romeo : 2.03 UTC – Folgendes habe ich mir vorgestellt in einem Abendzug sitzend von einer Minute zur anderen Minute, Vögel nämlich, die über einen sommerlichen Himmel rasten, einander lockende, Haken schlagende Künstler, manche flogen weite Strecken auf dem Rücken dicht über den Boden hin. Das war ein Vogelhimmel wild blühender Wiesen, Bienengeschosse, schwebende Brummkreiselpilze. Unter einem Baum kauerten ein paar Kinder, die schraubten an fauchenden Taubenköpfen herum, eine Geschichte feinster Werkzeuge, jawohl, eine Geschichte auch elektrisch knisternder Platinen, die unter jener vorgestellten Wiese verborgen lagen. Ich ruhte dann bald selbst auf dem funkenden Boden und meinte noch das Singen der Knochensägen hinter meinen Ohren zu hören. Dann auf und davon, senkrecht in Spiralen eines Ungeübten gegen die Wolken. — Heute, sosehr ich auch meine Ohren bemühe, ist aus dem Radio nichts zu vernehmen. — stop
Aus der Wörtersammlung: kind
eine meise blau
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sierra : 02.15 UTC — Ein Kind war ich im Garten. Ich saß im Gras im Sommer. Eine Meise flog herum. Ich erinnere mich, dass ich ihr mit den Augen folgte. Ich dachte, ich lasse sie nicht aus dem Blick. Kaum habe ich deshalb die Augen geschlossen. Kaum den Gedanken gefasst, sie könnte einfach so auf und davon in einer Baumkrone verschwinden. Deshalb saß ich lange Zeit ganz still, weil die Meise verschwunden war, weil ich sie nicht zu fangen vermochte. Ich wartete. Ich warte so lange, bis ich ins Haus getragen wurde, wo ich sofort ein Fenster suchte. Das war damals ein heißer Sommer gewesen. Mohnblumen ließen ihre Köpfe hängen. - Das Radio erzählt, dass man sich nicht denken könne, wie viele Menschen in Mariupol ihr Leben verloren haben. — stop

nachts
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echo : 0.18 — Ich bat einen Freund, eine Geschichte zu erzählen vom Glück, als er noch ein Kind gewesen war. Er musste nicht lange überlegen. Er sagte, dass er abends, sobald das Licht in seinem Zimmer ausgeschaltet wurde, heimlich in seinen Büchern gelesen habe. Zu diesem Zweck hatte er eine Taschenlampe unter seinem Kopfkissen versteckt. Er las immer im Sitzen, die Beine verschränkt, Jules Vernes zum Beispiel. Aufregend, nicht nur die Bücher, sondern das verbotene Lesen zur Nachtzeit selbst. Während mein Freund von seinem Glück berichtete, erinnerte er sich, wie sein Bruder, der in demselben Zimmer geschlafen hatte, ihm einmal erzählte, er, der Ältere der beiden, habe zur Sommerzeit wie ein leuchtender Berg ausgesehen, der sich manchmal bewegte. Hin und wieder flackerte das Licht, weil die Kraft der Batterien in der kleinen Lampe zur Neige ging. Man musste dann immer ein wenig warten, bis sich die Batterien wieder erholten. Oft war er in dieser Zeit des Wartens noch im Sitzen eingeschlafen. — Das Propagandaradio erzählte, in der Stadt Mariupol würde das normale Leben zurückkehren, was auch immer man darunter verstehen will. — stop

