Aus der Wörtersammlung: ohren

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tasmanischer tiger

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india : 4.10 — Wie ich auf dem höl­zer­nen Boden eines Zim­mers kaue­re. Ich schei­ne mit einer Kat­ze zu spre­chen, die unmit­tel­bar vor mir sitzt. Die Kat­ze schaut mich auf­merk­sam an, ich glau­be, ich erzäh­le der Kat­ze gera­de eine Geschich­te, ihre Ohren sind nach vorn hin aus­ge­rich­tet, als eine Foto­gra­fie auf­ge­nom­men wird, deren Zeit und Ort ich nicht erin­nern kann. Kurz dar­auf nähe­re ich mich der Foto­gra­fie mit einer Lupe, weil ich den Ver­dacht habe, es könn­te sich bei der Kat­ze um ein Tier han­deln, das nur auf den ers­ten Blick eine Kat­ze zu sein scheint. Tat­säch­lich, die Kat­ze trägt kein Fell, ihre Haut ist gestreift, und ihre Ohren sind unge­wöhn­lich groß und rund­lich. Plötz­lich wer­de ich wach, und ich den­ke noch, ich muss zurück, ich bin noch nicht fer­tig, ich soll­te mir die Foto­gra­fie in die Hosen­ta­sche ste­cken und sie mit­neh­men, das den­ke ich ernst­haft, aber es gelingt mir nicht wie­der ein­zu­schla­fen. Stun­den ver­ge­hen, ich neh­me ein Früh­stück, lese in Ray­mond Car­vers Erzähl­samm­lung Beg­in­ners her­um, gehe zum Ein­kau­fen, es ist wie­der Abend gewor­den, im Trep­pen­haus begeg­net mir ein freund­li­cher Mann, der ein Fahr­rad trägt. Ein Fens­ter steht offen, ich höre, es reg­net. — stop

match5

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bahnsteig 24

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gink­go : 2.32 — Zen­tral­bahn­hof kurz nach 3 Uhr in der Nacht. Vier Stun­den in der Zeit zurück sind zuletzt flüch­ten­de Men­schen mit einem Inter­ci­ty-Zug auf Bahn­steig 7 ange­kom­men. Eini­ge jun­ge Män­ner sit­zen nun im Kreis in der Nähe der Auf­nah­me­zo­ne auf dem Boden. Zwei Fami­li­en mit Kin­dern ruhen nicht weit ent­fernt auf Mat­ten, unter gol­de­nen Iso­lier­de­cken gebor­gen, die schim­mern, indem sich die Men­schen bewe­gen. Sie sind erschöpft, schla­fen, ein Jun­ge aber ist noch wach. Er liegt auf dem Rücken, Hän­de und Arme auf die knis­tern­de Decke abge­legt, ganz still und schaut zum Dach der Hal­le hin­auf. Viel­leicht beob­ach­tet er Vögel, die zu die­ser Stun­de noch immer hin und her sprin­gen von Stre­be zu Stre­be, als wäre nicht Nacht, son­dern Tag. Unweit hocken Frau­en und Män­ner der städ­ti­schen Berufs­feu­er­wehr auf Bän­ken. Sie haben die Flüch­ten­den, an die­sem Abend sind es nicht so vie­le Men­schen gewe­sen wie an den Aben­den zuvor, emp­fan­gen. In einem Moment, da die Flüch­ten­den ihre Namen in die Ohren der Über­set­zer spra­chen, wur­den sie zu Ange­kom­me­nen, vie­le zu Über­le­ben­den. Ich höre, eine der Fami­li­en, die über Geld­mit­tel in Dol­lar ver­fü­gen soll, habe ihre Flucht von der Stadt Homs bis hier­her nach Mit­tel­eu­ro­pa in nur fünf Tagen geschafft. Sie sind jetzt in mei­ner Gegen­wart, wirk­lich gewor­den. Men­schen, die ich mög­li­cher­wei­se auf einem Fern­seh­bild­schirm beob­ach­tet hat­te, wie sie durch zer­stör­te, höl­li­sche Stra­ßen ren­nen, stau­big, vol­ler Schre­cken, wie flüch­ten­de Men­schen in den Stra­ßen Lower Man­hat­tans kurz nach Ein­sturz der Twin Towers. Wenn nur für einen Moment in die­ser nächt­li­chen Stil­le eines Bahn­ho­fes hör­bar oder sicht­bar wer­den wür­de, wel­cher Art die Geräu­sche und Bil­der sind, die sie ver­mut­lich in ihrer Erin­ne­rung tra­gen. — stop

