tango : 15.28 — Im Central Park für Stunden. Einmal lege ich mich ins Gras und notiere was ich sehe: Hunde, zum Beispiel, Riesenpudel im weißen Pelz, rosafarben die Haut ihrer Gesichter, Kreaturen, Menschenhunde, die uralte Bäume markieren. Das feine, helle Grün der Kronen, wisperndes Licht, als wär noch Frühling, solche Bäume, die geduldig flanierende Personen beschirmen. Und Läufer, männliche und weibliche Läufer, leicht bekleidet, entspanntes Lächeln, wie von unsichtbaren Fußsänften getragen. Vier Polizisten, je mit Mütze, schweres Gerät klimpert in der Mitte ihrer runden, festen Körper. Eisverkäufer streiten am Ufer eines Sees, auf dem Funksteuerboote segeln. Ein verliebtes Paar ist da noch, sie liegen, und ein weiteres, ein gleichgültiges Paar lungert auf einer Bank, die Frau einerseits türmt mit zartesten Bewegungen ihrer rot bemalten Zehen Baumsamenspreu zu Gebirgen, der Mann andererseits beobachtet ein filigranes Wesen, das von Leibwächtern umringt über eine Wiese nordwärts schreitet. Ich schlafe bald ein. Eine nordamerikanische Biene, brummend. Das Blau des Himmels. Zwei Luftballons wippen vorüber, als würden sie auf eigenen Beinen gehen. — stop
Aus der Wörtersammlung: pen
mrs. wilkerson
whiskey : 22.28 — Mrs. Wilkerson ist eine außerordentlich stattliche Erscheinung. Sie trägt ihr schwarzes Haar zu einer Kugel geformt streng hinter den schmalen Kopf zurückgezogen, Mund und Augenlider sind von einem Schimmer erhellt, der so dezent aufgetragen ist, dass er auf der Haut einer weißhäutigen Frau nicht sichtbar werden würde. Wenn man abends nach zehn Uhr das Haus in der 38th Straße betritt, wartet sie bereits, meistens stehend und freundlich lächelnd hinter ihrem Tisch in einer fliederfarbenen Bluse unter einem dunkelblauen Jackett so adrett gekleidet, so sauber, so leuchtend, dass ich mir immer ein wenig schmutzig vorkomme, staubig, sagen wir, klebrig, erhitzt von der Erregung der Stadt, die ich während des Tages aufgenommen habe. Mrs. Wilkerson kennt mich bei meinem Namen. Sir, sagt sie, ein seltsam klingendes Wort in meinen Ohren, dann wieder Honey, was ich als Auszeichnung empfinde. Sie arbeitet nachts, öffnet die Tür, sobald ein Bewohner oder Besucher des Hauses die kleine Halle vor den Aufzügen zu betreten wünscht, grüßt, vermittelt Postsendungen, Nachrichten, Zeitungen, aber eigentlich bewacht sie das Gebäude und die Menschen, die in ihm wohnen. Eine vollendet höfliche Person, etwas größer als ich und so geschmeidig und locker in ihrer Art, dass ich sie zum Vorbild genommen habe. Ob die Aufzüge des Hauses schon einmal ausgefallen seien, verlangte ich unlängst zu wissen. Nicht, wenn sie selbst im Dienst gewesen sei, antwortete Mrs. Wilkerson. Ich fragte weiter fort, ob es denn gestattet sei, durch das Treppenhaus aufwärts zusteigen, um die Zeit eines Fußweges himmelwärts zu messen. Und als ich mich umdrehte, als ich in Richtung der Tür spazierte, auf die sie gedeutet hatte, wieder diese lachende, fürsorgliche Stimme: Honey, your bag is open! — stop

ventilatorpocken
nordpol : 9.16 — Dämmerung des Morgens. In den blaugrauen Schatten der Häuserspitzen, die sich über Kreuzungen bewegen, scheint die Zeit schneller zu werden. Ein Waschbär hastet Richtung Central Park geduckt der Bordsteinkante entlang. Am siamesischen Hydranten hält er kurz an, trinkt, dreht sich immer wieder nach mir um, unsicher vielleicht, weil er bemerkte, dass ich ihm folge durch die Seewindluft, die noch kühl ist von der Nacht. Das Rauschen der Ventilatorpocken an den Häuserwänden, sanft. Vereinzeltes Hupen. Eine Minutengeschichte im Warten auf Uwe Johnsons Wörterlicht, die Sohle der Lexington Avenue noch verschattet. — stop
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manhattan transfer
