Aus der Wörtersammlung: kopf

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regenmaschine

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char­lie : 0.01 — Wäh­rend eines Spa­zier­gangs ent­deck­te ich unlängst im Ein­gangs­be­reich einer luxu­riö­sen Wohn­an­la­ge eine Regen­ma­schi­ne. Eine Regen­ma­schi­ne, wer­den Sie viel­leicht fra­gen, was ist denn das? Nach Beob­ach­tung, eine hal­be Stun­de, lässt sich Fol­gen­des notie­ren. Eine Regen­ma­schi­ne reg­net je für drei Sekun­den genau dort­hin, wohin ein ordent­li­cher Regen, der vom Him­mel kommt, nicht fal­len kann, weil ihn ein Dach, bei­spiels­wei­se, dar­an hin­dert. Eine Regen­ma­schi­ne hin­ge­gen reg­net auch unter Dächern oder in Haus­ein­gän­gen oder in Woh­nun­gen, und auch dann, wenn es gera­de ein­mal nicht vom Him­mel reg­net, reg­net sie im Takt einer Minu­te. Die­ser Regen einer Regen­ma­schi­ne, wie ich sie vor­ge­fun­den habe, ist also ein beson­de­rer Regen, ein Regen, der sich gegen Per­so­nen rich­tet, gegen Stra­ßen­bür­ger, gegen Men­schen ohne eige­nes Dach über dem Kopf. Orga­ni­sier­ter Regen, sagen wir, Regen gegen den Schlaf und die­se Din­ge. — stop
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pullmann

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echo : 0.02 – Im Traum im Pull­man­wa­gen durch eine selt­sa­me Land­schaft gereist. Ich stand an einem Fens­ter. War­mer Wind fuhr mir übers Gesicht, und die Luft duf­te­te nach Zimt und blaue Frö­sche schwirr­ten wie Vögel her­um. Sie waren blind, wes­halb ich hören konn­te, wenn sie in den Erd­bo­den ras­ten oder gegen den Zug, Geräu­sche, für die auch in die­ser frü­hen Mai­nacht noch kein ange­mes­se­nes Wort in mei­nem Kopf exis­tiert. Ein­mal fuhr der Zug an einem Fluss ent­lang. An den Ufern die­ses Flus­ses stan­den tau­sen­de Angel­ru­ten in den Boden ver­senkt. Maschi­nen zupf­ten die Sei­le der Ruten, pling : pling : pling. Sie schleu­der­ten Fisch um Fisch an Land, auch Men­schen, gan­ze Men­schen oder Arme oder Bei­ne von Men­schen. Die­se Men­schen zap­pel­ten, wie die Fische zap­pel­ten, und auch die Arme und Bei­ne zap­pel­ten im Sand und schnapp­ten ver­geb­lich nach Luft. — stop

