Aus der Wörtersammlung: geräusch

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PRÄPARIERSAAL : libelle

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echo : 6.12 — Ich habe  auf einem Fern­seh­bild­schirm Jona­than Fran­zen beob­ach­tet, wie er in sei­nem New Yor­ker Arbeits­zim­mer sit­zend von Appa­ra­tu­ren erzählt, die ihm behilf­lich sein könn­ten, den Lärm der Stadt oder des Hau­ses, in dem er sich befin­det, von sei­nen Ohren zurück­zu­hal­ten. Er berich­tet das unge­fähr so: Ich habe eine Men­ge Lärm­schutz­vor­rich­tun­gen. Ich schüt­ze mich gegen Lärm mit Schaum­gum­mistöp­seln. Sie sind wich­tig. / Und dar­über hin­aus habe ich mei­ne Kopf­hö­rer. Und zudem noch rosa Rau­schen auf CD. / Das ist wie wei­ßes Rau­schen, aber es ist etwas wär­mer im Ton. Es beschränkt sich auf die nied­ri­gen Fre­quen­zen. Es klingt wie eine Raum­kap­sel in der Atmo­sphä­re mit einem wun­der­vol­len Brau­sen, ein alles umhül­len­des Brau­sen, das plötz­lich ver­schwin­det. stop. Weit nach Mit­ter­nacht, küh­le Luft. stop. Lun­ge­re auf dem Sofa her­um, höre ana­to­mi­sche Ton­band­auf­nah­men ab, Wör­ter, Sät­ze, Gedan­ken einer fer­ne­ren Zeit, die sofort wie­der sehr nahe kom­men, viel­leicht des­halb, weil sie von typi­schen Geräu­schen jenes Ortes, an dem sie auf­ge­nom­men wur­den, beglei­tet sind. Das Rau­schen der Stim­men hun­der­ter Men­schen. Pin­zet­ten, die gegen Metall klop­fen. Eine Laut­spre­cher­durch­sa­ge: Den­ken Sie bit­te dar­an, der Prä­pa­rier­saal wird vor dem Tes­tat am kom­men­den Mon­tag bereits um 7 Uhr geöff­net. Das klei­ne Wie­der­ga­be­ge­rät, das neben mir auf einem Kis­sen ruht, bewegt sich nicht oder nur so leicht, dass mei­ne Augen die­se Bewe­gung nicht wahr­neh­men kön­nen. Ein­mal den­ke ich an etwas ande­res, als das, was zu hören gewe­sen war, und bemer­ke in die­ser Wei­se, dass ich, in dem ich an etwas den­ke, das ent­fernt ist, mei­ne Ohren aus­zu­schal­ten ver­mag. Des­halb muss­te ich soeben das Band zurück­spu­len und Tho­mas’ fei­ne Geschich­te wie­der­ho­len, die von einer Libel­le erzählt. Hört zu: Wir hat­ten einen Mann auf dem Tisch, einen männ­li­chen Kör­per von dunk­ler Far­be und von außer­or­dent­li­cher Grö­ße. Ich glau­be, die­ser Kör­per war der größ­te Kör­per des Kur­ses. Ich war erstaunt, weil ich mit einem Prä­pa­rat, das grö­ßer sein wür­de, als ich selbst, nicht gerech­net habe. Nein, einen Hünen hat­te ich wirk­lich nicht erwar­tet. Sie müs­sen wis­sen, ich habe mir sehr bewusst kei­ne genau­en Vor­stel­lun­gen von der Wirk­lich­keit des