romeo : 0.08 – Kurz nach Mitternacht. Leichter Regen, aber nur als Vorstellung, als Übung, als Suche in den Magazinen meines Gehörs. Plötzlich erinnerte ich mich, einmal heimlich ein Ohr aus nächster Nähe beobachtet zu haben, ein Wunder der Schöpfung. Ich betrachtete dieses Ohr so liebevoll und so lange Zeit, dass ich bald etwas ganz anderes in ihm sehen wollte, als eine halbe Stunde noch zuvor, ein Wesen nämlich ganz für sich. Der Gedanke, ich könnte jederzeit ein schlafendes Ohr mit meinem Blick berühren, ohne dass es davon wach werden würde, fasziniert mich außerordentlich. Wenn ich aber sagen würde, leise, leise: Du bist wunderschön, dann würde das Ohr mich vielleicht ansehen, ein noch halbwegs träumendes Auge von einer Sekunde zur anderen Sekunde, und ein Mund, ein Mund, der lächelt. — Gute Nacht.
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Aus der Wörtersammlung: sehen
abendsegeln
echo : 0.01 — Der Versuch, im Garten die Dämmerung des Abends mit meinen Augen, also mit meinem Gehirn zu begreifen. Es ist wieder einmal sonderbar, ich habe einen Knoten in meinem Kopf. Immer genau dann, wenn ich sagen wollte: Schau her, vor einer Sekunde ist es ein wenig dunkler geworden, war ich mir nicht sicher, ob ich nicht irrte, weil ich das Dunkelwerden nicht eigentlich gesehen, sondern vielmehr gefühlt oder angenommen hatte. Einmal schloss ich meine Augen für zwei Minuten und hoffte vergeblich, mir das Lichtbild merken zu können, das ich zuletzt gesehen hatte. Und doch habe ich eine feine Entdeckung gemacht. Sobald ich im Dunkeln mein Gehirn mit meinen Lidern bedecke, wird das Dunkel heller. Ich muss das im Auge behalten! — stop
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appalachian trial
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : NACHTBÄREN
Lieber Mr. Kekkola, haben Sie sich also auf den Weg gemacht! Wie sehr ich mich für Sie freue! Den Appalachian-Trail einmal anstatt von Süden kommend, von Norden her zu bewandern: feine Idee. Ich bin begeistert! Aber Sie sind spät, sehr spät sind Sie, viele Tage werden Sie unter Regenwolken wandern. Ich hoffe, man hat Sie gut vorbereitet, hoffe, dass Sie über ein wasserfestes Telefon und eine gleichwohl wasserfeste Schreibmaschine verfügen. Ihre erste Nachricht ist heute Morgen jedenfalls bei mir eingetroffen. Eine E‑Mail, der nicht anzusehen ist, dass sie in der Wildnis geschrieben wurde. Wir leben doch in seltsamen Zeiten. Ich habe mir sofort eine kleine Karte ihrer Route besorgt. Was machen die Bären? Und die Bienen? Und die Ameisen? Natürlich werde ich unverzüglich an Sie schreiben, sobald ich einen ersten tieferen Eindruck vom Rüsselprinzip der Tiefseeelefanten gewonnen habe. Ich denke Tag und Nacht über das Atmen in großer Tiefe nach. Ganz vorsichtig teile ich Ihnen mit, dass ich vielleicht bereits eine Ahnung habe. Bis bald, mein lieber Kekkola. Passen Sie gut auf sich auf! – Ihr Louis
gesendet am
27.07.2009
18.58 MESZ
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louis to jonathan
noe kekkola »

sandaugen blau
sierra : 10.15 — Ein Spaziergang durch den Präpariersaal bei sommerlichen Temperaturen. Wollte Augen betrachten, fixierte Augen, und so ging ich von Tisch zu Tisch und suchte nach sandigen, bläulich schimmernden Bällen. Mein scheuer, mein ruhiger, mein fast kühler Blick. In der vergangenen Nacht aber, weiß der Himmel, warum, ein starker Eindruck von Unheimlichkeit, indem ich Ansichten weckte und buchstabierte gegen 2. Ich stand vor dem Schreibtisch auf, öffnete die Fenster, ließ wartende Fliegen und Falter herein, hörte Charlie Parker bis in die Morgendämmerung und dachte weiter nach über das Rüsselprinzip der Tiefseeelefanten. Die Frage stellt sich seit Tagen dringend, wie sie Luft von der Meeresoberfläche zu sich in die Tiefe holen. — Können Tiefseeelefanten sehen? — stop
