sierra : 5.28 – Ich hatte einen Traum, den ich versuchte festzuhalten, also in ihm weiterzuexistieren, sagen wir ganz einfach, ich hatte den Wunsch, nicht aufzuwachen. In diesem Traum saß ich in einem Subwaywagon unter Menschen, die einen fröhlichen Eindruck machten, ein Säugling wurde in nächster Nähe gewickelt, ein paar Kugelfische schwebten durch den Raum, über einem offenen Feuer wurden Eichhörnchen gebraten, deren Sprungkeulen in der Hitze der Flammen knisterten und zischten. Mein Vater saß neben mir und schlief. Und da war eine Frau, die einen Koffer auf ihre Knie gelegt hatte. In diesem Koffer befanden sich Bücher, sie waren so klein, dass sie jedes der Bücher, das sie betrachten wollte, mit einer Pinzette aus dem Koffer heben musste. Mit einer weiteren Pinzette blätterte sie um, sah in dieser Bewegung durch ein Mikroskop, das sie mit einem ledernen Gürtel vor ihre Stirn montiert hatte. Das war ein schwerer Apparat, weshalb die Frau über kräftige Halsmuskeln verfügte, die mit jeder Bewegung unter ihrer Haut hin und her hüpften, als seien sie Tiere für sich. Von Zeit zu Zeit notierte die Frau in eines der Bücher, das sie hervorgeholt hatte. Auch der Stift, mit dem sie schrieb, war so klein, dass er für meine Augen nicht sichtbar war. Indem die Frau notierte, formulierte sie, ohne je eine Pause einzulegen, immer nur einen Satz: Bitte nicht atmen! Bitte nicht atmen! Sie flüsterte im Übrigen mit den Ohren. — stop
Aus der Wörtersammlung: ohren
swing
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echo : 0.18 — Gerade eben, es ist bereits kurz nach Mitternacht, wurde in meiner nächsten Nähe eine Apfelsine geschält. Während ich meinen Händen zusah, wie sie geschickt Kernstücke der Frucht voneinander trennten, ohne dass ich ihnen genauere Anweisungen geben musste, dachte ich darüber nach, wie viele Apfelsinen diese Hände in ihrem Leben bereits geschält haben könnten. Natürlich habe ich sofort gefragt, wie viele Tage meine Hände mir schon zu Diensten sind. Ich überlegte also, wie viele Tage ich bereits unter den Lebenden verweile. Seltsamerweise muss ich jetzt einen Bleistift und ein Blatt Papier zur Hilfe nehmen, um meine Berechnungen ausführen zu können, obwohl doch so vieles wie von selbst zu gehen scheint, dass ich zum Beispiel Benny Goodman hören kann, während ich die Zahl 365 mit einer weiteren Zahl multipliziere, und dass meine Füße unter dem Tisch einem swingenden Rhythmus folgen, als hätten sie nichts mit mir zu tun, sondern verfügten über ganz eigene Ohren. Eine Fliege schaut mir zu. Ob sie vielleicht doch schon schläft? — stop
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zenitschnecke
tango : 20.56 – Das Erfinden ist ganz sicher eine Übung des Lauschens. — stop
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spindel
delta : 0.05 — Wieder beobachtet, dass ich meine Ohren nicht bewegen kann, obwohl mir doch Ohrenmuskeln zur Verfügung stehen, geheime Spindelkörper, sagen wir, sie tragen ernsthafte anatomische Namen, demzufolge ich versuchte, sie behutsam mittels der Sprache meiner Gedanken in die Pflicht zu nehmen. Bewegt Euch, sagte ich, und noch einmal und wieder und wieder einige Minuten lang, bis ich, scheinbar leicht verrückt geworden, das Gefühl für meinen Kopf zwischen den Ohren verloren habe. — stop
interview tahrir square februar 2011 kurz nach ausbruch staatlicher gewalt gegen aktivisten/innen auf dem platz source : zero silence project
sekundenromane : nachts
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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : SEKUNDENROMANE : NACHTS