Ana­to­mie­saa­les gemacht. Ich hat­te ver­mu­tet, dass die Luft kühl sein wür­de, aber an dem Tag, als wir unse­re Arbeit auf­nah­men, war es som­mer­lich warm und ich schwitz­te und hat­te Mühe, ohne Unter­bre­chung dar­an zu den­ken, mir mit den feuch­ten Hand­schu­hen nicht ins Gesicht zu fah­ren. Ich hat­te erwar­tet, dass das Licht im Saal eher gedämpft sein wür­de, aber es war strah­lend hell, ein Licht, das kaum einen Schat­ten warf. Und ich hat­te einen über­schau­ba­ren Kör­per erwar­tet, einen eher klei­nen Kör­per, den Kör­per eines uralten Men­schen. Ich habe mit altern­den Men­schen immer Gestal­ten in Ver­bin­dung gebracht, die zer­brech­lich sind, Kör­per, die klei­ner wer­den, die sich zurück­zie­hen, die man stüt­zen muss, füh­ren, die noch im Leben durch­läs­sig wer­den für das Licht. Dort vor mir auf dem Tisch aber lag ein Mann, der gera­de­zu strotz­te vor Kraft. Er war nicht fett, son­dern mus­ku­lös, und am Bauch und an der Brust, an Armen und Bei­nen sehr stark behaart gewe­sen. Ich wer­de die­sen Anblick mein Leben lang nicht ver­ges­sen. Ich habe den Mann sehr lan­ge Zeit betrach­tet. Die­ses geschwol­le­ne Gesicht war das Gesicht eines schla­fen­den Boxers. Sei­ne Augen waren geschlos­sen, die Hän­de zu Fäus­ten geballt und sei­ne Füße sahen ganz so aus, als hät­te er sie schon vor sehr lan­ger Zeit ver­ges­sen. Ich habe ihn mehr­fach umkreist, und dann haben wir ihn gemein­sam auf dem Tisch her­um­ge­dreht. Sehr fest muss­ten wir zugrei­fen. Ich sage Ihnen, das ist nicht leicht, am ers­ten Tag in die­sem Saal so fest zuzu­fas­sen. Man ist ja sehr vor­sich­tig und man ist dank­bar für die­ses Geschenk, das ein Mensch für uns zurück­ge­las­sen hat. Und als wir ihn dann her­um­ge­dreht hat­ten, konn­ten wir eine Libel­le erken­nen. Sie war links oben auf sei­nem Rücken ein­tä­to­wiert, regio sca­pu­la­ris, Sie ver­ste­hen? Ein erstaun­lich prä­zi­se gezeich­ne­tes Bild, nicht sehr groß, viel­leicht gera­de so groß wie ein Mit­tel­fin­ger des Man­nes und in blau­en, roten und grü­nen Farb­tö­nen aus­ge­führt. In die­sem Moment hat­te ich eine Vor­stel­lung, die in das Leben des Man­nes auf dem Tisch zurück­führ­te. Ich habe mir vor­ge­stellt, wie er als jun­ger Mann in einer Bade­an­stalt mit den Mus­keln spiel­te, wie er sei­nen Insek­ten­vo­gel in Bewe­gung setz­te, um einer Frau zu gefal­len viel­leicht. Aber da war noch etwas ande­res, da war die Fra­ge, was wir sehen wür­den, sobald wir die Haut unter der Libel­le so weit gelöst hät­ten, dass ein Blick auf ihre Rück­sei­te mög­lich wer­den würde.

