ulysses : 0.05 — Im Alter von drei Jahren liege ich auf warmem Land, das atmet. Bald fliege ich durch die Luft, schwebe über dem Bauch meines Vaters und lache, weil ich gekitzelt werde. Meine Stimme, meine kindliche Stimme. Und da sind eine hölzerne Eisenbahn, das Licht der Dioden, dampfendes Zinn, Lochkarten einer Computermaschine und die Geheimnisse der Algebrabücher, die der Junge von sechs Jahren noch nicht entziffern kann. Aber Forscher, wie der Vater, will er schon werden, weshalb er die Schneespuren der Amseln, der Finken, der Drosseln in ein Schulheft notiert. Zu jener Zeit drifteten Menschen bereits in Geminikapseln durch den Weltraum, um das Sternreisen zu üben. Nur einen Augenblick später waren sie schon auf dem Mond gelandet, in einer Nacht, einer besonderen Nacht, in der ersten Nacht, da der Junge von seinem Vater zu einer Stunde geweckt wurde, als noch wirklich Nacht war und nicht schon halber Morgen. Die zwei Männer, der kleine und der große Mann, saßen vor einem Fernsehgerät auf einem weichen Teppich und schauten einen schwarz-weißen Mond an und lauschten den Stimmen der Astronauten. Man sprach dort nicht Englisch auf dem Mond, man sprach Amerikanisch und immer nur einen Satz, dann piepste es, und auch der Vater piepste aufgeregt, als sei er wieder zu einem Kind geworden, als sei Weihnachten, als habe er soeben ein neues Teilchen im Atom entdeckt. In jener Nacht, in genau derselben besonderen Nacht, saß zur gleichen Minutenstunde irgendwo im Süden der Dichter Giuseppe Ungaretti vor einem Fernsehgerät in einem Sessel und deutete in Richtung des Geschehens fern auf dem Trabanten auf der Bildschirmscheibe, auf einen Astronauten, wie er gerade aus der Landefähre klettert, oder habe ich da etwas in meinem Kopf verschoben? Sicher ist, auf jenem Fernsehgerät, vor dem Ungaretti Platz genommen hatte, waren drei weitere, kleinere Apparate abgestellt. Alle zeigten sie dieselbe Szene. Echtzeit. Giuseppe Ungaretti war begeistert, wie wir begeistert waren. Ja, so ist das gewesen, wie heute, viele Jahre später. – stop

Aus der Wörtersammlung: stimme
das licht eines nahenden todes
charlie : 15.14 — Wie ein nahender Tod in den Bewegungen der Menschen auf Hospitalfluren, in Gesprächen, Nachrichten, Telefonaten, auch in den Blicken pflegender Schwestern und behandelnder Ärztinnen nach und nach erscheint. Das Licht des kommenden Endes wird sichtbar im Leiserwerden der Stimme des Sterbenden, ein Mund, der sich öffnet wie der Mund eines jungen Vogels, nach Luft suchend, nach etwas Wasser, Tee, Aprikose. Letzte zärtliche Berührungen, die Kühle der Glieder, wandernde Farben der Haut, liebevolle Sätze von Dank, Klagen, Weinen, Gebete. Ja, das Licht eines nahenden Todes erscheint nach und nach unaufhaltsam wie das Licht der Farben auf einer Polaroidfotografie erscheint. — stop

die stimme meines Vaters
ulysses : 22.18 — Im Sommer des Jahres 2007, während ich gerade an meiner Birdymaschine arbeitete, telefonierte ich mit meinem Vater. Es war eine warme Zeit gewesen, die Fenster im weit entfernten Arbeitszimmer standen offen. Ich hörte über eine Telefonleitung, die vermutlich durch den Weltraum führte, Vögel im Garten pfeifen. Und da war noch etwas anderes, da waren Funkgeräusche und der Gesang der Wale und ein Raspeln, das Stimmgeräusch Birdys. Ich erinnere mich, mein Vater beobachtete in jenem Sommer Birdy täglich stundenlang vor seinem Computer sitzend. Sobald er einen Fehler bemerkte, meldete er den Fehler unverzüglich an mich weiter. Er nahm in dieser zeitlichen Nähe Instrumente der kleinen Erzählmaschine wahr, die ich gerade erst in Betrieb genommen hatte. Von jeder Entdeckung berichtete er in einer Weise, als ob er der erste Mensch gewesen sei, der sie zu Gesicht bekommen hatte, aufgeregt, kommentierend, fragend. Ein sanfter Gedanke an einem Tag, da ich seit wenigen Stunden weiß, dass ich die Stimme meines Vaters nie wieder hören werde. — stop