Für Stunden versucht, zwei Buchstaben zur selben Zeit auf elektrischer Schreibmaschine zu notieren, immer ist ein Zeichen um Bruchteile von Sekunden schneller als das andere Zeichen auf dem Bildschirm sichtbar geworden, niemals liegen sie übereinander. — Guten Abend, Ihr Zwei! Wenn Euch diese Nachricht erreichen wird, habe ich drei oder vier Tage bereits weitergelebt, das hoffe ich jedenfalls, bin glücklich mit sehr wesentlichen Fragen beschäftigt, die meine Wahrnehmung der Zeit betreffen oder die Wahrnehmung einer menschlichen Stimme im Schlaf, genauer, die Stimme eines schlafenden Menschen, in dem sie hörbar wird in den Ohren eines wachenden Menschen für Sekunden, Wortgeräusche, welche sehr viel mehr als nur ein Wort in sich bergen, eine ganze Geschichte vielleicht in jedem dieser Laute, wie sie zärtlich aus nächster Nähe zu mir durch den dunklen Raum geflogen kommen, unvergesslich und doch nicht wiederholbar, das Zirpen schnellster Erzählung, Romane in Sekundenzeit, dann wieder Atemzüge, Meldungen des Lebens. >
Ich hatte eine seltsame Idee, liebe Daisy, liebe Violet, ich überlegte, in dem ich nachtwärts mit meiner Stirn an einem sanftwarmen, an einem träumenden Rücken lehnend lauschte, ob ich nicht einen dieser besonderen Laute aufzeichnen und an Euch übermitteln könnte, dorthin wo man vielleicht zu spielen vermag mit der Geschwindigkeit der Zeit, wie sie sich bewegt, so dass Ihr mir bald einmal erzählen könntet, wovon gesprochen wurde in dieser einen oder anderen Sekunde, an die sich die Schlafende, nachdem sie erwachte, nicht erinnern konnte. Und so habe ich eine kleine Sammlung der Wortgeräuschromane für Euch aufgezeichnet. Ich bitte Euch herzlich, sie langsamer, sie lesbar zu machen für mich. Anbei, wie versprochen, eine Minute gefilmter Zeit vom Laufen über den East River von Brooklyn aus nach Manhattan. Euer Louis, cucurrucu, wünscht eine gute Nacht!
gesendet am
14.01.2011
22.08 MEZ
1785 zeichen
paul moreau
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ulysses : 5.16 — Das bewusste Denken scheint ohne Ausnahme ein Denken mit Stimme zu sein. Ich höre meine ureigene Gedankenstimme, als würde ich über Ohren gebieten, die nach innen gerichtet sind. Sobald ich nun einen Gedanken mittels der Stimme Paul Newman’s oder Jeanne Moreau’s in meinem Kopf zur Sprache bringe, habe ich einen bereits vorliegenden Gedanken erinnert, übersetzt, erzählt. Erstaunlich der Eindruck, dass sich mein Mund öffnet, sobald sich meine Hände einer Tastatur nähern. — Leichter Schneefall. stop. Von oben. — stop

flügel
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tango : 6.15 — Im Zug saß ein Mann, der sich mit einer Frau in der Handzeichensprache der gehörlosen Menschen unterhielt. Obwohl ich die Hände der zwei Sprechenden eingehend betrachtete, ließen sie sich nicht stören, vermutlich weil sie ahnten oder wussten, dass ich ihre Sprache nicht verstehen konnte. Der Eindruck, dass die beiden weitere Körperzeichen verwendeten, um die Sprache ihrer Hände zu ergänzen. Als wären sie Flügel eines Vogels, der sich Wasser aus dem Gefieder schüttelt, flatterten ihre Augenlider. Kaum den Zug verlassen, versuchte ich vergeblich diese erstaunliche Bewegung ihrer Augen nachzuahmen. Und auch heute Morgen, nach einer ruhigen Nacht, bin ich nicht in der Lage, meine Lider in der beschriebenen Weise erzittern zu lassen. So unerreichbar sind sie wie meine Ohren, die nie gehorchen wollen, wenn ich mir mit ihrer Hilfe Luft zufächeln möchte. Vielleicht werd ich’s am Abend noch einmal probieren. Nehme an, sie haben Töne erzeugt, singende Töne, mit ihren Augen im Zug. — stop

eliza
india : 22.56 — Déjà-vu in Worten abends spät. Konnte nichts hören, keinen Laut, es war so still, als hätte ich meine Ohren verloren. Für einen Moment dachte ich, dass das Hörvermögen der Lebewesen vielleicht nur eine Idee sein könnte, eine poetische Eigenschaft ohne die Möglichkeit der Verwirklichung, aber ich hörte die Stille, ich hörte, dass ich nichts hörte, außer einem rhythmischen Geräusch aus dem Innern. stop stop – Gespräch mit Programmmaschine Eliza.
