Aus der Wörtersammlung: mensch

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south ferry : elektrischer vogel

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del­ta : 0.08 — Im Regen ges­tern am frü­hen Mor­gen mein­te ich, einen elek­tri­schen Vogel wahr­ge­nom­men zu haben, zunächst in der digi­ta­len Fas­sa­den­haut der Port Aut­ho­ri­ty Bus­sta­ti­on, spä­ter am Times Squa­re, Ecke 46. Stra­ße, ein Phä­no­men, das sich in die Anzei­gen der Stadt ein­ge­fä­delt haben könn­te, einen Code, eine Irri­ta­ti­on, ein Lebe­we­sen, ein mit mir durch den Tag wan­dern­des Sekun­den­ge­schöpf. Auch im War­te­saal der Sta­ten Island Fäh­re war der Vogel gegen­wär­tig gewe­sen, dort als ein Schat­ten, der von Ost nach West über eine Wet­ter­an­zei­ge­ta­fel ras­te. Gleich dar­un­ter war­te­ten Men­schen, die ihre nas­sen Schir­me zaus­ten. Leich­ter See­gang. — stop
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roosevelt island : lawrence

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ulys­ses : 1.58 — Wol­ken­lo­ser Him­mel. ‑8° Cel­si­us. Ich tra­ge heu­te zum ers­ten Mal Law­rence spa­zie­ren unter Man­tel, Pull­over, Hemd unmit­tel­bar auf mei­ner Haut, ein Schlan­gen­we­sen mit einem klei­nen Kopf, der in der Nähe mei­nes Hal­ses zu lie­gen gekom­men ist. Dort lurt er jetzt unterm Schal her­vor, man muss sich das ein­mal vor­stel­len, Lawrence’s sand­far­be­nen Kopf ohne Augen, Ohren, Nase, aber von einem Mund beseelt, den ich mit getrock­ne­ten Speck­strei­fen füt­te­re, wäh­rend ich durch die knis­tern­de Win­ter­luft stel­ze. Ich kann Law­rence hören, er ist ein lei­ser, ein gemäch­li­cher Fres­ser. Und die Wär­me füh­len, wun­der­voll, die sein fein­häu­ti­ger Kör­per erzeugt, der mich fest umwi­ckelt, mei­ne Brust, mei­nen Bauch, mei­ne Arme, mei­ne Bei­ne. Speck für sechs Stun­den Wan­der­zeit habe ich in mei­ne Taschen gepackt. Es ist jetzt 10 Uhr vor­mit­tags, um kurz vor vier Uhr nach­mit­tags soll­te ich zurück­ge­kom­men sein, dann sehen wir wei­ter. Sonn­tag ist gewor­den. Und so gehen wir an die­sem Sonn­tag also spa­zie­ren, Law­rence und ich. Zunächst gehen wir die 5th Ave­nue nord­wärts und ein wenig durch den Cen­tral Park. Tau­sen­de hel­ler Wölk­chen stei­gen dort aus den Mün­dern tau­sen­der New Yor­ker Men­schen. Höhe 67. Stra­ße dre­hen wir wie­der um, lau­fen zurück, fol­gen der 59. Stra­ße west­wärts, bis wir den East River errei­chen, Roo­se­velt Island Tram­sta­ti­on. In der Seil­bahn über­ge­setzt, ein­mal hin und sofort wie­der zurück, Ping­pong. In einem Baum, 61. Stra­ße, lun­ger­ten Hun­der­te schla­fen­der Tau­ben, als wären sie Blü­ten. — stop