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revolver

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india : 3.26 — Das Selt­sa­me an den Nacht­bü­chern ist, dass man sie nur nachts und nur unter frei­em Him­mel lesen kann. Ich war des­halb bis kurz nach Zwei im Pal­men­gar­ten am See und hör­te den Spin­nen zu beim Sei­len, und lausch­te Pan­thern bei lei­ser Fres­se­rei und ande­ren ange­neh­men Din­gen, die man so macht, wenn man bemerkt, dass man ein Pan­ther gewor­den ist in einer Vor­som­mer­nacht. Dann ging ich nach Hau­se und leg­te das Nacht­buch, das von einer Chi­ne­sin erzählt, die sich wun­dert, dass sie eine Chi­ne­sin ist, ins Regal zu ande­ren Nacht­bü­chern zurück. Sit­ze jetzt auf dem Sofa und die Fens­ter sind geöff­net und ein Fal­ter flat­tert in einem Lam­pion­ her­um und notie­re eine klei­ne wil­de Geschich­te. Die­se Geschich­te geht so: Irgend­wann, sagen wir im Som­mer, sagen wir mor­gens. Ein Spie­ler steht am Fens­ter. Er schaut in Rich­tung des gegen­über­lie­gen­den Hau­ses. Die Sicht ist gut. Kein Nebel. Kein Dunst. Ein oder zwei Vögel, Later­nen­hö­he, auf und ab. Jetzt rich­tet der Spie­ler den Revol­ver gegen die Schlä­fe. Alle Kam­mern der Waf­fe sind muni­tio­niert. Der Spie­ler war­tet ab. Glü­hen­der Kopf. Film zurück, mal bunt, mal nicht. Bril­lan­ter Strei­fen. Ver­lässt ein Mann das Haus, schießt sich der Spie­ler eine Kugel in den Kopf. Game over. Ende. Fin. Ver­lässt eine Frau das Haus, hat der Spie­ler einen Tag gewon­nen. Es ist dann ein Tag leich­ten Genie­ßens, ein Tag aber auch von Unru­he, sobald Abend gewor­den ist. Jetzt schläft der Spie­ler. Dann wacht der Spie­ler auf. Wie­der steht er am Fens­ter, wie­der ist frü­her Mor­gen und wie­der ist Som­mer. Die Maschi­ne lässt sich nicht anhal­ten, auch die Zeit nicht, — Revol­ver gegen Stirn. Ent­weicht dem Haus eine Kat­ze, wird eine Kugel ent­nom­men. Jede wei­te­re Kat­ze ent­nimmt der Revol­ver­trom­mel eine wei­te­re Kugel. Sechs Kat­zen bedeu­ten eine Frau. Frau­en und Kat­zen brin­gen Glück. Natür­lich lässt sich das unend­lich ver­fei­nern. Eine rote Kat­ze erzwingt eine zwei­te Auf­füh­rung noch an dem­sel­ben Mor­gen. Kommt ein Nas­horn aus dem Haus, hört der Spie­ler für immer auf zu spie­len. Ein Nas­horn mit drei Hör­nern und der Spie­ler wird Pries­ter. Wir sehen, die Bedin­gun­gen des Spie­lers ein Pries­ter zu wer­den, sind ein­deu­tig defi­niert. Kein Ent­kom­men. Kein Aus­weg. Ein Lieb­ha­ber kon­zen­trier­ten Lichts. Cine­ma Paradiso. 

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nasa

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echo : 0.15 — Im bota­ni­schen Gar­ten spa­ziert. Das ange­nehm ras­seln­de Geräusch des Regens, die Luft hell vom Was­ser, das noch kalt und geruch­los ist. Stö­ber­te in Notiz­bü­chern. Ent­deck­te fol­gen­de Sequenz: Sonn­tag. Heu­te ist Schwes­ter Julia wie­der im Dienst. Sehe zu, wie sie Marik­ki vor­sich­tig wäscht. Behut­sa­me Bewe­gun­gen, ja, sehr fei­ne Berüh­run­gen, bei­na­he zärt­lich. Sie trägt einen Mund­schutz, der sich, wenn sie lacht, wie ein Segel bläht. Sie sagt, dass Marik­ki uns hören kön­ne, des­halb sum­me sie und des­halb hört Marik­ki gera­de etwas NASA, wäh­rend ich in ihrer Nähe sit­ze und notie­re und im Chee­ver lese, hei­te­re Gesprä­che der Apol­lo 14 Besat­zung auf dem Flug vom Mond zurück. Habe bemerkt, dass ich die Luft anhal­te, wenn ich sie betrach­te, dass ich jen­seits der ame­ri­ka­ni­schen Stim­men, die links und rechts ihres zier­li­chen Kop­fes wis­pernd durch die Häu­te der gepols­ter­ten Ohr­hö­rer drin­gen, nach wei­te­ren, beru­hi­gen­den Geräu­schen suche. 18. Juni 2006
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lumumba

