Aus der Wörtersammlung: hören

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ohne radioradar

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nord­pol : 1.55 — Eine stil­le Arbeits­nacht. Auf dem Tisch in der höl­zer­nen Küche unter dem Dach sta­peln sich Ton­spu­len, die ich nach Zeit­punkt der Auf­nah­me oder den Namen der Per­so­nen, die ich befrag­te, sor­tier­te: Katin­ka 1 — 3. Vor weni­gen Minu­ten war ich kurz ein­ge­schla­fen, ohne vom Stuhl zu fal­len. Balan­ce scheint mög­lich zu sein, oder ich habe nicht sehr tief geschla­fen. Als ich erwach­te, saß Esme­ral­da vor mir auf dem Tisch. Sie betrach­te­te mich. Ihre Füh­ler­au­gen beweg­ten sich äußerst lang­sam auf und ab. Dann setz­te sie sich in Bewe­gung, wen­de­te sich einer Bana­ne zu, die auf dem Tel­ler lag, dort schien sie bald ein­ge­schla­fen zu sein. Ich kann sie der­zeit berüh­ren, ihren schim­mern­den Leib, sie flüch­tet nicht, sie ist kühl und sie riecht nach Eisen und Regen und etwas nach Salz. Ges­tern hat­te ich mich wie­der ein­mal gefragt, ob Esme­ral­da viel­leicht in der Lage sei, zu hören. Ich mach­te mich sofort auf den Weg zum Com­pu­ter, um nach­zu­for­schen, ob Schne­cken über ein Gehör ver­fü­gen. Dann klin­gel­te das Tele­fon, eine Stun­de spä­ter erin­ner­te ich mich, dass ich nach den Ohren der Schne­cken fra­gen woll­te. Heu­te aber ist eine sol­che Nacht, da ich nichts wis­sen will, auch nicht ob Esme­ral­da hören kann, wenn ich pfei­fe oder spre­che. In mei­ner Nähe, sie schla­fen ver­mut­lich gera­de, exis­tie­ren Per­so­nen, die nichts ahnen vom Mor­den in der Ukrai­ne, von Viren, die in Afri­ka Men­schen befal­len, von Flücht­lin­gen, die durch das Sing­schar — Gebir­ge irren. Sie lesen kei­ne Zei­tung, sie besit­zen weder Radio noch Fern­seh­ge­rät, aber sie lesen Bücher, die sich immer sehr weit hin­ter der Jetzt­zeit bewe­gen. — stop

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shanghai

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india : 6.52 — Haru­ki, der in einer klei­nen euro­päi­schen Stadt zu Hau­se ist, erzähl­te eine Geschich­te, die ich kaum glau­ben moch­te. Schon sein Name schien selt­sam zu sein. Er habe, sag­te er, manch­mal das Bedürf­nis, mit­ten in der Nacht zu tele­fo­nie­ren. Nicht weil er fürch­te, ster­ben zu wol­len, son­dern weil er glück­lich sei, wenn er ein­fach nur los erzäh­len kön­ne, wenn ihm sei­ne Wor­te von einem auf­merk­sa­men Ohr sozu­sa­gen aus dem Mund gezo­gen wür­den. Genau die­ses Bild eines Ohres habe er vor Augen, sobald er sich an wun­der­ba­re Gele­gen­hei­ten erin­ne­re, als er im Erzäh­len Geschich­ten ent­deck­te, die ihm ohne die­se Art des Spre­chens nie­mals ein­ge­fal­len wären. Lei­der wür­de ihm inmit­ten der Nacht nie­mand mehr zuhö­ren, Men­schen, die er per­sön­lich ken­ne, eil­ten längst nicht mehr ans Tele­fon, wenn er sich bei ihnen mel­de. Er habe des­halb ande­re, wild­frem­de Men­schen ange­ru­fen, die sich bei ihm beschwer­ten, ob er denn noch bei Ver­stand sei. Das war der Grund gewe­sen, wes­we­gen er vor weni­gen Wochen damit begon­nen habe, Ruf­num­mern in Über­see zu kon­tak­tie­ren. Es mel­de­ten sich dort Men­schen, die Haru­ki in eng­li­scher, fran­zö­si­scher, chi­ne­si­scher oder spa­ni­scher Spra­che begrüß­ten. Sobald die Stim­me eines Men­schen hör­bar wur­de, begann Haru­ki zu erzäh­len. Er for­mu­lier­te in einer so hohen Geschwin­dig­keit, dass er sich selbst kaum noch ver­ste­hen konn­te. 15 Minu­ten, län­ger durf­te ein Gespräch mit Shang­hai nicht dau­ern. Manch­mal ver­neh­me er Stim­men von der ande­ren Sei­te her, hel­le Stim­men, zit­tern­de, wis­pern­de Töne, wes­halb er das Tele­fon­ge­rät ein wenig von sei­nem Ohr ent­fer­ne, ohne indes­sen zu ver­stum­men. Nach 15 Minu­ten ver­ab­schie­de er sich. Er sage dann: Gute Nacht! — stop

