Aus der Wörtersammlung: mund

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standardminute

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del­ta : 6.05 — Wie ich abends im Waren­haus eine moder­ne Stan­dard­mi­nu­te erleb­te, das will ich rasch noch berich­ten, eh mir die Augen zufal­len, müde vom Wun­dern. Eine gan­ze Minu­te also. In die­ser Minu­te, an ihrem Anfang genau­er, befin­det sich eine Kas­sie­re­rin mitt­le­ren Alters, unru­hig sind Augen und Mund, und ihre flat­tern­den Hän­de, Werk­zeu­ge, die Waren über Licht­tas­ter zie­hen. Eine alte Dame ist da noch, eine Dame mit Hut, die sich sehr lang­sam bewegt, ein wah­res Rep­til, wür­de­voll, bedäch­tig. Ein wenig zer­streut scheint sie zu sein, hebt immer wie­der den Blick, beob­ach­tet scheu die Bewe­gung des Ban­des, die Rei­se ihrer per­sön­li­chen Ware: eine Schach­tel Pra­li­nen, ein Fläsch­chen Jäger­meis­ter, Salz­stan­gen, drei Dosen Kat­zen­fut­ter, ein duzend Scho­ko­la­den­os­ter­ei­er in Grün, in Gelb, in Rot, und ein wei­te­res Fläsch­chen noch hin­ter­her. Das alles muss jetzt in die Tasche, sofort, und doch ist es schon zu spät. Zwei Apri­ko­sen­saft­tü­ten schie­ben sich, einem Eis­bre­cher ähn­lich, in den war­ten­den Bezirk der alten Frau hin­ein, fal­ten Eier, Salz­stan­gen und ande­re Waren­tei­le steil zur Sei­te. Man kann jetzt hören, wie das klingt, wenn eine Dame höf­lich um Geduld bit­tet, um Nach­sicht, eine freund­li­che, eine herz­er­wär­men­de Stim­me, und das Geräusch einer Fla­sche, die zu Boden fällt. Wie sich die alte Dame nun auf­rich­tet, wie ihre hel­len Augen mei­ne Hän­de beob­ach­ten, die ver­su­chen, wei­te­res Unglück abzu­wen­den. Ungläu­big schaut sie mich an, dann das För­der­band ent­lang, das wei­te­re Waren vor­an trans­por­tiert. Ja, bald ste­hen wir und stau­nen zu zweit, und auch die Ver­käu­fe­rin ist zur mit­füh­len­den Beob­ach­te­rin gewor­den. Sie lurt zum Waren­strom hin, der über die Kan­te der Roll­band­the­ke in die Tie­fe stürzt. Ihre Hän­de, die­se selt­sa­men Hän­de, sie arbei­ten wei­ter und wei­ter, schie­ben und schie­ben, als führ­ten sie ein eige­nes Leben oder gehör­ten schon der Maschi­ne mit ihrem Rot­licht­au­gen­ge­hirn. stop. Minu­te zu Ende. stop. Guten Mor­gen. — stop

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copy & paste

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romeo : 2.56 — Vor weni­gen Stun­den noch wollt ich vom Abend einer Amei­se unter som­mer­li­chem Fei­gen­baum erzäh­len. Kaum ange­fan­gen, beob­ach­te­te ich, dass in dem Text, den ich wünsch­te auf­zu­schrei­ben, Wör­ter ent­hal­ten sein wer­den, die bereits vor mei­ner Text­zeit von ande­ren Men­schen in wei­te­ren Tex­ten ver­wen­det wor­den sind. Das wohl­klin­gen­de Wort Him­mel, ich hab’s nicht erfun­den, auch nicht das Wort Herz­beu­tel­chen oder das Wort Sinus­kno­ten. Alle die­se Wör­ter, gelie­he­ne Wör­ter. Ich leg sie mir in den Mund, unter mei­ne schrei­ben­den Fin­ger, Tag für Tag und Nacht um Nacht, als ob sie mir, Geschich­ten gleich, die aus der Luft zu stür­men schei­nen, allein gehör­ten. Aber dann das elek­tri­sche Knis­tern mei­nes Gehirns, in dem es die Ent­de­ckung im Schlaf zu fei­nen Wirk­lich­keits­net­zen ver­webt. – Weit nach Mit­ter­nacht. Eis­luft vor den Fens­tern, im Zim­mer war­ten Fei­gen und Bäu­me. Hab jetzt einen klei­nen Kno­ten im Kopf. — stop
ping

