echo : 18.25 — Hatte gerade noch von einem schnarrenden Geräusch erzählt, das meinem Arm entkommt, sobald ich ihn horizontal bewege, um zur Geschmeidigkeit zu überreden. Ein Raspeln, das ich spüre und höre zur selben Zeit. Ich legte den Telefonhörer zur Seite. Genau in diesem Moment war das Geräusch, von dem ich einem weit entfernten Menschen berichtet hatte, wieder im Raum gewesen, als ob es sich behaupten wollte, beweisen, bestätigen, dass es tatsächlich existiert. Ich überlegte, ob das Schnarren in meinem Arm vorübergehender Natur oder doch eher dauerhaft sein könnte, sagen wir, für immer, zeit meines Lebens ein Raspeln, ein Knarzen, sehr leise, eigentlich nur hörbar in der Stille bei Bewegung. Sturm vor den Fenstern. Regen knistert an den Scheiben. Ich entdecke in diesen Minuten, dass ich Geräusche, die in meinem Körper unter der Haut sich ereignen, auch dann zu hören vermag, wenn ich sie nicht hören kann, weil sie zu leise sind in einer Regenwindumgebung. Es knirscht die Erinnerung an ein Geräusch, oder ich höre, – das ist denkbar -, das Geräusch durch meinen Körper wandern. — stop
Aus der Wörtersammlung: geräusch
ein zierliches mädchen
echo : 7.18 — In einem Hospitalpassagenraum saß ein zierliches Mädchen in einem Rollstuhl. Ihr Gesicht war bis unter die Augen hinauf von einem Mundschutz bedeckt, von einem gefalteten Segel, das sich blähte im Rhythmus des Atmens. Sie hatte ihre Hände aus dem Schoß gehoben und drückte sie pulsierend so fest gegeneinander, dass sie zitterten. Schläuche, transparente, gewundene Röhren, führten von einer Sauerstoffflasche, – sie war hinter der Lehne des Rollstuhls befestigt -, zur Nase des Mädchens. Wenn sie hustete, war ein tiefes, feuchtes, ein brummendes Geräusch zu vernehmen, ein Ton, der durch die Luft rollte, ein unsichtbares Wesen, das sich befreite, um sich irgendwo in einer Ecke des Warteraumes zu weiteren unsichtbaren Wesen zu falten. Hinter einem Vorhang, der eine Behandlungskabine verdeckte, zwitscherte ein Radio. Bald wird Schnee fallen, bald Eis auf den Straßen wachsen. Die junge Frau war müde gewesen, von einer Art der Müdigkeit, die ich selbst nie erfahren habe. Immer wieder fielen ihr die Augen zu, sie schwitzte, ihre Hände zu heben, schien ihr alle Kraft abzuverlangen, die zu diesem Zeitpunkt in ihr zu finden war. Einmal bemerkt sie, dass ich sie ansehe, dass ich notiere, dass ich ihre Hände beobachte. — stop

polartrompete
ginkgo : 6.55 — Eine Käfergestalt, die gleichermaßen die Eigenschaften eines Trompetenkäfers wie die Eigenschaften eines Polarkäfers in sich vereinigen würde, ein Käfer demzufolge, der Trompetengeräusche von sich zu geben in der Lage wäre einerseits, anderseits sich vom Licht der Sonne ernährte, von feinsten Stäuben der Luft und vom gefrorenen Wasser zu seinen Füßen. Diese Persönlichkeit wäre das erste Wesen seiner Gattung, die antarktische Landschaft bewohnte, ein Käfer feinster Musik. Er würde vermutlich Geräusche der Eisstürme nachempfinden, würde sich mit Hornfüßen in den Boden stemmen, würde das erinnerte Sausen polarer Nordwinde mit dem erinnerten Sausen polarer Südwinde verquirlen, West und Ostorkane darüber pfeifen, ohne je zu wissen, warum er in dieser Weise handelte. Und wenn man nun reiste? Nun, der Koffer eines Trompetenkäfers polaren Ursprungs sollte einer Zigarrenkiste ähnlich sein. Ich meine die Größe des Koffers, in deren gefütterter Mitte eine Vertiefung zu finden wäre, den präzisen Körperlinien des Käfers folgend, sodass sich der Käfer dort einschmiegen würde, schlafen, ohne im Koffer selbst hin und her zu fallen. Nicht rot der Samt des Futterals, sondern weiß, nämlich von Schnee gemacht, weil es sich bei dem Reisekoffer eines Trompetenkäfers polaren Ursprungs nicht eigentlich um eine Zigarrenschachtel handelte, viel mehr um einen Reisekühlschrank in der Gestalt eines hölzernen Behälters für Rauchwaren in länglicher Form. — Ort: Dome A. Position: 80°22’ S 77° 21’E. Temperatur: — 82,5 °C. – stop