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2.27 – Das Geräusch eines Blei­stifts auf Papier. Seit ich vor eini­gen Tagen bemerk­te, dass ich nach und nach die Fer­tig­keit des Schrei­bens mit der Hand ver­lie­re, notie­re ich wie­der mit dem Blei­stift in einem Heft. – Fol­gen­des, sagen wir. Sobald ich ein Wort Zei­chen für Zei­chen lese, sobald ich das Wort in ein Geräusch ver­wan­delt habe, ver­lie­re ich sei­ne Bedeu­tung. Das Wort LUMUMBA zum Bei­spiel, warm, tief, wohl­klin­gend, leer. Alle Wör­ter, die ich nach die­sem Wort LUMUMBA erfin­de, tra­gen ein – u — in sich. Zu die­sem Zeit­punkt kann ich sagen, dass ich gegen das inten­siv wir­ken­de — u — in dem Wort LUMUMBA am Bes­ten mit einem — i — ankom­men kann. — HIBISCILLI. — Das — i -, weiß der Him­mel war­um, hat in mei­nem Kopf mit Freu­de, mit Glück zu tun. Also wei­ter mit der Musik : begai­o­ku : lidabo­bi : basi­je­bu : pom­e­be­bu : bodi­ba­be : mitusubu : cawa­ri­ba : babu­na­be : nufu­me­tu. — stop

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particlesmaschine

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5.48 — Die Beob­ach­tung, dass ich in der Par­tic­les­ma­schi­ne ver­geb­lich mit der Mou­se ein­zu­fan­gen ver­such­te, was ich kurz zuvor noch durch einen Code in Bewe­gung gesetzt hat­te. Sofort ein Gefühl von Hei­ter­keit. Ich könn­te viel­leicht sagen, dass die­se Beob­ach­tung des Schei­terns an Objek­ten, die ich selbst geschaf­fen habe, grund­sätz­lich zu tun haben könn­te mit der suchen­den Bewe­gung schrei­ben­der Men­schen. Da schwebt zum Bei­spiel Ken­taur Bil­ly vor Neu­fund­land 70 Meter tief unter dem Mee­res­spie­gel. Eine Erfin­dung. Eine Erfin­dung, die zunächst eine Ent­de­ckung gewe­sen ist, die Wahr­neh­mung einer uralten, einer neu­ro­lo­gisch fest geschal­te­ten Form, die unver­züg­lich, blitz­ar­tig, wei­ter gefal­tet wur­de, ein Modell wenig spä­ter mit Rob­ben­fell an der ein oder ande­ren Kör­per­stel­le, einem schö­nen Men­schen­kopf, der Heck­flos­se eines Wal­es und ana­to­misch klan­des­ti­nen Ver­dau­ungs­or­ga­nen eines Pfer­des. Sobald die­ses Wesen vor mir schweb­te und sprach, war es nie wie­der ein­zu­ho­len, weil es in der Sekun­de sei­ner Ent­de­ckung, in jener ers­ten Sekun­de sei­ner Exis­tenz, sich sofort in eine jener Sub­stan­zen ver­wan­del­te, die nur unvoll­kom­men in einen erzäh­len­den Text zu trans­por­tie­ren sind, weil die­ser tau­chen­de Ken­taur wie alle ande­ren Wesen höchst fei­nen Gesang aus 1 Tril­li­ar­de Zif­fern erwar­tet. — 12.58 in Tibet. Lha­sa. — stop