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herzgeschichte

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tan­go : 5.12 — In der ver­gan­ge­nen Nacht hör­te ich eine Ton­auf­nah­me, die vor eini­gen Jah­ren wäh­rend eines Spa­zier­gan­ges an der Isar in Mün­chen auf­ge­zeich­net wur­de. Ein herbst­li­cher Tag. Das Rau­schen des Flus­ses, bis­wei­len tosen­de Geräu­sche, wie ein wei­te­res Gespräch im Hin­ter­grund. Und Hun­de, und Gitar­ren­mu­sik immer wie­der, und Schrit­te, nicht die Schrit­te der zwei Gehen­den vor dem Mikro­fon, son­dern Schrit­te ent­ge­gen­kom­men­der Pas­san­ten. Wir unter­hal­ten uns über Arme und Bei­ne, Mus­keln, Seh­nen, Ner­ven­strän­ge. Ein­mal beginnt es zu reg­nen, auf­schla­gen­de Trop­fen sind auf Schir­men deut­lich zu hören. Aber wir ver­lie­ren kein Wort über den Regen. Die jun­ge Frau, die an mei­ner Sei­te wan­dert, spricht sehr lang­sam, macht lan­ge Pau­sen, manch­mal scheint sie nicht mir, son­dern dem Was­ser zuzu­hö­ren. Immer wie­der erkun­digt sie sich, ob das gut so sei, was sie sage, ob ich eine Geschich­te dar­aus machen kön­ne. Sie will nicht, dass ich ihren Namen wie­der­ge­be: Nenn mich ‚jun­ge Frau‘ oder nenn mich ‚Stu­den­tin‘. Manch­mal sei sie müde, sagt sie, weil sie bis spät in der Nacht als Platz­an­wei­se­rin in einem Kino arbei­te. Sie sei so müde, dass sie ein­mal im Prä­pa­rier­saal am Tisch bei­na­he ein­ge­schla­fen wäre. Das Skal­pell sei ihr aus der Hand gerutscht und zu Boden gefal­len, da sei sie gera­de noch recht­zei­tig wie­der ganz wach gewor­den. Der Job wäre aber sehr prak­tisch, weil sie in den Zei­ten der lau­fen­den Fil­me, manch­mal ler­nen kön­ne, sie füh­re ihren Taschen­at­las immer in ihrer Hand­ta­sche mit sich, Noti­zen und das Skript. Als Kind habe sie ihren Eltern gesagt, dass ihr Herz nicht dort schla­gen wür­de, wo es bei den ande­ren Kin­dern üblich wäre. Sie fühl­te ihr Herz immer auf der rech­ten Sei­te schla­gen. Nie­mand habe sie ernst genom­men. Nicht ein­mal ihr ers­ter liebs­ter Freund habe ihr zuge­hört, und auch nicht ihr zwei­ter Freund, der immer an der fal­schen Stel­le sein Ohr an ihre Brust gelegt habe. Der drit­te Freund war ein Medi­zi­ner gewe­sen, ein Stu­dent, der habe end­lich nicht nur nach ihr, son­dern auch nach ihrem Her­zen an der rich­ti­gen Stel­le gesucht. Er habe gesagt: Ein Situs inver­sus, eine Norm­ab­wei­chung. In die­ser Sekun­de habe sie beschlos­sen, Ärz­tin zu wer­den. — stop