radio
echo : 15.05 — Ich war einmal Besitzer eines Radios mit elektrischem Auge. Sobald ich auf einen Knopf drückte, glühte das Auge zunächst dämmernd, dann leuchtete das Auge grün wie das Wasser eines Bergsees und ich hörte seltsame Stimmen und Rauschen und Pfeifen. Das Radio war ein sehr gutes Radio. Es existierte seit dem Jahre 1952, war also viel älter als ich selbst und musste nie zur Reparatur gebracht werden. Nur einmal hüpfte eine Taste heraus und das Radio sah fortan aus, als habe es einen Zahn verloren. An einem sehr heißen Julitag des Jahres 1974 saß ich gerade vor dem Radio ohne Zahn, als gemeldet wurde, Fallschirmjäger seien über Zypern abgesprungen. Von einem Konflikt war die Rede und das Auge des Radios leuchtete dazu und die Membran seines Lautsprechers zitterte. Ich erinnere mich, dass ich dachte, dass nun Krieg sei, ein wirklicher Krieg, der erste Kriegsbeginn, den ich als Wellenempfänger miterlebte. Irgendwann verschwand das alte Radio und ich bekam ein neues Radio. Dieses Radio konnte Geräusche speichern, und so speicherte ich Geräusche, singende Frösche vielleicht, oder meine Stimme, die mich befremdete, die nie meine eigene Stimme gewesen war, sondern immer die Stimme eines anderen, der ähnliche Dinge sagte. Bald machte ich mit einer weiteren Maschine Filme, nein, ich zeichnete Filme auf ein Band, den Film der Stadt Bagdad an einem Vorkriegsmorgen zum Beispiel. Die Sonne strahlte vom Himmel, und ein Vogel, der nicht zu sehen war, zwitscherte. Vielleicht saß der Vogel auf einer gepanzerten Kamera, die das Bild der leuchtenden Stadt zu mir hin übertrug. Dieser Vogel war noch Radio gewesen. — stop

nachtsegeln
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echo : 10.15 – Das Nachtsegeln auf dem Bauch, rücklings bald, in Seitenlagen, immer wieder von einem Arm geweckt, der sich in der Abwesenheit des Schlafenden in einen Schiffsmast verwandelt, in eine Schmerztrompete andererseits, die einen Faden von Wachheit in den Reisenden spielt. Wie ich bald müde am Frühstückstisch sitze. Eine Tasse Kaffee, eine Brezel, ein Glas Milch, und mein Arm, ausgepackt, das verletzte Wesen, mit dem ich eine Unterhaltung führe: Wir müssen geduldig sein, du und ich, wir werden das schon schaukeln! Da ist ein Knistern, sobald ich meinen Arm sacht bewege, ein unbekanntes Gefühl. Widerstände in jede Richtung. Irgendetwas scheint sich in meinem Arm niedergelassen zu haben, das ihn auf Position 90° festhalten möchte. Erstaunlich. stop. Zehn Uhr elf in Hama, Syrien. — stop

alpenregen
~ : oe som
to : louis
subject : ALPENREGEN
date : okt 31 11 10.52 p.m.
Besten Dank, lieber Louis, für das feine Tonmaterial, das Du uns gesendet hast. Wir haben Deine Alpenregengeräusche am vergangenen Donnerstag zu Noe in die Tiefe übermittelt. Große Freude! Gleichwohl sehnt Noe sich nach wie vor eine Uhr herbei, die wir ihm leider nicht gewähren können. Es ist nun folgendes geschehen. Noe presste, vielleicht zunächst ohne einen Vorsatz, seine rechte Hand gegen die Innenseite seines Taucheranzuges und konnte in dieser Weise Pulse erspüren. Von diesem Moment an zählte Noe die Schläge seines Herzens, er zählte bis er die Zahl 70 erreichte, eine Minute Zeit, seit zwei Tagen immerzu derselbe Prozess der Zählung mit lauter Stimme, eine Demonstration seiner Willensstärke, die uns nach und nach unheimlich wird, Noe, eine Uhr, auch schlafend, dämmernd, träumend, eine Uhr, verdammt, ich war mehrfach versucht gewesen, Noes Mikrophon auszuschalten, Ruhe an Bord, eine Gewalttat, die Bewegung eines kleinen Fingers nur, Stille, und doch nicht Stille, weil ich die Fortsetzung des Zählens in der Tiefe annehmen müsste, einundfünfzig, zweiundfünfzig, dreiundfünfzig. Kurz nach 10 Uhr, eiskalte Nacht, aufkommender Wind von Nordwest, wir haben schweren Seegang zu erwarten. Dein OE SOM – Ahoi!
gesendet am
31.10.2011
1166 zeichen

