ulysses : 2.12 — Schritte und Türen. Auf dem Kühlschrank, zirpende Gläser. Der Kühlschrank selbst, Ventilator. Von der Straße her, Lachen. Kurz vor 1 Uhr, Straßenbahn hält, Straßenbahn setzt sich in Bewegung. Schritte. Türen. Schritte. Das Klopfen meiner Finger an der Stirn. Und mein Wecker, tack, tack, tack, wie er Schwellen in der Zeit verlegt. Wenn ich das Wort Atem schreibe, höre ich meine eigenen Luftgeräusche so lange, bis ich das Wort Atem vergesse. Und wieder Schritte. Und wieder Türen. Ich versuchte, mit meinen Augenlidern einen Laut zu erzeugen. Vergeblich. Auch meine Augen selbst, wenn ich meine Augen bewege, ohne jedes vernehmbare Geräusch. Man stelle sich einmal vor, die Bewegung der Augen würde knarzende Geräusche erzeugen. Von der Straße her, Lachen, Hupen. Dann Stimmen, spanisch. Rufen. Und Türen. Schritte. Auch das Licht meiner Lampen macht kein Geräusch. Friedlich liegen meine Äpfel geräuschlos im Korb herum. Wer mich in diesem Moment beobachtete, könnte sehen, wie ich einen Apfel belausche. Ich habe noch nie einen Apfel belauscht. Oder eine Birne. Oder einen Pfirsich. Auch Bananen sind ohne Geräusch. Es ist denkbar, dass ich mich irre, dass ich als Kind einen Apfel belauschte. Kurz vor 2 Uhr, Straßenbahn hält, Straßenbahn setzt sich in Bewegung. Auf dem Kühlschrank, zirpende Gläser. — stop

Aus der Wörtersammlung: stimme
nachtmann
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charlie : 7.01 — Ich habe diesen Mann, der sich am Flughafen nachts in die Nähe schlafender Menschen schleicht, schon häufiger wahrgenommen. Er scheint ohne Gepäck zu sein, ist stets korrekt gekleidet, vielleicht ein wenig nervös in seinen Bewegungen. Vor allem seine Füße sind voller Unruhe. Er springt auf, geht hin und her, und dann setzt er sich wieder und spricht zu den gestrandeten Menschen, die schlafen oder halb schlafen, mittels einer Stimme, die so leise ist, dass ich sie bisher nicht hören konnte. Nun hatte ich in der vergangenen Nacht die Idee, dass der Mann vielleicht in der Lage sein könnte, Traumstimmen jener schlafenden Personen, welchen er sich näherte, zu empfangen. Dann wäre das genau andersherum, die schlafenden Menschen würden dem bemerkenswerten Mann erzählen, der ihre Geisterstimmen mit seiner Stimme nachsprechen würde. Das möchte ich bald einmal aufzeichnen. Werde ich nah genug herankommen? Welche Sprachen werde ich hören? — stop

ohrentraum
bamako : 5.55 — War im Restaurant. Dort schritt die Zeit sehr viel schneller als üblicherweise voran. Jeder eintretende Besucher wurde gewarnt, ungefähr so: Guten Abend, mein Herr, wir wollen sie darauf hinweisen, dass ein Abend bei uns sie um etwa ein Jahr älter werden lässt. Tatsächlich flackerte im Saal das Licht aufgeregt, das waren vielleicht Dämmerungen, Nächte und Tage. Auch mein Herz schlug wie verrückt und das Blut zischte durch meine Blutgefäße. Ich verspeiste 250 Gramm gerösteter menschlicher Ohren in einer sanften Zitronensauce. Als ich erwachte, hörte ich meine eigene Stimme, die etwas sagte, das ich nicht verstand. Ich machte Kaffee und ich notierte meinen Traum unverzüglich. Über die Notiz setzte ich das Wort: Ohrentraum. — stop