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räume

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ulys­ses : 20.02 — Tat­säch­lich scheint das schrei­ben­de Den­ken ein Den­ken zu sein, das unver­züg­lich Kör­per von Zei­chen bil­det. Ich den­ke Wort für Wort gebremst, ich den­ke gera­de so schnell ich schrei­ben kann. Von Wör­tern aus eröff­nen sich Räu­me, die ohne die Arbeit der Hän­de im Ver­bor­ge­nen blei­ben. — stop

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PRÄPARIERSAAL : namen

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marim­ba : 22.51 — Feuch­te Flie­gen lun­gern am Abend auf dem Boden her­um. Das sanf­te, ein­schlä­fern­de Geräusch des Was­sers, Dun­kel­heit kommt bald aus den Wol­ken gefal­len. Unter dem Schirm dort wei­ter ana­to­mi­sche Ton­bän­der ver­zeich­net. Vero­ni­ka* erzählt eine fei­ne Geschich­te, die ich bei­na­he genau so wie­der­ge­be, wie ich sie vor weni­gen Minu­ten hör­te: > Ich ste­he vor einem Tisch und betrach­te einen Kör­per. Das ist ein Bild, das ich nicht erfun­den habe, ein Bild, das jetzt zu mei­nem Leben gehört. Eine Frau, die in einem wei­ßen Kit­tel vor einem Tisch steht, auf dem ein Mensch liegt, der tot ist. Ich habe mit den Ursa­chen die­ses Todes nichts zu tun, ich emp­fin­de kei­ne Trau­er, aber Respekt. In den ers­ten Minu­ten im Saal am Tisch habe ich nicht sehr geord­net, nicht sys­te­ma­tisch jeden­falls nach­ge­dacht. Ich glau­be, ich habe zunächst ver­sucht, ein Gefühl, ein geeig­ne­tes Gefühl für die­se Situa­ti­on zu fin­den, eine Posi­ti­on, mei­ne Posi­ti­on. Kurz zuvor waren wir noch im Hör­saal gewe­sen. Unser Pro­fes­sor hat­te ein Prä­pa­rat mit­ge­bracht. Die­ser hel­le Kör­per, der weit ent­fernt in einem Oval unter den hoch auf­ra­gen­den Sitz­rei­hen auf einer Bah­re lag, hat­te etwas Ein­sa­mes an sich. Als ich mich dann an mei­nem Tisch ste­hend über den Kör­per eines Man­nes beug­te, den ich in den fol­gen­den Wochen zer­le­gen wür­de, such­te ich unwill­kür­lich nach Spu­ren, die zu einer Vor­stel­lung füh­ren könn­ten, wie er ein­mal leb­te. Aber da war nichts, was mich mit sei­ner Zeit noch ver­bin­den konn­te, kein Name. Das Haar des Man­nes war ent­fernt, an sei­nen Ohren waren höl­zer­ne Schil­der ange­bracht, auch an sei­nen Hand­ge­len­ken und an sei­nen Füßen, sein Gesicht war ohne jeden Aus­druck. Ich erin­ne­re mich, der Mann wirk­te weder fried­lich noch so, als wür­de er nur schla­fen, da waren weder Zei­chen einer lan­gen Lei­dens­zeit noch Spu­ren eines Kamp­fes. Das Gesicht war leb­los, ein Gesicht ohne Aus­strah­lung, ohne Elek­tri­zi­tät. Der Kör­per erin­ner­te mich an eine gro­ße Pup­pe, er hat­te etwas Sche­ma­ti­sches, aber viel­leicht war das bereits mein Blick, mei­ne Per­spek­ti­ve gewe­sen, die die­sen Ein­druck erzeug­te? Ein Bein und noch ein Bein. Ein Arm und noch ein Arm, und ein Kopf. Ich konn­te das bald gut, die­sen Mann, die­sen Kör­per betrach­ten. Ich war ganz ent­spannt dabei. Ich wuss­te auch, dass sich die­ser Kör­per sehr rasch ver­än­dern wür­de in der Fol­ge mei­ner Arbeit. Ich war der fes­ten Über­zeu­gung, dass wir dem Toten kei­nen Namen geben soll­ten. Ich war sehr froh, dass ich nicht wuss­te, wie sein Name lau­te­te, als er noch leb­te. Ich habe, kurz­um, ver­sucht, die­sen Kör­per auf dem Tisch als ein Prä­pa­rat zu betrach­ten, als eine für uns kost­ba­re Hül­le, als ein Ver­mächt­nis. Mei­ne Kom­mi­li­to­nen haben ihm einen Namen gege­ben, aber wir haben uns des­halb nicht gezankt. Ich habe mich an der Suche nach einem Namen ganz ein­fach nicht betei­ligt. - stop

* Name geän­dert
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isaac bashevis singer

9

sier­ra : 22.55 — Mitt­woch. Abend. Wei­ter­hin Regen. Regen auch wäh­rend ich schlief. Ich konn­te ihn hören bis­wei­len, wenn ich auf­tauch­te, ohne ganz wach zu wer­den. Von irgend­wo­her jetzt ein Geräusch, pling, pling, und Isaac B. Sin­gers hel­le und zugleich raue Stim­me, indem sie eine Geschich­te erzählt, die ich in den ver­gan­ge­nen Tagen wie­der und wie­der hör­te. Die Geschich­te geht so: Kurz nach mei­ner Ankunft (in Ame­ri­ka) betrat ich zum ers­ten Mal eine Cafe­te­ria, ohne zu wis­sen, was das ist. Ich hielt es für ein Restau­rant. Ich sah lau­ter Leu­te mit Tabletts und frag­te mich, war­um man in so einem klei­nen Restau­rant so vie­le Kell­ner brauch­te. Ich gab jedem, der mit einem Tablett vor­bei­kam, ein Zei­chen. Ich hielt sie alle für Kell­ner und woll­te etwas bestel­len. Aber sie igno­rier­ten mich, man­che lächel­ten auch. Und ich dach­te, was für ein unwirk­li­cher Ort! Es war wie in einem Traum. Ein klei­nes Café mit so vie­len Kell­nern, und nie­mand beach­tet mich! Irgend­wann begriff ich, was eine Cafe­te­ria ist. Sie wur­de mein zwei­tes Zuhau­se. Die Cafe­te­ri­en wur­den eine Art Zuhau­se für Flücht­lin­ge aus Polen, Russ­land und ande­ren Län­dern. Vie­le mei­ner Geschich­ten spie­len in Cafe­te­ri­en, wo all die­se Men­schen auf­ein­an­der­tra­fen: die Nor­ma­len, die weni­ger Nor­ma­len und die Ver­rück­ten. Das ist also der Hin­ter­grund mei­ner Geschich­ten, die in Cafe­te­ri­en spie­len. — stop