polaroidleuchttierchen

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moskau

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bamako : 6.55 — Vor einem Schal­ter am Zen­tral­bahn­hof stand eine alte Dame mit einem Kof­fer, den sie hin­ter sich her­zie­hen konn­te. Sie trug ein blau­es Hüt­chen auf dem Kopf, und sie war grell geschminkt und lach­te. Auf den ers­ten Blick schien sie fröh­lich zu war­ten wie ihr klei­ner Kof­fer, auf den zwei­ten Blick aller­dings war zu sehen, dass sie nicht nur war­te­te, son­dern bewacht wur­de von einer wei­te­ren, sehr viel jün­ge­ren Frau und einem Mann, der die Uni­form der Bahn­ge­sell­schaft trug. Wie Säu­len stan­den sie links und rechts der alten Dame, die jun­ge Frau hat­te über­dies die Hand­ta­sche der Bewach­ten an sich genom­men, um sie zu durch­su­chen. Eine ihrer Hän­de wühl­te so hef­tig in der Tasche her­um, dass ein Rascheln weit­hin zu ver­neh­men war. Sie forsch­te ein oder zwei Minu­ten in die­ser wil­den Art und Wei­se. Weil sich aber in der Bör­se der alten Dame kein Doku­ment zur Iden­ti­fi­zie­rung auf­spü­ren ließ, schüt­tel­te sie den Kopf, beug­te sich noch ein­mal her­ab, sprach lei­se zu der alten Dame hin, um sich kurz dar­auf an einen Schal­ter zu wen­den. Dort saß hin­ter spie­geln­dem Glas ein Schat­ten, der ein Mikro­fon an sei­nen Mund führ­te, kurz dar­auf war eine war­me, melo­di­sche Stim­me zu hören, die durch die Bahn­hofs­hal­le schall­te, sie sag­te: Ach­tung! Wir bit­ten um ihre Auf­merk­sam­keit, vor dem Infor­ma­ti­ons­schal­ter Gleis 24 war­tet ein Per­so­nen­fund­stück. Bit­te mel­den Sie sich! — Die­se Geschich­te ereig­ne­te sich ges­tern am frü­hen Abend, kurz bevor der Fern­zug aus Mos­kau via War­schau den Bahn­hof erreich­te. Auf dem Bahn­steig war­te­ten vie­le Men­schen. Man­che hiel­ten Blu­men in ihren Hän­den. Ande­re foto­gra­fier­ten. — stop

polaroidstrand1

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josef

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echo : 5.01 — Ich weiß nicht, wie oft ich schon die Trep­pen in Josefs klei­ne Woh­nung gestie­gen bin. Viel­leicht ein­hun­dert­mal in den sieb­ten Stock unters Dach, seit er mich mit der Auf­sicht sei­ner Blu­men beauf­trag­te. Als ich ges­tern am spä­ten Abend die Tür hin­ter mir schloss, ent­deck­te ich eine Nach­richt auf dem Anruf­be­ant­wor­ter sei­nes Tele­fons. Ich war mir nicht sicher, ob ich die Nach­richt viel­leicht abhö­ren soll­te, ich dach­te, eine wich­ti­ge Nach­richt könn­te hin­ter­legt wor­den sein. Also drück­te ich einen Kopf und die Maschi­ne begann alle bis­her nicht gehör­ten Nach­rich­ten abzu­spie­len, die auf ihr ver­zeich­net und von mir bis dahin nicht bemerkt wor­den waren. Rosie erkun­dig­te sich nach Josefs Ver­bleib, sie waren ver­ab­re­det, Josef nicht gekom­men. Dr. Tau­ber ließ aus­rich­ten, dass eine Unter­su­chung für Okto­ber geplant wer­den müs­se, rei­ne Rou­ti­ne, es war inzwi­schen Juni gewor­den. Im Dezem­ber lud Emi­lie Josef zum Weih­nachts­sin­gen in die Schil­ler­schu­le ein, es ging um ihren Enkel, der in den Chor beru­fen wor­den war. Im Janu­ar wur­den zwei Bot­schaf­ten hin­ter­las­sen, je ohne eigent­li­che Nach­richt, ein­mal waren Men­schen­stim­men zu hören, die Sire­ne einer Ambu­lanz, dann eine Stim­me, die in eng­li­scher Spra­che ver­kün­de­te, dass der nächs­te ein­fah­ren­de Zug in Rich­tung Coney Island fah­ren wür­de. Im März wie­der Rosies einer­seits ärger­li­che, ande­rer­seits besorg­te Fra­ge: Josef, wie geht es Dir? Anfang Mai eine wei­te­re Bot­schaft, die nur aus Geräu­schen bestand, ich glau­be, ich hör­te das Dröh­nen eines Schiffs­mo­tors. Ende des Monats war ein Onkel Josefs gestor­ben, man bat ihn zu kom­men, er soll­te spre­chen, wes­we­gen man sich drei Tage spä­ter noch ein­mal erkun­dig­te. Im Juni wie­der Stadt­ge­räu­sche, ein Gewit­ter im Hin­ter­grund, Stim­men in einer Spra­che, die ich nicht kann­te. Die letz­te Auf­nah­me, die ich hör­te, war von einer ganz beson­de­ren Art gewe­sen, Glo­cken waren zu hören, Glo­cken, wie sie unter den Häl­sen von Kühen bau­meln. Es war eine sehr lan­ge Auf­nah­me, kurz bevor sie ende­te, Josefs Stim­me: Koh­leralm, Sand­wes­pen­ge­sang. — stop

