Aus der Wörtersammlung: einmal

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kakteenmensch

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nord­pol : 15.01 UTC — Unlängst wur­de ich gefragt: Was sind Sie von Beruf? – Ich ant­wor­te­te: Ein Kak­teen­mensch. — Heu­te ist Mitt­woch, wun­der­ba­rer Tag. Ich über­leg­te, wie mein Leben sich gestal­ten wür­de, wenn ich fort­an ein­mal im Jahr nach Win­ter­zeit blü­hen, viel­leicht am Kopf, oder über kräf­ti­gen Horn­sta­chel­wuchs an mei­nen Hän­den ver­fü­gen wür­de. — stop

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nacht ist um 2

ein roboter

lima : 20.58 UTC – Apro­pos Fin­ger­sträuß­chen. Man darf sich das so vor­stel­len: An jeder Hand tra­ge ich 20 bis 30 Fin­ger­ex­em­pla­re, die meis­ten sind Mit­tel­fin­ger, Dau­men sind kei­ne dar­un­ter. Sobald ich an einem der Fin­ger zie­he, löst er sich, sodass ich ihn wei­ter­rei­chen kann. Für jeden Fin­ger bekom­me ich 5 oder 10 Pfund. Ich erin­ne­re mich immer noch nicht, je Schmerz emp­fun­den oder geblu­tet zu haben. Viel­mehr emp­fin­de ich Ver­gnü­gen, Freu­de und all die­se Din­ge, sobald ich einen Fin­ger ver­schen­ken darf. Ich habe also, könn­te man sagen, aus­ge­sorgt, solan­ge mir neue Fin­ger wach­sen. Es ist im Übri­gen ein stil­ler Pro­zess, es knis­tert kaum hör­bar, wenn sich Kno­chen ent­fal­ten. Sie wach­sen nur dann, wenn kurz nach 2 Uhr in der Nacht gewor­den ist. Man stel­le sich ein­mal vor, nicht aus­zu­den­ken, anstatt Fin­gern wür­den mir Köp­fe wach­sen. — stop

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vom nachtlicht

pic

nord­pol : 20.55 UTC – Vor Jah­ren ein­mal hat­te ich an die­ser Stel­le über Win­ter­kä­fer nach­ge­dacht, es war zur Win­ter­zeit. Ich ent­deck­te sehr bald einen noch namen­lo­sen Käfer, der ohne Aus­nah­me paar­wei­se erschei­nen und weich sein soll­te wie eine Schne­cke, auch von der Kör­per­tem­pe­ra­tur der Men­schen und genau­so groß, dass er sich in die Augen­höh­len Schla­fen­der zu schmie­gen ver­mag. Dort, stell­te ich mir vor, wür­de der noch namen­lo­se Käfer sich nicht nur als Nacht­schirm begnü­gen, viel­mehr wür­de er sich lang­sam auf und ab bewe­gen und in die­ser Wei­se, sehr ent­span­nen­de Polar­licht­spie­le von mil­der, beru­hi­gen­der Lumi­nes­zenz erzeu­gen. — stop

 

 

Ina­ri­see
langsam
wanderndes
Polarlicht
/
Ursprung
INARI

 

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über zeit

schwefelholz

alpha : 8.32 UTC – “Als Kind habe ich nicht bemerkt, dass mei­ne Mut­ter älter wur­de.” Am 16. April 1987 notier­te Wil­helm Gen­a­zi­no die­se Beob­ach­tung für sein Buch Der Traum des Beob­ach­ters. Wann habe ich selbst bemerkt, dass Mut­ter älter wur­de? ich kann mich nicht erin­nern. In den spä­ten Jah­ren mein ers­ter scheu­er Blick zu ihr hin, sobald sie die Tür öff­ne­te. Ich hat­te sie mona­te­lang nicht gese­hen. Sie war klei­ner und klei­ner gewor­den. Zum Abschied wink­te sie mir, wie immer in den Jahr­zehn­ten mei­ner Besu­che zu Hau­se, nach. Wenn ich mich noch ein­mal zu ihr umdreh­te, kurz bevor ich um die Ecke ging, sah ich nur noch ihre Hand hin­ter den Büschen, die flat­ter­te wie ein Vogel. — stop

