whiskey : 0.01 – Gespräch mit einer kleinen Philosophin am frühen Abend in einer Straßenbahn, weswegen ich nun für den Rest meines Lebens gerührt sein werde von einem ihrer Gedanken, der mir zu erklären versuchte, weswegen ihre Ohren etwas größer seien als die Ohren ihrer besten Freundin. Das wäre nämlich so, dass ihre Ohren deshalb größer seien, weil sie viel weniger sprechen würde als ihre Freundin üblicherweise. Ich kann, fuhr sie fort, mit meinen Ohren sogar meine eigene Stimme hören, obwohl ich gar nichts sage. Blinde segelten durch die Luft. — stop
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Aus der Wörtersammlung: freund
existenz
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : EXISTENZ
Wie weit Sie wohl gekommen sind, mein lieber Kekkola? Sie sollten New Hampshire längst erreicht haben. Nach wie vor ersehne ich eine Nachricht, obwohl ich mir ungezählte Male vorgenommen habe, nie wieder in einem Zustand von Erwartung zu leben. Und doch ist das jetzt so gekommen, dass ich mich sorge, weil Sie kein Zeichen, nicht das geringste Lebenszeichen übermitteln. Ein Satz, mein Freund, eine leere E‑Mail würde genügen, ich wäre zufrieden, weil ich doch wüsste, dass Sie in der Lage sind, zu lesen, was ich für Sie notiere. Stellen Sie sich vor, in der vergangenen Nacht habe ich mir überlegt, ob Sie nicht vielleicht reine Erfindung sind und Ihre Briefe an mich nur ausgedacht. Mein lieber Kekkola, wo auch immer Sie sich aufhalten mögen, nehmen Sie wahr, dass ich an Sie denke. Unlängst, das sollten Sie wissen, stellte ich noch die Frage, wie Tiefseeelefanten hören, was sie miteinander sprechen, da doch die Sprechgeräusche ihrer Rüssel sehr weit von ihren Ohren entfernt jenseits der Wasseroberfläche zur Welt kommen und rasch in alle Himmelsrichtungen verschwinden. Ihr Louis, hoffend.
gesendet am
10.10.2009
22.38 MESZ
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louis to jonathan
noe kekkola »
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zwei erfinder
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~ : louis
to : Mr. sami tupavuari
subject : penelope
Sehr geehrter Herr Tupavuari! Guten Abend! Ich heiße Louis. Sie werden mich nicht kennen. Ich hörte, Sie sollen ein Geräuschworterfinder sein. Bis vor Kurzem wusste ich nicht, dass Menschen wie Sie existieren. Umso glücklicher fühlte ich mich, als mir ein Freund von ihren Fähigkeiten berichtete. Ich wende mich nun mit einer dringenden Bitte an Sie. Es geht darum, dass ich Ihnen von Penelope zu erzählen wünsche, einer sehr besonderen Person, einer Frau, die in der Lage ist, Finger in der Art und Weise der Eidechsen von sich zu werfen. Sie werden sich vielleicht wundern, wie so etwas möglich ist. Glauben Sie mir, auch ich wundere mich von früh bis spät über dieses faszinierende Geschöpf. Reine Erfindung und doch schon ein dringender Fall. Sie müssen wissen, ich komme nicht weiter, weil ich ein Wort entbehre, das mir nicht einfallen will, ein Wort, eine Lautschrift, die ein Geräusch wiedergeben oder darstellen könnte, das in genau jenem Moment entsteht, wenn sich ein Finger Penelopes von ihrem Körper löst. Ein Wort müsste das sein, welches von Haut und Knochen ist, ein leichtes, windiges, sanftes, erstaunliches Wort. Wie unermesslich dankbar wäre ich Ihnen, lieber Herr Tupavuari, wenn Sie mir weiterhelfen, wenn sie sofort Ihre Arbeit aufnehmen könnten. Ich frage Sie nun in aller Eile: Was würde ein Wort, wie das gewünschte Wort, in etwa kosten? Mit besten Grüßen – Ihr Louis
gesendet am
