bamako : 18.15 — Früher Abend. Viel Regen. Kein Wind. Ich sitze in einem Krankenhaus am Bett eines Menschen, der schläft. Der Mensch, von dem ich erzähle, ist zurzeit ein Schlafmensch. Er schläft seit 106 Stunden ohne Unterbrechung, weil er in einen Tiefschlaf versetzt wurde, weil seine Lunge sehr krank geworden ist, ich ahne, er wird weitere 106 Stunden schlafen, ehe man ihn wecken wird. Ein seltsamer Tag. Maschinen, die mit Schläuchen und Sensoren nach dem schlafenden Menschen greifen. Sie piepsen, wenn sie nicht zufrieden sind. Ich habe an diesem seltsamen Tag gelernt, dass es nicht leicht ist einem schlafenden Menschen aus einem Buch vorzulesen. — stop

Aus der Wörtersammlung: tief
vor neufundland 2.12.16 uhr : die sterne sind rund
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tango : 0.02 — Nehmen wir einmal an, man würde einen Vogel von der Größe eines Zeisigs konstruieren, ein Wesen, welches aus 1500 Einzelteilen bestehen wird, sagen wir aus Streben von leichtem Metall, einem hölzernen Rumpf, Flügel von kostbarem Tuch, Schrauben, Farbschichten, Dioden, feinsten Seilen, das wäre eine sehr feine Geschichte, einen Baukastenvogel entdecken für Mädchen und Jungen, die nun in ihren Zimmern sitzen, um den Vogelkörper zu montieren. Sie werden vielleicht zwei oder drei Monate Zeit in ihren Zimmern verbringen, kaum etwas wird noch von ihnen zu sehen sein, als das Licht, das bis spät in die Nacht verbotenerweise aus ihren Zimmern dringt. Wie sie zuletzt ins Zentrum ihrer Vögel, dort wo sie den Herzort ihrer Vögel vermuten, mit einer Pinzette und zitternden Händen eine Atombatterie verpflanzen, nicht größer als ein Reiskorn, und wie sich nun ihre Vögel mit surrenden Flügeln erheben und aus den Fenstern segeln und flattern zur großen Reise einmal um die Erdkugel herum. — Kurz nach Mitternacht. Ich habe einen Funkspruch meines Freundes Noe empfangen. Tiefe 828 Fuß. Position 81 Seemeilen südöstlich der Küste Neufundlands. Fröhliche Stimme, folgende Nachricht: ANFANG 2.12.16 | | | Habe lange zeiten keine sterne gesehen. s t o p die sterne sind rund. s t o p zarte finger von licht. s t o p fühler. s t o p als ob der weltraum das meer durchsuchte. y e l l o w t u m b l i n g f i s h f r o m a b o v e. träumte yoko. s t o p ihre schultern. s t o p ihren mund. s t o p ihre stimme. s t o p spüre ihren atem an meinem hals. s t o p ihre lippen auf meiner brust. s t o p coney island. s t o p wird man vielleicht seltsam in der stille? s t o p in der meeresstille. s t o p schluss jetzt. s t o p fangen wir noch einmal von vorne an. s t o p. t w o b l u e f i s h e s i n l o v e s t r a i g h t a h e a d. s t o p werde ich je wieder land betreten? s t o p | | | ENDE 2.14.02 — stop