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rüsselhupe

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echo : 12.03 — Sagen wir das so: Tief­see­ele­fan­ten, sobald sie gebo­ren wer­den auf hoher See in gro­ßer Tie­fe, blei­ben ihren Müt­tern lan­ge Zeit ver­bun­den. Solan­ge Zeit genau wan­dern sie in nächs­ter Nähe, bis ihre Rüs­sel aus­rei­chend gewach­sen sind, um zur Ober­flä­che des Mee­res gelan­gen zu kön­nen. Wie sie sich küs­sen von Zeit zu Zeit in ewi­ger Dun­kel­heit, wie eine Mut­ter ihrem klei­nen Ele­fan­ten Luft ein­haucht, wie das tau­meln­de Wesen im Moment der Über­ga­be lust­voll sei­ne blin­den Augen schließt, eine Ahnung vom berau­schen­den Duft der Welt weit über ihm, von sal­zi­gen Schäu­men, von Motor­ölen, Tang und wei­te­ren ange­neh­men Sub­stan­zen, die ihm bald unmit­tel­bar begeg­nen wer­den. Manch­mal, eher sel­ten, stei­gen sie, Minia­tu­ren einer spä­te­ren Zeit, lang­sam auf­wärts. Sie haben dann aus dem Mun­de ihrer Mut­ter einen Bal­lon süßer Luft ent­ge­gen­ge­nom­men, der zu groß gewor­den sein könn­te von Sor­ge und Lie­be. Zwei oder drei Tage sind sie nun schwe­bend unter­wegs, bis die Ober­flä­che des Was­sers erreicht sein wird. Das fei­ne Geräusch ihrer ers­ten Rüs­sel­hu­pe, mit der sie die lich­te Welt begrü­ßen. – Sonn­tag. Leich­ter Schnee­fall. Viel Jazz im Kopf. — stop

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schäume

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echo : 5.03 — Ent­deck­te, dass sich Spu­ren, die Men­schen ihren Leben hin­ter­las­sen, ähn­lich der Spur eines Oze­an­damp­fers ver­hal­ten, der hin­ter dem Hori­zont ver­schwun­den ist. Sicht­bar sind sie noch, obwohl längst ver­gan­ge­ne Wesen, Schrift­zei­chen, Bil­der, Noten, Foto­gra­fien, mur­meln­de Schäu­me. Konn­te mei­nen Blick nicht lösen: Natha­lie Sar­rau­te, wie sie ver­lo­ren neben Samu­el Beckett steht, der eine Rauch­wol­ke beob­ach­tet, die Mon­sieur Pinget’s Mund ent­kom­men sein könn­te. — stop
mundwolke

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franny and zooey

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fox­trott : 10.00 — Flug­zeug über Atlan­tik quer. 7 Stun­den 25 Minu­ten. Bewe­gung auf dem Bild­schirm wie Däm­me­rung, wie Eis­schmel­ze, wie Gras­wach­sen. Luft von Zimt, Mund­voll Leb­ku­chen. So lie­gen, ein Auge ruhend auf Pixel­meer, das ande­re auf Salin­gers Fran­ny. Wis­pern­de Stim­men der Man­hat­ten­of­fi­zers, lei­se Auf­nah­me, einen Tag fest­hal­ten, eine Nacht. Das Was­ser des Grön­land­ei­ses, noch lang­sa­mer als das Älter­wer­den und so sicher, so aus­ge­macht, wie es im Süden nach den Häu­sern der armen Küs­ten­men­schen greift. Man hört das nicht, man denkt das nicht. Es ist längst schon ein­ge­ar­bei­tet, viel­leicht, in jede Erwar­tung. Luft von Zimt, Mund­voll Leb­ku­chen. Ein Auge ruhend auf dem Meer, das ande­re auf Fran­ny. Col­tra­ne, John: A love supre­me. Zeit ver­geht. — stop

ba185

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kaukasus : unsichtbare fotografie