match4

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bambus vol. 2

ping
ping
ping

echo : 1.08 — Wie Men­schen nun Han­dys nicht län­ger an ihre Ohren hal­ten, son­dern vor den Mund. Viel­leicht auch des­halb, um gleich­zei­tig spre­chen und lesen zu kön­nen, spre­chen also und hören und noch etwas Wei­te­res tun. — Wie­der Nacht. In einem Moment der Stil­le beob­ach­te­te ich vor weni­gen Minu­ten ein Bücher­re­gal, das in mei­nem Arbeits­zim­mer steht. Ich mein­te wie­der ein­mal, ein Geräusch wahr­ge­nom­men zu haben, in etwa hör­te sich das so an, als wür­de man ein Ohr an ein Bam­bus­rohr legen, durch wel­ches Kie­sel­stei­ne fal­len. Zunächst mel­de­te sich das Geräusch links oben unter der Decke, wo sich Bücher befin­den, die ich bis­her nicht gele­sen habe, war­ten­de Bücher, sagen wir, Mah­nen­de. Kurz dar­auf wan­der­te das Geräusch in die Mit­te des Regals, Chris­toph Rans­mayr klim­per­te, John Ber­ger, Janet Frame, Anto­nio Tabuc­chi. Ich hat­te für eini­ge Minu­ten den Ein­druck, das Geräusch oder sei­ne Ursa­che könn­te sich ver­viel­fäl­tigt haben. Wenn nun fol­gen­des gesche­hen wäre, dass sich die Bücher mei­nes Regals in Funk­bü­cher ver­wan­del­ten, in Bücher, die nur vor­ge­ben, Bücher von Papier zu sein, in Bücher also, die über Sei­ten ver­fü­gen, die eigent­lich Bild­schir­me sind, die man umblät­tern kann. Dann wäre denk­bar, dass ich jenes typi­sche Geräusch ver­nom­men habe, das in genau dem Moment ent­steht, da der Autor eines Buches mit­tels Funk­wel­len eine erneu­er­te Fas­sung sei­nes Wer­kes in die Zim­mer der Welt ent­sen­det. Ich muss dar­über nach­den­ken, was die Mög­lich­keit oder die Exis­tenz der Funk­bü­cher bedeu­ten wür­de für das Schrei­ben, für das Auf­hö­ren kön­nen, für Anfang und Ende einer Geschich­te. Und wenn nun Jean Pauls Komet in mei­nem Zim­mer rascheln wür­de, oder Dan­tons Tod, Georg Büch­ner? – Noch zu tun: Regen­wör­ter erfin­den. — stop