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korie

vom schwimmen

whis­key : 15.58 UTC – Für weni­ge Minu­ten ste­hen wir uns gegen­über. Er ist etwas klei­ner als ich und etwa 40 Jah­re jün­ger. Ein Bahn­hof. Win­ter. Er reicht mir die Hand, sei­ne Stim­me spricht lei­se, als wol­le er sei­ne Stim­me im Rau­schen der Men­schen­stim­men um uns her­um ver­ste­cken. Ich habe sei­nen Namen nicht ver­stan­den. Ich fra­ge nach. Du heißt Korie, wie­der­ho­le ich, das ist ein unge­wöhn­li­cher Name. — Das war ges­tern, so war es gewe­sen. Ich hat­te Korie immer wie­der ein­mal gese­hen, am Bahn­hof, vor den Auf­zü­gen ste­hend. Er war­te­te und ich war­te­te. Wir wären viel­leicht nie in ein Gespräch gekom­men, wenn sich die­ser jun­ge Mann nicht aus hei­te­rem Him­mel erkun­digt hät­te, wel­ches für mich das schöns­te Wort sei, das ich ken­nen wür­de. Ich ant­wor­te: Das ist eine der wun­der­bars­ten Fra­gen, die ich jemals hör­te. Ich ler­ne gera­de die deut­sche Spra­che, ant­wor­te­te Korie. Ich sam­me­le Wör­ter, die Men­schen erzäh­len. Darf ich fra­gen, woher Du kommst, Korie? Afgha­ni­stan, ant­wor­te­te der zier­li­che, jun­ge Mann. Du bist von weit her gekom­men, sag­te ich. Ja, von sehr weit, ant­wor­te­te er, drei Jah­re weit. Zuletzt war ich auf einem Schiff im Meer. Das Schiff ging unter. Ich konn­te schwim­men. — stop

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am atlantik

von drohnen

alpha : 15.12 UTC – Er hat­te an einem win­ter­li­chen Tag ein­mal eine Feder ent­deckt, als er über den Strand von Coney Island spa­zier­te. Es war sehr kalt gewe­sen. Eis und Schnee und Muschel­häu­ser knarz­ten unter sei­nen Füßen. Die Feder ruh­te auf einer Wel­le fei­nen San­des wie auf einem Bett. Zum ers­ten Mal in sei­nem Leben dach­te er dar­über nach, ob der Ver­lust einer Feder für einen Möwen­vo­gel bedeu­ten wür­de, frie­ren zu müs­sen. — stop

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eine feder

feder

sier­ra : 12.28 UTC – An einer Gren­ze, weit ent­fernt, sind Tag ein, Tag aus, Höl­len­ge­räu­sche zu ver­neh­men. Er las ein elek­tri­sches Buch auf dem Bild­schirm sei­ner fla­chen Schreib­ma­schi­ne über die­se selt­sa­men Geräu­sche, die an der Gren­ze zu Nord­ko­rea weit­hin zu hören sein sol­len. Das Buch war ein Roman, der Roman ein umfang­rei­ches Buch. Zum ers­ten Mal las er einen umfang­rei­chen elek­tri­schen Roman in der Beglei­tung eines Buches von Papier, das neben sei­ner Schreib­ma­schi­ne auf dem Tisch lag. Jedes Mal, wenn er eine digi­ta­le Sei­te auf sei­nem Bild­schirm berühr­te, damit sie weg­flog, um einer neu­en Sei­te Platz zu bie­ten, blät­ter­te er gleich­wohl eine Sei­te des Papier­bu­ches um. Das Papier­buch ver­füg­te über kei­ner­lei Schrift­zei­chen, es war sorg­fäl­tig gebun­den, in einem zitro­nen­gel­ben Umschlag, lee­re kräf­ti­ge Blät­ter. Ehe er zu lesen begann, zähl­te er die Sei­ten ab, die das elek­tri­sche Buch, das er zu lesen plan­te, in der Gestalt eines gebun­de­nen Buches ver­fü­gen wür­de. Das nun ist also wird zu lesen sein, sag­te er sich, und er leg­te eine Feder genau an jene Stel­le in das Buch, an der der Roman, der von fer­nen Höl­len­ge­räu­sche erzählt, enden wür­de. So könn­te es funk­tio­nie­ren, dach­te er. Die Feder, sein Lese­zei­chen, war ein­mal die Feder einer Möwe gewe­sen.  — stop

Geräu­sche
zum Fürchten

 

