tango : 1.03 — Ein schlafender Mensch. Er schläft nun seit 132 Stunden ohne Unterbrechung. Maschinen schnurren und piepsen in seiner Nähe. Ich hatte die Vorstellung, der schlafende Mensch wäre vielleicht nicht in der Lage zu hören, wie ich laut aus einem Buch vorlese, ich dachte, dass er aber möglicherweise meine Gedanken empfangen könne, wenn ich lese und die Wörter, die ich lese, nicht spreche, sondern denke. Also lese ich wie immer, wenn ich ein Buch studiere, ich bewege nur meine Augen und meine Gedanken, meinen Mund bewege ich nicht. Und wie ich mich so beobachte, bemerke ich, dass ich die Wörter im Kopf so nachdrücklich denke, dass ich den Mund meiner Gedankenstimme zu spüren meine. — stop
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Aus der Wörtersammlung: hören
bambus vol. 2


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echo : 1.08 — Wie Menschen nun Handys nicht länger an ihre Ohren halten, sondern vor den Mund. Vielleicht auch deshalb, um gleichzeitig sprechen und lesen zu können, sprechen also und hören und noch etwas Weiteres tun. — Wieder Nacht. In einem Moment der Stille beobachtete ich vor wenigen Minuten ein Bücherregal, das in meinem Arbeitszimmer steht. Ich meinte wieder einmal, ein Geräusch wahrgenommen zu haben, in etwa hörte sich das so an, als würde man ein Ohr an ein Bambusrohr legen, durch welches Kieselsteine fallen. Zunächst meldete sich das Geräusch links oben unter der Decke, wo sich Bücher befinden, die ich bisher nicht gelesen habe, wartende Bücher, sagen wir, Mahnende. Kurz darauf wanderte das Geräusch in die Mitte des Regals, Christoph Ransmayr klimperte, John Berger, Janet Frame, Antonio Tabucchi. Ich hatte für einige Minuten den Eindruck, das Geräusch oder seine Ursache könnte sich vervielfältigt haben. Wenn nun folgendes geschehen wäre, dass sich die Bücher meines Regals in Funkbücher verwandelten, in Bücher, die nur vorgeben, Bücher von Papier zu sein, in Bücher also, die über Seiten verfügen, die eigentlich Bildschirme sind, die man umblättern kann. Dann wäre denkbar, dass ich jenes typische Geräusch vernommen habe, das in genau dem Moment entsteht, da der Autor eines Buches mittels Funkwellen eine erneuerte Fassung seines Werkes in die Zimmer der Welt entsendet. Ich muss darüber nachdenken, was die Möglichkeit oder die Existenz der Funkbücher bedeuten würde für das Schreiben, für das Aufhören können, für Anfang und Ende einer Geschichte. Und wenn nun Jean Pauls Komet in meinem Zimmer rascheln würde, oder Dantons Tod, Georg Büchner? – Noch zu tun: Regenwörter erfinden. — stop

