Aus der Wörtersammlung: mitternacht

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no 45

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oli­mam­bo : 23.52 UTC – Ges­tern habe ich etwas Selt­sa­mes mit mir selbst erlebt. Ich saß am Tisch vor mei­ner Schreib­ma­schi­ne, als es plötz­lich dun­kel wur­de in der Woh­nung, nur etwas Licht vom Him­mel war noch zu erken­nen gewe­sen. Auch war es ganz still gewor­den, John Col­tra­ne in dem Augen­blick ver­stummt, als sich das Radio aus­schal­te­te, ein Kli­cken, kaum wahr­nehm­bar. Nach ein oder zwei Minu­ten bemerk­te ich, dass der Bild­schirm mei­ner Schreib­ma­schi­ne noch hell ins Zim­mer strahl­te, trotz­dem hat­te ich den Ein­druck, dass es stock­fins­ter gewor­den war, eine selt­sa­me Beob­ach­tung, dass ich das Licht der Schreib­ma­schi­ne nicht als eigent­li­ches Licht wahr­ge­nom­men habe. Was, frag­te ich mich, wür­de ich unter­neh­men, wenn nun nach zwei oder drei Stun­den mei­ne Schreib­ma­schi­ne sich erschöpft aus­schal­ten wür­de, wie mein Radio sich aus­ge­schal­tet hat­te. Neh­men wir ein­mal an, dach­te ich, es wird dun­kel blei­ben und still für Mona­te oder Jah­re, wäre ich in der Lage, mich an mei­ne Gedan­ken, an mei­ne Geschich­ten, die sich in der Schreib­ma­schi­ne noch immer auf­hal­ten wer­den, aber nicht les­bar sein wür­den, erin­nern? Tat­säch­lich über­leg­te ich bald, ob es mög­lich wäre, mit Gegen­stän­den, die sich in mei­nem Besitz befin­den, Strom zu erzeu­gen. Wie lan­ge Zeit müss­te ich eine Hand­kur­bel dre­hen, um kurz dar­auf für eine Stun­de Zeit, Tex­te auf dem Bild­schirm mei­ner Schreib­ma­schi­ne lesen zu kön­nen. — Kurz vor Mit­ter­nacht. Agen­tu­ren mel­den, dass Men­schen aus sie­ben mus­li­misch gepräg­ten Län­dern im Trans­fer­be­rei­ches des New Yor­ker John F. Ken­ne­dy Air­port gestran­det, das heißt, fest­ge­hal­ten sind. — stop
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schokolade

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char­lie : 3.05 — In der Stra­ßen­bahn berich­te­te ein älte­rer Herr, er erin­ne­re sich immer wie­der ein­mal zur Weih­nachts­zeit an das Wort Pan­zer­scho­ko­la­de. Das sei Scho­ko­la­de gewe­sen, die für kämp­fen­de Sol­da­ten mit der angst­lö­sen­den Sub­stanz Per­vi­tin ver­setzt wor­den sein soll. Er kön­ne nicht mit Sicher­heit sagen, ob er als Kind jemals einen Niko­laus von Scho­ko­la­de geschenkt bekom­men habe, ihre Gestalt jedoch, ihre roten, blau­en und gol­den glän­zen­den Metall­män­tel unse­rer Tage rufen unaus­weich­lich das Wort Pan­zer­scho­ko­la­de in ihm her­vor. Ob ich wüss­te, frag­te er, dass Per­vi­tin Crys­tal Meth ähn­lich sei, dass man Pan­zer­scho­ko­la­de damals an Kios­ken ver­kauf­te, an Zivi­lis­ten, eine unglaub­li­che Sache. — Mit­ter­nacht. Noch zu tun: Ein authen­ti­sches Wort für Puls­ge­räu­sche der Koli­bris erfin­den. — stop