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larynx

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22.05 – Da war ein Tisch vor weni­gen Stun­den. Auf die­sem Tisch lag ein geöff­ne­ter mensch­li­cher Kör­per. In nächs­ter Nähe lehn­te eine hoch­ge­wach­se­ne jun­ge Frau mit dem Rücken an einer Wand, Augen geschlos­sen, als wäre sie ein­ge­schla­fen. Ihre Hän­de betas­te­ten einen Kehl­kopf, das heißt, genau­er betrach­tet hüpf­ten ihre Fin­ger über den klei­nen hell­brau­nen Kör­per hin, als wären sie Lebe­we­sen für sich. Wenig spä­ter war die Frau wach gewor­den. Sie leg­te die fili­gra­ne Struk­tur auf den Tisch zurück, zog ihre Hand­schu­he aus und sag­te: Aber natür­lich darfst Du das wis­sen. Ich habe nach­ge­dacht und geträumt zur glei­chen Zeit. Rasch mach­te sie mit einer Hand eine Scha­le, hob den Kehl­kopf mit der ande­ren Hand vom Tisch und leg­te ihn dort­hin ab: Larynx! Gran­di­os, nicht wahr! Was ich mit mei­nen Fin­gern ange­schaut habe, geht nie wie­der fort! – Tau­ben­grau­er Him­mel. Leich­ter Regen. Sturm von Süd­west. — stop

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blaue schuhe

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0.56 — Ich hat­te mir vor­ge­nom­men, eine klei­ne Notiz über eine Amei­se zu schrei­ben, die ich ges­tern Nach­mit­tag in einem U‑Bahn-Wag­gon ange­trof­fen hat­te. Aber dann habe ich mei­ne Hän­de gese­hen, wie sie dicht über der Tas­ta­tur der Schreib­ma­schi­ne auf Anwei­sung war­te­ten. Ich dach­te, dass mei­ne Hän­de jene ana­to­mi­schen Struk­tu­ren mei­nes Kör­pers sind, die ich am bes­ten ken­ne, weil ich sie viel­fach betrach­tet habe. — Alle Hän­de, die ich erin­nern kann, sind die Hän­de eines Men­schen, der nicht mehr Kind ist. Aber ich erin­ne­re mich an Bewe­gun­gen, die Kis­sen in einem Kin­der­wa­gen sor­tie­ren. Ich erin­ne­re mich an mei­nen Wunsch, in mei­nem Kin­der­wa­gen Ord­nung zu hal­ten. An höl­zer­nes Spiel­zeug erin­ne­re ich mich, das vor mei­ner Nase bau­mel­te. Da sind jetzt klei­ne, blaue Schu­he in mei­nem Kopf. Sie bewe­gen sich, wenn ich wün­sche, dass sie sich bewe­gen. — stop

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ludwig wittgenstein

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5.27 — Bemer­ke immer wie­der, dass ich nicht spü­ren kann, wo genau im Kopf ich den­ke. Da sind durch Wor­te gehemm­te [ Lud­wig Witt­gen­stein ] Gedan­ken, prä­zi­se ver­nehm­ba­re Geräu­sche, die in blau­en, in roten, in gel­ben Farb­tö­nen erschei­nen. – Ein­mal CNN. | stop | Nacht­fern­se­hen. | stop | New Orleans. | stop | Alte Men­schen, die aus Fens­tern, von Bal­ko­nen ihrer Woh­nun­gen her in Boo­te stei­gen. | stop | Jun­ge Män­ner in Uni­for­men der Natio­nal­gar­de, die ihnen die Hän­de rei­chen. | stop | Ges­ten, als wären sie Gon­do­lie­re. | stop | Das Gesicht eines Man­nes, — erschöpft, leer, aus­ge­zehrt, geschlos­sen. | stop | Ja, ein geschlos­se­nes, licht­lo­ses Gesicht. | stop | Nichts mehr darf hin­ein. | stop | Nichts kann her­aus. | stop | Viel­leicht die Ahnung, dass er nicht wie­der zurück­keh­ren wird? | stop | Viel­leicht reicht mein Blick, mein Kame­ra­blick, nicht aus­rei­chend tief in die Woh­nung? | stop | Ich könn­te ein Ohr fest auf den Boden legen und dem Meer lau­schen, wie es in der Woh­nung unter mei­ner Woh­nung mit den Möbeln spielt. | stop | In Schif­fen, in Städ­ten, auf Bäu­men woh­nen arme Men­schen tief oder an stei­len Erd­se­gel­hän­gen. | stop |

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