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regentaucher

9

sier­ra : 18.55 — Ich habe Geräu­sche ent­deckt, Töne, die vie­le Jah­re zurück ein­mal in mei­nem Leben exis­tier­ten. Ich lag damals oft auf dem Rücken in einem Wagen, der schau­kel­te. Groß war ich zu jener Zeit noch nicht gewe­sen, ich war nicht län­ger als 50 cm. Meis­tens trug ich kei­ne Schu­he. Ich erin­ne­re mich, dass die Wol­ken und der Him­mel über mir schau­kel­ten, und da war ein höl­zer­nes Röhr­chen, von dem wei­te­re höl­zer­ne Röhr­chen bau­mel­ten, die klim­per­ten, hel­le Geräu­sche, wäh­rend sich der Wagen und ich beweg­ten, oder auch dann hel­le Geräu­sche, wenn der Wagen ange­hal­ten war, weil ich sofort mit mei­nen klei­nen Hän­den nach den Röhr­chen lang­te. Jetzt, da ich jene ent­fern­ten Geräu­sche erin­ner­te und ihre Ent­ste­hung, kann ich sie belie­big zur Auf­füh­rung brin­gen, obwohl sie so unmög­lich in der Wirk­lich­keit sind, wie Geräusch des Regens für einen Tief­see­tau­cher uner­reich­bar. — stop
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taubenstadt

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hima­la­ya

~ : oe som
to : lou­is
sub­ject : PIGEONS
date : july 17 11 8.15 a.m.

Seit ges­tern end­lich wie­der ruhi­ge See, ein wol­ken­lo­ser Him­mel über uns. Noe, wohl­auf in 550 Fuß Tie­fe, liest Javier Tome­os Tau­ben­stadt. Groß­ar­ti­ges Buch. Vor 10 Tagen haben wir damit begon­nen, Noes Stim­me auf­zu­neh­men. Wun­der­vol­le Funk­ge­räu­sche seit­her ohne Unter­bre­chung. Als wir Noe berich­te­ten, dass wir sei­ne lesen­de Stim­me ver­zeich­nen, dass man ihm zuhö­ren kön­ne in Lis­sa­bon, in Lima, in Shang­hai, dass er eine Sen­sa­ti­on sei, ein Mann, der das Lesen was­ser­fes­ter Bücher erprobt, ein Mann im Tau­cher­an­zug, ein Mann, der seit 820 Tagen im Atlan­tik vor Neu­fund­land lebt, eine mensch­li­che Sta­ti­on, ein beleuch­te­ter Kör­per in Licht­lo­sig­keit, – seit wir ihm gebeich­tet haben, dass wir ihn kon­ser­vie­ren, scheint Noes lesen­de Stim­me ruhi­ger gewor­den zu sein. Wir haben den Ein­druck, dass unser Mann nun fort jedes Zei­chen genießt, das wir ihm zur Ver­fü­gung stel­len. Nach wie vor hef­ti­ge Debat­ten über die Tem­pe­ra­tur des Tees, den wir in die Tie­fe lei­ten. Noe behaup­tet, der Tee sei zu kalt. Er wol­le in die­sem Tee weder baden noch wol­le er ihn trin­ken, wir soll­ten end­lich alle Lei­tun­gen behei­zen, die zu ihm füh­ren. Viel­leicht weil er sich dar­über hef­tig erreg­te, ver­lor Noe ges­tern, um 20 Uhr und zwölf Minu­ten, Ovids Lie­bes­kunst an das Meer. Eine Tra­gö­die. In die­sen Minu­ten, da ich Dir tele­gra­fie­re, liest Noe wie­der ruhig vor sich hin. Wir hören sei­nen Atem. Wir hören das Fun­ken der Wale. Bes­te Grü­ße Dein OE

gesen­det am
17.07.2011
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oe som to louis »

