whiskey : 2.42 UTC — Wenn ich die Stadt New York erfinde oder wiederfinde, gehe ich spazieren. Ich setze mich in meiner Vorstellung auf eine Bank im Tompkins Square Park und dann laufe ich irgendwann los mit den Wörtern, notiere, was ich erinnere, es ist Frühling, heute folgte ich der Avenue A nordwärts. Aber ich bin nicht weit gekommen, da war plötzlich eine Art Loch, ich konnte mich an den Namen eines Perückenladens nicht erinnern. Gestern war der Laden in meiner Erinnerung überhaupt nicht existent, deshalb konnte ich an ihm vorbeispazieren. Und heute blieb ich dort hängen. Das ist schon sehr seltsam. — stop
Aus der Wörtersammlung: net
abschnitt neufundland
Abschnitt Neufundland meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 155, Luftfahrt — 18, Automobile — 778 ], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 5, 19. Jahrhundert – 21, 20. Jahrhundert – 1422, 21. Jahrhundert — 5437 ], Trolleykoffer [ blau : 3, rot : 6, gelb : 21, schwarz : 37 ], Seenotrettungswesten [ 1108 ], physical memories [ bespielt — 2, gelöscht : 25 ], Ameisen [ Arbeiter ] auf Treibholz [ 508 ], 1 Lorgnette mit Widmung : Pour Emily 1872, Nov, Brummkreisel : 3, Öle [ 0.02 Tonnen ], Prothesen [ Herz — Rhythmusbeschleuniger – 3, Kniegelenke – 55, Hüftkugeln – 17, Brillen – 122 ], Halbschuhe [ Größen 28 – 39 : 54, Größen 38 — 45 : 22 ], Plastiksandalen [ 1321 ], Reisedokumente [ 534 ], Kühlschränke [ 2 ], Telefone [ 167 ], Gasmasken [ 2 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 1, mit Taucher – 6 ], Engelszungen [ 128 ] | stop |
mauerwerk
whiskey : 12.22 UTC — In der Nähe der Zentralstadion beobachtete ich einen jungen Mann, wie er dicht vor einer Hauswand stand, mit einer Lupe in der Hand. Langsam bewegte er seine Lupe über das Mauerwerk hin und her, spähte indessen mit einem Auge durch das kräftige Glas, er schien zu lesen. Als ich mich näherte, drehte sich der junge Mann plötzlich um und sah mich mit einem stark vergrößerten Auge an. Dann flüchtete er in Richtung der Zentralstadion, Nordseite. Diese Geschichte ereignete sich an einem Montag um 10 Uhr und 12 Minuten. — stop
yangpu
india : 4.18 UTC — Das Radio erzählt, ein Mädchen namens Baidu Bailong, 5 Jahre alt, habe, während ich noch schlief, in Yangpu eine Schale mit Reis und etwas Entenfleisch zu sich genommen. Eine Datenbank, die dieses Ereignis verzeichnet, verfüge, so wird weiterhin erzählt, derzeit über 23 Milliarden Zeilen. Ist das eine Nachricht? Oder vielleicht in etwa eine Überlegung? — stop
auf dem friedhof
bamako : 20.16 UTC – Es war im Traum ein Sommerabend, schon Dämmerung. Ich spazierte über einen vertrauten Friedhof. Vertraut der Friedhof darum, weil ich schon als Kind dort gewesen war. Auf dem Friedhof lagen viele Menschen in den Gräbern, die ich, das Kind, noch kannte, da waren sie sehr lebendig und mächtig, weil eben erwachsen gewesen. Nun waren sie tot und dringend auf Hilfe angewiesen. Im Traum waren plötzlich Lichter in der Luft, sie kamen vom Westen her angeflogen, verteilten sich über den Kronen der alten Bäume, um kurz darauf langsam abzusteigen. Ich saß im Traum am Grab meiner Eltern, beobachtete aus nächster Nähe, wie sich eine Drohne näherte. Über einem Plateau von Handtellergröße hielt sie inne. Die Drohne summte sehr schön. Bald öffnete sich ihr transparenter Leib, die Drohne setze behutsam mittels einer Greifhand von blitzendem Metall ein Teelicht ab. Kurz darauf schloss sich ihr Bauch und sie flog schnell davon, auch Hunderte weiterer Drohnen summten da und dort. Licht nun über und unter den Bäumen. — stop