ginkgo : 17.58 — Im Moment der Vergegenwärtigung, eine Minute stillzustehen und zu denken: Meine Schuhe berühren amerikanischen Boden. Könnt von hier aus nach Patagonien laufen, nach Feuerland, ohne je einen Schwimmzug zu unternehmen, südwärts, südwärts zur 42th Straße hin, den Lincoln Tunnel unter dem Hudson durch nach New Jersey, immer der Küste entlang, langsam, Schritt für Schritt. Aber dann nehmen mich meine Beine doch nordwärts mit sich fort, spazieren den Zoo der Bronx bis wir abends müde geworden das Fährpendelschiff Downtown erreichen. Schaun nach Holly, heut könnt sie kommen wie aus dem Nichts aus dem Strom der Menschen, Marsec Security Level 1, fröhlich grüßt sie die Matrosen, fliegt über die Gangway aufs untere Deck hin zum vertrauten Platz am Fenster ins Licht der flaschengrünen See. Hier nimmt sie unverzüglich ihre Arbeit auf, beginnt Zeichen von einem Buch auf regenfestes Papier zu übertragen: Mittagsstunde am Union Square. Ausverkauf. Müssen räumen. WIR HABEN EINEN SCHRECKLICHEN IRRTUM BEGANGEN. Auf dem staubigen Asphalt kniend, putzen kleine Jungen Schuhe, Halbschuhe, Sandalen, Knöpfelschuhe, Stiefeletten. Wie ein Löwenzahn glänzt die Sonne auf der Spitze jedes frisch geputzten Schuhs. — stop
ground zero
sierra : 18.16 — Zwei Stunden Broadway südwärts bis Fultonstreet. Eine kleine Kirche, St Paul’s Chapel, Granitsteine, Gräber, ein Garten unter Bäumen. Ich kenne diesen Garten, diese Bäume, eine Fotografie genauer, die einen Staubgarten zeigt, Sekundenzeit entfernter Gegenwart, ein Bild, das im September 2001 aufgenommen wurde, am elften Tag des Monats kurz nach zehn Uhr vormittags. Hellgraue Landschaft, Papiere, größere und kleinere Teile, liegen herum, Akten, Scherben. Auch die Bäume vor der Kirche, helle Gestalten, als hätte es geschneit, eine feine Schicht reflektierender Kristalle, Spätsommereis, das an Wänden, Stämmen und an den Menschen haftet, die durch den Garten schreiten, träumende, schlafwandelnde, jenseitige Personen im Moment ihres Überlebens. Ein merkwürdiges Licht, beinern, nicht blau, nicht blühend wie am heutigen Tag um Jahre weitergekommen. Etwas fehlte in der Luft im Raum unter dem Himmel über Manhattan sehr plötzlich, war so fein geworden, dass es von flüchtenden Menschen eingeatmet wurde. Kaffeetassen. Treppenläufe. Hände. Feuerlöscher. Füße. Waschbecken. Nieren. Stühle. Schuhe. Computerbildschirme. Arme. Brüste. Kopfschalen. Radiogeräte. Bleistifte. Telefone. Ohren. Augen. Herzen. stop
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fifth avenue – lemur
tango : 20. 56 — Pappkartonhütten auf Treppen, die zu Kirchenräumen führen, zerlumpte, sich bewegende Gebilde. Seit Stunden geht mir ein Satz nicht aus dem Kopf, der in New Yorker Subway – Zügen immer wieder einmal zu lesen ist: Give the homeless the kind of change they can really use. Irgendetwas irritiert in dieser Zeile. — Abend. Warm und schwül der Atem der Straßen. Vor der St. Patricks Cathedral, Fifth Avenue, liegt eine Frau ohne Bewusstsein um einen Hydranten gewickelt auf dem Boden. Eine Ratte zerrt an ihrem Gepäckwagen. Das nervöse Tier hebt den Kopf, scheint mich zu betrachten, diesen Mann in feinen Hosen, mit tadellosen Wanderschuhen, der mit weit geöffnetem Mund vorsichtig atmet. Beißender Gestank ruht in der Luft. Ich stehe, ich denke, sie wird bald sterben, diese Frau wird bald sterben. Sie könnte eine Mutter sein. Ihre eitrigen Hände. Ihr von Schmutz graues Gesicht. Ihr staubiges Haar. Ihre tief in den Kopf eingesunkenen Augen. Was ist, was nur um Gotteswillen ist geschehen, dass sie so endet? — stop
zungen
delta : 18.
05 — Was ich hörte im Gehen Ecke Lexington Avenue zur 59. Straße, ein Wort müsste ich übers andere schreiben. Das Heulen der Löschzüge, das Hupen der Taximobile, quietschende Bremsen, Krawall aus Läden, Menschenstimmen, Pfeifen, Quietschen, Ächzen, Brausen, Lärmzungen, die um jede Ecke streichen, ein Wort über das andere schreiben, bis sich die Zeichen aus dem Papier erheben. — stop

penn station
marimba : 23.