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kein schnee

mwriupol

gink­go : 20.16 UTC – Auf einem Tisch ruht eine Foto­gra­fie. Ich hat­te sie auf ein Blatt star­ken Papie­res (180 Gramm) gedruckt. Es ist Abend. Som­mer­licht. Ein Tisch von Holz. Blät­ter­schat­ten, die sich kaum bewe­gen. Mei­ne Hand hält die Foto­gra­fie an ihrem west­li­chen Rand mit zwei Fin­gern fest. Die Hand einer wei­te­ren Per­son hält die Foto­gra­fie an ihrem öst­li­chen Rand mit einem Fin­ger fest. Die Foto­gra­fie zeigt eine Bus­hal­te­stel­le der Stadt Mariu­pol. Split­ter lie­gen auf der Stra­ße. Glas, Stei­ne, Metall. Und zwei mensch­li­che Kör­per. Die Gesich­ter der Kör­per sind von wei­ßen Tüchern bedeckt. Es reg­net. Einer der Kör­per trägt eine blaue Hose, der ande­re eine gel­be Hose. Ein Stoff­tier liegt in der Nähe auf dem Boden. Die Kör­per sind klei­ne Kör­per. Die Kör­per sind Kin­der­kör­per. Ein Fuß in einem Schuh steht etwas ent­fernt auf dem Boden. Ein Turn­schuh mit einem Fuß und einem hal­ben Bein. Der Fin­ger, der die Foto­gra­fie an ihrer öst­li­chen Sei­te berührt, tippt auf das Bild nahe des ein­sa­men Fußes. Der Fin­ger berührt die Stra­ße. Die Stim­me einer Frau ist zu hören. Sie sagt: Das ist nicht echt. Das ist gut gemacht. Wo hast Du das Foto her? Das ist gut erfun­den. Die hal­be Welt wird das glau­ben, so gut ist das erfun­den, aber nicht gut genug, nur die hal­be Welt wird das glau­ben. Du siehst, die­se Unmen­schen erschie­ßen ihre eige­nen Kin­der. Und dann sagen sie, die Anden waren das. Aber das ist kom­plett gut erfun­den! So etwas gibt es nicht. Das ist ein Kunst­fuß, alles künst­lich. Das ist wirk­lich gut gemacht. Du redest Unsinn! Du warst nicht dort, Du hast das nicht mit eige­nen Augen gese­hen. Man stirbt nicht, wenn ein Fuß ver­lo­ren geht. Es war Win­ter dort. Es muss geschneit haben. Wo ist der Schnee? Du musst wis­sen, dass das alles gefälscht ist, das sieht doch jeder ver­nünf­ti­ge Mensch auf der Stel­le. Du darfst nicht immer glau­ben, was Du siehst. War­um steht der Fuß auf­recht? Irgend­je­mand hat ihn dort auf die Stra­ße gestellt. Sie haben sich Mühe gege­ben, das muss man Ihnen las­sen. Das ist gut gemacht. Der Turn­schuh müss­te blu­tig sein. Da haben sie einen Feh­ler gemacht. Schön mon­tiert, aber mit einem Feh­ler, das Blut fehlt, schon wie­der ein­mal fehlt das Blut. Sie sagen, die Orks haben das gemacht. Wir machen so etwas nicht. Wir sind kei­ne Orks. Wir glau­ben an Gott. Du weißt, dass wir an Gott glau­ben, es ist eine Schan­de. War­um zeigst Du mir so etwas? Du warst nicht in Mariu­pol. Wenn Du in Mariu­pol gewe­sen wärest, wür­dest Du das wis­sen, dass man so etwas nie­mals dort gese­hen haben kann. Es war Win­ter im März. Kein Schnee, siehst Du, kein Schnee.- stop

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


der Inarisee
im november
mit uhrzeit
ursprung

 