PRÄPARIERSAAL — ich sage immer: es geht mir gut.
ginkgo : 3.05 — Ich erinnere mich an Olga, die sich kaum bewegte, während sie von ihren Eindrücken des Präpariersaales berichtete. Die junge Frau schien während unseres Gespräches jederzeit auf ihren Körper zu achten, eine Tänzerin, die in einer vorgenommenen Position geduldig und diszipliniert eine Stunde lang zur Übung verharrt, nur ihre Hände bewegten sich unentwegt wie kleine Vögel über den Tisch, weil sie ihre Gedanken mit Zeichnungen auf Servietten unterstütze. Ihre warme, weiche Stimme, die in dieser Nachtminute vom Tonbandgerät aus mit leichtem Akzent zu mir spricht: > Ich mache das so. Ich stelle mir Bezugspunkte vor. Wo also beginnt eine Struktur und wo endet sie, ein Muskel zum Beispiel. Und dann denke ich mir einen Nerv und frage, wo setzt dieser Nerv eigentlich an? / Als ich am ersten Tag in die Anatomie kam, habe ich mich zunächst gewundert, weil ich ein modernes Gebäude erwartet hatte, einen Raum, der kalt ist. Außerdem war ich überrascht, eine so genaue Präparieranleitung zu bekommen. Nach zwei oder drei Wochen habe ich am Fuß präpariert. Plötzlich der Gedanke, dass diese Füße einen Menschen ein Leben lang getragen haben. Da musste ich weinen. Wenn ich in diesen Tagen nach Hause komme, sehe ich meine Mutter, die in der Küche steht. Sie fragt, wie es mir geht. Ich sage immer: Es geht mir gut. Wenn ich mit Freunden spreche, mache ich oft einmal einen Spaß. Ich erzähle nicht alles, weil ich doch Respekt habe vor den Toten dort. Alles zu erzählen, wäre fast zu intim. Wenn meine Freunde bemerken, dass das dort eigentlich eher ein wissenschaftlicher Raum ist, verlieren sie sofort ihr Interesse. / Da war also eine Hand. Diese Hand war am Gelenk abknickt, sie wurde nur noch von etwas Haut und Sehnen und Gefäßen am Körper gehalten, weil ein Knochen entfernt worden war. Dieser Anblick, ein Bild der Verheerung, hat mir schmerzlich zugesetzt. — stop

james baldwin
~ : oe som
to : louis
subject : JAMES BALDWIN
date : mar 22 12 11.15 p.m.
Absolute Stille. Kein Wind, keine Bewegung auf dem Wasser, der Himmel leer. Seit 382 Tagen schwebt Taucher Noe unter uns in der Tiefe. Er scheint glücklich zu sein, die Tage seines Aufbegehrens sind vorüber. Noch vor wenigen Wochen wünschte Noe, zurückkehren zu dürfen, sofort! Wir haben ihm vom Regen erzählt, von Stürmen, von seiner Mutter, von seinem Vater, wie stolz sie auf ihn sind. Nach 5 Tagen war Noe ruhiger geworden, mürbe von der langen Zeit tobenden Zweifels, vielleicht auch deshalb, weil wir ihn aus 850 Fuß Tiefe der Dunkelheit auf Höhe der Dämmerung hoben, eine Ahnung von Licht, Hoffnung, das Gefühl, noch nicht verloren zu sein. Ein tapferer Mann. Er habe das Wort Schnee in seinem Kopf hin und her bewegt, aber er könne nicht sagen, was es bedeute. Sorge bereite ihm außerdem, dass er sein Gesicht nicht erinnere. Seither diskutieren wir, ob wir ihm nicht doch ein heiteres Bild seiner Person übermitteln könnten, Noe drohte das Rückwärtssprechen zu üben. All das scheint nicht ungewöhnlich zu sein für seine schwebende Lage, ein lange Zeit andauernder Moment von Einsamkeit, Fische, die ihn beobachten, Wörter gehen verloren. In dieser Sekunde, lieber Louis, da ich Dir schreibe, beginnt Noe wieder zu lesen mit heller Stimme, James Baldwin / Unterwasserbuch No 285, nachts träumte ich, und morgens wachte ich zitternd auf, konnte mich aber nie an den Traum erinnern, nur daran, dass ich gerannt war. Ich wusste nicht mehr, wann es mit diesen Träumen angefangen hatte; es war lange her. Zwischendurch gab es Zeiten, in denen ich überhaupt nicht träumte. Und dann ging es wieder los, jede Nacht. – Ahoi! Dein OE SOM
gesendet am
23.03.2012
1630 zeichen

