Aus der Wörtersammlung: mensch

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bronx — flug

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echo : 23.
32 — In der Däm­me­rung des Abends gegen die 241 St. zu, letz­te Sta­ti­on weit oben im Nor­den. Eine hal­be Stun­de Tief­flug über stei­ner­ne Land­schaf­ten der Bronx, Miet­haus­ka­ser­nen, rot, grau, rußig schwarz. Nach und nach leert sich der Zug, aber da drau­ßen, da unten hin­ter den schep­pern­den Schei­ben des Zuges, geräusch­los, stumm, Stra­ßen­zü­ge vol­ler Men­schen bis zum Hori­zont. Und wie sich die Licht­mem­bra­nen dann beru­hi­gen, wie wir lang­sa­mer und lang­sa­mer wer­den, der schma­le Kopf eines metal­le­nen Füh­lers, unser Bahn­steig, an den der Zug sich müde lehnt wie ein Schiff an einen Lan­dungs­steg nach lan­ger Rei­se. Wald, wild und dor­nig, jen­seits der Schie­nen, blü­hen­de Grä­ser erhe­ben sich vom brü­chi­gen Boden. Eine Bank, war­mes Holz, auf dem ich sit­ze, rot leuch­ten­de Fal­ter eilen west­wärts. Weit ent­fernt, am ande­ren Ende des schla­fen­den Zuges noch, die Gestalt einer Frau mit Besen, die sich durch die schim­mern­de Schlan­ge fädelt, eine Frau von schwar­zer Haut­far­be. Sie trägt kräf­ti­ge Schu­he und einen Over­all. Als sie bei mir ankommt, zögert sie kurz, will wis­sen, was ich hier tue, sel­te­ne Erschei­nung, for­mu­liert so rasend schnell, dass ich ihr kaum fol­gen kann. Bald geht sie wei­ter, schleift ihren Besen hin­ter sich her, macht den Zug zu Ende, kommt wie­der zurück, setzt sich neben mich, spricht wie in Zeit­lu­pe mit leicht erho­be­ner Stim­me: I — s — - t – h — a — t — - s — l – o — w — - e – n — o — u – g – h ?
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madison avenue

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ulys­ses : 7.
32 — Madi­son Ave­nue am frü­hen Mor­gen von Süd nach Nord. Tau­sen­de Tag­pas­san­ten nähern sich und ver­schwin­den. Hef­ti­ge Win­de. Blü­ten, Blät­ter, Töne wir­beln in Spi­ra­len durch die fri­sche Luft. Frau­en hal­ten ihre Röcke, Män­ner ihre Hüte fest. Berau­schen­de Glücks­ge­füh­le. Wer­de ich grö­ßer oder wer­de ich klei­ner? Irgend­et­was schep­pert lei­se im Kopf von Schritt zu Schritt. Flie­gen­leicht­ge­wich­te, trans­pa­ren­te Hum­mer­ge­stal­ten, spa­zie­ren seit­wärts über den Bild­schirm mei­ner Hand­schreib­ma­schi­ne dahin, gebeu­tel­te, zau­si­ge Her­zen. Wo waren sie in der ver­gan­ge­nen Nacht gewe­sen? Indem ich eines der Geschöp­fe auf der Schul­ter mit mir tra­ge, der Gedan­ke, dass sich bei­na­he alle Men­schen die­ser gro­ßen Stadt nicht per­sön­lich ken­nen. — stop

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lamellenohr

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ulys­ses : 17.
52 — Ich hat­te, selt­sa­me Geschich­te, die Idee, dass ich, in dem ich schla­fend oder wachend durch Man­hat­tan spa­zie­re, ler­nen soll­te, mei­ne Ohren in der Wei­se der See­hun­de durch Mus­kel­kraft zu ver­schlie­ßen. Denk­bar, dass mir bald Lamel­len feins­ter Haut gewach­sen sein wer­den, Innen­ohr­se­gel, deren Bewe­gung ich ver­fü­gen könn­te, wie ich die Bewe­gung mei­ner Hän­de vor­her­sa­gen kann. — Mensch­li­che Stim­men im Vor­über­ge­hen in den Far­ben sanf­ter Traum­ge­sprä­che. Der Schlaf der Augen in der Sub­way, die Wild­heit zufäl­li­ger Bli­cke. — stop
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zungen