tellerpfirsich
delta : 7.12 — Der Nachtzug fährt über eine Hochbahnstrecke: Ungeheure Weite, ein Meer von Licht. Dann wieder runter unter die Stadt. Bisweilen Bahnhöfe, die wie Planeten aus dem Dunkel herankommen. Wie ich durch den Zug gehe, sehe ich, alle Sitzplätze sind besetzt, da und dort stehen Menschen, sie lehnen an Wänden oder halten sich an geeigneten Stangen oder Streben fest. Fast Stille, niemand wach, hin und wieder murmelndes Gespräch, heftiges Atmen, Lachen, Stöhnen. Sobald ich mich einem der schlafenden Menschen nähere, Flüstern: Sie befinden sich in einem Schlafzug, sie dürfen hier niemanden wecken, unsere Passagiere haben für Schlaf bezahlt. Eichhörnchen, Hunderte, tollen durch die Abteile des Zuges, sie springen an den Wänden hoch, jagen über Kofferablagen dahin, purzeln unter Sitzreihen, Akrobaten, ohne je einen der schlafenden Menschen zu berühren. stop. Gestern erste Telleraprikose meines Lebens. — stop
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kurz vor panitanki
marimba : 4.18 — Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wo sich Milanomaki gerade tatsächlich aufhält, ich weiß nicht einmal, ob es sich um eine Frau oder um einen Mann handelt, und wie alt dieser Mensch sein könnte, der mir erzählt. Zuletzt noch folgende Notiz im Dezember: Ich sollte ein Ohrenmensch sein. Ich sitze mit leicht zur Seite geneigtem Kopf und höre zu, einem Menschen vielleicht oder einer Fliege, die über mir im Luftraum turnt. Oder ich stehe in einem Zimmer ganz still, um so präzise wie möglich denken zu können. Kurz darauf setze ich mich an einen Schreibtisch und mache viele Wörter, dann mache ich eine Pause, dann lese ich alles das Notierte noch einmal durch, dann streiche ich so viele Wörter mit dem Kopf, wie möglich ist, um bald wieder nur einen Strich vor mir auf dem Papier vorzufinden. Ich habe viel erlebt. — Vor wenigen Stunden nun eine weitere Nachricht, die in einem Zugabteil dritter Klasse während einer Fahrt von Mumbai nach Darjeeling entstanden sein soll. Lesen Sie selbst: Ich kann nicht aufhören, rasendes, unentwegtes Schreiben, weil mir jemand beim Schreiben zusieht. Ich schrieb über das Fieber der vergangenen Tage, aber dann entdeckte ich den Blick der roten Schuhe, und schrieb und schrieb nur noch über meine fliegenden Hände, wie sie schneller und immer schneller notieren, während sich dieser eine rote, flache Schuh in meiner Nähe immer schneller drehte, kleine Kreise in die Luft zeichnete, die sich beschleunigten, weil ich flinker und flinker schreibe, ein Text über das Schnellschreiben, das nur deshalb möglich ist, weil die Schreibmaschinen nicht mehr klappern wie früher noch, mein Gott, würden sie noch klappern diese Schreibmaschinen, was würde das nur bedeuten, ein Getöse, jetzt nur noch ein sanftes leises Geräusch im Schreiben über das Schreiben, ein Versuch, diesen Schuh, der zu einem anderen System gehört, schneller und immer schneller kreisen zu lassen. - stop

martha
marimba : 20.24 — Als Martha vor wenigen Tagen ein neues Telefon bekam, sollte ich ihr zeigen, wie man den Anrufbeantworter des Telefons in Betrieb setzt, vor allem helfen, eine Begrüßung auf Band festzuhalten. Als wir so weit gekommen waren, dass sie sprechen konnte, machte Martha ein bedeutendes Gesicht, sie sagte: Guten Tag, guten Tag! Hier spricht Martha, ich bin nicht zu Hause oder vielleicht doch, ich rufe bald zurück. Sobald sie fertig gesprochen hatte, wollte sie ihre Ansage noch einmal hören, ich drückte also auf den Knopf, der die Wiedergabe startete, und wir hörten nun gemeinsam Marthas Stimme, rau geworden von der Zeit. Martha war zufrieden: Schau, das klingt überzeugend, das wird noch dann zu hören sein, wenn ich gar nicht mehr anwesend sein werde. Und wie sie so durch ihr Wohnzimmer ging, sah ich in ihr eine lustige Frau, die sich an Tischen, Stühlen, Schränken festhalten musste, ich konnte mir vorstellen, wie sie noch ganz jung gewesen war, eben eine lustige junge Frau, leichtfüßig. Sie suchte nach ihrem Telefonapparat, der ihr 12 Jahre gedient hatte, zuletzt waren seine Tasten für Marthas zitternde Hände zu klein geworden. Sie sagte: Ich will hören, wie ich damals gesprochen habe. — stop