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segelohren

14

 

 

india

~ : lou­is
to : dai­sy und vio­let hil­ton
sub­ject : SEGELOHREN

Lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let! Kühl ist die Luft gewor­den in den ver­gan­ge­nen Tagen. Als ob Herbst gewor­den sei, eine Luft vol­ler Regen und Wind. Auf der Stra­ße lau­fen Men­schen her­um, die haben sich Trop­fen­fän­ger unter ihre Nasen gebun­den, die wund sind und geschwol­len. Ich selbst noch wohl­auf, was viel­leicht dar­in begrün­det sein könn­te, dass ich bereits jetzt schon kräf­ti­ge Wan­der­schu­he tra­ge für den kom­men­den Win­ter in New York. Will Euch eine Geschich­te notie­ren, an die­sem schö­nen, nas­sen Sonn­tag, die ich tat­säch­lich genau­so erlebt habe, wie ich sie erzäh­le, ob Ihr mir nun glau­ben wer­det oder nicht. Stellt Euch ein geräu­mi­ges Zim­mer vor. Ein gutes Dut­zend Ohren pro­pel­ler­ten dort durch die Luft, sie waren Gäs­ten ent­kom­men, die in nächs­ter Nähe eines Rund­funk­emp­fän­gers Platz genom­men hat­ten, um Ella Fitz­ge­rald zu lau­schen: It Don’t Mean a Thing If It Ain’t Got That Swing. Ein merk­wür­di­ger Anblick war das gewe­sen, bald lagen kämp­fen­de Ohren in Schich­ten über zwei Laut­spre­chern des Radi­os, wie Foot­ball­spie­ler, sagen wir, eine ran­geln­de Ban­de zwit­schern­der Ohren, sodass in dem Zim­mer der Ver­samm­lung vom Kon­zert kaum noch etwas zu hören gewe­sen war, als die­se Geräu­sche des Kamp­fes. Man kämpf­te auch dann noch ver­bis­sen wei­ter, als das Radio längst aus­ge­schal­tet wor­den war, ver­mut­lich des­halb, weil man mein­te, die nun auf­tre­ten­de Stil­le sei nicht wirk­lich vor­han­den. Ich habe drei Stun­den in der Beob­ach­tung des Tumul­tes zuge­bracht. Dann bin ich nach Hau­se zurück ohne mei­ne Ohren. Seit­her war­te ich gera­de­zu taub gewor­den auf ihre Rück­kehr. Bis bald ein­mal wie­der. Cuc­cur­ru­cu! – Euer Louis

gesen­det am
03.07.2011
20.05 MESZ
1587 zeichen

lou­is to dai­sy and violet »

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PRÄPARIERSAAL : ein helles herz

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bamako : 2.58 – Beob­ach­te­te im Prä­pa­rier­saal kurz vor acht Uhr mor­gens eine Assis­ten­tin, indem sie sich mit­tels eines Skal­pells und einer Pin­zet­te in die Tie­fe eines Lun­gen­flü­gels vor­ar­bei­te­te. Fei­ne, zup­fen­de Hand­be­we­gun­gen einer Uhr­ma­che­rin. Ein metal­le­ner Ton, sobald die Assis­ten­tin etwas Gewe­be am Rand einer Scha­le von ihren Werk­zeu­gen streif­te. Wort­los stand die jun­ge Frau am Tisch, schein­bar ohne sich an mei­ner Gegen­wart zu stö­ren. Nach eini­gen Minu­ten dann schob sie das Lun­gen­prä­pa­rat zur Sei­te und wen­de­te sich einem Her­zen zu, das in unmit­tel­ba­rer Nähe eines wei­te­ren Lun­gen­flü­gels auf einem Blech schau­kel­te, als sei es noch von eige­ner Kraft in Bewe­gung. Das war ein kräf­ti­ges Herz gewe­sen, ich erin­ne­re mich noch gut, über das Gewicht in mei­nen Hän­den gestaunt zu haben. Ich hat­te das Prä­pa­rat vom Tisch geho­ben und hielt es in der Scha­le mei­ner Hän­de fest, um die Arbeit der Assis­ten­tin zu erleich­tern. Das Herz ist schwer, sag­te ich. Ein mäch­ti­ger Mus­kel, ant­wor­te­te die Frau, ja, ein mäch­ti­ges Herz, fest und dun­kel, das Herz eines Läu­fers. Oder ein Künst­ler­herz viel­leicht. Schwei­gen jetzt. Sie trom­mel­te mit ihren Werk­zeu­gen auf den höl­zer­nen Rand des Tisches. Mei­nes wird wohl etwas klei­ner sein, setz­te ich vor­sich­tig hin­zu, ein hel­les Herz, das Herz eines Vogels, sagen wir. Du kannst also flie­gen, bemerk­te die jun­ge Frau und lach­te, das ist eine gute Geschich­te! — Wie sie für den Bruch­teil einer Sekun­de ihr Gehirn mit einem Lid bedeck­te.  Fin. – stop