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im garten

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ulys­ses : 2.28 — Um mir eine Freu­de zu machen, gehe ich nachts noch in den Gar­ten. Grü­ne Fal­ter mit hauch­dün­nen Flü­geln sind unter­wegs im Dun­keln. Eigent­lich kön­nen sie über­haupt nicht flie­gen, wie sie wol­len, son­dern wer­den von feins­ten Strö­mun­gen der Luft diri­giert. Kaum habe ich mei­nen Mund geöff­net, liegt ein flat­tern­der Kör­per auf der Zun­ge. Sie schme­cken bit­ter und sie weh­ren sich tap­fer. Die­se Flie­gen also, und die­se Nacht, ster­nen­klar. Ich ste­he ganz still, höre einem Flug­zeug zu, das süd­wärts fliegt. Ich war­te. Plötz­lich ist im Gar­ten jen­seits des Zau­nes ein Geräusch zu hören. Ein Mann geht gebückt unter Bäu­men. Es raschelt. Ich ken­ne die­sen Mann, ich ken­ne ihn nicht gut, aber ich weiß, dass er bald eine Taschen­lam­pe zücken und in die Knie gehen wird. Er spricht dann, aber so lei­se, dass ich nichts von den Wör­tern hören kann, nicht ein­mal kann ich sicher sein, dass er Wör­ter spricht, viel­leicht singt er nur vor sich hin, singt, wäh­rend er mit einer Taschen­lam­pe Grä­ser beleuch­tet. Noch vor weni­gen Tagen habe ich mich über den Mann gewun­dert. In die­ser Nacht wun­de­re ich mich nicht. Ich habe erfah­ren, dass der Mann sich bückt, mit sei­nem Licht, um nach Schne­cken zu suchen. Ich stell­te mir vor, der Mann wür­de sei­ne Beu­te in eine sei­ner Hosen­ta­sche ste­cken. Aber so ist das ganz und gar nicht. Sobald der Mann eine Schne­cke fin­det, zückt er im Licht der Taschen­lam­pe eine Sche­re und schnei­det die Schne­cke in zwei Tei­le, sodass sie sich nicht mehr bewe­gen kann, weil sie tot ist. Ein laut­lo­ser Vor­gang, so laut­los, dass ich ihn lan­ge Zeit nicht bemerk­te, ja, viel­leicht nie­mals bemerkt haben wür­de, hät­te ich nicht von dem selt­sa­men Ver­hal­ten des Man­nes erzählt. Nun weiß ich, war­um er sich bückt. Noch zehn Minu­ten, dann geht er wie­der ins Haus zurück und auch ich wer­de nicht mehr da sein. — stop

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5 uhr 3

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zou­lou : 5.03 — Ich erhof­fe Demons­tra­tio­nen auf euro­päi­schen Stra­ßen für einen fried­li­chen Dia­log zwi­schen den Bür­gern Isra­els und den Bür­gern Paläs­ti­nas. Men­schen ermu­ti­gen, die nicht schie­ßen, die zuhö­ren, die spre­chen wol­len. Sie exis­tie­ren! — stop

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bonsai bryant park

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lima : 3.08 — In New York spa­zie­rend die Ein­sicht, Geheim­diens­te, ihre Men­schen, ihre Appa­ra­tu­ren, sind hier tat­säch­lich sehr geheim. Ich stell­te mir Men­schen vor, die auf Dächern in Was­ser­tür­men leben. Aber die­se Men­schen sind kei­ne Geheim­dienst­men­schen, son­dern Aben­teu­rer oder arme Per­so­nen. In der Sub­way die Durch­sa­ge, Radio­ge­rä­te sei­en für die­sen Tag ver­bo­ten. Ich bin fast allein im Wag­gon. Eine Frau, die mir gegen­über­sitzt, schläft gedul­dig, das heißt, sie däm­mert vor sich hin, schläft nicht wirk­lich, sie scheint sich mit ihrer Lage arran­giert zu haben. Next stop Jamai­ca. Men­schen in der Sub­way sind zunächst ein­mal Men­schen, die Zeit­räu­me pas­sie­ren. Die Erfah­rung der lang­sam dahin­flie­ßen­den Rei­se­zeit hin­ter geschlos­se­nen Augen scheint ange­neh­mer zu sein als die Erfah­rung der Rei­se­zeit mit geöff­ne­ten Augen. Mei­ne Zeit ist eine Rasen­de. Spät­abends eine Roll­trep­pe im Bahn­hof Lex­ing­ton Ave­nue Höhe 86. Stra­ße, die singt. Was­ser tropft. In den Wän­den sehr lang­sam rotie­ren­de Räder, die die Luft bewe­gen. Ein­mal für ein Jahr im Bryant Park als Bon­sai-Mensch in den Bäu­men exis­tie­ren. Was wür­de ich hören, wäre ich ein Hund? — stop
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papiere in zügen