rose
kilimandscharo : 18.15 — In einem schattigen Laden nahe der Roosevelt Island Tramway Basisstation West wartete ein alter Mann hinter einem Tresen. Er war vermutlich amerikanischer Staatsbürger, aber eher chinesischen Ursprungs. Als ich von dem kleinen Park her, dessen Lindenbäume Kühle spendeten, in den Laden trat, verbeugte sich der Mann, grüßte, er kannte mich bereits, wusste, dass ich mich für Schnecken interessiere, für Wasserschnecken präzise, auch für wandernde Seeanemonenbäume, und für Pralinen, die unter der Wasseroberfläche, also im Wasser, hübsch anzusehen sind, schwebende Versuchungen, ohne sich je von selbst aufzulösen. An diesem heißen Sommerabend kamen wir sofort ins Gespräch. Ich erzählte dem alten Mann, ich würde nach einem besonderen Geschenk suchen für ein Kiemenmädchen namens Rose. Sie sei zehn Jahre alt und nicht sehr glücklich, da sie schon lange Zeit den Wunsch verspürte, wie andere Kinder ihres Alters zur Schule zu gehen, leibhaftig am Unterricht teilzunehmen, nicht über einen Bildschirm mit einem fernen Klassenraum verbunden. Ich glaube, ich war genau zu dem richtigen Zeitpunkt in den Laden gekommen, denn der alte, chinesisch wirkende Mann, freute sich. Er machte einen hellen, pfeifenden Ton, verschwand in seinen Magazinen, um kurz darauf eine Reihe von Spieldosen auf dem Tresen abzustellen. Das waren Walzen- und Lochplattenspieldosen mit Kurbelwerken, die der Ladung einer Federspannung dienten. Vor einer Stunde geliefert, sagte der alte Mann, sie machen schauerlich schöne Geräusche im Wasser! Man könne, setzte er hinzu, sofern man sich in demselben Wasser der Spieldosen befände, die feinen Stöße ihrer mechanischen Werke überall auf dem Körper spüren. Bald legte er eine der Dosen in ein Aquarium ab, in welchem Zwergseerosen siedelten. Kurz darauf fuhr ich mit der Tram nach Roosevelt Island rüber. Das Musikwerk, Benny Goodman, das ich für Rose erstanden hatte, war in das Gehäuse einer Jakobsmuschel versenkt. Die Schnecke lebte, weswegen ich tropfte, weil der Beutel, in dem ich Roses Geschenk transportierte, über eine undichte Stelle verfügte. Gegen Mitternacht, ich war gerade eingeschlafen, öffnete tief in meinem rechten Ohr knisternd eine Zwergseerose ihre Blüte. — Das Radio erzählt an diesem warmen Tag im Mai von einer alten Dame, die in Mariupol auf offener Straße von einem Scharfschützen erschossen worden sein soll. — stop

radiotauben
sierra : 22.08 UTC — Einmal, am späten Abend, folgte ich einem Hyperlink, der von meiner Particlesmaschine automatisch erzeugt worden war nach Regeln, die ich nicht präzise beschreiben könnte. In dieser Weise arbeitend, begegnete ich einem Text, der von einem Radio erzählte. Es ist seltsam, ich konnte mich zunächst nicht erinnern, diesen Text selbst geschrieben zu haben. Ich las ihn und dachte: Diesen Text musst Du erfunden haben, rein erfundene Texte lassen sich nicht so leicht erinnern, wie Texte, die von einer erlebten Geschichte berichten. Nun also, in dem ich meinen Text, den ich im April des vergangenen Jahres notierte, lese, schreibe ich ihn zum zweiten Male, er wird mir vermutlich ein weiteres Jahr später, noch in Erinnerung sein, wie der Abend, an dem ich ihn wiederholte, also erlebte, weil ich ihn in mein Leben versetzte: Ich stellte mir vor, wie ich in der Küche vor einem Tisch sitze. Auf dem Tisch steht ein Radio. Das Radio ist 10 cm lang und ebenso breit und ebenso hoch, ein Würfel demzufolge. Der Würfel verfügt über zwei Knöpfe, die ich vertiefen einerseits und an welchen ich drehen kann andererseits. Dort, wo ich Schrauben erkenne, die in das hölzerne Gehäuse eingelassen sind, scheint sich die hintere Seite des kleinen Radios zu befinden. Ich kann das Radio öffnen. Als ich es öffne, entdecke ich weitere winzige Schrauben, eine Platine, Dioden, Widerstände, Beschriftungen in einer Sprache, die ich nicht zu lesen vermag, außerdem einen Zylinder. Ich entdecke also viele Dinge, aber nichts, was mir behilflich sein konnte, das Radio zum Schweigen zu bringen, das Radio spielt nämlich in einem Abstand von einer Stunde eine Passage aus der 2. Symphonie Rachmaninows, die weder leiser noch lauter einzustellen ist, sie ist eben, wie sie ist, laut genug, um das Radio vor das Fenster stellen zu müssen. Einmal sitzen zwei Tauben links und rechts des Radios. Als das Radio seine Musik spielt, erschrecken sie und fliegen davon. Ein anderes Mal kommen sie wieder und bauen auf dem Radio ein Nest. — Heute Abend erzählt das Radio, ukrainische Kinder seien von russischen Behörden aus der Stadt Mariupol entführt worden. Man, ich meine, eine Sprecherin der russischen Behörde, sagte im Radio, die Kinder, die freiwillig in Busse eingestiegen seien, sollten sich nur erholen. Die junge Frau sagte weiterhin, die Kinder würden sehr schreckliche Dinge erlebt haben, weil ukrainische Truppen ihre Heimatstadt verwüstet haben sollen. Das sagte die Frau. — stop