12 — Pennstation am späten Abend. Namen, Leuchtstoffe, Zielorte, die auf Tafeln klappernd von Zeile zu Zeile fallen. Montauk. stop. Babylon. stop. Syrakus. stop. Kerookee. stop. Muschelnde Geräusche, Wörter, Sätze fortbewegend, Dos Passos, sagen wir, Manhattan Transfer, Edition für Tiefseetaucher. stop. 700 selbstleuchtende Seiten a 1200 Gramm. stop. Funkblätterung. stop. 1 x 0.5 Meter Kantenlänge. stop. Himmel, was für ein großes, schweres Buch. stop. Schwebend. stop. 550 Fuß Tiefe. — stop
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mann ohne mund
tango : 22.16 — Dreifach einem Mann ohne Mund begegnet, jedes Mal unter der Lexington Avenue gegen den Abend zu fahrend, wenn sich die Züge füllen mit Pendlern in alle Richtungen des Himmels. Das Pfeifen der Luft, die den Saum einer Öffnung am Hals des Mannes in Schwingung versetzt, ich hörte es in nächster Nähe, ich hörte es im Traum, ich erinnerte es bei einer zweiten Begegnung sofort, als wäre das pfeifende Flattern eine Stimme, da war er noch entfernt, da sah ich sein zerstörtes Gesicht durch die Menge der Reisenden näherkommen, sah seine gleichwohl vom Feuer versengten Hände, rosa leuchtende Haut da und dort, die Ahnung einer Nase, sein Auge, das letzte, gerötet von der Anstrengung und vom Ausdruck der Dankbarkeit, mit dem er jeden unter der Stadt reisenden Menschen bedachte, sobald er sich Davids Geschichte lesend näherte, sprechenden Fotografien vor einer ruhig atmenden Brust: Ich, ich habe in Bagdad mein Gesicht verloren in einer Sekunde an einem Abend wie diesem Abend, in einem Sommer wie diesem Sommer. Und wie er jetzt weitergeht, wie er die Stille mit sich nimmt. Auch ich habe kein Wort zu ihm gesagt, als ob ein Mann ohne Mund nicht hören könne. — stop
spieldose
tango : 0.03 — Vor Jahren, zur Sommerzeit, an der Seite einer schwermütigen Frau durch tropfenden Wald nahe einem Krankenhaus. Es hatte geregnet, eine Sintflut, das Kleid der Frau, von dem sie erzählte, dass es sich um ein brennendes Kleid handele, klebte an ihrem Körper fest. Schmal war sie geworden, zerbrechlich, fast durchsichtig, die Haut ihrer Hände, ihrer Wangen, ihres Halses. Ich erinnere mich, dass ich ihr Libellen zeigte, sie jagten dicht über den dampfenden Boden hin, Walderdbeeren, einen Frosch. Ich fragte nach ihren Gedanken, aber ich konnte sie nicht erreichen, auch mit meinen Blicken nicht, weil sie mich nicht ansehen wollte, sondern vor sich hin starrte, indem sie vorsichtig ihre Schritte setzte, als würde der Boden unter ihren Füßen nicht wirklich existieren. Ihr feines Gesicht, ihre hellen Augen, hell von Schmerz und Furcht. Wie sie nach einer langen Zeit des Schweigens sagte, niemand könne verstehen, wie sie sich fühle, kein Mensch, das sei schrecklich, und das Atmen, die Angst, die Leere, der Eindruck zu fallen, und dass sie nicht wüsste, wann das alles wiederkommt, wenn es doch einmal aufgehört haben sollte, und warum. In einer ihrer Hände barg sie eine Spieldose. Manchmal hielt sie die kleine Maschine vor ihr Gesicht und drehte an einer Kurbel. Sie neigte dann den Kopf zur Seite, und für einen Moment schien der Schmerz nachzulassen, eine Ahnung im Sommerregen, eine Erfahrung größter Ferne und Hilflosigkeit inmitten zirpenden, pfeifenden, rauschenden Lebens. Gestern in einer besonderen Weise von dem erschütternden, hoffnungsfrohen Film Helen in die Tiefe erzählt. — Top five der schlechtesten, gut gemeinten Ratschläge von Leuten, die überhaupt keine Ahnung haben: Fahr in die Ferien, lies ein Buch, lass Dir die Haare schneiden, renovier Deine Wohnung, lerne Joga. — stop