atem
tango : 6.52 — In der vergangenen Nacht von 2 bis 3 Uhr habe ich mir eine Passage der Kleinen Erinnerungen José Saramago’s laut vorgelesen, und zwar in der Art und Weise langsamen Ausatmens. Das ist folgendermaßen vorzustellen: Ich fasste das erste Wort der ersten Zeile des kleinen Textes ins Auge, schöpfte Luft so tief ich konnte und begann zu lesen. Ich sprach zunächst laut: Manchmal frage ich mich, ob bestimmte Erinnerungen wirklich meine eigenen sind oder vielleicht eher fremde, in denen ich unbewusst mitgespielt habe. Ich las so lange ich konnte, ich las, ohne zu atmen, ich las, bis ich alle Luft verloren hatte. Im ersten Versuch kam ich 11 Zeilen weit. Das war natürlich nicht befriedigend. Also setzte ich noch einmal von vorn an, ich hatte eine entspannte Position des Sitzens eingenommen und füllte meine Brust mit Luft und begann zu sprechen. Dieses Mal las ich mit leiser Stimme, wie geflüstert. Ich kam exakt 1 Zeile, also 55 Zeichen weiter. Kurz darauf war zu beobachten gewesen, wie ich mich rücklings auf mein Sofa legte und denselben Text noch einmal hauchte. Das liegende atemlose Lesen ermöglichte nun eine weitere Zeile à 55 Zeichen. Ich machte also kleine Fortschritte in dieser Kunst des Lesens, ich vermochte bald die Zeile 14 des kleinen Textes zu erreichen in einem Zustand, da ich Wort für Wort noch mitdenken konnte. Nach einer Stunde des Übens hörte ich für diese Nacht auf, um in der kommenden Nachtzeit fortzufahren. – stop

ein inspektor der stille
sierra : 16.05 — Seit einigen Tagen spaziert ein drahtiger Herr von kleiner Gestalt in meinem Kopf herum. Er ist so deutlich zu sehen, dass ich meinen könnte, ich würde ihn einmal persönlich gesehen haben, eine Figur, die durch die Stadt New York irrt auf der Suche nach Lärmquellen, die so beschaffen sind, dass man ihnen mit professionellen Mitteln zu Leibe rücken könnte, Hupen, zum Beispiel, oder Pfeifgeräusche jeder Art, Klappern, Kreischen, verzerrte Radiostimmen, Sirenen, alle diese verrückten Töne, die nicht eigentlich begründet sind, weil sie ihre Ursprünge, ihre Notwendigkeit vielleicht längst verloren haben im Laufe der Zeit, der Jahre, der Jahrzehnte. Ich erinnere mich in diesem Moment, da ich von meiner Vorstellung erzähle, an einen schrillen Ton in der Subway Station Lexington Avenue / 63. Straße nahe der Zugangsschleusen. Dieser Ton war ein irritierendes Ereignis der Luft. Ich hatte bald herausgefunden, woher das Geräusch genau kam, nämlich von einer Klingel mechanischer Art, die über dem Häuschen der Stationsvorsteherin befestigt war. Diese Klingel schien dort schon lange Zeit installiert zu sein, Kabel, von grünem Stoff ummantelt, die zu ihr führten, waren von einer Schicht öligen Staubes bedeckt. Äußerst seltsam an jenem Morgen war gewesen, dass ich der einzige Mensch zu sein schien, der sich für das Geräusch interessierte, weder die Zugreisenden, noch die Tauben, die auf dem Bahnsteig lungerten, wurden von dem Geräusch der Klingel berührt. Auch die Stationsvorsteherin war nicht im mindesten an dem schrillenden Geräusch interessiert, das in unregelmäßigen Abständen ertönte. Ich konnte keinen Grund, auch keinen Code in ihm erkennen, das Geräusch war da, es war ein Geräusch für sich, ein Geräusch wie ein Lebewesen, dessen Existenz nicht angetastet werden sollte. Wenn da nun nicht jener Herr gewesen wäre, der sich der Klingel näherte. Er stand ganz still, notierte in sein Notizheft, telefonierte, dann wartete er. Kaum eine Viertelstunde verging, als einem U‑Bahnwaggon der Linie 5 zwei junge Männer entstiegen. Sie waren in Overalls von gelber Farbe gehüllt. Unverzüglich näherten sie sich der Klingel. Der eine Mann faltete seine Hände im Schoss, der andere stieg auf zur Klingel und durchtrennte mit einem mutigen Schnitt die Leitung, etwas Ölstaub rieselte zu Boden, und diese Stille, ein Faden von Stille. — stop

letzte stimme
echo : 0.02 — Ich kann mich an die Stimme meines Vaters noch erinnern, nicht allein an die Stimme meines Vaters vor Jahren, sondern an die letzte Stimme meines Vaters. Ich hör sie deutlich. Ich frage mich, ob sie einmal in meinem Kopf verloren gehen könnte, verschwinden, weil ich sie von dort aus nicht aufnehmen kann, nicht übertragen auf einen Datenträger, wie sie spricht. Was ist zu tun? — stop