al marj
sommerhut
tango : 6.55 — Menschen existieren, die Flüchtige sind, unscharfe Wesen, oszillierende, bebende Personen, obwohl sie doch in nächster Nähe stehen, man könnte sie berühren, ihnen die Hand reichen, wird man ihrer niemals sicher sein. Oder Schlafende. Eine Frau morgens im Zug, der ich seit Jahren in der 6‑Uhr-15-Bahn vom Flughafen ins Stadtzentrum fahrend regelmäßig begegne. Sie ist immer schon anwesend, wenn ich den Zug betrete. Sie ist vermutlich die einzige Frau, deren Gesichtszüge mir vertraut sind, ohne je ihre Augen gesehen zu haben. Ich kenne sie ausschließlich als schlafende Person. Vermutlich wird sie stets lange vor meiner Zeit in den Zug gestiegen sein, vielleicht in Bad Kreuznach oder Idar-Oberstein, da war halb noch Nacht. Ich nehme an, ihr Schlaf ist tief, denn sie sitzt sehr stabil von einer Handtasche beschwert und rührt sich auch dann nicht, wenn jemand neben ihr Platz nimmt. Ihr rundliches Gesicht ist niemals geschminkt, ein friedliches, ich würde sagen, ein glückliches Gesicht. Einmal, in den Tagen großer Hitze, trug sie einen Sommerhut, ein anderes Mal im Winter eine Wollmütze. — stop
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cäsium
whiskey : 2.45 — Das Fernsehen erzählte heute eine Geschichte von einem Jungen, der nahe der Stadt Fukushima im Strahlenmesszentrum Nihonmatsu in das Gehäuse einer Maschine gestellt wurde, um die Strahlenbelastung seines Körpers innen wie außen und von oben bis unten zu messen oder zu zählen, demzufolge von Kopf bis Fuß. Der Junge, auf dem Bildschirm mehrfach zu sehen, war noch nicht einmal zehn Jahre alt, er und seine Mutter wohnen in verseuchtem Gebiet. Ein Radiologe erzählte der Mutter, was sie zu ihrem Schutz im Wohnhaus unternehmen könnte. Sie sollte mit Wasser gefüllte Plastikflaschen auf die Fensterbretter der Zimmer stellen, gut geeignet seien die viereckigen Zweiliterflaschen. Ihr Sohn sollte, wenn möglich, im Erdgeschoss schlafen, nicht im ersten Stock. Am niedrigsten sei die Strahlenbelastung in der Mitte des Zimmers. Draußen sei die Strahlenbelastung umso höher, je tiefer man sich befindet. Aber im Haus sei das genau andersherum. Weiter unten sei die Dosis geringer. Das komme daher, dass das Cäsium, das sich auf dem Dach ansammelte, die Dosisrate in den Zimmern darunter erhöhe, eine plausible Begründung. Ich sah und hörte zu und dachte an Georges Perec, der notierte: Es ist ein Tag wie dieser hier, ein wenig später, ein wenig früher, an dem alles neu beginnt, an dem alles beginnt, an dem alles weitergeht. — stop

ein zeitraum wird sichtbar
echo : 0.28 — Wann war es das erste Mal gewesen, dass ich von der Filmemacherin Laura Poitras hörte. Vielleicht im Sommer des Jahres 2013. Ich erinnere mich, jemand erzählte, sie sei eine in sich ruhende, sehr starke Frau, die niemals, auch in gefährlichen Situationen nicht, ihre Fähigkeit der Konzentration verlieren würde. In ihrem Dokumentarfilm Citizenfour, der vornehmlich in einem Hotel der Stadt Hongkong gedreht wurde, ist sie selbst kaum zu sehen. Ich meine ihre Gestalt sowie ihre Kamera in einem Spiegel für einige Sekunden wahrgenommen zu haben. Ein merkwürdiger, intensiv wirkender Film, dessen Bilder vage Vorstellungen der Ereignisse jenes Sommers mit wirklichen Bildern füllte. Edward Snowden sitzt barfuß auf einem Bett, meine Augen beobachteten ihn im Licht der vorgestellten, vermutlich sehr realen Gefahr, in der sich der junge, mutige und überaus klar sprechende Mann befand. Immer wieder hielt ich den Film an, um nachzudenken oder zu lernen. Einmal beobachtete ich indessen, wie sich Schnecke Esmeralda über den Boden meines Arbeitszimmers in Richtung eines geöffneten Fensters fortbewegte. Sie wanderte gemächlich die Wand hinauf zum Fensterbrett, wartete dort einige Minuten, während sie den Nachthimmel mit ihren Augen betastete, um sich schließlich hinaus an die raue Hauswand zu wagen. Einige Stunden später, in der Dämmerung des Morgens, kehrte sie zurück. Ihre Kriechspur schimmerte im ersten Licht des Tages an der Wand des Hauses, sie war, aus der Perspektive einer Schnecke betrachtet, weit herumgekommen. Den folgenden Tag über schlief Esmeralda tief und fest, wie mir schien, in der Küche auf dem Tisch. Ihr schweres Gehäuse lehnte an einer Aprikose. — stop

