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tango : 18.08 — Die heimliche Nachtangst, sagen wir, eines menschlichen Wesens, das für einen Messias gehalten wird. — stop

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tango : 18.08 — Die heimliche Nachtangst, sagen wir, eines menschlichen Wesens, das für einen Messias gehalten wird. — stop

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lima : 5.18 — Am Victoriasee Menschen, junge Menschen und alte Menschen, wie sie sich durch modernde Abfälle einer Fischfabrik wühlen. Gelbe Augen. Salzwunde Hände. Vereiterte Füße. Bauchballone. stop. Beobachtete zum fünften Male den Dokumentarfilm Darwins Albtraum warum? Kurz darauf notierte ich: Licht fällt in kleinen Paketen vom Himmel. Und ich dachte noch, das geht heute nicht, solch ein Satz doch nicht nach jenem Film in dieser Nacht. Lange Zeit schon ist von afrikanischen Eisfischen zu erzählen, von Luftreisenden in russischen Warentransportflugzeugen gegen den Norden zu, von all dem Elend erzählen, das sie bewirken, vom Hunger, von dem ich mit eigenen Ohren hörte, von Nilbarschfilets, vom rasen-hölzernen Fleisch auf kostbaren Tellern europäischer Sandmanufakturen. stop. Wie erzählen? stop. Wem erzählen? stop. Bald wieder Dämmerung. stop. Licht fällt in kleinen Paketen vom Himmel. — stop

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zoulou : 8.30 — In der vergangenen Nacht träumte ich eine lustige Geschichte, das heißt, ich träumte mich in ein Bild, das mir bekannt zu sein schien, weshalb ich ein Selbstgespräch führte, in etwa so, als würde ich einen Film kommentieren. Als ich wach geworden war, erinnerte ich mich, vor einiger Zeit eine Traumgeschichte aufgezeichnet zu haben, die von seltsamen Menschenohren erzählte. Und tatsächlich habe ich diese Geschichte und mit ihr den Traum der vergangenen Nacht soeben wiedergefunden, sodass heute Morgen nichts zu tun ist, als die Wiederholung des Traumes von den seltsamen Ohren und seinen Zeichenschatten auch an dieser Stelle zu dokumentieren. Ich saß also vor längerer Zeit und noch vor wenigen Stunden > in einem Café nahe einem Meer unter Männern, die Go oder etwas anderes spielten mit kleinen, runden, bernsteinfarbenen Steinen. Die Luft an diesem Ort war heiß und trocken, deshalb wunderte ich mich nicht, dass die Männer, die von hohem Alter gewesen waren, sich mit gewaltigen Ohren Luft zufächelten in der Art und Weise der Elefanten. Seltsame Geräusche waren zu hören, schwere, knarzende Töne, als würde an hölzernen Schrauben gedreht. Und doch war die Haut der Ohren so fein, dass man durch sie hindurch sehen konnte. Sobald sie hinter den verwitterten Köpfen zusammenschlugen, wurden die Augen der Herren zu Schlitzen, bewegten sich die luftigen Häute zurück, öffneten sie sich. Hinter dem Tresen dämmerte ein weiterer Mann, der hatte sich mit seinem Pergament das Gesicht zugedeckt. Ich betrachtete ihn eine Weile, und schon war ich, noch im Stehen, dem heutigen Tag zu eingeschlafen. – Guten Morgen! Heute ist Sonntag.

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alpha : 0.01 — Kurz nach Mitternacht, also Nachmittag. Ich habe gerade eine Tasse heißer Schokolade getrunken, und wie immer, wenn ich Schokolade getrunken habe, meine ich, vom Licht uralter Glühbirnen genascht zu haben. Jetzt stehe ich mit einem warmen Bauch voll Licht vor einem Fenster, hinter dem polare Kälte knistert. Ja, eine angenehme Nacht ist angebrochen. Ich könnte gleich eine Reise beginnen. Ich stelle mir eine Lesezeit wie eine Reisezeit vor? Ich setze mich auf mein Sofa, öffne ein Buch gesammelter Geschichten, sagen wir, gesammelter Geschichten aus aller Welt, und lese. Ich lese fünf Stunden, ohne einzuschlafen, weil die Geschichten, die ich lese, gute Geschichten sind. Dann trinke ich Kaffee und laufe ein wenig in der Wohnung herum. Dann schlafe ich. Dann lese ich weiter. Dann schlafe ich wieder. Habe ich ausreichend Wasser, Enten, Brot für eine Woche? — stop

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sierra : 2.25 — Wale. Ein Abend voller weißer Wale. Wie sie duften. Wie sie sich bewegen. Wie sie fliegen. Ihre besonderen Stimmen. Die Zeichnung ihrer Haut. Die Farbe ihrer Augen. Die Position ihrer Ohren. Wie sie über das Polarlichtspiel des Nordens staunen. Schweigend. Seitwärts im Wasser liegend. Immer ist das linke Auge gegen den Himmel gerichtet. Die Wanderung der Schnecken auf ihren Körpern. Wie sie das Wasser suchen. Da ist ein Geräusch. Das Geräusch der Schnecken. Unhörbar. Ein Geräusch, das ich sehen kann. — stop