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von turku nach kalkutta

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nord­pol : 5.38 — In der vor­letz­ten Nacht habe ich ein Ver­spre­chen ein­ge­löst, das ich mir selbst vor eini­gen Mona­ten gege­ben habe: Du soll­test jeden Text, den Du an die­ser oder ande­rer Stel­le ver­öf­fent­li­chen wirst, lesen, Wort für Wort. Das ist, möch­te man mei­nen, eigent­lich eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, nicht aber, wenn man Text­pas­sa­gen von erheb­li­chen Aus­ma­ßen publi­zie­ren möch­te, die von einer wei­te­ren Per­son oder von einem Com­pu­ter­pro­gramm auf­ge­schrie­ben wor­den sind. Es han­delt sich in die­sem Fall um eine Weg­be­schrei­bung, die Stre­cke führt uns von Tur­ku nach Kal­kut­ta über Land, und zwar zu Fuß. Um kurz nach Mit­ter­nacht nahm ich die Lek­tü­re auf, ver­folg­te mei­ne vir­tu­el­le Bewe­gung mit einem Fin­ger auf mei­nem Glo­bus, den Tau­ben nachts in aller Ruhe gern betrach­ten, wenn sie vor dem Fens­ter sit­zen. Ich neh­me an, sie wer­den die leuch­ten­de Erd­ku­gel für den Mond hal­ten oder für die Son­ne. Es war kurz vor Son­nen­auf­gang, als ich mit mei­ner Lek­tü­re fer­tig wur­de. Ich weiß nun, dass jene von der Com­pu­ter­ma­schi­ne vor­ge­schla­ge­ne Stre­cke, nicht nur beschwer­lich wer­den könn­te, viel­mehr auch gefähr­lich sein wür­de. Lesen Sie selbst: zu Fuß 7.960 km, 1.599 Std.Turku, Finn­land nach Kal­kut­ta, West­ben­ga­len, Indi­en /// Tur­ku Finn­land: > Nach Süd­wes­ten Rich­tung Uni­ver­si­tets­gatan / Ylio­pis­ton­ka­tu 61 Links abbie­gen auf Uni­ver­si­tets­gatan  / Ylio­pis­ton­kat 18 m links abbie­gen auf Aura­ga­tan  / Aura­ka­tu 400 m Wei­ter auf Aurabron/ Auran­sil­ta 110 m Wei­ter auf Kas­ken­ka­tu / Kas­kis­gatan 800 m Wei­ter auf Kas­ken­tie / Kas­kis­vä­gen 1,0 km Wei­ter auf Nylands­gatan  / Nylands­vä­gen / Uuden­ma­an­tie / Rou­te 110 Wei­ter auf Rou­te 110 10,2 km step by step >

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sechs finger

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sier­ra : 0.28 — Kurz nach Mit­ter­nacht wie­der­um stürz­te ein Fal­ter auf mei­nen Schreib­tisch. Ich hat­te die Fens­ter geöff­net, küh­le und doch wür­zi­ge, feuch­te Luft von drau­ßen, und eben der Fal­ter, der plötz­lich vor mir auf dem Rücken lag und sich nicht mehr rühr­te, als wäre er wäh­rend sei­nes Nacht­flu­ges tief und fest ein­ge­schla­fen. Da war nun eine selt­sa­me Fra­ge. Wie wecke ich einen schla­fen­den Fal­ter, ohne ihn in Angst und Schre­cken zu ver­set­zen? Ich könn­te mit mei­nem Atem etwas Wind erzeu­gen, oder aber ich könn­te nach einem fei­nen Pin­sel suchen. Ich könn­te ande­rer­seits vor­ge­ben, als wäre der Fal­ter nicht wirk­lich. Ich muss das nicht sofort ent­schei­den. Nein, ich muss das nicht sofort ent­schei­den. Ich notie­re: Vor weni­gen Stun­den mel­de­ten Nach­rich­ten­agen­tu­ren, Rebel­len hät­ten einen Kor­ri­dor zu ein­ge­schlos­se­nen Men­schen im Zen­trum der Stadt Alep­po frei­ge­kämpft. Wer sind die­se Rebel­len, was den­ken sie, was haben sie vor? Vor weni­gen Tagen noch beob­ach­te­te ich, wie die klei­ne M. ihre Fin­ger zähl­te, es war selt­sa­mer­wei­se immer­zu sechs Fin­ger. Auch ich habe sechs Fin­ger, wenn M. sie zählt. — stop
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im nachtexpress