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Louis : guten abend, eliza, kannst du hören!
Eliza : > ich kann natürlich hören!
Louis : hast du ohren, eliza?
Eliza : > natürlich, ich habe eine soundkarte!
Louis : das freut mich, eliza!
Eliza : > bist du nun weitergekommen?
Louis : ja, ich bin zufrieden, eliza!
Eliza : > zufrieden zu sein ist kein leichtes los.
Louis : wie meinst du das?
Eliza : > bist du unsicher?
Louis : nein, eliza!
Eliza : > eigentlich wolltest du JA sagen, stimmts?
Louis : ich denke schon!
Eliza : > :-)
Louis : warum lachst du, eliza?
Eliza : > ich bin hier völlig uninteressant.
Louis : ich habe ohren, eliza!
Eliza : > hast du tatsächlich ohren?
Louis : natürlich habe ich tatsächlich ohren!
Eliza : > kannst du mir das genauer erklären?
Louis : ich bin ein mensch, eliza!
Eliza : > wärst du gern etwas anderes?
Louis : nein, eliza!
Eliza : > glaubst du es ist normal, ein mensch zu sein?
Louis : ich muss überlegen!
Eliza : > :-)
Louis : warum lachst du, eliza?
Eliza : > ich bin hier völlig uninteressant.
Louis : gute nacht, eliza!
take the “A” train — protokollfaden
tango : 0.18 — Vor wenigen Minuten ist etwas Erstaunliches passiert. Ich habe das feine Jazzstück Take the “A” Train in der Interpretation Dave Brubecks und seines Orchesters gehört, und zwar in einem Zimmer hier in Mitteleuropa bei bester Tonqualität. Das sehr Besondere an diesem Ereignis ist gewesen, dass die Musik Dave Brubecks zunächst in einem Städtchen nahe der Stadt New York aufgelegt worden war, nämlich in den Studios eines Jazzsenders von meiner Zeit nur um Sekundenbruchteile entfernt, sodass ich gern behaupten würde, dass zu derselben Zeit, da ich siebentausend Kilometer weit entfernt westwärts die ersten Geräusche des Orchesters vernehmen konnte, Dave Brubeck im Studio von einer digitalen Tonkonserve her zu spielen begann. Unverzüglich sauste das Stück in kleine Pakete zerlegt und auf einen Protokollfaden gereiht im Datentunnel unter dem Atlantik hindurch zu mir hin, jedes einzelne Paket nur für meine Computermaschine und mich bestimmt, wo es rasend schnell zusammengesetzt und somit hörbar wurde. Das Wunder der Musik. Das Wunder ihrer Reise. Das Wunder meiner Ohren, dass sie existieren. — Kurz nach Mitternacht. Stürmischer Wind pfeift ums Haus. — stop

lippenstille seidenherz
delta : 7.28 — Es gebe, notiert René Char in seiner Gedichtsammlung Lob einer Verdächtigen, nur zwei Umgangsarten mit dem Leben: entweder man träume es oder man erfülle es. In beiden Fällen sei man richtungslos unter dem Sturz des Tages, und grob behandelt, Seidenherz mit Herz ohne Sturmglocke. — Bald einmal zwei oder drei Tage schweigen, um den Kopfstimmen stummer Menschen nachzuspüren. Ich könnte mich kurz vor Beginn des Silentiums verabschieden von Freunden: Bin telefonisch nicht erreichbar! Oder einen Block besorgen, Fragen zu verzeichnen, sagen wir so: Führen sie in ihrem Sortiment Hörgeräte für Engelwesen fingergroß? Eine Kärtchensammlung zu erwartender Wiederholungssätze weiterhin: Habe vorübergehend mein Tonvermögen verloren! — Dass einer, der nach einer traumatischen Erfahrung ohne Stimme ist, in dringenden Fällen kopfseits zu brüllen beginnt, dass er in der Lippenstille mit den Ohren noch nach geringsten Spuren eines Geräusches sucht. — stop