28.09.2009
23.58 MESZ
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situs inversus / apsis 5
tango : 8.58 – Früher Morgen. Eine Nacht schwerer Arbeit liegt hinter mir. Ich hatte gestern noch einer Freundin, deren Vater gerade gestorben ist, während eines Spazierganges von meiner Suche nach Rheinelefanten erzählt. Wie ich auf und ab fahre, Stunde um Stunde mit dem Zug zwischen Bingen und Koblenz, die Kamera gezückt. Und wie sie in ihrer Trauer doch für einen Moment herzhaft lachte. Dann sitze ich vor dem Schreibtisch und habe partout kein Verlangen nach anatomischen Dingen. Dem entgegen menschenleere Szenen weiter gelesen. Ich lehne an einer Wand des Präpariersaal’s. Irgendwo klappert ein Stück Metall, nichts weiter ist zu hören. Oder doch vielleicht ein schimmerndes Geräusch in meinem Kopf, leise, leise. Jenseits der Fenster hüpfen Vögel in den Bäumen, Bewegung, die anzeigt, dass ich weder vor einem Gemälde noch vor einer Fotografie Platz genommen habe, dass ich mich von der Wand lösen und zu einem der Tische wandern könnte, etwas verändern, den Faltenwurf einer Decke vielleicht, oder eine Seite umblättern in einem anatomischen Atlas, der im Saal zurückgelassen wurde. Ich sollte ein Stück Kreide in die Hand nehmen und auf eine Tafel schreiben: Situs inversus / Apsis 5 Tisch 82
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von der hölle von der hoffnung
tango : 1.17 — Ein Freund erzählt von Nächten, die er vor 30 Jahren in den gefährlich gewordenen Straßen und auf den Dächern über der Stadt Isfahan verbrachte. Das Rufen tausender Stimmen: Allah-o-Akbar. Wir haben das erfunden, um den Schah zu vertreiben, auch ältere Menschen konnten sich in dieser Weise bemerkbar machen. Wir kämpften für Demokratie, hörten BBC, um herauszufinden, ob irgendjemand wahrnimmt, was mit uns geschieht. Kannst Du verstehen, wie ich mich jetzt fühle? — Furchtbar wurden sie betrogen, eine Generation im Exil. – Kurz nach Mitternacht. Fereshteh Ghazi, junge Journalistin, notiert: Tonight, like past nights, the chants of “Allah-o-Akbar” were heard on roof tops of Tehran & other cities. Seit Tagen schreibt sie sich die Finger wund. Persiankiwi aber, dessen Zeichen ich viele Stunden lang auf dem Bildschirm erwartete, ist verstummt. Vorgestern noch Zeilen auf Twitter folgende: > just in from Baharestan Sq — situation today is terrible — they beat the ppls like animals 3:34 PM Jun 24th I see many ppl with broken arms/legs/heads — blood everywhere — pepper gas like war 3:35 PM Jun 24th
they were waiting for us — they all have guns and riot uniforms — it was like a mouse trap — ppl being shot like animals 3:53 PM Jun 24th saw 7/8 militia beating one woman with baton on ground — she had no defense nothing — sure that she is dead 3:55 PM Jun 24th so many ppl arrested — young & old — they take ppl away — we lose our group 3:59 PM Jun 24th ppl run into alleys and militia standing there waiting — from 2 sides they attack ppl in middle of alleys 4:01 PM Jun 24th all shops was closed — nowhere to go — they follow ppls with helicopters — smoke and fire is everywhere 4:03 PM Jun 24th phone line was cut and we lost internet — getting more difficult to log into net 5:05 PM Jun rumour they are tracking high use of phone lines to find internet users — must move from here now 5:09 PM Jun 24th reports of street fighting in Vanak Sq, Tajrish sq, Azadi Sq — now — Sea of Green — Allah Akbar 5:14 PM Jun 24th in Baharestan we saw militia with axe choping ppl like meat — blood everywhere — like butcher — Allah Akbar — 5:16 PM Jun 24th they catch ppl with mobile — so many killed today — so many injured — Allah Akbar — they take one of us — 5:18 PM Jun 24th Lalezar Sq is same as Baharestan — unbelevable — ppls murdered everywhere — 5:19 PM Jun 24th they pull away the dead into trucks — like factory — no human can do this — we beg Allah for save us — 5:23 PM Jun 24th Everybody is under arrest & cant move — Mousavi — Karroubi even rumour Khatami is in house guard — 5:28 PM Jun 24th we must go — dont know when we can get internet — they take 1 of us, they will torture and get names — now we must move fast — 5:34 PM Jun 24th thank you ppls 4 supporting Sea of Green — pls remember always our martyrs — Allah Akbar — Allah Akbar — Allah Akbar 5:36 PM Jun 24th Allah — you are the creator of all and all must return to you — Allah Akbar 5:39 PM Jun 24th — stop
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taube
nordpol : 0.08 — Kürzlich im Traum im Park ein Gespräch mit einer Taube, geräuschlos war sie auf meiner linken Schulter gelandet. Ich erkundigte mich, weshalb sie und alle ihre Taubenfreunde so tief, so dicht über den Boden fliegen würden an diesem schönen Sommertag. Die Taube antwortete: Über das Licht, das aus dem Boden kommt, wissen wir alles. Heute viel Sonne von unten. Sie spähte dann in das Buch, das ich mir zu lesen vorgenommen hatte. Und weil sie sehr viel schneller las als ich, zerrte sie ungeduldig an meinem Ohrläppchen, sobald sie warten wusste, bis ich endlich weiterblätterte. – Anatomische Arbeitswörter des Abends : Lobus Temporalis : Mandelkern : Hippocampus : Thalamus. — stop
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zoé valdés
lima : 0.03 — Die sanfte, singende Stimme Zoé Valdés. Wie sie erzählt, sie habe in Havanna mit Freunden nachts Romane kopiert, um sicher sein zu können, kostbare, verbotene Texte niemals zu verlieren. Besondere Bücher, stelle ich mir vor, die zu jeder Zeit nur dann in ihre Tiefen lesbar, also hörbar, also denkbar sind, indem sie von Hand auf weitere Papiere übertragen werden. Abends über den Tischen des Hofgartens das feine Orkanlicht der Propellerkäfer. — stop
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tian’anmen
olimambo : 23.32 — Das Gespräch am späten Abend mit Din. Ihre leise, singende Stimme. Sie sei, als die Panzer kamen, in eine Seitenstraße geflüchtet. Wie sie ihre Augen schließt, wie sie sagt, sie habe keine Menschen mehr gesehen nach kurzer Zeit, einige Freunde nur, die sich an die Wände der Häuser drückten. Die Hand ihrer großen Schwester. Die Luft, die auf ihrem kleinen Körper bebte. Aber Menschenstille. Wie sie nach Wörtern sucht, nach Wörtern in deutscher Sprache, die geeignet wären, zu beschreiben, was sie in dem Moment, da ich auf die Fortsetzung ihrer Erzählung warte, hört in ihrem Kopf. Das feine, das seltsame Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie am Ausdruck meiner Augen bemerkt, dass ich wahrgenommen haben könnte, dass die Bilder, die ich wusste, tatsächlich geschehen waren, das Massaker auf dem großen Platz, stolpernde Menschen, Menschen auf Bahren, zermalmte Fahrräder, der Mann mit Einkaufstüten in seinen Händen auf der Paradestraße vor einem Panzer stehend. Dann die Flucht ins häusliche Leben zurück wie in ein Versteck, das stumme Verschwinden junger Leben für immer. Staub. Du solltest mit Stäbchen essen, sagt Din, das machst Du so, schau! — stop
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to mr. melville : callas box