ai : MOSAMBIQUE
MENSCH IN GEFAHR: „Amade Abubacar arbeitet als Journalist beim kommunalen Radiosender Nacedje im Bezirk Macomia in der Provinz Cabo Delgado im Norden von Mosambik. Am 18. Januar ordnete das Bezirksgericht von Macomia eine Verlängerung seiner Untersuchungshaft in der Polizeizentrale von Macomia an. Der zuständige Richter erklärte seine Inhaftierung für rechtmäßig mit der Begründung, Amade Abubacar sei am Tag nach seiner Verbringung in den Polizeigewahrsam dem Gericht vorgeführt worden. Gemäß Paragraf 311 des Strafgesetzbuchs von Mosambik muss jede Person innerhalb von 48 Stunden nach der Inhaftierung vor Gericht erscheinen. Der Richter ließ im Fall von Amade Abubacar unbeachtet, dass dieser bereits am 5. Januar von der Polizei festgenommen worden war. Anschließend hielt das Militär ihn dann zwölf Tage lang ohne Kontakt zur Außenwelt fest, bevor er am 17. Januar wieder an die Polizei übergeben wurde. Mit der anhaltenden Inhaftierung von Amade Abubacar wird gegen sein Recht auf ein faires und ordnungsgemäßes Verfahren verstoßen. / Ein von dem Journalisten eingereichter Antrag auf eine Freilassung unter Auflagen wies der Richter ab. Er begründete dies damit, dass Beweise, die in der polizeilichen Ermittlungsakte enthalten sind, keinerlei Zweifel an seiner Schuld ließen. Der Richter gab weiterhin an, dass Amade Abubacar im Falle einer Freilassung weitere Straftaten begehen könne und somit eine Gefahr für den sozialen Frieden darstellen würde. Die Polizei legte dem Gericht als Beweis gegen Amade Abubacar eine Liste von mutmaßlichen Mitgliedern der islamistischen Terrororganisation Al-Shabaab vor, die der Journalist bei seiner Festnahme bei sich trug. Zudem wies die Polizei darauf hin, dass der Vorgesetzte von Amade Abubacar nichts von den Interviews gewusst habe, die er durchgeführt hatte. / Amade Abubacar drohen konstruierte Anklagen wegen „öffentlicher Aufwiegelung mithilfe von elektronischen Medien“ (Paragraf 322 des Strafgesetzbuchs) und „Verletzung von Staatsgeheimnissen über soziale Medien“ (Paragraf 323 des Strafgesetzbuchs). Amnesty International befürchtet, dass er nur aufgrund seiner Arbeit als Journalist und wegen der Wahrnehmung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung unter Anklage steht.“ - Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen bis spätestens zum 7.3.2019 unter > ai : urgent action
japan
romeo : 18.22 UTC — Bohumil Hrabal notiert in seinen Arbeitsheften, er sei mit allem, was sich vor seinen Augen abspiele, unverzüglich durch einen festen Schlauch verbunden, wie das Kind durch die Nabelschnur mit dem Leib seiner Mutter. — Auch meine Schreibmaschine scheint, während ich notiere, der elektrischen Welt mittels hunderter Ping – Fäden verbunden zu sein. Ihre heimlichen Blicke. Oder heimliche Blicke zu ihr hin. Um 18:15 Uhr MEZ meldet mein Netzwerkmonitor 1180 aktive Verbindungen in alle Welt: nach China, in die Vereinigten Staaten von Amerika, nach Australien, Schweden, Dänemark, Argentinien, Kanada, Irland, Italien, Rumänien, Russland, Japan. stop — Beunruhigende Geschichte. — stop
jonathan