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del­ta : 0.08 — Ich erin­ner­te mich an einen Mann, dem ich vor zwei Jah­ren in einem New Yor­ker U‑Bahnzug begeg­net war. Der Mann saß gleich vis-à-vis, sein Rücken lehn­te an der Wand des Wag­gons, er hat­te die Bei­ne über­ein­an­der geschla­gen, trug ram­po­nier­te, blaue Turn­schu­he, und einen hell­grau­en Anzug, ein wei­ßes Hemd zudem, sowie eine grell­bun­te Kra­wat­te, deren Kno­ten locker vor einem lan­gen, schma­len Hals schau­kel­te. Ich hat­te damals den Ein­druck, dass der Mann sich freu­te, weil ich ihn beob­ach­te­te, indem er Zei­tun­gen durch­such­te, die sich auf dem Sitz­platz neben ihm türm­ten, und zwar in einer sehr sorg­fäl­ti­gen Art und Wei­se durch­such­te, jede der Zei­tun­gen Sei­te für Sei­te. Er schien Übung zu haben in die­ser Arbeit, sei­ne Augen beweg­ten sich schnell und ruck­ar­tig, wie die Augen eines Habichts, hin und her. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, sein Kopf neig­te sich dann leicht nach vorn, um mit einer Sche­re einen Arti­kel oder eine Foto­gra­fie aus der Zei­tung zu schnei­den. Das Rascheln des Papiers. Und das hel­le, zie­hen­de Geräusch der Sche­re, wie es die Sei­ten zer­teil­te. Ich notier­te in mein Notiz­buch: Ein ver­rück­ter Mann, ich wer­de ihm nie wie­der begeg­nen. Die­se Notiz habe ich heu­te bemerkt unter wei­te­ren Noti­zen, die sich mit dem gedul­di­gen Schla­fen in U‑Bahnzügen beschäf­ti­gen. Ich fra­ge mich nun, wie ich dar­auf gekom­men sein könn­te, den beob­ach­te­ten Mann als ver­rückt zu bezeich­nen. Viel­leicht des­halb, weil ich mir vor­ge­stellt hat­te, wie der Mann leben könn­te. Ich glau­be, ich stell­te mir das Leben eines Ver­rück­ten vor. In sei­ner Woh­nung türm­ten sich Zei­tun­gen, Tische, Stüh­le, Schrän­ke exis­tier­ten nicht, aber ein Bett, das von Papie­ren bedeckt war. Auch in der Woh­nung, oder gera­de eben dort, wur­den Zei­tun­gen durch­sucht, neue­re oder älte­re Zei­tun­gen, die der Mann wäh­rend sei­ner täg­li­chen Spa­zier­fahr­ten durch die Stadt mit sich nahm. Eigent­lich las der Mann die Zei­tun­gen nicht wirk­lich, son­dern nur Über­schrif­ten. Sobald er eine bemer­kens­wer­te Über­schrift ent­deck­te, wur­de der dazu­ge­hö­ren­de Arti­kel gesi­chert, Arti­kel, die sich bei­spiels­wei­se mit Blu­men, Afri­ka, Ozea­no­gra­fie, Geheim­diens­ten, Waf­fen­sys­te­men, Hun­gers­nö­ten oder erzäh­len­der Lite­ra­tur beschäf­tig­ten. Hun­dert­tau­sen­de Schrift­stü­cke waren so über vie­le Jah­re gesam­melt wor­den, eine fas­zi­nie­ren­de Tätig­keit, eine Arbeit, die den Mann glück­lich gemacht haben könn­te, ich ver­mu­te, weil er vor sich selbst ver­heim­lich­te, dass er sei­ne gesam­mel­ten Doku­men­te nie­mals lesen wird, weil sei­ne Lebens­zeit nicht aus­reich­te, selbst dann nicht, wenn er das Sam­meln ein­stel­len und mit der Lek­tü­re sei­ner Beweis­stü­cke ohne Ver­zug begin­nen wür­de. — stop

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