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manhattan : atome

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tan­go : 1.56 — Ich hat­te in einem Café nahe Times Squa­re ein elek­tro­ni­sches Ton­band­ge­rät aus der Man­tel­ta­sche gezo­gen und rich­te­te es auf ein Fens­ter, um den Tumult mensch­li­cher Stim­men, Sire­nen, Luft­pum­pen und wei­te­rer unbe­stimm­ba­rer Geräu­sche auf­zu­neh­men. Ein jun­ger Mann, der neben mir vor sei­nem Note­book saß, beob­ach­te­te mich eine Wei­le auf­merk­sam. Plötz­lich lacht er: Das ist New York. Ver­rückt, nicht wahr? Ob ich in die­ser Stadt öffent­lich zugäng­li­che Orte von Stil­le fin­den könn­te, woll­te ich wis­sen. Gibt es nicht, ant­wor­te­te der Mann. Es wür­den jedoch Orte exis­tie­ren, die bei­na­he still sind. Dort aber hörst Du Geis­ter! — Sonn­tag. Minus 5° Cel­si­us. Lässt sich viel­leicht errech­nen, aus wie vie­len Ato­men die Stadt New York sich fügt? Wie vie­le Ato­me wer­den die Stadt täg­lich ver­las­sen, wie vie­le Ato­me ein­rei­sen in unse­re Rech­nung? Sub­way 28. Stra­ße war­te­te ein Mann kurz nach Mit­ter­nacht mit Angel­ru­te in hüft­ho­hen Fischer­stie­feln auf dem Bahn­steig. — stop

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brooklyn : ausgebeulte Stimmen

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fox­trott : 2.32 — Wenn ich aus dem Fens­ter sehe, wenn tie­fe Nacht ist, dann schei­nen die Men­schen alle gleich­wohl noch immer zu arbei­ten oder sie ver­fü­gen über kei­ner­lei Licht­schal­ter in New York. Ja, die Men­schen arbei­ten und arbei­ten und arbei­ten und dann sit­zen sie eine hal­be oder eine gan­ze Stun­de Fahrt in der Sub­way und schla­fen. Das Selt­sa­me ist, dass sie zur rech­ten Zeit auf­wa­chen, jawohl, sie schei­nen mit ihrem Gehör an einer Geräusch­spur zu hän­gen, wie Stra­ßen­bah­nen in Euro­pa an einer Ober­lei­tung. Einer­seits schla­fen sie, ande­rer­seits war­ten sie dar­auf, von einem ver­trau­ten Signal geweckt zu wer­den. Viel­leicht ist da ein beson­de­res Krei­schen oder Rüt­teln, das nur an einer bestimm­ten Stel­le ihrer Stre­cke heim­wärts zu ver­neh­men ist, die aus­ge­beul­te Stim­me einer Maschi­nen­in­for­ma­ti­on. Kurz dar­auf ste­hen sie auf, so als wär kein Schlaf gewe­sen und spa­zie­ren aus dem Zug, erstaun­lich! — Sams­tag. Spä­ter Abend. Es heult wie­der her­um, da unten auf Höhe der Stra­ße, ein Unglück irgend­wo viel­leicht. Wenn man den Feu­er­wehr­au­tos so zuhört den Tag ent­lang, dann möch­te man bald mei­nen, die Stadt ins­ge­samt wür­de in Flam­men ste­hen. – stop
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chelsea — warten auf schnee

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alpha : 7.21 — New York. Kla­rer Him­mel. Son­ne, die warm ist, eine süd­ita­lie­ni­sche Son­ne, aber der Wind kalt und unbe­re­chen­bar. 8th Ave­nue süd­wärts. Chel­sea. High Line. East Vil­la­ge. Auf den Stu­fen des Zen­tra­len Post­am­tes nahe Penn Sta­ti­on lun­ger­ten Men­schen wie Ech­sen bewe­gungs­los, Gesich­ter zum Stern. Jetzt schma­le Stra­ßen, Häu­ser von mensch­li­cher Grö­ße, Spiel­plät­ze vol­ler Kin­der, kaum Taxis zu sehen, Fahr­rä­der, aus­ge­raubt bis aufs Gerip­pe an bei­na­he jedem Later­nen­mast. Bald Nach­mit­tag, bald frü­her Abend. In Café­häu­sern Wär­me auf­ge­nom­men und in der Sub­way. Ich fah­re eine hal­be Stun­de Rich­tung Har­lem und wie­der zurück und gehe wei­ter, immer der Blick zum Him­mel, Spu­ren von Dach­gär­ten zu ver­zeich­nen. Notier­te: Nach Ful­tonstreet Lich­ter der Tun­nel­ar­bei­ter, Glüh­bir­nen­sträu­ße, der Ein­druck, als wür­de ich einen stei­ner­nen Christ­baum durch­fah­ren. Däm­me­rung, Ground Zero. An einer bron­ze­nen Gedenk­ta­fel mit Kleb­strei­fen befes­tigt, flat­tert ein Zet­tel wie zum Trotz im Wind, mit Namens­zug und Foto­gra­fie eines jun­gen Man­nes, der nach 9/11 an den Dämp­fen des gif­ti­gen Schutt­ber­ges gestor­ben war. Mons­trö­se Bau­stel­le. Glei­ßen­de Hel­le. Ich war­te auf Schnee. – stop
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misrata