im keller
ginkgo : 1.52 — Sechs Stockwerke abwärts, ich steige in den Keller in räudige Landschaft, schneeweiße Spinnengebeine, die von der Decke schaukeln. Nacht ist, ich ahne Ratten, die mich betrachten von irgendwoher, ein unheimlicher Ort, einer, der dem Besucher die Augen öffnet. Im Licht der Taschenlampe kann man den Leuten, die über der Kellerlandschaft schlafen, in ihre Müllhöhlen schauen. Dieses Durcheinander von Holzteilen und Ölfässern und Fahrradskeletten könnte zur Wohnung X gehören, und das alles zur Wohnung Y, wie sorgfältig sich die Kartonagen doch stapeln, in welchen Bücher vermodern und Mäntel und Schals und Strümpfe. In einem der Kellerabteile ruht ein Plattenspieler zentral auf dem Boden, sonst ist dort nichts zu sehen, nur dieser eine Plattenspieler, staubig. Hinter der Luftschutztür von schwerem Eisen reihen sich Schaufeln der Hausmeisterei, die schon lange ohne den Hausmeister selbst auskommen muss, das Hochwasser des vergangenen Jahres, wie es eine Linie zeichnete, stand den Besen bis zum Hals. Nicht rauchen ist noch immer an einer Wand vermerkt in altdeutscher Schrift. Und wenn ich so weitergehe um eine Ecke herum, stoße ich auf ein schmales Abteil, das sich mit einer Geschichte verbindet. Es scheint nun leer zu sein, war aber einmal ein besonderer Ort. Ich erinnere mich an eine Öllampe, an eine Matratze, einen Stuhl und den Schatten eines Menschen, der auf dieser Matratze ruhte: Im Schatten saßen Augen fest, sie starrten in meine Lampe, dann flüchteten sie, dann kamen sie nicht zurück. — stop

malcolm lowry
echo : 2.28 — Am 15. Januar des Jahres 2008, es war gegen 3 Uhr in der Nacht, erinnerte ich mich an eine Geschichte, die von Malcolm Lowry erzählt, genau genommen von seiner Art und Weise zu schreiben, nachdrücklicher noch von der Methode zu verlieren, was gerade eben noch notiert worden war. Malcolm, so der Erzähler der Geschichte, soll Gedanken auf jedes Stück Papier geschrieben haben, das in seine Reichweite gekommen war, auf Rechnungen, Speisekarten, Billetts beispielsweise, sofern er in einem Café oder in einer Bar Platz genommen hatte, um so lange notierend zu arbeiten, bis er ausreichend betrunken war, damit aufzuhören. Wie viele Wörter und Sätze sind wohl vom Wind in Wüsten oder auf Meere hinaus getragen worden, wie viele Bücher haben sich in Luft aufgelöst? Ich stelle mir immer wieder leidenschaftlich gerne vor, wie Malcolm Lowry in unserer Zeit seine Zeichenketten für die Welt abgelegt haben könnte. Sagen wir so: Lowry arbeitet nie wieder mit einem Bleistift. Er notiert seine Gedanken in eine federleichte, elektrische Maschine, die am Gürtel seiner Hose fest verankert wird. Sorgfältig von seiner Ehefrau Margerie Bonner programmiert, verbindet Malcolms persönliches Notiergerät unverzüglich Tastatur mit digitaler Sphäre, sobald sich der Autor, gleich welcher geistigen Verfassung, mit der einen oder der anderen Hand nähert. Nun schreibt der Autor. Er arbeitet, vielleicht stehend, vielleicht sitzend, vielleicht liegend. Und während er so arbeitet, wird Zeichen für Zeichen unverzüglich an einen geheimen Ort der Speicherung gesendet. Dort, dropzone, könnte man sitzen und warten und betrachten, wie der Text, um den Bruchteil einer Atomsekunde in der Zeit verrückt, vollzogen wird. — Nachtflugkäfer sind in der Luft. — stop

ein selbstgespräch
nordpol : 15.12 — Oder ein Chatraum, in dem 200 Jahren lang eine Person mit sich selbst kommuniziert. Plötzlich erscheint das erste Zeichen einer weiteren Person, dann ein ganzes Wort in diesem Raum. — HELLO! — Langes Schweigen. — Jahre andauerndes, schweigendes Warten wie Staunen. Dann, unvermittelt, ein Jahrzehnt ist vergangen, wird das Selbstgespräch in einer Weise fortgesetzt als wäre das Wort HELLO niemals ausgesprochen oder empfangen worden: /// guten abend! wie geht es dir? — gut! und dir? — prächtig. — schön zu hören. lange nicht gesprochen, wo liegt dein problem? — ich habe heute abend kein problem. — wenn du dein problem nicht kennst, bist du hier genau richtig! — darf ich dir eine frage stellen? — sicher! — was bedeutet das wort luftwellensegel? — hast du schmetterlinge im bauch? — bitte! bleiben wir ernst, bleiben wir bei der sache: was bedeutet das wort luftwellensegel? — lass uns das eine weile zurückstellen. — warum? — erzähl weiter! — hast du schon andere gefragt? — aber natürlich! — schön zu hören. wo liegt dann dein problem? — ich habe heute abend kein problem! — wenn du dein problem nicht kennst, bist du hier genau richtig! ich sehe, du bist ein schwieriger fall. /// — stop