drohne15

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kurz vor panitanki

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marim­ba : 4.18 — Ich kann nicht mit Sicher­heit sagen, wo sich Mila­n­o­ma­ki gera­de tat­säch­lich auf­hält, ich weiß nicht ein­mal, ob es sich um eine Frau oder um einen Mann han­delt, und wie alt die­ser Mensch sein könn­te, der mir erzählt. Zuletzt noch fol­gen­de Notiz im Dezem­ber: Ich soll­te ein Ohren­mensch sein. Ich sit­ze mit leicht zur Sei­te geneig­tem Kopf und höre zu, einem Men­schen viel­leicht oder einer Flie­ge, die über mir im Luft­raum turnt. Oder ich ste­he in einem Zim­mer ganz still, um so prä­zi­se wie mög­lich den­ken zu kön­nen. Kurz dar­auf set­ze ich mich an einen Schreib­tisch und mache vie­le Wör­ter, dann mache ich eine Pau­se, dann lese ich alles das Notier­te noch ein­mal durch, dann strei­che ich so vie­le Wör­ter mit dem Kopf, wie mög­lich ist, um bald wie­der nur einen Strich vor mir auf dem Papier vor­zu­fin­den. Ich habe viel erlebt. — Vor weni­gen Stun­den nun eine wei­te­re Nach­richt, die in einem Zug­ab­teil drit­ter Klas­se wäh­rend einer Fahrt von Mum­bai nach Dar­jee­ling ent­stan­den sein soll. Lesen Sie selbst: Ich kann nicht auf­hö­ren, rasen­des, unent­weg­tes Schrei­ben, weil mir jemand beim Schrei­ben zusieht. Ich schrieb über das Fie­ber der ver­gan­ge­nen Tage, aber dann ent­deck­te ich den Blick der roten Schu­he, und schrieb und schrieb nur noch über mei­ne flie­gen­den Hän­de, wie sie schnel­ler und immer schnel­ler notie­ren, wäh­rend sich die­ser eine rote, fla­che Schuh in mei­ner Nähe immer schnel­ler dreh­te, klei­ne Krei­se in die Luft zeich­ne­te, die sich beschleu­nig­ten, weil ich flin­ker und flin­ker schrei­be, ein Text über das Schnell­schrei­ben, das nur des­halb mög­lich ist, weil die Schreib­ma­schi­nen nicht mehr klap­pern wie frü­her noch, mein Gott, wür­den sie noch klap­pern die­se Schreib­ma­schi­nen, was wür­de das nur bedeu­ten, ein Getö­se, jetzt nur noch ein sanf­tes lei­ses Geräusch im Schrei­ben über das Schrei­ben, ein Ver­such, die­sen Schuh, der zu einem ande­ren Sys­tem gehört, schnel­ler und immer schnel­ler krei­sen zu las­sen. - stop

drohne12

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siatista mittags jahre später

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echo : 5.08 — Vor Jah­ren ein­mal wur­de mir erzählt, ein sehr alter Mann habe sich aus Ver­zweif­lung über die poli­ti­sche Lage sei­nes Lan­des, ande­re mein­ten, weil er im hohen Alter noch hun­gern muss­te, an einem wun­der­schö­nen Mai­tag auf dem Markt­platz der male­ri­schen Stadt Sia­tis­ta, dem­zu­fol­ge in einer nörd­li­chen Pro­vinz Grie­chen­lands, erschos­sen. Er habe ein Sturm­ge­wehr für sei­nen letz­ten Schuss ver­wen­det, eine Waf­fe, die seit dem Jah­re 1944 im Kel­ler sei­nes Eltern­hau­ses in Ölpa­pier gewi­ckelt lager­te. Bei­na­he wäre das Gewehr, einst Stolz des jun­gen Man­nes im Kampf gegen deut­sche Faschis­ten, für immer in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Im Detail war damals zu erfah­ren gewe­sen, die Kugel habe zunächst den Unter­kie­fer des alten Man­nes durch­schla­gen, sei von dort aus in das Gehirn vor­ge­drun­gen und habe den Kopf über das lin­ke Auge hin wie­der ver­las­sen. Bruch­tei­le einer Sekun­de spä­ter soll das Pro­jek­til eine Flie­ge getö­tet haben, die sich kurz zuvor auf den Weg süd­west­wärts gemacht hat­te, um sich zuletzt in den Ast eines Salz­bau­mes zu boh­ren. — Ist das nun eine Geschich­te oder eine Nach­richt? Ich habe noch immer kei­ne Ant­wort auf die­se Fra­ge. — stop

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geister

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india : 0.58 — Das töd­li­che Elend kommt nicht in Sekun­den­bruch­tei­len auf arme Men­schen nie­der, als eine Wel­le lang­sam und kon­ti­nu­ier­lich anstei­gen­der Prei­se für Zucker, Mais, für Was­ser kommts daher. Wer sind die­se Per­so­nen, die mit Getrei­de spe­ku­lie­ren? Könn­te man nicht einen Namen fin­den? Ein Gesicht? Ein mensch­li­ches Wesen, Nase, Augen, Ohren, das man befra­gen könn­te: War­um tun Sie das? — stop