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nord­pol : 6.38 — Ein fas­zi­nie­ren­des Wort geis­tert seit Mona­ten in mei­nem Kopf. Ich ken­ne das Wort schon lan­ge Zeit, hat­te ihm aber zunächst kei­ne beson­de­re Auf­merk­sam­keit geschenkt, bis ich das Wort in dem Zusam­men­hang einer unheim­li­chen Sze­ne hör­te aus dem Mund eines Repor­ters, der von der liby­schen Stadt Mis­ra­ta berich­te­te. Das war im Okto­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res gewe­sen. Im Kühl­raum eines Super­mark­tes lager­te der Leich­nam Mua­mar Gad­da­fis auf einer Matrat­ze, das Haar des Dik­ta­tors war zer­zaust, sei­ne Augen geschlos­sen, der Mund leicht geöff­net, dün­ne Fäden von Blut sicker­ten aus zwei Wun­den. Men­schen stan­den in nächs­ter Nähe, ihre Fuß­spit­zen berühr­ten das Lager des Toten. Sie stan­den dort auf neu­gie­ri­gen Füßen, um den Leich­nam zu betrach­ten, man­che foto­gra­fier­ten mit Han­dy­ap­pa­ra­ten, ande­re, auch Kin­der waren unter ihnen, war­te­ten in einer Schlan­ge vor dem Gebäu­de dar­auf, ein­tre­ten zu dür­fen. Ich dach­te noch an den schar­fen Geruch des Todes, der dort unsicht­bar auf die war­ten­den Men­schen ein­wir­ken muss­te, als der kom­men­tie­ren­de Repor­ter bemerk­te, die Bevöl­ke­rung der geschun­de­nen Stadt wür­den sich aus allen Him­mels­rich­tun­gen nähern, um den Leich­nam Gad­da­fis und den sei­nes Soh­nes zu b e ä u g e n. In die­sem Augen­blick war das Wort, von dem ich hier berich­te­te, ein­ge­trof­fen, ein zar­tes Wort wan­dern­der Augen. Wie sich unver­züg­lich in der Gegen­wart die­ses Wor­tes der Schre­cken der Situa­ti­on, in etwas Mensch­li­ches, bei­na­he Kind­li­ches ver­wan­del­te, in ein Ver­hal­ten, das ich ver­ste­hen konn­te, eine Berüh­rung, eine Ver­ge­wis­se­rung, dass wahr ist, wovon man hör­te. Ein sanf­tes Wort in der Umge­bung eines Krie­ges, ein neu­ro­na­ler Hebel. — stop

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körpergeräusch

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echo : 18.25 — Hat­te gera­de noch von einem schnar­ren­den Geräusch erzählt, das mei­nem Arm ent­kommt, sobald ich ihn hori­zon­tal bewe­ge, um zur Geschmei­dig­keit zu über­re­den. Ein Ras­peln, das ich spü­re und höre zur sel­ben Zeit. Ich leg­te den Tele­fon­hö­rer zur Sei­te. Genau in die­sem Moment war das Geräusch, von dem ich einem weit ent­fern­ten Men­schen berich­tet hat­te, wie­der im Raum gewe­sen, als ob es sich behaup­ten woll­te, bewei­sen, bestä­ti­gen, dass es tat­säch­lich exis­tiert. Ich über­leg­te, ob das Schnar­ren in mei­nem Arm vor­über­ge­hen­der Natur oder doch eher dau­er­haft sein könn­te, sagen wir, für immer, zeit mei­nes Lebens ein Ras­peln, ein Knar­zen, sehr lei­se, eigent­lich nur hör­bar in der Stil­le bei Bewe­gung. Sturm vor den Fens­tern. Regen knis­tert an den Schei­ben. Ich ent­de­cke in die­sen Minu­ten, dass ich Geräu­sche, die in mei­nem Kör­per unter der Haut sich ereig­nen, auch dann zu hören ver­mag, wenn ich sie nicht hören kann, weil sie zu lei­se sind in einer Regen­wind­um­ge­bung. Es knirscht die Erin­ne­rung an ein Geräusch, oder ich höre, – das ist denk­bar -, das Geräusch durch mei­nen Kör­per wan­dern. — stop