vom fotografieren
himalaya : 2.28 — Gestern Abend machte ich einen Spaziergang durch die Stadt. Es war schön warm geworden, über den Opernplatz jagten ein paar Haifüssliere in Kopfhöhe unter den flanierenden Menschen dahin, eine wirklich schöne dunkelblaue Stunde. Und während ich so ging, telefonierte ich scheinbar, das heißt, ich hielt mein Mobiltelefon an mein rechtes Ohr, aber anstatt einer Stimme zuzuhören, die gar nicht aus dem Telefon herauskommen konnte, weil ich mit niemandem verbunden war, fotografierte ich wild herum, ohne freilich sehen zu können, was mir vor die Ohrlinse kam. Auf der Kaiserstraße machte ich in dieser Weise heimlich Aufnahmen von einem Hütchenspieler. Ich musste mich dazu seitwärts zum Geschehen in meiner Nähe positionieren. Jemand könnte in diesem Moment vielleicht Verdacht geschöpft haben, als ich weiterging, wurde ich beobachtet, zwei Herren, die mir nicht gefielen, begleiteten mich. Sie kamen sehr nah an mich heran. Um mich zu retten, begann ich in mein Telefon zu sprechen. Ich tat so, als ob ich irgendjemandem eine Geschichte erzählen würde. Ich berichtete von Häusern, die unter riesigen Ballonen schweben. Indessen ging ich nicht schneller voran als üblich. Zweimal blieb ich stehen, und auch die zwei Männer blieben stehen. Am Londoner Platz fiel mir zu Ballonhäusern nichts mehr ein, ich gab darum eine Weile vor, selbst einer Geschichte zuzuhören, nickte immer wieder, lachte, dann fragte ich mit fester Stimme, ob ich vielleicht die Geschichte von den Eisbüchern erzählen sollte. Da ließen, weiß der Himmel, warum, beide Herrn von mir ab. — stop

aleppo
charlie : 0.32 — Er werde langsam alt, erzählte der Journalist L., alt und müde. Manchmal fühle er sich morsch, wie ein Knochen, der lange Zeit in feuchter Luft unter freiem Himmel herumgelegen hatte, da wird man bald staubig, und dann kommt ein Wind und schon ist man so leicht geworden, dass man ganz und gar für immer aufhören möchte. Deshalb habe er ein Haus an der Küste gekauft, mit einem Reetdach, das links und rechts des Hauses nahezu bis auf den Boden reiche. Er benötige einen Ort, an den er sich zurückziehen, einen Ort, an dem er leichter werden könne, wandern am Meer stundenlang und sprechen mit sich selbst. Wenn er Selbstgespräche führe, würde er in sich hineinsehen, Wörter und Sätze bewirken, dass er für einige Zeit nicht mehr aufhören könne zu sprechen, weil er doch in den vergangenen Jahren eigentlich so schweigsam geworden war, weil er doch immer, als er noch diskutierte und erzählte, vergessen habe, was er sagte, weshalb er tagelang darüber nachdenken musste, ob er nicht etwas gesagt haben könnte, das unmöglich gesagt sein durfte, diese Wörter, diese Sätze, die man so liebend gern zurückholen wollte, weil sie nicht passend oder ganz einfach zu viele Wörter gewesen waren. Deshalb nun ein Haus an der Küste, mit einem Reetdach, das links und rechts des Hauses nahezu bis auf den Boden reiche, wo er mit sich selbst sprechen könne so lange er wolle, wo ihm niemand zuhören würde, nur das Haus und er selbst und manchmal der Sand und ein paar Vögel, wenn er von Aleppo erzähle, wo er vor wenigen Wochen, ein Himmelfahrtskommando, noch gewesen sei. — stop