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heimsuchung

heimsuchung

tan­go : 20.01 UTC – Über dem Kanal de Saint-Mar­tin nahe der Rue Bichat im 10. Pari­ser Arron­dis­se­ment kreist seit drei Tagen ein krä­hen­ar­ti­ger Vogel, ohne je zu lan­den. Er scheint mit der kal­ten Win­ter­luft ein Gespräch zu füh­ren im Flug bei Tag und bei Nacht. Vogel­be­ob­ach­ter sind ein­ge­trof­fen. Sie sit­zen auf Bän­ken und Bal­ko­nen, ihre Fern­roh­re auf Sta­ti­ve gestellt und gegen den Him­mel aus­ge­rich­tet. Es ist des­halb, weil mit die­sem spre­chen­den und sin­gen­den Vogel mög­li­cher­wei­se etwas nicht stimmt. Seit der Vogel ein­ge­trof­fen ist, so wird erzählt, erschei­nen auf den Bild­schir­men loka­ler Fern­seh­ge­rä­te Film­auf­nah­men, die aus der Sicht die­ses Vogels auf­ge­nom­men wor­den sein könn­ten. Gleich­wohl sind Geräu­sche ver­zeich­net, sodass nun das Wei­nen von Kin­dern in den Pari­ser Häu­sern zu ver­neh­men ist, auch auf den Bild­schir­men der Hand­te­le­fo­ne sind Kin­der zu sehen, die in Zel­ten woh­nen ohne einen Fuß­bo­den, weil dort hin­durch der Schlamm, der von den Ber­gen kommt, tal­ab­wärts strömt. Die Kin­der sind krank, das kann man sehen, sobald man die erschro­cke­nen Augen öff­net. Auch die Eltern der Kin­der sind krank, sie tra­gen Pus­teln im Gesicht und auf den Armen und Bei­nen und auf ihren mage­ren Rücken. Vul­ka­ne wach­sen auf den Kör­pern der Men­schen und spei­en Eiter und Blut. Jener Vogel, der die­se Auf­nah­men in einer afri­ka­ni­schen Gegend mach­te, um sie per­sön­lich nach Euro­pa zu trans­por­tie­ren, war und ist noch immer ein gedul­di­ger Beob­ach­ter. Der Vogel flog lei­se in Boden­nä­he umher, ohne das Leid zu stö­ren, das sich ihm öff­ne­te, als wäre es eine dunk­le schmer­zen­de Blu­me. Kin­der fass­ten nach dem Vogel, deu­ten auf ihn, sie waren ohne Furcht. Und die Eltern der Kin­der erzähl­ten in einer fremd­ar­ti­gen Spra­che, wie es ist der­art krank und elend und bedroht zu sein. Ihre Ges­ten zu dem Auge des Vogels hin waren fle­hen­de Ges­ten. Seit Tagen nun kom­men die­se Bil­der in die Welt der Bild­schir­me und der Laut­spre­cher­an­la­gen bei Tag und bei Nacht am Kanal de Saint-Mar­tin nahe der Rue Bichat im 10. Pari­ser Arron­dis­se­ment. Nie­mand kann sagen, war­um das so ist und wie lan­ge die Heim­su­chung noch dau­ern wird. Viel­leicht, so eine Ver­mu­tung, wer­den wei­te­re Vögel kom­men, wei­te­re Bil­der, Fil­me, Geräu­sche. Eine Per­son soll auf einer Kanal­brü­cke ste­hend laut­stark gefor­dert haben, den Vogel end­lich vom Him­mel zu holen. Ein­mal waren Schüs­se zu hören. — stop

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krieg von oben

von drohnen

marim­ba : 22.28 UTC – Es war ein­mal an einem frü­hen Abend. Land­krieg von oben aus gro­ßer Höhe. Noch war­mes, mil­des Licht der tief über dem Hori­zont ste­hen­den Son­ne. In die­sem Licht segeln Dro­hen weit unter uns laut­los der Erde nah, wei­ße Rotor­we­sen vor und zurück, tas­ten sich her­an, wie Luft­kat­zen an qual­men­de, gepan­zer­te Fahr­zeu­ge. Der Rauch bren­nen­der Öle, bren­nen­der Kör­per, weit­hin sicht­bar. Flach über den Step­pen­bo­den flie­gen Geschos­se von irgend­wo­her, zeich­nen Spu­ren in der damp­fen­den Luft. Men­schen­fi­gu­ren eilen aus ver­seng­ten Fahr­zeu­gen, suchen Zuflucht im Unter­holz der schma­len Baum­strei­fen, die die ukrai­ni­sche Step­pe durch­zie­hen. Zu schwar­zen Gestal­ten nun in der Schnee­land­schaft der Wär­me­bild­ka­me­ra gewor­den, Gestal­ten, die nicht unsicht­bar wer­den, sosehr sie auch wün­schen, nie wie­der sicht­bar zu sein. Droh­nen, wei­te­re Vögel, nähern sich. Wei­ße flie­gen­de Spin­nen erkun­den, ob noch Leben im bren­nen­den Pan­zer zu fin­den ist, luren in die Schat­ten der metal­le­nen Höh­len. Das sind tat­säch­lich Bewe­gun­gen jagen­der Kat­zen. Aus der Hel­lig­keit glei­ßen­den Feu­ers bewegt sich die Gestalt eines flüch­ten­den Men­schen her­vor. Der flüch­ten­de Mensch zieht ein Bein hin­ter sich her, das Bein scheint ver­lo­ren. Der Mensch fällt, als er auch das zwei­te Bein für immer ver­liert. Liegt ganz still im Gras. Ein Droh­nen­vo­gel schwebt über ihm. Der Vogel war­tet. — stop



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