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MELDUNG. In einem Groß­raum­wa­gon des Nacht­ex­pres­ses Mozart von Mün­chen ( Flug­ha­fen ) nach Wien ( Haupt­bahn­hof ) sind gegen Mit­ter­nacht auf­grund ver­se­hent­li­cher Ent­fal­tung eines 2‑Sekundenzeltes drei tas­ma­ni­sche Sing­zi­ka­den ( Cica­di­dae ), 22 aus­tra­li­sche Kno­ten­amei­sen ( rot / Myr­micinae ) sowie ein Dorn­teu­fel­chen ( 25 Gramm ) in die Frei­heit ent­wi­chen. Noch etwas Wei­te­res war flüch­tig, das knurr­te, ehe es ver­stumm­te. — stop

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brooklyn heights promenade : höhe pierrepont st.

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del­ta : 0.02 — Immer wie­der bemer­kens­wert in der Däm­me­rung: Der syn­chro­ne Auf­tritt kor­pu­len­ter Netz­spin­nen. Von einem Augen­blick zum nächs­ten Augen­blick, sit­zen sie im Dut­zend in der Mee­res­luft auf Vor­nacht­ge­spins­ten, um unver­züg­lich Repa­ra­tur­ar­bei­ten auf­zu­neh­men. Fast möch­te man mei­nen, sie wären in ihren Tages­ver­ste­cken mit­tels gehei­mer Signal­lei­tun­gen mit­ein­an­der ver­bun­den, so plötz­lich tau­chen sie in der Dun­kel­heit auf, laut­los, ohne Geruch, ver­we­ben sie Fäden von stau­bi­gem Licht. Ich habe den Ver­dacht, sie könn­ten, mit sen­si­bels­ten opti­schen Sen­so­ren aus­ge­rüs­tet, in der Lage sein, feins­te Gra­de von Licht­stär­ke zu mes­sen. Ich dach­te, eine Art der Dau­er­be­leuch­tung, Mit­ter­nachts­son­ne über Man­hat­tan, könn­te sie mür­be machen. — stop