stimmen
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victor : 6.52 UTC — Seit ich gestern, gegen den Morgen zu, erfahren habe, dass Buckelwale zur Paarungszeit über eine Sprache verfügen, die einfachen menschlichen Sprachen ähnlich ist, immer wieder die Frage, was ich unter einer einfachen menschlichen Sprache verstehen sollte, die atemlose Sprache der Lust vielleicht oder die Sprache der Chaträume? Ob eine dieser menschlichen Sprachen vielleicht geeignet wäre, sich mittels einer Prozedur der Übersetzung von Wal zu Mensch zu verständigen? Wir könnten uns vom Land und von der Tiefsee erzählen. Eine grandiose Vorstellung, auf hoher See Luft perlend vor einem Wal zu schweben und zu warten und zu wissen, dass er gleich, nach ein wenig Denkzeit, zu mir sprechen wird. Etwas also sagen oder singen, das nur für mich bestimmt ist. Vielleicht eine Frage: Wie heißt Du, mein Freund? Oder: Ich hörte von Bäumen! — Das Radio erzählt heute von Kindern, die den Tod ihrer Eltern ansehen müssten. Ein Mädchen habe, so das Radio, mit den Leichnamen ihres Vaters und ihrer Mutter mehrere Tage in einem Keller verbracht, ehe sie entdeckt und befreit worden sei. — stop

von papieren
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charlie : 16.58 UTC — Wieder die Frage, ob es vielleicht möglich ist, Papiere zu erfinden, die essbar sind, nahrhaft und gut verdaulich? Man könnte sich in einen Park setzen, beispielsweise und etwas Chatwin beobachten oder Lowry oder Calvino, Bücher, die Seite für Seite nach belgischen Waffeln schmeckten, nach Birnen, Gin, Petroleum oder sehr feinen Hölzern. Einen speziellen Duft schon in der Nase, wird die erste Seite eines Buches gelesen, und dann blättert man die Seite um und liest weiter bis zur letzten Zeile, und dann isst man die Seite auf, ohne zu zögern. Oder man könnte zunächst das erste Kapitel eines Buches durchkreuzen, und während man kurz noch die Geschichte dieser Abteilung rekapituliert, würde man Stürme, Personen, Orte und alle Anzeichen eines Verbrechens verspeisen, dann bereits das nächste Kapitel eröffnen, während man noch auf dem Ersten kaut. Man könnte also, eine Bibliothek auf dem Rücken, für ein paar Wochen eisige Wüsten durchstreifen oder ein paar sehr hohe Berge besteigen und abends unter dem Gaslicht in den Zelten liegen und lesen und kauen und würde von Nacht zu Nacht leichter und leichter werden. – Das Radio erzählt, ein kleiner Junge habe sein Kinderzimmer in einem U‑Bahnwagon unter der Stadt Charkiw eingerichtet. — stop