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romeo : 7.52 — Nehmen wir einmal an, ein Bogen lebenden Papiers in der Größe 15 x 30 Zentimeter würde aus 750000 Tieren bestehen, ja, und nehmen wir einmal an, dieses Papier würde bereits in der wirklichen Welt existieren, dann würden vor uns auf einem Tisch 750000 kleine Herzen schlagen. Und ich dachte mir unverzüglich, da muss doch irgendein Geräusch wahrzunehmen sein, so viele Herzen in nächster Nähe auf engstem Raum. Erinnerte mich an meine Verwunderung, als ich bemerkte, dass ich mein eigenes Herz nicht schlagen hören kann und auch nicht das Herz einer Geliebten, solange ich nicht mein Ohr an ihre Brust lege und in sie hineinhöre. Nun aber, in dieser Nacht eines sommerlichen Regens, zweifle ich nicht, dass man, wenn man sich mit einem Ohr einem meiner lebenden Papiere näherte, ein besonderes Geräusch vernehmen würde. Auch einen Hauch von Luft würde man wohl spüren, eine Strömung, weil sie alle durcheinander atmen. stop. Aufgabe für Sonntag. stop. Geräuschwort finden. — stop

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victoria : 8.12 — Anatomische Arbeiten. Spielte Tonbandstimmen, las zum Gehör, studierte Strukturen der Muschel. — Zehn Uhr und zweiundzwanzig Minuten MEZ in Shangil Tobay, Darfur. — stop

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sierra : 8.57 — Es hatte Stunden lang geregnet, jetzt dampfte der Boden im südwärts vorrückenden Nordlicht, und das Laub, das alles bedeckte, die steinernen Bänke, Brunnen und Skulpturen, die Büsche und Sommerstühle der Cafés, bewegte sich trocknend wie eine abgeworfene Haut, die nicht zur Ruhe kommen konnte. Boulespieler waren vom Himmel gefallen, fegten ihr Spielfeld, schon war das Klicken der Kugeln zu hören, Schritte, Rufe. Wie ich so zu den Spielern schlenderte, kreuzte eine junge Frau meinen Weg. Sie tastete sich langsam vorwärts an einem weißen, sehr langen Stock, den ich eingehend beobachtete, rasche, den Boden abklopfende Bewegungen. Als sie in meine Nähe gekommen war, vielleicht hatte sie das Geräusch meiner Schritte gehört, sprach sie mich an, fragte, ob es bald wieder regnen würde. Ich erinnere mich noch gut, zunächst sehr unsicher gewesen zu sein, aber dann ging ich ein Stück an ihrer Seite und berichtete vom Oktoberlicht, welches ich so liebte, von den Farben der Blätter, die unter unseren Füßen raschelten. Bald saßen wir auf einer nassen Bank, und die junge Frau erzählte, dass sie ein kleines Problem haben würde, dass sie einen Brief erhalten habe, einen lang erwarteten, einen ersehnten Brief, und dass sie diesen Brief nicht lesen könne, ein Mann mit Augenlicht hätte ihn geschrieben, ob ich ihr den Brief vorlesen könne, sie sei so sehr glücklich, diesen Brief endlich in Händen zu halten. Ich öffnete also den Brief, einen Luftpostbrief, aber da standen nur wenige, sehr harte Worte, ein Ende in sechs Zeilen, Druckbuchstaben, eine schlampige Arbeit, rasch hingeworfen, und obwohl ich wusste, dass ich etwas tat, das ich nicht tun durfte, erzählte meine Stimme, die vorgab zu lesen, eine ganz andere Geschichte. Liebste Marlen, hörte ich mich sagen, liebste Marlen, wie sehr ich Dich doch vermisse. Konnte so lange Zeit nicht schreiben, weil ich Deine Adresse verloren hatte, aber nun schreibe ich Dir, schreibe Dir aus unserem Café am Bryant Park. Es ist gerade Abend geworden in New York und sicher wirst Du schon schlafen. Erinnerst Du Dich an die Nacht, als wir hier in unserem Café Deinen Geburtstag feierten? Ich erzählte Dir von einer kleinen, dunklen Stelle hinter der Tapete, die so rot ist, dass ich Dir nicht erklären konnte, was das bedeutet, dieses Rot für sehende Menschen? Erinnerst Du Dich, wie Du mit Deinen Händen nach jener Stelle suchtest, wie ich Deine Finger führte, wie ich Dir erzählte, dass dort hinter der Tapete, ein Tunnel endet, der Europa mit Amerika verbindet? Und wie Du ein Ohr an die Wand legtest, wie Du lauschtest, erinnerst Du Dich? Lange Zeit hast Du gelauscht. Ich höre etwas, sagtest Du, und wolltest wissen, wie lange Zeit die Stimmen wohl unter dem atlantischen Boden reisten, bis sie Dich erreichen konnten. – An dieser Stelle meiner kleinen Erzählung unterbrach mich die junge Frau. Sie hatte ihren Kopf zur Seite geneigt, lächelte mich an und flüsterte, dass das eine sehr schöne Geschichte gewesen sei, eine tröstliche Geschichte, ich sollte den Brief ruhig behalten und mit ihm machen, was immer ich wollte. Und da war nun das aus dem Boden kommende Nordlicht, das Knistern der Blätter, die Stimmen der spielenden Menschen. Wir gingen noch eine kleine Strecke nebeneinander her, ohne zu sprechen. Ich seh gerade ihren über das Laub tastenden Stock und ein Eichhörnchen mit einer Nuss im Maul, das an einem Baumstamm kauerte. Beinahe kommt es mir in dieser Sekunde so vor, als hätte ich dieses Eichhörnchen und seine Nuss nur erfunden. — stop

