und alles, was es überhaupt besitzt, macht ihm eine einzige Sammlung aus. An ihm zeigt diese Leidenschaft ihr wahres Gesicht, der in den Antiquaren, Forschern, Büchernarren nur noch getrübt und manisch weiterbrennt. Kaum tritt es ins Leben, so ist es Jäger. Es jagt die Geister, deren Spur es in den Dingen wittert. Seine Nomadenjahre sind Stunden im Traumwald. Dorther schleppt es die Beute heim, um sie zu reinigen, zu festigen, zu entzaubern. Seine Schubladen müssen Zeughaus und Zoo, Kriminalmuseum und Krypta werden. Aufräumen hieße einen Bau vernichten voll stacheliger Kastanien, die Morgensterne, Stanniolpapiere, die ein Silberhort, Bauklötze, die Särge, Kakteen, die Totembäume und Kupferpfennige, die Schilder sind. Walter Benjamin. Ein Pfiff. — stop

sekundenseide
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sierra : 3.15 — Geschichten, die in Sekundenschnelle als Möglichkeit erscheinen, ihr Ursprung, ihre Entdeckung, in dem Moment, da ich meine Augen schließe, so plötzlich, dass ich ihre Anreise nicht bemerke, die Geschichte von den Papieren und ihren Geräuschen in einem U‑Bahnwagon beispielsweise, eine Summe von Wahrnehmung, von Erfahrung, von neuronalen, unbewussten Aufnahmen, das murmelnde Gespräch der Menschen unter dem Schepperschirm einer Blechkiste, die von Coney Island aus nordwärts fährt, der Eindruck, dass Menschen mittels ihrer raschelnden Zeitungen zueinander sprechen. Ein oder zwei Minuten von Ruhe, dann, plötzlich, blättert jemand eine Seite um, und schon knistert der Waggon von Reihe zu Reihe weiter. Man möchte in diesen Momenten meinen, die Papiere selbst wären am Leben und würden die Lesenden bewegen. Einmal habe ich mir Zeitungspapiere von stoffartiger Substanz vorgestellt, Papiere von Seide zum Beispiel, sodass keinerlei Geräusch von ihnen ausgehen würde, sobald man sie berührte. Eigentümliche Stille, Geräuschlosigkeit, Leere, ein Sog, eine Wahrnehmung gegen jede Erfahrung, eine Sekunde, die nicht vergisst. — stop