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sier­ra : 2.08 – Okto­ber­licht, das auf eine Stra­ße fällt. In der Mit­te die­ser Stra­ße liegt eine jun­ge Frau auf dem Rücken. Sie liegt, als wür­de sie bald schla­fen, die Bei­ne von sich gestreckt. Eine blaue Blu­se. Gel­be Turn­schu­he. Jeans. Da und dort segelt ein Schat­ten unter der Haut ihrer Wan­gen, und doch ist das Gesicht ein schnee­wei­ßes Gesicht mit einem roten, blü­hen­den Mund. Augen, die halb geschlos­sen sind. Unend­lich müde blaue Augen oder doch eher unend­lich müde dunk­le Augen, ja, doch eher dunk­le Augen, das Blau der Blu­se irrt auf ihrem Gesicht her­um. Auch ihre Hän­de sind weiß und etwas blau. Eine Hand liegt auf der Stra­ße, die ande­re Hand auf dem Bauch der jun­gen Frau. Hän­de, die etwas plan­ten viel­leicht, Hän­de, die ange­hal­ten wur­den oder auf­ge­hal­ten, indem man die Zeit im Kör­per der jun­gen Frau stopp­te oder lösch­te. Ja, kühl muss sie sein, kühl gewor­den, ohne jedes Lebens­feu­er, wie sie so auf der Stra­ße liegt. Kein Blut weit und breit. Nur ihr Mund, der blüht, weil die Far­be nicht ihre Far­be ist im Stern­licht auf einem Gesicht ohne Namen. Man darf das Gesicht jetzt foto­gra­fie­ren von allen Sei­ten. Also foto­gra­fiert man das Gesicht von allen Sei­ten. Man darf jetzt schrei­ben, die jun­ge Frau sei aus dem Süden gekom­men, vom Kau­ka­sus her. Also schreibt man, die jun­ge Frau sei aus dem Süden gekom­men, vom Kau­ka­sus her. Eine wei­te Rei­se, ihre Rei­se nach Mos­kau. Dort liegt sie jetzt. Eine Bom­be. Sie soll eine leben­de Bom­be gewe­sen sein. Wel­che Schu­le besuch­te sie? Was hat­te sie erlebt? Schwar­zes Haar. — stop
ping

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ohrwesen

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romeo : 0.08 – Kurz nach Mit­ter­nacht. Leich­ter Regen, aber nur als Vor­stel­lung, als Übung, als Suche in den Maga­zi­nen mei­nes Gehörs. Plötz­lich erin­ner­te ich mich, ein­mal heim­lich ein Ohr aus nächs­ter Nähe beob­ach­tet zu haben, ein Wun­der der Schöp­fung. Ich betrach­te­te die­ses Ohr so lie­be­voll und so lan­ge Zeit, dass ich bald etwas ganz ande­res in ihm sehen woll­te, als eine hal­be Stun­de noch zuvor, ein Wesen näm­lich ganz für sich. Der Gedan­ke, ich könn­te jeder­zeit ein schla­fen­des Ohr mit mei­nem Blick berüh­ren, ohne dass es davon wach wer­den wür­de, fas­zi­niert mich außer­or­dent­lich. Wenn ich aber sagen wür­de, lei­se, lei­se: Du bist wun­der­schön, dann wür­de das Ohr mich viel­leicht anse­hen, ein noch halb­wegs träu­men­des Auge von einer Sekun­de zur ande­ren Sekun­de, und ein Mund, ein Mund, der lächelt. — Gute Nacht.
ping