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del­ta : 18.
05 — Was ich hör­te im Gehen Ecke Lex­ing­ton Ave­nue zur 59. Stra­ße, ein Wort müss­te ich übers ande­re schrei­ben. Das Heu­len der Lösch­zü­ge, das Hupen der Taxim­o­bi­le, quiet­schen­de Brem­sen, Kra­wall aus Läden, Men­schen­stim­men, Pfei­fen, Quiet­schen, Äch­zen, Brau­sen, Lärm­zun­gen, die um jede Ecke strei­chen, ein Wort über das ande­re schrei­ben, bis sich die Zei­chen aus dem Papier erhe­ben. — stop

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linie d – nordwestwärts

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echo : 15.
02 — Von Brook­lyn nach Man­hat­tan Sub­way­fahrt, eine alte Dame vis–à–vis. Seit einer hal­ben Stun­de rei­sen wir so dahin, ich schrei­be, sie scheint zu schla­fen. Ein karier­tes Hütt­chen trägt sie auf dem Kopf und einen Sei­den­schal um einen gra­zi­len Hals gewi­ckelt. Ihr dun­kel­häu­ti­ges Gesicht, zart gefal­tet. Von Zeit zu Zeit öff­net sie für eine oder zwei Sekun­den eines ihrer Augen und berührt mich mit einem fes­ten Blick. Ich wür­de ger­ne wis­sen, ob sie mich wirk­lich sieht. Gleich wer­den wir die 33. Stra­ße errei­chen. Ich stel­le mir vor, wie die alte Frau wei­ter­fah­ren wird, um kurz dar­auf erneut eines ihrer Augen zu öff­nen. Ich wer­de dann nicht mehr da sein, ein ande­rer Mensch wird an mei­ner Stel­le sit­zen, viel­leicht wird auch die­ser Mensch bald ein­ge­schla­fen sein, und gera­de in dem Moment, da die alte Dame ihr Auge öff­net, eine eben­sol­ches, wach­sa­mes Auge geöff­net haben. — stop

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manhattanwelle

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marim­ba : 22.16 — Damp­fen­de Stadt. Dampf aus dem Boden, Dampf von den Wol­ken, Bäu­me damp­fen, Men­schen unter ihren Schir­men, selbst Eich­hörn­chen des Cen­tral Parks damp­fen klei­ne Wol­ken aus dem Mund. Wie ich so gehe von Har­lem aus nach Süden, von jedem Ticket­schal­ter her eine schwar­ze Stim­me von Jazz. Das rat­tern­de Geräusch der Sub­way, rhyth­misch, ihr war­mer, öli­ger Atem, der dem Spa­zie­ren­den unter den Regen­schirm fährt. — Ein Mann zur Mit­tags­stun­de nahe Madi­son Squa­re Park mit­ten auf dem Broad­way im tosen­den Ver­kehr. Er trägt einen fei­nen, dunk­len Anzug, aber gro­be, stau­bi­ge Schu­he. Immer wie­der beugt er sich zur Stra­ße hin, ver­senkt einen Zoll­stock in den Asphalt, tele­fo­niert, die Arme, als sei ihm kalt, eng an den Kör­per gepresst. Der Mann scheint wütend zu sein. Er geht ein paar Schrit­te süd­wärts, ver­misst ein wei­te­res Loch, Rauch steigt von dort, ein flat­tern­der Faden. Als ob sich der Mann ver­ges­sen haben wür­de, nun zunächst in die Hocke, dann kniet er nie­der, späht in den Schlund. — stop