tiefseeelefanten
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : MONTAUK
Lieber Mr. Kekkola, haben Sie vielen Dank für die feine Fotografie, die Sie mir gestern Abend übermittelten. Wie ich mich herzlich freue, dass Sie sich an mich erinnerten, an die Geschichte uralter Elefantenwanderwege, die den Grund des Karibasees durchkreuzen. Und doch glaube ich, ist der See, an den ich vor langer Zeit einmal dachte, viel zu tief und viel zu breit, als dass Elefanten ihn passieren könnten, ohne Schaden zu nehmen. Nun, wir werden sehen. Ich bin beruhigt, weil Sie mir schreiben, dass ich Ihren Namen als Pseudonym weiterhin verwenden darf, auch für unheimliche Geschichten, wie die Geschichte meiner speziellen Käferwesen von Menschenhaut. Schön muss es bei ihnen sein, in Montauk. Ich besuchte Ihre Gegend mit der Google — Earthmaschine, habe ihr Haus beobachtet und am Strand den Schatten einer menschlichen Gestalt. Denkbar, dass Sie das gewesen sind, so klein, so winzig. Habe ich Ihnen berichtet, dass ich ein Wunschbuch für Träume führe seit einigen Tagen? Ich könnte, nein, ich sollte für die kommende Nacht notieren: Schlafen gegen zwei! Erzähl dir Elefantenherden, die den Atlantik durchqueren. Schwebend unter Rüsseln von fantastischer Länge, leicht, wie Menschen auf dem Mond, spazieren sie schnorchelnd über schneeweißen Tiefseesand. Herzlich grüßt Sie Ihr Louis. Ahoi!
gesendet am
12.07.2009
22.58 MEZ
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louis to jonathan
noe kekkola »
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sleeping
sierra : 0.02 — Kurz nach Mitternacht, das Ende eines federleichten Tages, an dem ich, gegen den Morgen zu, eine feine Geschichte erlebte. Das war nämlich so gewesen, dass meine Hand, meine rechte Hand, während ich schlief, das Bett verlassen hatte. Sie schwebte, indem ich träumte, von einem Gewitter angerufen worden zu sein, fast bewegungslos über dem Boden und wurde in dieser Haltung nach einer Erinnerung zärtlich fotografiert, weil ich vor einigen Monaten notiert hatte, dass ich, wenn ich sage: meine schlafenden Hände, von Händen spreche, die ich nie gesehen habe. Dieser Satz ist nun natürlich nicht ganz unwahr geworden, weil ich immerhin noch keine Ahnung habe, wie meine linke Hand aussehen könnte, während sie schläft. Außerdem habe ich meine schlummernde Hand nicht selbst gesehen, mit eigenen Augen, wahrhaftig, in echter Zeit, sondern verzögert und durch das Auge einer Kamera gebändigt. — stop

im albtraum
tango : 0.05 — Ich hatte ein Museum geträumt, ein Albtraum, ein Museum, dessen Säle für Besucher zur Nachtzeit nur geöffnet waren. Folgendes: Eine Spielzeugmaschine erhebt sich dort, Saal 107, von einem Tisch, eine Stadt ohne Staub. Da sind Häuser, Baracken, geschotterte Wege, Mauern, ein Platz. Und Bäume sind da noch. Und Schienen. Und Türme. Hölzerne Türme. Gusseiserne Lampen. Scharfes Licht, weißes Licht, Gewitterlicht. Kein Laut, kein Schatten, keine Bewegung. Aber in den Kronen der Bäume, Unruhe, bebendes Warten. Es ist wieder die sechste Sekunde, dann die siebte, dann die achte. Jetzt geht alles sehr schnell vonstatten. Ein heller Ton, ein Pfiff, kaum hörbar. Eine Lokomotive, weißer Dampf, rast auf Schienen aus