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zimmer 202

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sier­ra : 18.15 — Ich kann ohne Geräu­sche nicht schla­fen. Ich ver­ste­he die Leu­te nicht, die ein ruhi­ges Zim­mer wol­len. Ich will ja nicht ster­ben, ich will ja nur schla­fen. Ich mag mensch­li­che Geräu­sche. Lie­ber Press­luft­häm­mer, als tota­le Stil­le. Ich kann auch zu Hau­se stun­den­lang auf Kurz­wel­le irgend­ei­ne Fremd­spra­che hören, so als Back­ground. Das ist mit auch ein Grund dafür, dass ich viel in Eisen­bah­nen geschrie­ben habe, weil ich Geräu­sche brau­che. Ich muss einen Rhyth­mus hören. — Peter Bich­sel in der 58. Minu­te des Doku­men­tar­films Zim­mer 202 : Peter Bich­sel in Paris — stop
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lampion

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marim­ba : 2.27 — Man könn­te viel­leicht sagen, dass es sich bei der Gat­tung der Lam­pion­kä­fer um Geschöp­fe han­delt, die bevor­zugt nach innen aus­ge­dacht wor­den sind, wes­halb man an ihrer äuße­ren Gestalt spar­sam zu wir­ken wünsch­te. Man mach­te ihnen Flü­gel, sehr klei­ne, kaum noch sicht­ba­re Flü­gel, die kur­ze Stre­cken des Luft­rei­sens gestat­ten, spar­te dage­gen an Bei­nen, ver­gaß Augen und Füh­ler, auch Ohren sind an ihrem voll­kom­men run­den Kör­per bis­lang nicht zu ent­de­cken gewe­sen. Nie­mand könn­te zu die­sem Zeit­punkt also ernst­haft behaup­ten, an wel­cher Stel­le nun genau der Kopf, also das Vorn des Käfer­we­sens zu fin­den sein könn­te. Meis­tens lie­gen sie dem­zu­fol­ge bewe­gungs­los auf dem Boden her­um, schla­fen viel­leicht oder träu­men. Man kann sie dann leicht über­se­hen, weil sie sehr klein sind und fast licht­los auf den ers­ten Blick. Uner­kannt haben sie in die­ser beschei­de­nen Wei­se bis vor Kur­zem in den Wäl­dern des Kar­wen­del­ge­bir­ges nahe der Baum­gren­ze gelebt, bis ein Stein­samm­ler ihr Geheim­nis unlängst ent­deck­te, in dem er sich mit einem sehr fei­nen Boh­rer ins Inne­re eines der Käfer­kör­per vor­ar­bei­te­te. Lan­ge Stun­den des War­tens, des Küh­lens, des Ban­gens, dann späh­te der jun­ge For­scher in eine voll­stän­dig unbe­kann­te Welt. Seit­her fehlt ihm jede Spra­che. Die Augen weit geöff­net, scheint er zu suchen, nach Sät­zen viel­leicht, nach Wör­tern, nach ange­mes­se­nen Geräu­schen der Bewun­de­rung, der Aner­ken­nung. — Was bleibt noch zu bemer­ken? — Sie sum­men wie die Bie­nen, sobald sie fliegen.

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