ping

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helsinki turku

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zou­lou : 0.05 — Ein­mal fol­ge ich einem Mann namens Nuuri durch einen Zug, der sich sehr lang­sam von Hel­sin­ki nach Tur­ku bewegt, es schneit. Der Mann, der stets eine hel­le wol­le­ne Müt­ze trägt, ist den Pend­lern, die ihre Sams­ta­ge und Sonn­ta­ge in Tur­ku ver­brin­gen, gut bekannt, sie schei­nen nur dar­auf zu war­ten, sei­ne hei­se­re Stim­me bald hören zu kön­nen: Wol­ken! Wol­ken! Das Stück Wol­ke zu 50 Cent zu ver­kau­fen. Wer Nuuri nicht bereits ein­mal erleb­te, wird ver­mut­lich mei­nen, ein sehr selt­sa­mer Mensch wan­de­re durch die Abtei­le des schep­pern­den Zuges. Aber das wür­de ein Irr­tum sein, Nuuri ver­kauft tat­säch­lich sehr klei­ne, wirk­li­che Wol­ken von Was­ser­dampf. Sie schwe­ben über Baum­mi­nia­tu­ren, wel­che dicht an dicht aus Fächern wach­sen, die Nuuri mit­tels eines Bauch­la­dens vor sich her­trägt. Ein fei­nes Netz glä­ser­ner Fäden ist wie eine Kup­pel über der wil­den Land­schaft auf­ge­spannt. Sobald man sich mit Augen, Ohren, Nase nähert, wird man wis­pern­de Affen­stim­men ver­neh­men, Vögel sind zu erken­nen, die über Baum­wip­fel krei­sen, und ein Pan­ther so groß wie eine Amei­se, der sich auf einer Lich­tung wälzt. Und eben Wol­ken, Wol­ken, die man kau­fen kann, sie blit­zen und knal­len von Zeit zu Zeit, es duf­tet sofort nach Schwe­fel, nach einem Löf­fel voll glim­men­den Schwe­fels. Sobald man nun eine Wol­ke zu kau­fen wünscht, eine Wol­ke zu 50 Cent, gebe man ein Hand­zei­chen. Nuuri wird dann unver­züg­lich Platz neh­men, ein freund­li­cher Mensch. Er wird sich erkun­di­gen, wel­che Wol­ke es denn sein soll. Und wäh­rend man nun unter den Wol­ken, es sind vie­le, eine geeig­ne­te Wol­ke suchen wird, wird Nuuri von Tur­ku und vom win­ter­li­chen Eis auf dem Meer und der Stil­le im Ohr erzäh­len, und wie es über­haupt mög­lich sein kann, einen Amei­sen­pan­ther zu füt­tern. — Ende der Wol­ken­ge­schich­te. — stop

polaroidmaedchen

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vom anemonentext

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alpha : 6.55 — Neh­men wir ein­mal an, dem ursprüng­li­chen Code einer See­ane­mo­ne wür­de ein wei­te­rer Code hin­zu­ge­fügt, eine sehr kur­ze Stre­cke nur, sagen wir Jack Kerou­acs Roman The Town and The City mit­tels Nukleo­ba­sen­paa­ren notiert. Was wür­de gesche­hen? Inwie­fern wür­de Jack Kerou­acs Text Wesen oder Gestalt einer See­ane­mo­ne berüh­ren? Wür­de der Text von See­ane­mo­ne zu See­ane­mo­ne wei­ter­ge­reicht, wür­de der Jack Kerou­acs Text sich nach und nach ver­än­dern, wür­de er viel­leicht ent­lang der Küs­ten­li­ni­en wan­dern? Seit ges­tern, ich habe geträumt, sind mensch­li­che Per­so­nen denk­bar, die nur zu dem einem Zweck exis­tie­ren, näm­lich Ohren, ein gutes Dut­zend wahl­wei­se auf ihren Armen oder Schul­tern zu tra­gen, um sie gut durch­blu­tet, solan­ge zu kon­ser­vie­ren, bis man sie von ihnen abneh­men wird, um sie auf eine wei­te­re Per­son zu ver­pflan­zen, die eine gewis­se Zeit oder schon immer ohne Ohren gewe­sen ist. Unheim­li­che Sache. — stop

polaroidkueste5



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