nachtstimmen : julija tymoschenko chen guangcheng
tango : 3.08 — Gegen 2 Uhr in der Nacht werde ich wach. Regen, schwer, schlägt gegen das Fenster im Dach. Ein Sturm, unmöglich, der nicht angekündigt war in den Nachrichtenlinien, die ich verfolge. Stimmen kommen aus der Fernsehmaschine, berichten von der umstrittenen Politikerin Julija Tymoschenko, von der Willkür, die in nächster Nähe in einem europäischen Land herrscht. Und da ist dieser mutige Mann zu Peking, er trägt den Namen Chen Guangcheng. Wie lange Zeit werden wir noch von ihm und seiner Familie hören? stop. Die Namenlosen? stop. Dieser Sturm heute Nacht, unmöglich, ein Gewitter, kühle Luft, sie scheint im Kreis zu fahren. Wie ich am Fenster stehe und schaue, plötzlich das Bedürfnis, zum Friedhof zu laufen und einen Regenschirm über das Grab meines Vaters zu halten. – stop

radio
charlie : 0.15 — Er habe, erzählte mein Vater, kurz nach dem Krieg ein Radio gebaut, einen Kurzwellenempfänger, um die Sender der amerikanischen Befreiungsarmee empfangen zu können. Er hoffte, Benny Goodman hören zu können, Gene Krupa, Glenn Miller, Duke Ellington, alle jene großartigen Musiker. An diese Geschichte erinnerte ich mich, während ich gestern durch den warmen Tag spazierte, Spinnen seilten von den Bäumen, Spechte mit roten Köpfen segelten über die Wege am Fluss, Dioden, Widerstände, der Geruch von Zinn, das Glimmen einer Lötkolbenspitze. Plötzlich die Vorstellung, mein Vater könnte in den Stunden meines Spazierganges irgendwo da oben jenseits der Baumkronen in einem hellen Zimmer sitzen, auf einem weißen Stuhl an einem weißen Tisch. Wie er sich nach vorn beugt, wie er ein Radio konstruiert, einen sensiblen Detektor, um unsere diesseitigen Stimmen wahrnehmen zu können. Dampf stieg auf, ein heller, dünner Faden. Kaum hundert Meter war ich weitergekommen, da war aus der Vorstellung eines Radios die Hoffnung eines Funkgerätes geworden. — stop

am telefon
romeo : 0.03 — Ich hatte vorgestern mit einem Amt telefoniert. Ich saß auf einem Stuhl und verzeichnete in einem Notizblock, welche Papiere das Amt benötigt, um entscheiden zu können, was nun von amtlicher Seite her zu tun ist, nachdem mein Vater nicht mehr lebt. Ich hörte die Stimme einer jungen Frau, sie sagte: Haben sie schon eine Sterbeurkunde erhalten? Wenn sie eine Sterbeurkunde erhalten haben, senden Sie uns das Dokument bitte zu, damit wir nachvollziehen können, dass ihr Vater gestorben ist. Solange wir ihre Urkunde nicht erhalten haben, verstehen sie, ist ihr Vater den Fakten nach noch am Leben. Ich schickte ein leises Lachen durchs Telefon, ein leises Lachen kehrte von der anderen Seite her zurück. Gestern telefonierte ich wiederum mit der jungen Frau vom Amt. Ich teilte ihr mit, dass ich das Dokument zu ihr hin abgeschickt haben würde. Ein sehr seltsamer Moment. Ich war, während ich telefonierte, wieder einmal in der Lage gewesen, meinen Vater zu sehen, wie er vorsichtig, Schritt um Schritt, die Treppe herunterkommt. Ich presste den Telefonapparat an mein rechtes Ohr, mit dem linken Ohr erwartete ich, dass die Stimme meines Vaters in der nächsten Sekunde hörbar werden würde. — stop

nachtbienen
himalaya : 0.01 — Morgens höre ich wie das Radio angeschaltet wird unten im Wohnzimmer, unten in der Küche. Eine Stimme erzählt von Pablo Neruda. Die Stimme wird immer wieder von Musik unterbrochen, von feiner indianischer Musik. Das sind Geräusche wie früher, Geräusche in der Stille der vergangenen Tage, wohltuend, eine Verbindung zur Welt, die sich fortsetzt, unwirklich noch. Im Garten blühen Tulpen, rot, gelb, blau, orange. Man müsste einmal Blumen erfinden, die nachts ihre Blüten öffnen und leuchten, Nachtbienen, Nachtlibellen, Nachtwespen, Nachthummeln. — stop