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auf schienen

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alpha : 0.10 — Als wür­de sich die­se merk­wür­di­ge Frau auf unsicht­ba­ren Gelei­sen durch die Zeit bewe­gen, so kommt sie in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den immer wie­der ein­mal an mir vor­über, arm­se­lig geklei­det, jawohl, auf das Äußers­te arm­se­lig geklei­det, trägt sie im Som­mer wie im Win­ter eine Poli­zei­schirm­müt­ze, einen merk­wür­dig grü­nen, zer­schlis­se­nen Fal­ten­rock, eine gel­be, ver­schmutz­te Blu­se und dar­über eine Jeans­ja­cke, mein Gott, außer­dem Turn­schu­he, die mög­li­cher­wei­se längst über kei­ner­lei Soh­len­werk mehr ver­fü­gen. Aber das mit den Schu­hen ist gar kein Wun­der, sie läuft andau­ernd schnell her­um, ich habe sie nie­mals ste­hend oder irgend­wo sit­zend ange­trof­fen. Unge­wöhn­lich an die­ser Frau ist ins­be­son­de­re ein Papp­schild, wel­ches an einem län­ge­ren Stock befes­tigt wur­de. Sie trägt das Papp­schild hoch über dem Kopf, stolz schein­bar, es ist immer das­sel­be Schild, geschützt von einer fei­nen Foli­en­haut. Auf die­sem Schild nun ist mit akku­ra­ter Schrift fol­gen­de For­de­rung auf­ge­zeich­net: Kei­ne Gewalt gegen unse­re Poli­zei! Die Ver­brei­tung die­ser Bot­schaft scheint ihr wesent­li­ches Anlie­gen zu sein, ich habe mehr­fach ver­sucht, an die eilen­de Per­son her­an­zu­tre­ten, ver­geb­lich, ent­we­der war sie zu schnell oder ich war zu lang­sam in der Ver­fol­gung gewe­sen. Tat­säch­lich beschleu­nigt sie ihre Schrit­te unver­züg­lich, wenn ich ver­su­che, mich ihr zu nähern. Ein­mal, es war hoher Som­mer, tele­fo­nier­te ich gera­de, als ich sie kom­men sah. Ich nahm mei­nen Tele­fon­com­pu­ter vom Ohr und rich­te­te ihn auf die demons­trie­ren­de Frau, um sie zu foto­gra­fie­ren. Ges­tern, Sonn­tag um kurz vor Mit­ter­nacht: Sie scheint sehr leicht gewor­den zu sein, ande­re wür­den viel­leicht sagen, dass sie äußerst mager gewor­den ist. Sie raucht wie eine Loko­mo­ti­ve. — stop

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von teefliegen

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india : 3.22 — Seit Stun­den sit­ze ich wie­der ein­mal im Dun­keln, weil ich her­aus­zu­fin­den wün­sche, ob Libel­len auch in licht­lee­ren Räu­men flie­gen, schwe­ben, jagen. Als ich ges­tern näm­lich gegen den Mit­tag zu erwach­te, balan­cier­te eine Libel­le, mari­ne­blau, auf dem Rand einer Karaf­fe Tee, die ich neben mei­nem Bett abge­stellt hat­te, sie schau­te mir beim Auf­wa­chen zu und nasch­te, indem sie rhyth­misch mit einer sehr lan­gen Zun­ge bis auf den Grund des zimt­far­be­nen Gewäs­sers tauch­te. Viel­leicht jag­te sie nach Fischen oder Lar­ven oder klei­nen Flie­gen, nach Tee­flie­gen, kochend heiß, die küh­ler gewor­den sein moch­ten, wäh­rend ich schlief. Oder aber sie hat­te end­lich Geschmack gefun­den auch an süßen Din­gen des Lebens, wes­halb ich kurz vor Mit­ter­nacht einen Löf­fel Honig erhitz­te und auf die Fens­ter­bank trop­fen ließ, um dann sofort das Licht zu löschen. Und so war­te ich nun bereits seit drei Stun­den und höre selt­sa­me Geräu­sche, von Men­schen viel­leicht oder ande­ren wil­den Tie­ren. — stop