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mann ohne mund

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tan­go : 22.16 — Drei­fach einem Mann ohne Mund begeg­net, jedes Mal unter der Lex­ing­ton Ave­nue gegen den Abend zu fah­rend, wenn sich die Züge fül­len mit Pend­lern in alle Rich­tun­gen des Him­mels. Das Pfei­fen der Luft, die den Saum einer Öff­nung am Hals des Man­nes in Schwin­gung ver­setzt, ich hör­te es in nächs­ter Nähe, ich hör­te es im Traum, ich erin­ner­te es bei einer zwei­ten Begeg­nung sofort, als wäre das pfei­fen­de Flat­tern eine Stim­me, da war er noch ent­fernt, da sah ich sein zer­stör­tes Gesicht durch die Men­ge der Rei­sen­den näher­kom­men, sah sei­ne gleich­wohl vom Feu­er ver­seng­ten Hän­de, rosa leuch­ten­de Haut da und dort, die Ahnung einer Nase, sein Auge, das letz­te, gerö­tet von der Anstren­gung und vom Aus­druck der Dank­bar­keit, mit dem er jeden unter der Stadt rei­sen­den Men­schen bedach­te, sobald er sich Davids Geschich­te lesend näher­te, spre­chen­den Foto­gra­fien vor einer ruhig atmen­den Brust: Ich, ich habe in Bag­dad mein Gesicht ver­lo­ren in einer Sekun­de an einem Abend wie die­sem Abend, in einem Som­mer wie die­sem Som­mer. Und wie er jetzt wei­ter­geht, wie er die Stil­le mit sich nimmt. Auch ich habe kein Wort zu ihm gesagt, als ob ein Mann ohne Mund nicht hören kön­ne. — stop

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holly — juli 26

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gink­go : 1.18 — Ein Herr, wie geträumt, sitzt auf einem Klapp­stuhl nahe der Bus­sta­ti­on Port Aut­ho­ri­ty in einem Sub­way­tun­nel. Es ist kurz nach zehn Uhr abends. Der Mann voll­zieht auf einer Ham­mond­or­gel Ohren­wurm­me­lo­dien ohne Pau­se. Wei­ßes Haar, gelb­lich schim­mernd, grau­er Anzug, blau­es Hemd. Dürr sprin­gen sei­ne Hän­de über die Tas­ta­tur, auf dem spie­geln­den Rücken des Instru­men­tes tanzt eine elek­tri­sche Jazz­fi­gur im schwar­zen Anzug. Die klei­ne Per­so­nen­ma­schi­ne scheint defekt zu sein, hält immer wie­der ein­mal an, bebt ein wenig nach, federt, for­dert einen wecken­den Stoß unver­züg­lich. Unweit, auf dem Boden, eine wei­te­re Pup­pe, rotes Haar, lebens­nah, durch­blu­tet, ein Bon­sai­mäd­chen, dem zwei Fin­ger der rech­ten Hand ver­lo­ren sind. Geschmei­di­ge Bewe­gun­gen der hel­len Arme in jede Him­mels­rich­tung, gra­zil, leicht und rhyth­misch, als ver­füg­te sie über wirk­li­che Ohren ihres hoch­be­tag­ten Freun­des, des­sen Kopf von wan­dern­den Wir­bel­kno­chen tief über die Tas­ta­tur gezwun­gen wird. Jede Bewe­gung, jeder Blick in den Raum, scheint aufs Äußers­te schmerz­haft zu sein. Für Sekun­den sind Augen eines jun­gen Men­schen zu sehen, selt­sam hel­le Augen. Eine ele­gant geklei­de­te Frau kniet vor dem Klapp­stuhl auf dem Boden. Sie betrach­tet den alten Mann von unten her, sie lacht, sie spricht. — stop

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subway

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sier­ra : 22.01 — Immer wie­der der Ein­druck, Men­schen wür­den mit­tels rascheln­der Zei­tun­gen in U‑Bahnwagons mit­ein­an­der spre­chen. Eine Wei­le ist Ruhe, aber dann blät­tert jemand eine Sei­te um, und schon knis­tert der Zug in einer Wei­se fort, dass man mei­nen möch­te, die Papie­re selbst wären am Leben und wür­den die Lesen­den bewe­gen. Ein­mal habe ich mir Zei­tungs­pa­pie­re von beson­de­rer Sub­stanz vor­ge­stellt, Papie­re von Sei­de zum Bei­spiel, geschmei­di­ge Wesen, sodass kei­ner­lei Geräusch von ihnen aus­ge­hen wür­de, sobald man sie berühr­te. Eigen­tüm­li­che Stil­le ver­brei­te­te sich sofort, Lee­re, ein Sog, eine Wahr­neh­mung gegen jede Erfah­rung. — stop. / Dezem­ber­kof­fer 2007



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