dem Halbdunkel jenseits der Umzäunung heran, ein Zug, ein langer Zug. Auch in die Stadt ist nun Bewegung gekommen. Personen. Vögel. Hunde. All das so voran, als wäre es aufgezogen, würde sich entladen, ruckartig, als habe man einem Film Sekunde für Sekunde Bilder entnommen. Der Zug stoppt. Figuren, Menschenfiguren, Hunderte, auch Kinderfiguren, fließen aus Waggons, formieren sich zu einer Linie, die sich bald teilt. Wispern und Zwitschern. Dann Rauch. Nadeln von schwarzem Rauch. Rauch bis zur Himmelsdecke. Und Geruch. Ein seltsamer Geruch, sehr senkrecht, seltsam, Geruch von geschmolzenem Metall, von Zinn, süß, von Gebäck. Alles ist wie von Sand beworfen, so eingefärbt, auch jene Menschen, die klein sind und schnell und bald schon verschwunden, waren von der Farbe hellen Sandes. Dann wieder Stille. Keine Bewegung. Nur die Bäume, das Blattwerk, unruhig. — stop
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perugia
bamako : 0.02 — Gestern Nachmittag, bei großer Hitze auf einer Wiese liegend, fünf Zitronenfalter beobachtet, die sich höchst merkwürdig benahmen. Sie wirbelten nicht, wie üblich, spielend und werbend umeinander herum, ein Falter vielmehr flog unter dem anderen Falter dahin, als ob sie einander Schatten spenden wollten, eine Flugschule, sagen wir, kunstvoll in dieser Art und Weise. Einen Moment dachte ich, dass die Sonne möglicherweise mein Gehirn so weit erwärmt haben könnte, dass es die Wirklichkeit vor meinen Augen gestaltete, wie es ihm gerade passte. Aber ich hatte doch einen Hut auf dem Kopf und ich erinnerte mich rasch an eine Meldung, Segelfalter der Gattung Iphiclides podalirius 5 hätten sich in einem zentralen Park der Stadt Perugia in ähnlicher Weise verhalten, und zwar im Herbst, noch nicht lang her. — Werde an diesem Sonntag früh mit kühlem Kopf von der Nacht in den Garten meiner Beobachtung zurückkehren und nachsehen, ob wir bei Verstand geblieben sind.

zwitschern
india : 22.10 — Seltsame Spur, die Twitter auf meinem Computer schreibt. Meldungen, Sekunden nur oder Minuten voneinander entfernt: > mw — boston : Just saw a mouse in the apartment! EEEEK!!!!!! Im getting a barn owl./ ky — teheran : unconfirmed — 150 people killed last week/ mv — absudistan : Ich glaube, mein Blick sagt gerade Vorm-Schlafengehen-möchte-ich-Blut-fließen-sehen./ sb — zürich : ich werde von menschen regiert, mit denen ich nicht mal reden würde./ ft — teheran : Crackdown on Journalists: Journalists are reportedly arrested in Boushehr, Mashad and Rasht/ mb — berlin : könnt ihr mal ähm feedback geben, ob der feedreader wieder funktioniert für mein blog?/ ft — teheran : Allah Akbar and Death to Dictator cry out over Iran tonight, as in other nights/ ts — münchen : “Was sollen das für Sprachen sein, die sich von Ihnen beherrschen lassen” Kurt Tucholsky/ cb — georgia : today is a good day to die say the cheyene/ pk — hamburg : ich habe einen WakeUp-Tweet in die Köpfe meiner schlafenden Timeline gesendet/ sl — nordsee : More videos coming in from Tehran. A man down and a bus in flames./ ft — teheran : foreign embassies in Tehran opened their doors to the wounded & Injured/ cnn — everywhere : moussavi to protesters: ‘The country belongs to you. The revolution and the system is your heritage.’/ kiwi — teheran : We have a few moments to tweet with you — our friends — from a DSL connection.
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nyala
ginkgo : 0.01 — Wenn ich sage: meine schlafenden Augen, spreche ich von Augen, die ICH nie gesehen habe. — stop