vom sprechen
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tango : 16.55 UTC — Ich spreche zu schnell, dachte August, ich spreche zu schnell, zu häufig und zu lang. Ich werde fortan langsamer sprechen und seltener und leise. Er hatte sich, noch ein Kind, vorgenommen, langsamer und deutlicher zu sprechen, weil seine Freunde und seine Eltern und seine Lehrer immer wieder einmal bemerkt hatten, dass er viel zu viel sprechen würde. Du sprichst, lieber August, zu lang und zu schnell. Wenn er sich erinnerte, entdeckte er zahlreiche Wochen, Monate, Tage seines kurzen Lebens, da er versuchte, stiller zu werden. Er war durchaus erfolgreich gewesen, aber immer nur so lange er sich selbst zuhörte und sich in Gedanken sagte, langsam sprechen, August, langsam sprechen, jetzt hörst du auf zu sprechen. Du sagst einmal zehn Minuten lang nichts. August sah auf seine Uhr. Mutter fragte ihn, wie es in der Schule gewesen war, aber August sagte nichts, sah auf die Uhr und wartete. Warst du denn in der Schule, fragte Mutter. Natürlich, war ich in der Schule gewesen, dachte August, ich erinnere mich, soeben bin ich zurückgekehrt. Er sah auf die Uhr und war ganz still und er fühlte sich wohl und dann waren zehn Minuten Zeit der Stille des kleinen August vergangen. Kaum waren zehn Minuten Zeit vergangen, war August schon in den Garten gerannt. Mutter saß im Gras in der Sonne und schälte Kartoffeln. Heute habe ich kaum etwas gesagt in der Schule, erzählte August. Er sprach sehr langsam. Ich war ganz still, sagte August, fast bin ich eingeschlafen. Dann habe ich etwas gesagt, aber ich war wieder viel zu schnell. Da habe ich dann geschwiegen, habe nur die Hälfte erzählt von dem, was ich erzählen wollte. Da bin ich dann eingenickt. Und als ich wach wurde, habe ich diese furchtbare Stimme gehört. — Das Radio erzählt heute von einem jungen Mann, der eine Nachricht aus Mariupol an seine Geliebte sendete. Er schrieb: Ich habe Deine Mutter in der Nähe des Kindergartens begraben. — stop

maidan 23 uhr 15 MEZ
ginkgo : 23.30 UTC — Der Platz in orangefarbenem Licht. Eine Filmaufnahme von einer Webkamera aus. Von dort Stille, Stille, die keine wirkliche Stille ist, rauschende Stille, das Geräusch des Mikrofons selbst vermutlich, welches sich bemüht etwas jenseits der Stille da draußen einzufangen. Hin und wieder, selten, das Fauchen eines Automobiles, auch vielleicht Luftsummen von Ventilatoren. Dann plötzlich Sirenen, unheimlich, laut, Sirenengeheul, das ich von Kindheit her kenne. Als noch Tageslicht, waren Panzersperren zu sehen in Richtung umgebender Straßen. Um Mitternacht beginnt es leicht zu schneien. Kein Mensch, wirklich kein Mensch. In dieser Nacht leuchten die Ampeln des Platzes rot, vor Tagen waren sie noch grün und blieben grün. Vereinzelt Leuchtreklamen. Ein Auto für eine Minute, groß wie ein Fiat 500, ein ziviles Fahrzeug, vielleicht eine Patrouille. Unter einer Arkade blinkt langsam ein Licht: Singing Mountains — Vorübergehend geschlossen. Die Stadt scheint hell beleuchtet zu sein, vielleicht um Angreifer zu erfassen, die in Gruppen vom Himmel fallen könnten. — stop

im winter in münchen
echo : 22.28 UTC — Ich bin ein paar Jahre alt. Auf dem Schlitten fahre ich einen Berg hinab. Das ist lustig, ich bin glücklich. Wenn ich müde bin, zieht mich Großmutter den Berg wieder hinauf. Andere Kinder sind müde wie ich und werden von ihren Vätern oder Müttern gezogen. Auf dem Berg steht ein Kreuz. Ich frage Großmutter, warum ein Kreuz auf dem Berg steht. Großmutter sagt: Weil das der Schuttberg ist. Ich frage: Was ist ein Schuttberg? Großmutter antwortet: Das ist ein Berg von dem Schutt der Häuser, die zerbombt worden sind. Sie erzählt, dass in dem Berg viele Menschen begraben seien, die habe man nicht alle gefunden, die habe man mit dem Schutt begraben, deshalb habe man ein Kreuz auf den Berg gestellt, wegen der Knochen, die sich im Berg befinden. Und schon fahre ich wieder den Berg hinunter. Und der Wind pfeift mir um die Ohren und ich lache und die Großmutter dampft aus dem Mund und ist bald wieder fröhlich geworden. Ich trage eine rote Wollmütze auf dem Kopf. — stop