stand clear to the closing doors
sierra : 0.27 — War auf dem Weg südwärts in einem Subwayzug. Hatte mein Notizbuch in der Hand und notierte Wörter für Geräusche, die ich hörte. Heulen. Scheppern. Klirren. Zischen. Pfeifen. Bald waren alle nahe liegenden Möglichkeiten verzeichnet, und so fing ich an, Wörter zu erfinden, dschumm dschumm. Das war keine leichte Arbeit, vor allem das Notieren von Hand in dieser schwankenden Landschaft war kaum möglich gewesen, ich machte anstatt Wörtern Zeichnungen, die sich über eine ganze Seite meines Notizbuches erstreckten. Und plötzlich war da eine Stimme, eine besondere Stimme. Es war die Stimme einer Frau, die ich hörte. Sie reiste mit im Zug, verkündete die Namen der Stationen, die wir bald erreichen würden. Die Stimme kam aus einem Lautsprecher, der in die Decke des Waggons eingelassen war. Eine sanfte Stimme, eine Stimme, die ich vielleicht deshalb wahrgenommen hatte, weil man in ihr eine Spur von Anteilnahme vernehmen konnte, eine Freude zu sprechen, diese Wörter aufzusagen, Chambers Street. Ein Satz schien ihr besonders am Herzen zu liegen: Stand clear to the closing doors! Diesen Satz wiederholte sie beinahe zärtlich immer dann, wenn der Zug eine der Stationen wieder verlassen sollte. Es war wie eine Melodie. Ich hörte auf zu schreiben, und ich machte eine Tonaufnahme, beobachtete den Ausschlag des Zeigers auf meiner Maschine. Als wir eine halbe Stunde später die Endstation des Zuges erreichten, South Ferry, machte ich mich auf die Suche nach der Frau, der ich zugehört hatte. Es war eine kleine Frau, eine dunkelhäutige Frau mit weißem Haar, sie war sehr fein geschminkt, etwa 60 Jahre alt, sie unterhielt sich, als ich an ihr vorüberkam, mit einem Herrn, der wie sie selbst die blaue Uniform der New Yorker Verkehrsbetriebe trug. Sie schien sehr glücklich zu sein, voller Freude, eine leuchtende Person, dschumm dschumm. — stop

zikaden
alpha : 0.50 – Einem Menschen vorzulesen, von dem ich nicht weiß, ob er mir zuhören kann, ob er vielleicht schläft oder beides. Ja, eine solche Nacht, eine Nacht, die fünf oder sechs Jahre zurückliegt. Der Mensch, an dessen Bett ich wartete, hatte hohes Fieber. Ich trocknete sein Gesicht von Zeit zu Zeit, ich nahm seine Temperatur, ich hörte seinen Atem. Manchmal ging ich spazieren in der Wohnung oder in den Garten. Es war August, eine Handvoll Zikaden musizierte, schwüle, süße Luft. Dann wieder am Bett. Mit Mühe die Augen offengehalten. In der Küche Kaffee gemacht. Nach Atem gelauscht. Das Buch geöffnet und weitergelesen. Stimme, manchmal fragende Stimme: Hörst du mich, hörst Du mir zu? Soll ich weiterlesen? Also lese ich weiter, ich lese Ágota Kristóf, ich lese davon, wie man Schriftsteller wird. Zuallererst muss man natürlich schreiben. Dann muss man weiterschreiben. Selbst wenn es niemanden interessiert. Selbst wenn man das Gefühl hat, dass es niemals jemanden interessieren wird. Selbst wenn die Manuskripte sich in den Schubladen stapeln und man sie vergisst, während man neue schreibt./ Am Anfang gab es nur eine einzige Sprache. Die Objekte, die Dinge, die Gefühle, die Farben, die Träume, die Briefe, die Bücher, die Zeitungen waren diese Sprache. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es eine andere Sprache geben könnte, dass ein Mensch ein Wort sprechen könnte, das ich nicht verstehe. — Ja, es war Nacht, eine Nacht, die fünf oder sechs Jahre zurückliegt. Der Mensch, an dessen Bett ich wartete, hatte hohes Fieber. Ich trocknete sein Gesicht, ich nahm seine Temperatur, ich hörte seinem Atem zu. — stop