husum
abschnitt neufundland
Abschnitt Neufundland meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 507, Luftfahrt — 701, Automobile — 53], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 8, 19. Jahrhundert – 66, 20. Jahrhundert – 1001 , 21. Jahrhundert — 355 ], Trolleykoffer [ blau : 7, rot : 66, gelb : 5, schwarz : 532 ] physical memories [ bespielt — 6, gelöscht : 122 ], Armbanduhr — Audemars Piguet / Typ Royal Oak Grande : [ 1 ], Frösche [ Pärchen ] auf Treibholz [ 8 ], Öle [ 0.76 Tonnen ], Prothesen [ Herz — Rhythmusbeschleuniger – 8, Kniegelenke – 66, Hüftkugeln – 2, Brillen – 562 ], Halbschuhe [ Größen 28 – 39 : 54, Größen 38 — 45 : 88 ], Plastiksandalen [ 307 ], Kühlschränke [ 3 ], Telefone [ 65 ], Porzellanpuppenhände [ 16 ] Gasmasken [ 17 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 5, mit Taucher – 18 ], Pfeifenköpfe — Bruyèreholz [ 2 ], Engelszungen [ 51 ] | stop |

ein ball
whiskey : 0.12 — Einmal beobachtete ich in New York einen Mann, wie er das Verhalten eines Balles in einem Waggon der Subway studierte. Es war ein sonniger Tag im Januar, ich fuhr gerade mit der Linie N Richtung Coney Island, als der Mann, der mir im Zug unmittelbar gegenüber Platz genommen hatte, einen roten Ball, von weißen Punkten bedeckt wie ein Fliegenpilz, aus einer Tasche holte und auf den Boden legte. Sofort rollte der Ball gegen die Fahrtrichtung davon, verlor sich zunächst zwischen den gestiefelten Beinen einiger Reisender, war dann für einen Moment nicht zu sehen, sodass der Mann, der den Ball freigelassen hatte, sich nach vorn beugen musste, um ihn wieder in den Blick zu bekommen. Kurz darauf kehrte der Ball zurück, beschrieb einen weiten Bogen, stieß mehrfach gegen die Füße einer schlafenden Frau, die die Berührungen des Balles aber nicht zu bemerken schien und einfach weiterschlief. Indessen verzeichnete der Mann mittels eines Bleistiftes den Weg des Balles durch den Waggon in ein Notizbuch, scharfe Richtungswechsel, enge Kreise, oder auch ruhigere Bewegungen des Balles über den Gang des Waggons wurden in dieser Weise präzise dokumentiert. Einmal nahm ein Kind den Ball in seine Hände, da machte der Mann an dem Ort, da der Ball den Boden verließ, ein Kreuz auf sein Papier. Nach einer halben Stunde stieg der Mann aus dem Zug, und ich dachte noch, dass ich diesem Mann und seinem Ball vielleicht nie wieder begegnen würde. Ich notierte: Hier in New York begegnet man ständig Menschen, die man nie wieder sehen wird. Drei Tage später bemerkte ich einen roten Ball mit weißen Punkten auf einer Fähre nach Staten Island, er rollte langsam über das Hurricane-Deck. — stop

vor neufundland 1.16.28 uhr : kirschblüten
zoulou : 0.08 — Die Nachricht, ein afrikanischer Mann von der Elfenbeinküste habe bereits am vergangenen Mittwoch seinen 8 Jahre alten Sohn in einem Rollkoffer über die marokkanisch – spanische Grenze nach Europa transferiert. Das Kind wurde während einer Kofferdurchleuchtung lebend entdeckt, sein Vater festgenommen. Ich erinnere mich, vor zwanzig Jahren einmal beobachtet zu haben, wie am Zentralbahnhof ein Kind in ein Gepäckschließfach kletterte, eine Frau, vielleicht die Mutter des Kindes, klappte die Tür des Schließfaches zu, wartete einige Sekunden, dann öffnete sie die Tür wieder und das Kind kletterte aus dem Fach. Das Kind lachte. — Meldung von Noe aus 805 Fuß Meerestiefe vor Neufundland. ANFANG 01.14.02 | | | > s t o p habe das wort sommerzeit notiert. s t o p kurz darauf eingeschlafen. s t o p als ich erwache liegt meine hand noch auf der tastatur der maschine. s t o p ein gelber fisch. s t o p behutsam. s t o p als ob er mit meinem handschuh sprechen wollte. s t o p werde bald ohne luft sein. s t o p das ist denkbar, s t o p ohne erinnerung. h u n t i n g r e d f i s h f r o m a b o v e. s t o p planlos. s t o p ein lautloses ende. s t o p der duft der kirschblüten. s t o p von einem atemzug zum anderen. s t o p stark. s t o p süß. s t o p vielleicht flieder? t w o y e l l o w f i s h e s l e f t h a n d. s t o p | | | ENDE 01.16.28