echo : 20.12 UTC — Ich habe Jonathan ungefähr drei Jahre lang nicht gesehen. Als ich ihm zuletzt begegnete, erzählte er von einem Film, der ihn hörbar beeindruckt hatte. Er sprach damals so schnell und aufgeregt, dass ich ihm nicht folgen konnte. Ich dachte nur immer wieder: Jonathan, dass Du so schnell und unentwegt sprechen kannst, wo hast Du das gelernt? Vor wenigen Minuten setzte sich Jonathan im Zug zu mir und ich machte mich auf eine weitere rasende Geschichte gefasst. Es war aber ganz anders gekommen, er sprach zunächst kaum ein Wort: Hallo Louis, lang nicht gesehen. Kurze Pause. Ja, ich arbeite noch immer in der Nacht. Lange Pause. Fünf Minuten schwieg Jonathan. Er sah zu seinen Händen hin, die in seinem Schoß ruhten. Dann begann sich seine linke Hand behutsam zu bewegen. Seine rechte Hand indessen war geöffnet. Jonathan schien einen Text zu schreiben auf einer nicht sichtbaren Tastatur, die dort für ihn sichtbar sein musste. Weitere fünf Minuten vergingen in dieser Weise des Notierens. Plötzlich hörte er auf, zu schreiben. Er führte seine rechte Hand unter seine linke Hand und begann zu lesen. — stop
ghost biblace
MELDUNG. Automobile, folgende, wurden nach einem Kaufhausbesuch zu London in Martha B., 93, vorgefunden : Magen — 1 Bugatti 57 [ 1936 ], 1 Alfa Romeo Sprint [ 1950 ], Dünndarm – 1 Jaguar Mark Two [ 1963 ], Dickdarm — 1 Rolls-Royce Silver Ghost Biplace [ 1911 ]. Wiederum wurde die Durchsuchung des hochbetagten Bauches von den Royal Courts of Justice zwingend angeordnet. — stop
eine stimme
sierra : 14.15 UTC — Regen und Sonntag. Ich hatte Mutter angerufen. Sie war unterwegs gewesen, vielleicht im Garten, vielleicht in den Bergen. Nach 10 Sekunden schaltete sich der Anrufbeantworter an. Eine Stimme, die die Stimme Mutters war, meldete vertraut: Hier ist der Anschluss von Paula und Jürgen. Ich sagte sofort meinen kleinen Spruch auf: Hallo, seid Ihr Zuhause? Wie geht es Euch? Mir geht es gut. Es regnet. Als mein Vater gestorben war, hatte ich immer wieder einmal gedacht, wie seltsam ist, dass meine Mutter, solange sie nicht bei sich selbst anrufen wird, nicht bemerken würde, dass ihre Begrüßung anrufende Freunde irritieren könnte. Ich überlegte, ob ich Mutter nicht vielleicht bei Gelegenheit darauf aufmerksam machen sollte, dass wir eine weitere Tonbandaufnahme anfertigen könnten. Der Eindruck unverzüglich, ich würde meinen Vater durch diese Handlung distanzieren, einen Geist hinauswerfen aus dem Haus, in dem er weiterlebt, in seinen Spuren, in unseren Erinnerungen. Da ist noch immer sein Stuhl und da ist noch immer sein Computer. Und da sind seine Gartenschuhe, seine Schallplatten, seine Bücher und im Teich werden bald wieder Rosen blühen, Seerosen, weiß und rosa, die vor langer Zeit einmal von seiner Hand ins Wasser gesetzt worden waren. Ja, so war das gewesen. Heute wieder Regen und Sonntag. Und da sind nun Mutters Sommerschuhe verwaist und ihre Winterstiefelchen neben der Tür zum Garten. In einer Schublade in der Küche werde ich bald Mutters Bleistifte finden und Mutters Brillen und Rezepte von eigener Hand für Kuchen und Plätzchen für das Weihnachtsfest vor zwei Jahren. In einer weiteren Schublade ruhen ihr Reisepass, ihr Geldbeutel, ihr Telefonbuch, Broschen und Wanderkarten durch die Wälder am See. Und da ist ihre helle Stimme, ich weiß, dass sie im Telefon zu warten scheint, eine Stimme, die noch möglich ist. — stop