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~ : louis
to : Mr. melville
subject : CALLAS BOX
Lieber Mr. Melville, Hotel Echo Lima Lima Oscar! Wie geht es Ihnen? Ich hatte, während ich in den vergangenen Wochen an einer Walgeschichte arbeitete, immer wieder einmal an Sie gedacht, an Ihren weißen Wal Moby Dick in Worten und an seinen Schatten in der Wirklichkeit, an Mocha Dick. Wie sehr ich mir doch wünsche, Sie würden bald einmal zu meinen Walen Kontakt aufnehmen und mir dann rasch eine Nachricht übermitteln, ob meine speziellen Freunde wohl auch Ihnen Furcht einflössen könnten. Vielleicht werden Sie, wo auch immer Sie sich aufhalten mögen, etwas Zeit finden und lesen. Ist Ihnen bekannt, dass die Gesänge der Buckelwale über Strukturen verfügen sollen, die einfachen menschlichen Sprachen ähnlich ist? Stunden habe ich demzufolge damit zugebracht, nach Botschaften zu suchen, nach Geräuschen, die mir etwas sagen, die meinem Gehirn Entdeckung, ja Nachricht sein könnten. Ich bin bisher nicht sehr weit gekommen, das ist richtig, aber ich werde nicht nachlassen, ich werde so lange den Gesängen der Wale lauschen, bis mir verständlich sein wird, was sie da singen oder sprechen. Meinen Namen loooouuuiiiiii meine ich jedenfalls schon aufgespürt zu haben. Das ist ein Anfang und ich bin zuversichtlich in den kommenden Wochen gut voranzukommen. Was, mein lieber Mr. Melville, ist unter einer einfachen menschlichen Sprache zu verstehen? – Ahoi! Ihr Louis.

mrs. callas betrachtet raissa orlowa und lew kopelew
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nordpol : 0.01 — Kam von einem Besuch bei Freunden nach Hause zurück, und wie ich so in meine Wohnung stolperte, entdeckte ich Mrs. Callas, die weinend vor einer Fotografie stand, vor einer Schwarz-Weiß-Fotografie, die ich seit vielen Jahren besitze und mir immer wieder sehr gerne ansehe. Natürlich wunderte ich mich, dass Mrs. Callas weinte, weil die Fotografie zwei alte Menschen zeigt, eine Frau und einen Mann, die friedvoll Seite an Seite in einer Küche an einem Tisch sitzen. Raissa Orlowa, liest ihrem alten Mann, Lew Kopelew, vielleicht aus einem Buch vor. Und ich fragte Mrs. Callas, warum sie denn weinen würde, das sei doch eine sehr beruhigende Fotografie. Ich glaube, setzte ich hinzu, sie sind glücklich. Mrs. Callas antwortete unverzüglich mit Ernst in der Stimme, ja, das sind sie, glücklich, ganz sicher sind sie sehr glücklich. Ich wünsche mir für mich ein Ende wie dieses hier an der Wand, Mr. Louis. Sie müssen mir ein anderes Ende schreiben! – Und so sitze ich nun müde auf dem Sofa und notiere diese Geschichte, während Mrs. Callas mich hoffnungsvoll beobachtet. Wie nur könnte ich sie trösten, weil ich doch vor ihrem Schicksal ohnmächtig bin? Vielleicht könnte ich erzählen, dass ich Lew Kopelew in München einmal für wenige Sekunden begegnete. Ich könnte ihr beschreiben, wie er mir am Hauptbahnhof aus einer Menschenmenge heraus entgegenkommt, wie ich seine Erscheinung, seine stattliche Größe, seinen schlohweißen Bart bewundere. Und ich könnte Mrs. Callas berichten, wie Lew Kopelew meinen Blick bemerkt, wie er mich freundlich betrachtet und wie er meinen nickenden Gruß erwidert, weil er in meinem Blick gesehen haben wird, dass ich ihn für lange Zeit gelesen habe und immer wieder lesen werde. – Ja, vielleicht sollte ich Mrs. Callas von diesen Sekunden meines Lebens erzählen, und dass es erholsam sein könnte, sich zunächst einmal zur Ruhe zu legen für zwei oder drei Tage.
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