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geborstene wangen

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marim­ba : 9.28 — Sie­ben­hun­dert Men­schen sol­len vor weni­gen Wochen wäh­rend einer Demons­tra­ti­on auf dem Tah­r­ir-Platz ver­letzt wor­den sein. Das Trau­ma der Ver­sehr­ten, Ver­bren­nung, ver­ätz­te Bron­chi­en, stei­fe Hän­de und Arme, Sprach­stö­rung, blin­de Augen, zer­trüm­mer­te Kie­fer, gebors­te­ne Wan­gen, ver­lo­re­ne Erin­ne­rung. Was bedeu­tet, der Blick ist in dunk­le Sei­ten­stra­ßen der Stadt gerich­tet, in Zim­mer ver­steck­ter, not­dürf­tig aus­ge­rüs­te­ter Ambu­lan­zen, das Wort der Ver­let­zung in die­sen Zusam­men­hän­gen? — stop

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tridentklasse

picping

MELDUNG. In der Nacht zum Diens­tag bereits haben zwölf wei­ße Wale ein US-ame­ri­ka­ni­sches Unter­see­boot der Trid­ent­klas­se auf das Schreck­lichs­te miss­han­delt. Das Wrack, men­schen­leer, wird zur Behand­lung nach Reykja­vik geschleppt. — stop
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PRÄPARIERSAAL : skalpell

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tan­go : 8.58 — Lydia, 23, notiert über ihre Erfah­rung eines Prä­pa­rier­saal-zep­pe­lins Fol­gen­des: > Ist Dir das auch auf­ge­fal­len, dass sich wäh­rend des Sezie­rens kaum jemand ver­letz­te? Ich habe mich dar­über immer wie­der gewun­dert. Vor allem dann, wenn ich auf dem Tisch Skal­pel­le und Gewe­be­tei­le lie­gen sah. Ich erin­ne­re mich, dass ich zusam­men­ge­zuckt bin, wenn jemand schrie oder laut lach­te. Ich habe dann gedacht: Jetzt ist es pas­siert. Die­se Skal­pel­le sind sehr scharf. Aber viel­leicht hat die Art und Wei­se, wie wir das Werk­zeug in Hän­den hiel­ten, das Schlimms­te ver­hin­dert. Wir haben aus dem Hand­ge­lenk her­aus gear­bei­tet und nicht mit der Kraft des gan­zen Arms. Fas­zi­nie­rend fand ich, den Brust­korb zu prä­pa­rie­ren; die Lun­ge zu sehen, wie groß sie eigent­lich ist und in wel­chem Bezug sie genau zum Her­zen liegt. Vor allem war es aber span­nend, die Kon­sis­tenz eini­ger Orga­ne oder Organ­tei­le zu erfah­ren. Die Herz­klap­pen sind unglaub­li­che Kon­struk­tio­nen und auch das schwam­m­ähn­li­che Gewe­be der Lun­ge ist anfangs sehr unge­wöhn­lich. Schwie­rig­kei­ten hat­te ich mit kei­ner Regi­on direkt, aber ich war sehr froh gewe­sen, dass die Prä­pa­ra­ti­ons­ar­bei­ten am Kopf meist von ande­ren Stu­den­ten erle­digt wur­den. Ich habe gera­de das Gesicht eines Men­schen als etwas sehr Per­sön­li­ches ange­se­hen. Das Gesicht ist das, was die Indi­vi­dua­li­tät eines Men­schen aus­macht, ein Gesicht zu zer­stö­ren, war für mich eine schwie­ri­ge Situa­ti­on. Alles Gute! – stop
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