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loop

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sier­ra : 0.08 — Geschich­ten, die sich gut begrün­det wie­der­ho­len, ver­traut gewor­de­ne Geschich­ten. Die­se hier, zum Bei­spiel, im Febru­ar 2008 aus der Luft gefischt: Da war mir doch in den Zei­ten der Vogel­grip­pe, bei klei­ne­ren Tur­bu­len­zen, im Gang eines Flug­zeu­ges eine uralte Lady ent­ge­gen­ge­kom­men, deren Gesichts­zü­ge mich sofort an Coco Cha­nel erin­ner­ten. Von zier­li­cher Gestalt trug sie einen dunk­len Man­tel, leich­te, fla­che Schu­he und mach­te Schrit­te wie ein Matro­se auf hoher See. Vor allem ihr schloh­wei­ßes Haar und ihr äußerst wil­lens­star­ker Blick sind nah geblie­ben, auch ihr hell­rot geschmink­ter Mund, der min­des­tens acht­zig Jah­re alt gewe­sen sein muss­te, und doch bei­na­he wirk­te wie der Mund einer jun­gen Frau. Eines Abends, wäh­rend ich einer Nach­rich­ten­sen­dung folg­te, erin­ner­te ich mich an die­se selt­sa­me Frau, und ich stell­te mir vor, wie sie aus der drit­ten Eta­ge eines Miets­hau­ses in den Kel­ler steigt, um ein Roll­wä­gel­chen zu suchen, das sie dort für immer abge­stellt hat­te, nach­dem sie beim Ein­kau­fen um ein Haar gestürzt war. Es ist also frü­her Mor­gen, es ist Win­ter und noch dun­kel, als die alte Dame das Haus ver­lässt. Ich sehe sie mit vor­sich­ti­gen Schrit­ten in ihrem Man­tel und Pelz­stie­fel­chen über die Stra­ße gehen. An der ers­ten Ampel biegt sie nach links ab, über­quert einen Platz, folgt einer wei­te­ren schma­len Stra­ße, jetzt ist sie vor einem Super­markt ange­kom­men. Sie stellt ihr Roll­wä­gel­chen in der Nähe der Kas­se ab, geht in die Geträn­ke­ab­tei­lung und nimmt eine Fla­sche Was­ser aus dem Regal. Sie trägt die Fla­sche zu ihrem Wägel­chen, kehrt zurück, nimmt sich die nächs­te Was­ser­fla­sche aus dem Regal und so geht das fort, bis das Wägel­chen gut gefüllt ist und ein wenig pfeift, wie es auf dem Heim­weg über die Stra­ße gezo­gen wird. — Jetzt ist die alte Frau vor der Tür ihres Hau­ses ange­kom­men. — Jetzt stellt sie das Wägel­chen neben die Trep­pe, die zur Haus­tü­re führt. — Jetzt ist sie mit einer der Fla­schen im Haus ver­schwun­den. — Zehn Minu­ten ver­ge­hen. Dann erscheint sie wie­der auf der Stra­ße. Sie hat ihren Man­tel aus­ge­zo­gen, trägt eine graue Jacke und Sport­schu­he. Kurz, für zwei oder drei Sekun­den, hält sie sich am Gelän­der der Trep­pe fest. — stop
ping

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raumschiff

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india : 20.56 — Eine Libel­le gegen den Abend zu, mari­ne­blau, die sich nahe mei­ner Nase in die Luft set­ze. Bald eine Vier­tel­stun­de betrach­te­te sie mich oder schlief, wäh­rend ich einen Roman beob­ach­te­te und doch zugleich an ent­fern­te Din­ge dach­te, an eine Mond­lan­dung vor vier­zig Jah­ren zum Bei­spiel, und an die Nach­richt, das durch­schnitt­li­che Alter der Besat­zung des Flug­zeug­trä­gers USS Har­ry S. Tru­man, des­sen Crui­se-Mis­siles Bag­dad bom­bar­dier­ten, habe 19 Jah­re betra­gen. Und da war noch ein ande­res, ein wär­men­des Bild in mei­nem lesen­den Kopf, von dem ich ges­tern noch wäh­rend eines Spa­zier­gan­ges in einer Wei­se erzähl­te, als wäre ich leib­haf­tig in nächs­ter Nähe gewe­sen, als auf hoher See der Rüs­sel eines Tief­see­ele­fan­ten den Schrei einer Möwe der­art lust­voll imi­tier­te, dass tat­säch­li­che Möwen, ein Schwarm, aus dem hei­te­rem Him­mel stürz­ten. — Ein lachen­der Mund, der sich lang­sam näher­te. —  Ein Raum­schiff. — Wie alle Geschich­ten plötz­lich ende­ten und auch die Zeit. — stop

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signallichter

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sier­ra : 0.01 — Bemerkt, dass ich Dimen­sio­nen der Licht­rei­se­zeit von Stern zu Stern nicht ver­ste­hen kann. Ich habe einer­seits eine tro­cke­ne, eine logi­sche Erklä­rung zur Ver­fü­gung, kann ander­seits aber das ver­trau­te Gefühl, das mir anzeigt, dass ich etwas ver­stan­den habe oder begrei­fen konn­te, nicht fin­den. stop. Im Zwi­schen­raum. stop. Das Stau­nen. stop. Wenn ich in einem ana­to­mi­schen Prä­pa­rier­saal an einem Tisch unter jun­gen Per­sön­lich­kei­ten ste­he und sage, dass der Kör­per jenes Men­schen, der vor uns auf dem Tisch liegt, nach und nach ver­schwin­den wird, indem sie ihn zer­le­gen, zugleich aber, in die­sem Pro­zess des Ver­schwin­dens, sich in Infor­ma­ti­on, in Wis­sen ver­wan­delt, freu­en sich die jun­gen Men­schen. stop. Blit­zen­de Augen. stop. Ein lachen­der Mund. stop. Und noch ein lachen­der Mund. stop. Ana­to­mi­sche Signa­le. — stop

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