cast
marimba : 10.58 — Die Panzerung des rechten Armes mittels Castverbandes. Der Eindruck zunächst, gebändigt worden zu sein, gefangen im 90° Winkel. Kurz darauf, nach zwei oder drei postoperativen Tagen, das Gefühl, gleichwohl geschützt zu sein, das verwundete Gebiet unter Haut, die lavendelfarben schillert, geborgen in einer Wiege von Glasfasergewebe. Indem ich mich über Flure und Treppen bewege, stoße ich immer wieder an Wände, weil ich meinen künstlich erweiterten Umfang noch nicht in mein Gehirn dauerhaft eingetragen habe. Je ein Geräusch, scheinbar von innen her, als würde ich an Muschelgehäuse klopfen. – stop
schnecken
~ : oe som
to : louis
subject : SCHNECKEN
date : sept 24 11 7.12 p.m.
Früher Abend, ruhige See. Möwen, die unser Schiff wie eine Insel bewohnen, kreisen dicht über dem Wasser. Gerade eben meldete Noe, zwei Schnecken näherten sich seinem Gesicht. Er müsse jetzt vorsichtig sein, um sie nicht zu verletzen, sollten sie in seinen Mund gelangen. Noe wohlauf. Seit zwei Wochen senden wir Jazz, wann immer Noe Jazz zu hören wünscht. Wir haben zunächst Charlie Parker geladen, das machte ihn nervös, weil er sich nicht bewegen kann im Taucheranzug, im Rhythmus, der schnell geht, ruhelos. Wir proben, forschen nach sanfteren Takes. Er könne, das sei neu, berichtet Noe, wenn er das Wort Regen lese, sich das Geräusch des Regens nicht länger in Erinnerung rufen, als würde sich das Wort Regen nach und nach entleeren. Wir haben versprochen, Regen für ihn aufzuzeichnen und in die Tiefe zu schicken. Gestern, als wir nachts alleine miteinander sprechen konnten, wünschte Noe, dass ich ihm das Schiff beschreibe, unter welchem er schwebt. Er sei glücklich, sagte Noe, aber er sehne sich nach einer Uhr. — Dein OE SOM
gesendet am
24.09.2011
1143 zeichen

handgeschichte
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echo : 23.58 — Ich hatte gerade in einem Buch gelesen, als ich beobachtete, wie meine Hände, die den Buchkörper von entgegengesetzten Richtungen des Himmels her kommend berührten, sich bewegten, obwohl ich sie nicht dazu ermuntert hatte. Vielmehr war das so geplant gewesen, dass sie bewegungslos auf den Papieren ruhen sollten, um das Buch, das sich immer wieder schließen wollte, zu bändigen. Zunächst bewegte sich der linke, dann der rechte Daumen, ein Geräusch, ein helles Geräusch war zu hören, ich unterbrach meine Lektüre und legte das Buch zur Seite. Ich notiere: Sobald ich mich für ein oder zwei Minuten ganz und gar auf meine Hände konzentriere, vergesse ich mich selbst. Ich könnte mich, das ist denkbar, in dieser Übung einmal so gründlich vergessen, dass ich von außen her gerettet werden müsste, um wieder ganz anwesend und beweglich sein zu können. An einem anderen Tag, noch nicht lange her, war ich durch die Bewegung eines Fingers meiner linken Hand derart erschrocken, dass ich bald vom Tisch aufgesprungen wäre. Seltsame Sache. — stop
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trockenzungen
delta : 6.22 — Ich träumte einmal von einem Schlafsaal, in dem einhundert arme Dichter wohnten. Sie liefen sehr langsam, sagen wir, vorsichtig herum, weil sie nicht wach waren, sondern schliefen. Eines Abends wurden sie in dem Auftrag geweckt, feine Formulierungen für einen besonderen Regen zu finden, einen Regen, der eine große Stadt unter Wasser setzen sollte. Ihre Freude, ihre Begeisterung, vielleicht endlich wieder gehört zu werden. Wie sie durcheinander spazierten. Und das Rascheln der Papiere, das Knirschen der Stifte, das Geräusch ihrer suchenden Trockenzungen. — stop