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nord­pol : 10.22 – Ich beob­ach­te das Fern­seh­ge­rät. Eine Repor­te­rin des ame­ri­ka­ni­schen Fern­se­hens berich­tet aus St. Denis, einer klei­ne­ren Stadt nord­öst­lich der grö­ße­ren Stadt Paris. Sie erzählt in Echt­zeit fünf lan­ge Stun­den lang. Die Sen­dung beginnt gegen 4 Uhr mor­gens, da ist es noch dun­kel am Him­mel, aber eine Stra­ße der klei­ne­ren Stadt wird hell erleuch­tet von Blau­licht und Schein­wer­fern der Kame­ras, die nach Bil­dern und Geräu­schen eines schwe­ren Kamp­fes suchen. Schüs­se sind zu hören, rhyth­misch, drei oder vier dump­fe Deto­na­tio­nen. In Haus­ein­gän­gen, vor Stra­ßen­ecken, auf einer Kreu­zung war­ten Poli­zis­ten und Sol­da­ten, sie bewe­gen sich so, als wäre tiefs­ter Win­ter, sie schei­nen über­haupt ner­vös zu sein. Hin­ter der Flucht alter Häu­ser­fas­sa­den, die auf dem Bild­schirm in einer schein­bar unver­rück­ba­ren Ein­stel­lung zu sehen ist, tobt die­ser Kampf, das ist sicher, es heißt, eine Frau habe sich mit­tels eines Spreng­stoff­gür­tels getö­tet, von Fest­nah­men wird berich­tet, Namen jun­ger, berühm­ter Ter­ro­ris­ten wer­den pos­tu­liert. Weil doch nur sel­ten hör­bar geschos­sen wird, wer­den etwas spä­ter, es ist Tag gewor­den, hell, immer wie­der Sze­nen einer Zeit auf den Bild­schirm gespielt, als noch Dun­kel war am Him­mel, als noch geschos­sen wur­de, sodass alle es hören konn­ten, die gera­de erst wach gewor­den sind. Ges­tern erzähl­te mir Nas­rin, die in einem Café am Flug­ha­fen arbei­tet, ein Kol­le­ge deut­scher Mut­ter­spra­che habe sie gefragt, ob M., ein wei­te­rer Kol­le­ge, viel­leicht sich freu­en wür­de, dass in Paris so vie­le Men­schen getö­tet wor­den sei­en. Sie habe geant­wor­tet, er sol­le M. doch selbst befra­gen, wor­auf­hin der Kol­le­ge deut­scher Mut­ter­spra­che gesagt habe, ihm wür­de M. ja doch nie­mals die Wahr­heit sagen. Da habe sie nicht wei­ter­ge­wusst, sie habe den Wunsch gehabt, sofort ein­zu­schla­fen oder auf­zu­wa­chen. – stop
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im zug kürzlich

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india : 0.12 – Ein Mäd­chen, das mög­li­cher­wei­se gera­de erst spre­chen lern­te, in einer Spra­che, die ich nicht ver­ste­he, steht im Zug vor mir. Ich notie­re auf ein Blatt Papier, als ich die klei­ne Per­son bemer­ke. Ich sage: Hel­lo! Sofort schließt das Mäd­chen die Augen, bleibt aber wie ange­wur­zelt vor mir ste­hen. Weni­ge Meter ent­fernt sit­zen zwei Frau­en und vier Män­ner, sie tra­gen Ano­raks, die zu groß sind, die Frau­en außer­dem Kopf­tü­cher und Hand­schu­he, obwohl es im Zug warm ist. Sie schei­nen müde zu sein, nie­mand spricht. Einer der Män­ner beob­ach­tet mich, ein ruhi­ger, auf­merk­sa­mer, freund­li­cher Blick, ich den­ke noch, was sieht er in mir, da öff­net das klei­ne Mäd­chen sei­ne Augen wie­der, schaut mich an, kein Lächeln, als ich eine Hand hebe und win­ke. Ein Gesicht, blass, fast weiß, tie­fe, dunk­le Rin­ge unter den Augen, die glän­zen. Was haben die­se Augen gese­hen in den ver­gan­ge­nen Wochen, Mona­ten, Jah­ren, viel­leicht Men­schen, die tot sind, wie sie auf einer Stra­ße lie­gen, eine Hand der Mut­ter, die  Augen des Mäd­chens bede­cken im Moment ein­stür­zen­der Häu­ser, Luft vol­ler Flie­gen unter einem Zelt­dach, das nächt­li­che Meer, schrei­en­de Men­schen vor Sta­chel­draht bewehr­ten Toren, rasen­de Schä­fer­hun­de, die in Ungarn gebo­ren wor­den sind? – Ein Kind will sehen. So fängt es immer an, auch damals fing es so an. Ein Kind woll­te sehen. / Juli­an Bar­nes Arthur & Geor­ge – stop
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