bewegung
nordpol : 0.28 — Wie Peter Bichsel vor Jahren in einer Filmdokumentation von einem Zustand der Bewegung berichtete, der für ihn zum Schreiben hilfreich sei. Fahren. Reisen. Der Schriftsteller saß, indem er das erzählte, in einem Waggon der Schweizer Bundesbahn, Landschaft mit Bäumen schwebte hinter dem Fenster vorbei, und ich meine, mich richtig zu erinnern, wenn sich das Gesicht des Dichters in der Scheibe spiegelte. Immer wieder einmal habe ich an diese Situation gedacht, gestern zuletzt, weil ich bemerkte, dass mir in diesen Tagen die Stunden des Schreibens auf der Staten Island Fähre fehlen, Stunden bemerkenswerter Beweglichkeit in meinen Gedanken. Nicht allein die gleichmäßige Bewegung des Schiffes, scheint eine seltsame Öffnung meiner Gedanken bewirkt zu haben, oder der Blick auf das Meer, die Silhouette Brooklyns, den Hafen New Jerseys, seine Kräne, die wie Storchenvögel am Horizont zu sehen sind, in meinem Fall waren es die Menschen, ihre Gesichter, Stimmen, Bewegungen, Gerüche, Hüte, Telefone, Schuhe, Taschen, Gespräche, die mich mit Spannung einerseits und innerer Ruhe anderseits versorgten. Ich ahne, ich vermag in der Umgebung zahlreicher Menschen, die sich nicht weiter um mich kümmern, sehr lange Zeiten und weit geöffnet stillzusitzen. Meine Augen spazieren herum und meine Ohren, mein Schreibgehirn aber scheint indessen in eine ganz andere Richtung zu schauen. Warum das so ist, weiß ich nicht. – Ein stilles Gebet seit Tagen.

ein unglück
echo : 0.15 — Von einem Unglück habe ich erfahren. Ein alter Mann ist gestürzt. Es war später Abend. Der alte Mann wollte seine Frau in den Arm nehmen, um sich zu bedanken, weil sie beide einen glücklichen Tag gemeinsam verbrachten. Sie waren spazieren im Englischen Garten und kurz darauf in einem Kino gewesen, und essen und dann, nach vielen Stunden wieder zu Hause, umarmte der alte Mann seine geliebte Frau, um kurz darauf das Gleichgewicht zu verlieren. Jetzt liegt er, so hörte ich, in einem Hospital in einem Bett. Es ist die Nacht nach dem Tag nach dem Abend des Unglücks. Und dass sie froh seien, dass sie so gut versorgt würden, dass sie nicht erleben müssten, was verletzten Menschen in der Stadt Homs widerfährt. Und doch ist ein großes Unglück geschehen, Sorge und Angst sind zurück. Ich hörte eine leise, sehr traurige Stimme: Wir werden uns in Zukunft im Sitzen umarmen. — stop
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charles mingus
nordpol : 0.08 — Ich stelle mir eine Stadt ohne Treppen vor, eine Stadt ohne Keller, ohne Aufzüge, eine Stadt ohne Leitern, eine vollständig ebene Stadt. Die Dächer der Stadt sind von durchsichtigen Stoffen gewirkt, Licht fällt zu jeder Tageszeit in jedes ihrer Zimmer. Kaum Bäume, keine größeren Straßen, keine Automobile. In dieser Stadt wohnen 8 oder 10 oder 12 Millionen Menschen. Würde man auf einen der seltenen Bäume klettern, wäre kein Ende, kein Land jenseits der Stadt zu erkennen. Es existieren keine Pläne der Gassen, der Plätze, der Winkel, nach welchen man sich richten könnte. Alle Wege sind schmal, sind verwinkelt, sind ohne Namen. Um sich zu orientieren, wenn sie ihre vertraute Umgebung verlassen, markieren die Bewohner der Stadt ihre Wege an Wänden, die sie passieren, deshalb sind die Häuser der ebenen Stadt über und über von Zeichen bedeckt, diese nachtwärts vorgestellte Stadt ist eine beschriftete Stadt. Man richtet sich wandernd auch nach der Sonne, nach den Sternen, wer sich verläuft, ist verloren, jeder Abschied könnte der letzte sein, die Liebenden gehen immer zu zweit, es ist eine Stadt zum Verschwinden schön, die Häuser sind hell, sind von der Farbe der Kamele, das beständige Rauschen der Stimmen macht einen weichen Himmel. – Es ist drei Uhr. Ich habe wundervolles Chaos zu Gast. Charles Mingus At Carnegie Hall : C Jam Blues — stop



